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Spannende Spurensuche
Von Roberto Becker /
Fotos von
Monika Rittershaus
Eine Uraufführung ist allemal ein Risiko für einen Intendanten. Serge Dorny ging mit dem mit der Santa Fe Opera koproduzierten Auftragswerk von Brett Dean unter dem (etwas sperrigen) Titel Of One Blood gleich mehrfach auf Nummer sicher. Er kann für sein Haus ein bejubeltes Gesamtkunst verbuchen. Und das mit dem Blick auf den Stoff und dessen Verarbeitung als Libretto und Musik, aber auch auf die Inszenierung.
Bei einer neuen Oper über Maria Stuart und Elizabeth I. darf man per se von einem Grundinteresse des Publikums ausgehen. Zu dem Reiz einer Historie, zu der jeder seine Bilder im Kopf hat, kommen wohl auch heimliche royale Sympathien von Republikanern hinzu. Wenn dann noch Friedrich Schillers Drama Maria Stuart und/oder Gaetano Donizettis Maria Stuarda zum Bildungskanon gehören, ist der Stoff beim Publikum schon mal keine Hürde. Da ist auf der einen Seite die Protestantin, die sich zur jungfräulichen Königin stilisierte und einem ganzen Zeitalter ihren Stempel aufdrückte. Und auf der anderen die katholische Königin aus dem benachbarten Schottland, die mit ihr verwandt und zugleich eine Rivalin um den englischen Thron ist.
Mit wissenschaftlicher Akribie: Öffnung des royalen Sarkophags
So fern sie sich im Leben waren, so nah sind sie sich im Tode. Beide sind in Westminster Abbey in prachtvollen Marmor-Sarkophagen beigesetzt. Das wird für die Inszenierung von Claus Guth, Etienne Pluss (Bühne) und Ursula Kundra (Kostüme) zu einer Art Rahmen. Die beiden Grabstätten werden am Anfang und am Ende in einen Laborraum hineingefahren und von einer Gruppe von Wissenschaftlern in weißen Schutzanzügen vorsichtig geöffnet und untersucht. Diese Wissenschaftler von heute sind es dann auch, die die historisch ausstaffierten, auf Anhieb (wieder-)erkennbaren Königinnen und ihre entsprechenden Gefolge hereinführen, auf das die dann ihr Eigenleben beginnen. Mit ihrem Libretto von amalgamierten Zitaten aus zeitgenössischen Briefen oder anderen Überlieferungen aus dem 16 Jahrhundert bleibt Heather Betts vergleichsweise dicht an historisch Belegtem. Wenn sich auch bei ihr - entgegen der Faktenlage - die beiden Frauen begegnen, dann ist das, anders als bei Friedrich Schiller, kein großes Duell, sondern eher eine surreale Annäherung. Claus Guth baut in seiner szenischen Recherche auf Synchronität. Der meist mit staatstragender Würde auftretenden Elizabeth ist dabei der linke Teil der Bühne, der eher im emotionalen Dauerstress agierenden Maria der rechte Teil vorbehalten.
Links die kinderlose Elizabeth auf dem Thron, rechts Mary mit ihrem Sohn als Bedrohung Ein Glücksfall dieser Produktion ist, dass Johanni van Oostrum die regierende Monarchin mit pointierter Würde, aber zugleich deren inneres Ringen um die Entscheidung über Marias Todesurteil überzeugend verkörpert. Vera-Lotte Boecker fasziniert sowohl als hart von ihrem Ehemann drangsalierte Königin, als auch als die von den Umständen und ihrem Trachten nach dem Thron von England aufgewühlte Gefangene. Die beide Hauptdarstellerinnen liefern vokal und darstellerisch wahrhaft königliche Rollenporträts. Dass Maria den Mord an ihrem in jeder Hinsicht allzu übergriffigen Ehemann Lord Darnley (Liam Bonthrone) durch Getreue billigend in Kauf genommen hat, kann man nach dessen Auftritten zumindest nachvollziehen. Für ihre schottischen Untertanen ging das zu weit, so dass Maria nach England zu ihrer Cousine Elizabeth flüchtete. Die freilich hatte da nicht nur auf die Stimme des Blutes zu hören, sondern eben auch in Rechnung zu stellen, dass Maria sich für eine legitime Anwärterin auf ihren Thron hielt. Die permanenten Warnungen ihrer Lords machen diese latente Gefahr (die mit der Geburt ihres Sohnes noch verstärkt wird) zu einer politischen Größe. So wird das freiwillig gesuchte Exil zur unfreiwilligen Gefangenschaft.
