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Mein Freund der Baum ist tot!
Von Stefan Schmöe / Fotos © Bettina Stöß Großer Auftritt für Erika, die Friedhofsgärtnerin. Sie pflegt das Grab von Violetta Valéry, der "Traviata", einst so etwas wie das Zentralgestirn der Pariser Partyszene und nach ihrem Tod schnell vergessen. Wobei es kein Grab im eigentlichen Sinn ist, sondern eine Urne im Kolumbarium. Erika liebt Blumen, und Blumen stellt sie den Frauen hin, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Regisseur Georg Schütky knüpft damit an die literarische Vorlage an, den Roman Die Kameliendame von Alexandre Dumas, der mit einer ähnlichen Friedhofsszene beginnt. Angelika Reizer hat der für diese Inszenierung hinzuerfundenen Figur Texte geschrieben, in denen sich die Gärtnerin an Violetta erinnert, über die Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft sinniert und sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wird. Schauspielerin Irene Kugler spielt die Figur mit einer etwas unbestimmten Mischung aus Melancholie und Schnoddrigkeit. Leicht hat sie es nicht, denn die Texte sind zu wenig prägnant, verzetteln sich thematisch und bremsen den Fortgang der Geschichte immer wieder aus.
Im Wald: Im gesellschaftsfreien Naturzustand finden Violetta und Alfredo ein kurzes Glück, behütet von Dienerin Annina im Eichhörnchenkostüm.
Die Idee, diese Geschichte aus der Erinnerung heraus collagenhaft zu montieren, hätte trotzdem einen spannenden Ansatz liefern können. Schütky allerdings kreiert surreale Szenen wie in einem schlechten Traum. Dabei geht jeder erkennbare gesellschaftliche Zusammenhang verloren. Entsprechend niedrig ist das, was man gemeinhin "Fallhöhe" nennt. Violetta erscheint im ersten Akt als puppenhaftes Wesen mit knappem Rock und vorgeschnalltem rotem Brustpanzer. Sie hat kaum individuelle Züge, sondern agiert wie ein Objekt oder eine Projektionsfläche erotischer Vorstellungen inmitten einer absurden Party mit überdimensionalen medizinischen Accessoires. Man erlebt ins Groteske übersteigerte Doktorspielchen, aber klar, es geht in der Oper um Krankheit. Das Kolumbarium wandelt sich zu einer revueartigen Szenerie, wobei die Architektur eine große Fratze mit herausgestreckter Zunge präsentiert, die Violetta als Laufsteg dient (Ausstattung: Christina Schmitt).
Schon ist's vorbei mit dem Paradies: Alfredo (rechts) erhält Violettas Schreiben, dass sie abgereist ist. Der Wald geht in Flammen auf.
Den Kontrast dazu bildet im zweiten Akt ein fotorealistischer Waldprospekt und eine angedeutete Hütte, in der Violetta und Liebhaber Alfredo (der im ersten Akt merkwürdig unscheinbar bleibt) leben: Zweisamkeit als idealer Rousseau'scher Naturzustand. Dazu treten, kein Scherz, Violettas Dienerin Annina im Eichhörnchenkostüm und Diener Joseph als Baum verkleidet auf. Da stehen die vier nun am improvisierten Tisch im Wald und halten sich an den Händen, Baum und Eichhörnchen eingeschlossen. So kann Familienglück jenseits gesellschaftlicher Verpflichtungen aussehen. Wenn später Alfredos Vater auftaucht und Violetta zum Verzicht auf seinen Sohn überredet, zündet sie die Hütte an, und das Paradies geht in Flammen auf. Hier hilft kein Rousseau mehr, hier möchte man mit Schlagersängerin Alexandra schnulzen: "Mein Freund der Baum ist tot!"
Der Ball bei Flora Bervoix wird zur schwarzen Messe: Violetta steht hier bereits mit beiden Beinen im Sarg.
