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Dieser Gott ist wirklich am Ende
Von Christoph Wurzel /
Fotos von
Monika Rittershaus
Gab es das schon einmal? Applaus auf offener
Bühne in einer Wagneroper? Hier jedenfalls hat man's gesehen. Tobias Kratzers Idee,
zwei Walküren im Film durch München galoppieren zu lassen, während eine andere
aus dem Hubschrauber die Lage inspiziert - diese grandiose Idee war den
Beifallssturm des erheiterten Publikums wert.
3. Akt: Walkürenritt
Das gehört zu den Qualitäten von Kratzers Regie:
Wie vordergründig der Gag auch
erscheinen mag, so hat er doch auch Tiefgang. Hier sind es einmal die
spektakulären Bilder und das Filmzitat mit dem Helikopter; aber es gibt auch
ein kleines Detail, das diese geschilderte Situation in unsere Realität holt:
auch einen Obdachlosen sammeln die Walküren ein und bringen ihn in das heilige
Walhall. Es ist in Kratzers Regie oft nur ein Geistesblitz, der aber viel
erhellt. Voll derartiger Details ist diese ganze Produktion. Alles ist auf den
Punkt gebracht und zu Ende gedacht. Innere Bezüge werden hergestellt. Vor allem
ist Kratzers Regie außerordentlich musikalisch: jede Geste, jede Bewegung der
Protagonisten ist mit der Musik synchronisiert.
Das Menschliche versus das Göttliche - das ist
das Thema von Kratzers Lesart dieser Walküre. Beides aber ist zum
Scheitern verurteilt, so wird diese Walküre zu einem tieftragischen
Stück. Jeder Anflug von Hoffnung scheitert über kurz oder lang. Wotans Abschied
wird in dieser Inszenierung zum tieftraurigsten Moment und Brünnhildes Elend
wird sinnfällig in der mickrigen Funzel, die Loge neben ihrer Matratze
entzündet. So legen sich nicht Heldinnen schlafen. Das lässt für den nächsten
Abend dieser Tetralogie für diese Figur nichts Gutes erwarten. Wir werden es im
Siegfried sehen, der im Oktober Premiere hat.
1. Akt:
In Hundings Hütte: Ain
Anger (Hunding), Irene Roberts (Sieglinde), Joachim Bäckström (Siegmund)
Als eine
Geschichte im Ganzen, verteilt auf vier Teile mit unterschiedlichen Akzenten,
möchte Kratzer seine Regieidee verstanden wissen. So schlägt er am Anfang der Walküre
eine Brücke zurück zum Schluss von Rheingold. Dort hatten sich die
Götter in grandioser Selbstüberhebung auf dem
Flügelaltar ihres nunmehr vollendeten Kirchenbaus, Walhall genannt, selbst
inthronisiert (siehe unsere Rezension).
Als kleinen Hausaltar finden wir ihn nun in Hundings Hütte im 1. Akt wieder.
Dort wird der Wotansreligion übereifrig gepflegt. Auch ein Marterl mit Frickas
Bild steht vor dem abgelegenen Haus im Wald und wenn Hunding erscheint, legt er
als Opfergabe einen Widder davor ab. Doch diese Religion bedeutet Zwang, sie
fordert strenge Rituale. Vor der Abendruhe befiehlt Hunding seiner Frau vor dem
Altar auf die Knie zu fallen. Und als sich in Sieglinde gegenüber dem fremden
Mann wärmere Gefühle regen, eine Sehnsucht, die diese biedere Hausfrau sich
bisher nicht einzugestehen wagte - da richtet sie strafende Schläge gegen sich
selbst. Erst nachdem Siegmund eine Decke über den Altar geworfen hat, kommt es
zur Vereinigung beider zum Liebespaar und dies noch, bevor sie sich als Bruder
und Schwester erkennen.
Im Text wird sie nur
erzählt, hier bekommen wir sie in mehreren Videoeinspielungen über der Szene zu
sehen: die Vorgeschichte dieses Zwillingspaars in einer trauten Familie; Wolfe,
den Vater, mit Frau und Kindern am Kamin einer Hütte, wie er mit dem Sohn durch
den Wald streift und wie sich die Zwillinge abends in ihren Betten die Hände
reichen. Das mag allzu idealisiert erscheinen, gibt aber genau das wieder, was
Siegmund aus seiner Erinnerung erzählt. Eine glückliche Zeit für die Zwillinge, aber auch ihren Vater, Wotan den
Gott, der sich diese Menschenfamilie geschaffen hatte. Doch dann das
erschütternde Ende: die Hütte brennt lichterloh und die Familie verliert sich
im Wald.
Dem Mythos verleiht Kratzer
in seiner Interpretation eine menschliche Seite. Anrührend erzählt er ihn als
Geschichte von Traumata, gibt den Figuren ein tief psychologisches Profil. So
gewinnt die Szenerie in allen Situationen an atmosphärischer Dichte und
Wahrhaftigkeit.
Davon profitiert nicht
zuletzt die Person Wotan. Sein langer Monolog im 2. Akt, in dem er sich
gegenüber Brünnhilde öffnet, erhält in der Darstellung von Nicolas Brownlee starke Intensität, ebenso wie im
letzten Akt der Abschied von der geliebten Tochter außerordentlich berührend
wirkt. Kratzer führt die Sängerdarsteller in solchen Szenen wie in einem
Kammerspiel, und sie folgen mit hoher Bühnenpräsenz.