Eine Begegnung der Königinnen der eher surrealen Art Nach der Pause sind im Stück 19 Jahre vergangen. Wachsende Verbitterung und Frust verführen Maria zum Handeln. Ihre entsprechenden Briefe werden zum Indizienbeweis ihres Hochverrats - die Hinrichtung zu einem musikalisch und szenisch spektakulären Höhepunkt der Inszenierung. Wenn sich zwei Frauen auf offener Bühne streiten, feixt sich besonders das männliche Publikum immer schon eins. Wenn die eine von beiden protestantisch ist und die andere katholisch und sich beide um einen Thron streiten, bekommt das Ganze eine historisch-politische Dimension. Wenn diese Frauen an der Macht in der Blüte des Patriarchats über Männer herrschen, wird es grundsätzlich spannend und relevant. Die englischen Lords schleudern der schottischen Maria Worte entgegen, die einem auch in der historischen Distanz die Sprache verschlagen: "Das monströse Regiment der Frauen, die Untergrabung der guten Ordnung. So sind alle Frauen: Ihre Stärke ist Schwäche, ihr Urteil ist hektisch, ihr Rat ist töricht, blind und wahnsinnig."
Elizabeth mit ihren Lords An dieser Stelle in der siebenten von acht Szenen haben die Herren in ihrer Rage offenbar für einen Moment vergessen, dass sie selbst einer Frau dienen. Oder sie nehmen Elizabeth halt nicht als Menschen respektive Frau, sondern nur als Verkörperung einer abstrakten Herrschaft wahr. Wie dem auch sei - für einen Regisseur, der mit weniger Sensibilität als Claus Guth an den Stoff herangehen und nach billigem zeitgeistigem Beifall schielen würde, wäre spätestens hier die szenische Abbiegung in modische Emanzipationsdebatten fällig. Das macht Guth aber nicht, er bleibt stringent bei der historischen Recherche. Auf der Suche nach dem, was war, von heute aus. Und damit an seiner maßgeschneiderten szenischen Verpackung der sinnlich aufwühlenden Musik von Dean, die mit dem vollen Orchester- und Stimmeneinsatz alle Register zieht, um das Publikum in den Bann zu ziehen und anzukommen. Dafür sind Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester genau die Richtigen. Sie imponieren mit dem Charisma einer Musik, die sich dem Theater und dem Publikum verpflichtet fühlt. Der einhellige Jubel des Premierenpublikums gibt am Ende allen Recht. FAZITBrett Dean ist mit seiner neuen Oper Of One Blood über die zwei berühmte Königinnen Mary Stuart und Elizabeth Tudor ein Wurf geglückt, den Claus Guth ebenso kongenial inszeniert wie die Protagonisten und das Orchester das Ganze zum Gesamtkunstwerk vollendet haben. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Sounddesign
Licht
Choreographie
Chor
Dramaturgie
Solisten
Elizabeth Tudor, Queen of England
Mary Stuart, Queen of Scots
Female Consort I.
Female Consort II
Female Consort III
Female Consort IV
Female Consort V / Jane Kennedy
Male Consort I/ Lord Darnley
Male Consort II
Male Consort III / Rizzio
Male Consort IV / Scottish Lord I
Male Consort V / Scottish Lord II / Executioner
Solo-Cembalo
Opernballett der Bayerischen Staatsoper
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