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Fortschrittsglaube und Katastrophe
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte Eine Seefahrt, die ist lustig? Könnte man meinen, wenn einen das Hauspersonal im Theater Mönchengladbach in Matrosenuniformen empfängt; wenn man eine Bordkarte zugesteckt bekommt oder sich vor einer Bildleinwand mit dem nostalgischen Interieur des Luxusdampfers ablichten kann. Selfie in Warnweste vor dem Foto eines Eisbergs gefällig? Kein Problem, aber vielleicht nicht jedermanns Sache. Winken beim Auslaufen des Dampfers (ca. 15 Minuten nach Beginn der Aufführung) ist ausdrücklich erwünscht, Papiertaschentücher liegen im Foyer bereit (viele im Theater machen eifrig mit) und am Ende der Aufführung, also nach dem Untergang des Schiffes, bitte noch einmal (nicht mehr ganz so viele machen mit). Ein Schiffsmusical als immersives Erlebnis? Eigentlich doch ziemlich fragwürdig, wenn es sich um die Titanic handelt. Diese Seefahrt war alles andere als schön.
Der Ingenieur und sein Schiff: Thomas Andrews vor den Plänen der Titanic
Die Aufführung hätte solches Brimborium nicht nötig. Auf der Bühne wird nicht der Lust an der Katastrophe gehuldigt, sondern es werden im Schnelldurchgang große existenzielle Fragen des Menschseins verhandelt. 1997 wurde Titanic am Broadway uraufgeführt. Das Libretto von Peter Stone schildert die Ereignisse vom Ablegen bis zum Untergang anhand verschiedener Personen und Paare, verzichtet aber auf eine zentrale Hauptfigur - und auf eine große musicaltypische Liebesgeschichte. Der amerikanische Komponist Maury Yeston (* 1945) hat eine symphonische, in der Romantik verhaftete Musik mit großen Chorszenen dazu komponiert (und auch die Texte der Songs verfasst). Manche orchestrale Stimmungsmalerei erscheint beinahe impressionistisch. Für Zeitkolorit sorgt der Ragtime, für die feine Gesellschaft steht auch der Walzer. Immer wieder werden das Schiff, Symbol einer Epoche des unaufhaltsamen Fortschritts, und seine zu neuen Ufern und Zeiten aufbrechenden Reisenden mit hymnischen Klängen gefeiert. Vieles ist opernhaft groß komponiert, manchmal klingt es deutlich nach Filmmusik. Insgesamt gelingt es aber gut, ohne allzu große Sentimentalität die Emotionen zu transportieren und gleichzeitig genug Distanz zu wahren, um das Geschehen zu reflektieren.
First Class: Käpt'ns Dinner für die Reichen
Ein wenig schwer wie ein Ozeandampfer kommen das Stück und die Inszenierung von Ansgar Weigner in Gang, die schon am koproduzierenden Theater Osnabrück zu sehen war. Das mag daran liegen, dass sich bei einem Stoff, dessen Hauptdarsteller ein Schiff ist, die Charaktere nach und nach entwickeln und zunächst ziemlich stereotyp die Situation umreißen müssen. Da sind der väterlich verantwortungsbewusste Kapitän Smith (mit souveräner Gelassenheit: Tobias Wessler) und als Gegenspieler der verantwortungslose, auf Ruhm und Erfolg versessene Schiffseigentümer Ismay (etwas eindimensional poltrig: Markus Heinrich); der Konstrukteur der Titanic Andrews (eindrucksvoll zwischen Ingenieursstolz und Schuldgefühlen schwankend: Oliver Arno) und der bis in den Tod formvollendet seine Aufgaben erledigende Steward (mit bestechender Eleganz: Schauspieler Michael Ophelders); da sind die verschiedenen Passagiere erster, zweiter und dritter Klasse zwischen snobistischer Überheblichkeit der Bessergestellten, der Sehnsucht nach Klatsch und Tratsch der Aufstiegswilligen und den Sehnsüchten und Ängsten der weniger Privilegierten. Sie alle hoffen auf das neue, bessere Amerika.
Auf hoher See: Schiffseigner J. Bruce Ismay (links) drängt darauf, die Geschwindigkeit zu erhöhen
Auch (oder gerade) weil man weiß, wie sich die Geschichte entwickelt, nimmt sie mehr und mehr an Spannung auf. Das Bühnenbild (Ausstattung: Darko Petrovic) kommt mit relativ sparsamen Mitteln aus; ein paar Geländer dienen als Reling und Schiffsbrücke, ein paar Videoprojektionen und schmale verschiebbare Wände deuten das Innere an und ermöglichen rasante Szenenwechsel. Der Zusammenprall mit dem Eisberg wird nicht gezeigt, an genau dieser Stelle wird die Aufführung durch die Pause unterbrochen. Die Regie verzichtet auf Schockbilder; das schräg stehende Heck im Hintergrund, während Konstrukteur Andrews den Ablauf des Untergangs in einer Arie vorhersagt, hätte man auch weglassen können. Die historischen Kostüme verschleiern nicht, dass die Situation durchaus exemplarisch ist: Wie verhält sich der Mensch in einer Extremsituation? Wie viel Mitmenschlichkeit bleibt erhalten? Wie steht er zu seiner Verantwortung? Das sind Fragen, die nur kurz angerissen werden und doch im Raum stehen bleiben. Die Titanic und ihre Passagiere stehen als Modell für die ganze Menschheit.
Nach der Katastrophe: Erinnern an die Verstorbenen
Titanic ist ein großes Ensemblestück, das vom Theater Krefeld Mönchengladbach unter Mitwirkung von ehemaligen Ensemblemitgliedern wie Debra Hays und Thomas Peter (berührend deren Duett als Ida und Isidor Straus im Angesicht des Todes), dem Opernstudio und Gästen sowie Chor und Extrachor eindrucksvoll gemeistert wird. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter der Leitung von Sebastian Engel spielen mit süffigem, aber nicht zu dickem Sound. Der Klang könnte vielleicht eine Spur schärfer, manche Stimme etwas weniger opernhaft klingen, aber insgesamt hat die Aufführung gutes musikalisches Format. Das Publikum der hier besprochenen zweiten Aufführung dankte mit stehenden Ovationen.
Musical mit nachdenklich stimmenden Fragen: Mit einer überzeugenden Ensembleleistung setzt das Theater Krefeld - Mönchengladbach den Untergang der Titanic eindrucksvoll um. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung und Video
Choreographie
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Kapitän E. J. Smith
Heizer Frederick Barrett
Funker Harold Bride
Steward Henry Etches
Ausguck Frederick Fleet / Bandleader Hartley
1. Offizier William Murdoch
2. Offizier Charles Lightoller
3. Offizier Herbert Pitman
4. Offizier Joseph Boxhall / Bandleader Hartley
Bellboy
Ingenieur Thomas Andrews
Schiffseigentümer J. Bruce Ismay
Ida Straus
Isidor Straus
John Astor
Edgar Beane
Alice Beane
Caroline Neville
Charles Clark
Kate McGowan
Kate Mullins
Kate Murphey
Jim Farrell
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