Man ahnt, dass Schütky ironische Akzente setzen möchte - aber szenisch misslingt das derart, dass die Regie längst in den Sphären überdrehter Operetteninszenierungen angekommen ist. Das setzt sich nach der Pause fort. Im zweiten Bild des zweiten Akts wird der Maskenball bei Flora Bervoix zur schwarzen Messe in einem Kirchenraum, bei dem flugs ein Sarg auf den Altar gestellt wird, der als Spieltisch dient und in den Violetta, man ahnt es schnell, hineinklettern muss. Alfredo reißt ihr dann mit einem übergroßen Skalpell, das er wie eine Hellebarde trägt, das Herz aus dem Leib und hält es vor sich hin. Als Symbol mag das halbwegs plausibel erscheinen, denn der Ahnungslose glaubt sich von Violetta betrogen und beschimpft sie in seiner Wut als Kurtisane. Aber die Szene sieht so unsäglich aus, dass man sich weit wegwünscht. Der letzte Akt spielt im Himmel mit großer Wolke. Man soll (so kann man im Programmheft nachlesen) ein Sanatorium darin erkennen. Die Hinterbliebenen, die vorn an der Rampe stehen, können die Sterbende nicht mehr erreichen. Zudem werden ein paar Liegestühle aufgestellt, als wolle das Bühnenpersonal schnell noch gemeinsam den Tod in Venedig à la Visconti sterben. Zuletzt gibt's zu allem Überfluss ein bisschen Himmelfahrt, allerdings für Friedhofsgärtnerin Erika, die ja auch noch da ist. Uff.
Erikas Himmelfahrt: Die Friedhofsgärtnerin aus feministisch motivierter Liebe entschwebt auf der Wolke. Violetta steht noch auf der Bühne (in der Mitte).
Gegen diesen gut gemeinten, dennoch hanebüchenen Mumpitz auf der Bühne, der mit seiner übergewichtigen Symbolik der Geschichte jegliche Spannung austreibt, muss sich irgendwie die Musik behaupten. Das Theater Münster besetzt alle Rollen aus dem hauseigenen Ensemble, was an sich ehrenwert ist - nur muss man dafür einen Alfredo und eine Violetta im Ensemble haben. Tenor Garrie Davislim singt klangschön und kultiviert, aber ihm fehlt es an stimmlichem Glanz und an "Italianitá". Robyn Allegra Parton in der Titelpartie verfügt über einen schönen lyrischen Sopran, der einer stärkeren dramatischen Attitüde bedürfte - die Violetta muss im ersten Akt schließlich das gesellschaftliche Zentrum sein (und das musikalisch beglaubigen) und im zweiten Akt die Verzweiflung hörbar machen können. Dafür aber mangelt es der Stimme an Durchschlagskraft. Wenn die Regie dazu noch mit ihren Naturbildern falsche Niedlichkeit heraufbeschwört, dann sieht das nicht nur nach Spieloper aus, sondern klingt auch so: Mehr Lortzing als Verdi. Der letzte Akt mit der Sterbeszene der Violetta gelingt Parton mit berückend schönem Pianissimo allerdings eindrucksvoll. Johan Hyungbong Choi steuert einen sehr ordentlichen, stimmlich geradlinigen, keineswegs altväterlichen Giorgio Germont bei. Die kleineren Partien sind gut besetzt, Chor und Extrachor bewältigen ihren nicht ganz einfachen Part souverän. Henning Ehlert dirigiert das zuverlässige Sinfonieorchester Münster sängerfreundlich und im Zweifelsfall mehr auf den Zusammenhalt als auf die dramatische Entwicklung bedacht. Ein bisschen Klangzauber, etwa in den hohen Streichern des Beginns, gibt es auch.
Ist das noch Verdi oder schon Parodie? Diese Traviata versandet irgendwo zwischen Singspiel, Operettenkitsch und schlechter Revue. Immerhin findet Robyn Allegra Parton für die sterbende Violetta berührend zarte Töne.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne und Kostüme
Licht
Video
Dramaturgie
Solisten
Violetta Valéry
Alfredo Germont
Giorgio Germont
Flora Bervoix
Annina
Gastone
Barone Douphol
Marchese d'Obigny
Dottore Grenvil
Giuseppe
Diener
Kommissionär
Erika, Friedhofsgärtnerin
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- Fine -