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Die Walküre

Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Dichtung und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5 h 15' (zwei Pausen)

Premiere im Nationaltheater München am 25. Juni 2026
(rezensierte Aufführung: 01. Juli 2026)




Bayerische Staatsoper München
(Homepage)

Dieser Gott ist wirklich am Ende

Von Christoph Wurzel / Fotos von Monika Rittershaus

Gab es das schon einmal? Applaus auf offener Bühne in einer Wagneroper? Hier jedenfalls hat man's gesehen. Tobias Kratzers Idee, zwei Walküren im Film durch München galoppieren zu lassen, während eine andere aus dem Hubschrauber die Lage inspiziert - diese grandiose Idee war den Beifallssturm des erheiterten Publikums wert.

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3. Akt: Walkürenritt

Das gehört zu den Qualitäten von Kratzers Regie: Wie vordergründig der Gag auch erscheinen mag, so hat er doch auch Tiefgang. Hier sind es einmal die spektakulären Bilder und das Filmzitat mit dem Helikopter; aber es gibt auch ein kleines Detail, das diese geschilderte Situation in unsere Realität holt: auch einen Obdachlosen sammeln die Walküren ein und bringen ihn in das heilige Walhall. Es ist in Kratzers Regie oft nur ein Geistesblitz, der aber viel erhellt. Voll derartiger Details ist diese ganze Produktion. Alles ist auf den Punkt gebracht und zu Ende gedacht. Innere Bezüge werden hergestellt. Vor allem ist Kratzers Regie außerordentlich musikalisch: jede Geste, jede Bewegung der Protagonisten ist mit der Musik synchronisiert.

Das Menschliche versus das Göttliche - das ist das Thema von Kratzers Lesart dieser Walküre. Beides aber ist zum Scheitern verurteilt, so wird diese Walküre zu einem tieftragischen Stück. Jeder Anflug von Hoffnung scheitert über kurz oder lang. Wotans Abschied wird in dieser Inszenierung zum tieftraurigsten Moment und Brünnhildes Elend wird sinnfällig in der mickrigen Funzel, die Loge neben ihrer Matratze entzündet. So legen sich nicht Heldinnen schlafen. Das lässt für den nächsten Abend dieser Tetralogie für diese Figur nichts Gutes erwarten. Wir werden es im Siegfried sehen, der im Oktober Premiere hat.

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1. Akt: In Hundings Hütte: Ain Anger (Hunding), Irene Roberts (Sieglinde), Joachim Bäckström (Siegmund)

Als eine Geschichte im Ganzen, verteilt auf vier Teile mit unterschiedlichen Akzenten, möchte Kratzer seine Regieidee verstanden wissen. So schlägt er am Anfang der Walküre eine Brücke zurück zum Schluss von Rheingold. Dort hatten sich die Götter in grandioser Selbstüberhebung auf dem Flügelaltar ihres nunmehr vollendeten Kirchenbaus, Walhall genannt, selbst inthronisiert (siehe unsere Rezension). Als kleinen Hausaltar finden wir ihn nun in Hundings Hütte im 1. Akt wieder. Dort wird der Wotansreligion übereifrig gepflegt. Auch ein Marterl mit Frickas Bild steht vor dem abgelegenen Haus im Wald und wenn Hunding erscheint, legt er als Opfergabe einen Widder davor ab. Doch diese Religion bedeutet Zwang, sie fordert strenge Rituale. Vor der Abendruhe befiehlt Hunding seiner Frau vor dem Altar auf die Knie zu fallen. Und als sich in Sieglinde gegenüber dem fremden Mann wärmere Gefühle regen, eine Sehnsucht, die diese biedere Hausfrau sich bisher nicht einzugestehen wagte - da richtet sie strafende Schläge gegen sich selbst. Erst nachdem Siegmund eine Decke über den Altar geworfen hat, kommt es zur Vereinigung beider zum Liebespaar und dies noch, bevor sie sich als Bruder und Schwester erkennen.

Im Text wird sie nur erzählt, hier bekommen wir sie in mehreren Videoeinspielungen über der Szene zu sehen: die Vorgeschichte dieses Zwillingspaars in einer trauten Familie; Wolfe, den Vater, mit Frau und Kindern am Kamin einer Hütte, wie er mit dem Sohn durch den Wald streift und wie sich die Zwillinge abends in ihren Betten die Hände reichen. Das mag allzu idealisiert erscheinen, gibt aber genau das wieder, was Siegmund aus seiner Erinnerung erzählt. Eine glückliche Zeit für die Zwillinge, aber auch ihren Vater, Wotan den Gott, der sich diese Menschenfamilie geschaffen hatte. Doch dann das erschütternde Ende: die Hütte brennt lichterloh und die Familie verliert sich im Wald.