2. Akt:
Miina-Liisa
Värelä (Brünnhilde) und Nicolas Brownlee (Wotan)
Insgesamt
erleben wir auf der Bühne ein weitgehend homogenes Sängerensemble, das seine
Rollen überzeugend charakterisiert. Nicolas Brownlee, der hier als Wotan
debütiert, vermag den existentiellen Kampf seiner Gott-Existenz, der schon im
2. Akt in seinem Wunsch nach einem Ende kulminiert, nicht nur schauspielerisch,
sondern auch vokal überaus packend darzustellen. Seine Stimmfarben für
herrisches Machtgehabe wie auch für tiefste Verzweiflung sind faszinierend. Am
Schluss bleibt nur bittere Trauer.
Miina-Liisa
Värelä bleibt darstellerisch zurückhaltender, wächst aber über den Abend in
eine Rolle hinein, die sie vom geliebten, aber unerbittlichen Vater trennt,
dessen Gebot sie aus Mitmenschlichkeit nicht befolgen kann. Zeigt sie auch
keine überragende Walkürenstimme, so kann sie durchaus gerade dieser Empathie
mit dem Wälsungenpaar auch vokal Ausdruck verleihen.
Mit Irene
Roberts und Joachim Bäckström haben wir ein geradezu ideales
Zwillingspaar vor uns. Beide enorm textverständlich, mit ausgreifenden Stimmen
und wunderbaren Stimmfarben. Bäckströms Wälserufe klingen ohne Anstrengung weit
in den Raum. Auch Sieglindes "O hehrstes Wunder" im 3. Akt wird zu
einem emphatischen Höhepunkt. Die "Winterstürme" und was darauf
folgt, bleiben dagegen im Lyrischen, was aber wunderbar zur Darstellungsweise
dieser Szene passt, die hier gleichsam (kongruent zum Text) als inniges
Wiederfinden der Geschwister gestaltet ist.
Fricka und ihr Jünger Hunding können in dieser
Aufführung ebenfalls für sich einnehmen, obwohl ihre Rollen bitterböse angelegt
sind. Ain Anger ist ein Hunding, der unerbittlich Gehorsam von seiner Frau
verlangt, die "ungefragt Schächer ihm schenkten". Hinter der kleinbürgerlich
geordneten Fassade seines Hauses lauert latente Gewalt. Dies drückt der Sänger
ungemein stimmstark aus. Am Ende des 2. Akts kniet er unterwürfig vor Fricka
und dann ersticht Wotan ihn mit dem Speer.
Fricka ist
hier die eiskalte Taktikerin. Da braucht Ekaterina Gubanova gar nicht zu
keifen, sondern mit fester, durchdringender Stimme auf das Gesetz pochen, womit
sie Wotan empfindlich treffen kann. Nach diesem Dialog wird er ein anderer
sein. Mit blutigen Händen weidet sie während dieser Szene den von Hunding
geopferten Widder aus. Doch nicht genug dieser Kaltblütigkeit, entlarvt sie das
Schlussbild (im Video) gemeinsam mit Loge als die Brandstifterin der Hütte, des
Heims der Wälse-Familie. So hat sich die betrogene Göttergattin gerächt.
"Auf
dem Gipfel des
Felsberges" im Nationaltheater München: Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde),
Nicolas Brownlee (Wotan), Walküren
Kostüme und Bühne von
Rainer Sellmaier schaffen in ihrer Klarheit die bildliche Deutungsebene zum
Regieansatz Kratzers. Die Götter als abgelebtes Geschlecht tragen Kostüme aus
fernen, antiquierten Zeiten der Wagnerrezeption. Das Bühnenbild ist eine
undefinierte Waldlandschaft, in der sich fernab von sozialer Gemeinschaft im 1.
Akt Hundings Hütte befindet, wo sich der Beginn des 2. Akts und im 3. Bild eine
modifizierte Waldlandschaft zeigt. Der Coup der freiluftreitenden Walküren zu
Beginn des 3. Akts setzt sich fort im Bühnenbild, das uns direkt ins
Nationaltheater führt. Im neobarocken Apollosaal des Opernhauses sind die
Walküren mit der Präparation der eingesammelten Helden beschäftigt und hier
wird Brünnhilde am Schluss auch in ihren tiefen Schlaf versetzt.
In dieser durchgängig
hochdramatischen Bühnenaktion führt
Vladimir Jurowski auch das Orchester vornehmlich dramatisch, aber an den
kontemplativen Stellen, dem Monolog und den Dialogen, auch mit sanfter Hand und
zurückgenommen und lyrisch. An wenigen Stellen allerdings dreht er das Pathos etwas zu sehr auf, dann
werden die Sänger überdeckt. Auch wirkt die Musik bisweilen plakativ, für
Feinschliff ist dann kaum gesorgt. Insgesamt aber leistet das im übrigen
hervorragend disponierte Orchester einen wunderbaren Beitrag zum
musikdramatischen Ganzen.
FAZIT
Nicht ohne Grund bejubelte das Publikum diese
Produktion, die von der Regie her erneut phantastische Bilder bot, sängerisch
insgesamt überragend genannt werden kann und im Orchester cum grano salis
durchaus auch überzeugte.
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Produktionsteam
Musikalische
Leitung
Inszenierung
Mitarbeit
Regie
Bühne und
Kostüme
Licht
Video
Dramaturgie
Bayerisches Staatsorchester Statisterie der
Solistinnen und Solisten
Siegmund
Hunding
Wotan
Sieglinde
Brünnhilde
Fricka
Helmwige
Gerhilde
Ortlinde
Waltraute
Siegrune
Rossweiße
Grimgerde
Schwertleite
Loge (stumme
Rolle)
Darsteller im Video:
Sieglinde als Kind
Mutter von Siegmund und Sieglinde
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