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Das Rheingold

Vorabend zum Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (keine Pause)

Premiere im Staatstheater Meiningen am 27. März 2026


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Staatstheater Meiningen
(Homepage)
Eine Reise ins Reich der Phantasie

Von Stefan Schmöe / Fotos von Christina Iberl

Im Vordergrund des gemalten Prospekts, der zwischen den vier Szenen statt eines Vorhangs die Bühne abschließt, steht ein Mann an einem Flussufer. Dem Betrachter hat er den Rücken zugewandt wie die Figuren Caspar David Friedrichs. Er schaut über den Fluss, in dem eine Nixe planscht, hinüber auf eine Landschaft mit Fabrikschornsteinen, aber gekrönt von einer Burg auf einem Felsen. Oder schaut er zu dem schwarzen Kahn, von dem aus der Sensenmann herüber grüßt? Auf einen Spazierstock gestützt, mit elegantem Schuhwerk und von würdevoller Haltung deutet die Figur an, dass es sich um den Künstler persönlich handelt, also Markus Lüpertz, der Regie und Ausstattung für dieses Rheingold verantwortet. "Die Menschen schauen auf das Göttliche, auf eine imaginäre Welt", erklärte Lüpertz das Bild im Pressegespräch vor dieser Premiere. Aber das Bild beinhaltet mehr als nur die Rahmung dieser Inszenierung. Es drückt eine Sehnsucht nach Romantik aus, die im modernen Theater weitgehend verloren gegangen ist.

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Erste Szene: Die Rheintöchter sind larvenhafte Wesen, die, durch rollbare Plastiken verdoppelt als Nixen erscheinen - die Rückseiten davon sind spiegelnde Flächen, die das Rheingold symbolisieren

Das Regietheater nehme den Menschen die Phantasie, so Lüpertz (und in diesem Kontext, das ist freilich die Meinung des Verfassers dieser Rezension, passt die schöne altmodische Schreibweise "Phantasie" viel besser). Es, also das Regietheater, wolle unterhalten und sei wie der Tatort. Man muss Lüpertz' Standpunkt nicht teilen, schon gar nicht in dieser Pauschalität, aber er zeigt eine klare Haltung. "Lasst doch die Götter Götter sein", diese Aussage umreißt das künstlerische Programm recht klar. Lüpertz interpretiert das Rheingold nicht, schon gar nicht mit konkreten Bezügen zu unserer Zeit. Sondern er übersetzt die Oper in große Bilder. Dazu gehören die gemalten und damit hochgradig unrealistischen Hintergründe und die wie im Barocktheater gestaffelten Prospekte mit der für ihn typischen, auf den ersten Blick naiv anmutenden Malweise. Dabei besitzen die Bilder einigen Witz. In der ersten Szene ("Auf dem Grunde des Rheins") sieht man mehrere große gemalte Fische, in der dritten ("Nibelheim") einen ganz ähnlichen, hier aber als Fossil. In der zweiten und vierten Szene ("freie Gegend auf Bergeshöhen") verstecken sich Schlangen in einer idyllischen Blumenwiese, und auf einem Baumstumpf sitzt eine Eule (die, Symbol für Weisheit, beim Auftritt der Erda angeleuchtet wird). Fafner tötet Fasolt hinter der Kulisse, und danach rollt ein riesiger, eben einem Riesen angemessener Kopf herein. Lüpertz findet eine märchenhafte, fast kindliche, aber doch raffinierte Bildsprache, die das dem Werk immanente Pathos unterdrückt, die ebenso immanente Ironie aber hervorhebt.

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Zweite Szene: Fricka und Wotan bestaunen Walhall. Eine Eula schaut zu.

Dieses Rheingold ist 25 Jahre nach dem legendären Meininger Ring des Nibelungen in der Regie von Christine Mielitz und dem Bühnenbild von Alfred Hrdlicka (und Kirill Petrenko als Dirigent) nicht der Auftakt zu einem kompletten Ring, sondern wird in Meiningen als Solitär gespielt: Ein kleines großes Welttheater, das für sich steht. Lüpertz muss also nicht in den ganz großen Dimensionen vom Raub des Rheingolds über die Tragödie des Zwillingspaares Siegmund und Sieglinde in der Walküre, die Entwicklung Siegfrieds zum tragischen Helden bis zum Weltuntergangsdrama mit der Selbstopferung Brünnhildes in der Götterdämmerung denken (auch wenn man sich einen kompletten "Lüpertz-Ring" wünschen würde und der Künstler sein Interesse daran durchaus deutlich äußert). Für das Rheingold findet er eine geschlossene, zwingende Form. Dazu gehören auch die phantasievollen Kostüme. Die geflügelten Helme der Götter wirken auf den ersten Blick kitschig - was relativiert wird, wenn man erkennt, dass sie bei den männlichen Göttern an soldatischen Stahlhelmen befestigt sind. Froh allerdings, da mag der Name den Ausschlag gegeben haben, ist ein Clown mit Narrenkappe. Die klobigen Riesen stehen in starkem Kontrast zu den larvenhaften, grazilen Rheintöchtern, die rollbare Gestelle vor sich herschieben, auf denen halbplastisch Wassernixen gestaltet sind (und deren matt verspiegelte Rückseiten für das Rheingold stehen, ein einfacher, aber wirkungsvoller Effekt). Farblich sind die in kräftigen Pastelltönen gehaltenen Kostüme fein aufeinander abgestimmt. Immer wieder stellt Lüpertz das Ensemble wirkungsvoll in kleinen Gruppen auf. So ist jedes Szenenbild genau arrangiert.

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Dritte Szene: Alberich, der den Ring an einer überdimensionierten vergoldeten Hand trägt

Die Personenregie ist reduziert und wenig originell, vermeidet aber jede pauschale Gestik. Das Drama entwickelt sich aus dem Text als Konversationsstück mit durchweg guter Verständlichkeit. Am Pult der zuverlässigen, sehr aufmerksamen Meininger Hofkapelle interpretiert Kilian Farrell Wagners Musik kammermusikalisch klar und sehr sängerfreundlich, ohne die Dramatik (vor allem in den instrumentalen Zwischenspielen) zu unterschlagen. Die Musik ist plastisch ausgestaltet, sehr wendig und flexibel und passt sich schnell der Situation an. So ergibt sich keine symphonisch gedachte Interpretation, sondern eine durch und durch theatralische. Und vom sehr guten Meininger Ensemble (das viele Gründe liefert, einmal mehr das Hohelied auf die vermeintliche Provinz anzustimmen) wird das mit genau durchgestalteter Textausdeutung beeindruckend aufgenommen.

Vergrößerung in neuem Fenster Vierte Szene: Loge und der Regenbogen, der den Einzug in Walhall verkündet

Allen voran der nicht unbedingt klangschöne, aber mit bissiger, hintergründiger Ironie agierende Loge von John Heuzenroeder, als Flamme gestaltet. David Steffens singt einen mehr lyrischen als dramatischen, nicht übermäßig charismatischen, aber doch mehr als soliden Wotan. Marianne Schechtel überzeugt als klangschöne, beinahe mädchenhafte Fricka. Boaz Daniel imponiert als präsenter, zupackender Alberich, Tobias Glagau gibt einen szenisch wie stimmlich wendigen Mime. Keith Klein als liedhafter, melancholischer Fafner und Selcuk Hakan Tiraşoğlu als machtbewusster, kraftvoller Fafner geben ein gutes Riesenpaar ab. Tamta Tarielashvili hat für die Erda eine geheimnisvoll tiefe, etwas ungenau wabernde Stimme. Sehr gut harmonieren Monika Reinhard, Hannah Gries und Julia Rutigliano als betörend schön singende Rheintöchter.


FAZIT

Markus Lüpertz gestaltet mit Witz ein durchaus romantisches Rheingold, an dessen Bildern man sich kaum satt sehen kann - vorausgesetzt, man lässt sich auf diese bewusst unzeitgemäße Romantik ein. Eine sehr gute Ensembleleistung und ein kluges Dirigat sorgen für die notwendige Dramatik.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Killian Farrell

Inszenierung, Bühne und Kostüme
Markus Lüpertz

Persönliche Regieassistenz
Ulduz Ashraf Gandomi

Umsetzung Kostüme,
Ausstattungsassistenz
Almut Echtler

Dramaturgie
Matthias Heilmann


Statisterie und Kinderstatisterie
des Staatstheaters Meiningen

Meininger Hofkapelle


Solisten

* Besetzung der Premiere

Wotan
David Steffens

Donner
* Mark Hightower /
Johannes Mooser

Froh
Garrett Evers

Loge
John Heuzenroeder

Fricka
Abongile Fumba /
* Marianne Schechtel

Freia
Lubov Karetnikova

Erda
Abongile Fumba /
* Tamta Tarielashvili

Alberich
Boaz Daniel

Mime
Tobias Glagau

Fasolt
Keith Klein

Fafner
Selcuk Hakan Tiraşoğlu

Woglinde
Monika Reinhard

Wellgunde
Hannah Gries

Floßhilde
* Julia Rutigliano /
Marianne Schechtel



Weitere
Informationen

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Staatstheater Meiningen
(Homepage)



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