Dem Mythos verleiht Kratzer in seiner Interpretation eine menschliche Seite. Anrührend erzählt er ihn als Geschichte von Traumata, gibt den Figuren ein tief psychologisches Profil. So gewinnt die Szenerie in allen Situationen an atmosphärischer Dichte und Wahrhaftigkeit.

Davon profitiert nicht zuletzt die Person Wotan. Sein langer Monolog im 2. Akt, in dem er sich gegenüber Brünnhilde öffnet, erhält in der Darstellung von Nicolas Brownlee starke Intensität, ebenso wie im letzten Akt der Abschied von der geliebten Tochter außerordentlich berührend wirkt. Kratzer führt die Sängerdarsteller in solchen Szenen wie in einem Kammerspiel, und sie folgen mit hoher Bühnenpräsenz.

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2. Akt: Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde) und Nicolas Brownlee (Wotan)

Insgesamt erleben wir auf der Bühne ein weitgehend homogenes Sängerensemble, das seine Rollen überzeugend charakterisiert. Nicolas Brownlee, der hier als Wotan debütiert, vermag den existentiellen Kampf seiner Gott-Existenz, der schon im 2. Akt in seinem Wunsch nach einem Ende kulminiert, nicht nur schauspielerisch, sondern auch vokal überaus packend darzustellen. Seine Stimmfarben für herrisches Machtgehabe wie auch für tiefste Verzweiflung sind faszinierend. Am Schluss bleibt nur bittere Trauer.

Miina-Liisa Värelä bleibt darstellerisch zurückhaltender, wächst aber über den Abend in eine Rolle hinein, die sie vom geliebten, aber unerbittlichen Vater trennt, dessen Gebot sie aus Mitmenschlichkeit nicht befolgen kann. Zeigt sie auch keine überragende Walkürenstimme, so kann sie durchaus gerade dieser Empathie mit dem Wälsungenpaar auch vokal Ausdruck verleihen.

Mit Irene Roberts und Joachim Bäckström haben wir ein geradezu ideales Zwillingspaar vor uns. Beide enorm textverständlich, mit ausgreifenden Stimmen und wunderbaren Stimmfarben. Bäckströms Wälserufe klingen ohne Anstrengung weit in den Raum. Auch Sieglindes "O hehrstes Wunder" im 3. Akt wird zu einem emphatischen Höhepunkt. Die "Winterstürme" und was darauf folgt, bleiben dagegen im Lyrischen, was aber wunderbar zur Darstellungsweise dieser Szene passt, die hier gleichsam (kongruent zum Text) als inniges Wiederfinden der Geschwister gestaltet ist.

Fricka und ihr Jünger Hunding können in dieser Aufführung ebenfalls für sich einnehmen, obwohl ihre Rollen bitterböse angelegt sind. Ain Anger ist ein Hunding, der unerbittlich Gehorsam von seiner Frau verlangt, die "ungefragt Schächer ihm schenkten". Hinter der kleinbürgerlich geordneten Fassade seines Hauses lauert latente Gewalt. Dies drückt der Sänger ungemein stimmstark aus. Am Ende des 2. Akts kniet er unterwürfig vor Fricka und dann ersticht Wotan ihn mit dem Speer.

Fricka ist hier die eiskalte Taktikerin. Da braucht Ekaterina Gubanova gar nicht zu keifen, sondern mit fester, durchdringender Stimme auf das Gesetz pochen, womit sie Wotan empfindlich treffen kann. Nach diesem Dialog wird er ein anderer sein. Mit blutigen Händen weidet sie während dieser Szene den von Hunding geopferten Widder aus. Doch nicht genug dieser Kaltblütigkeit, entlarvt sie das Schlussbild (im Video) gemeinsam mit Loge als die Brandstifterin der Hütte, des Heims der Wälse-Familie. So hat sich die betrogene Göttergattin gerächt.

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"Auf dem Gipfel des Felsberges" im Nationaltheater München: Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde), Nicolas Brownlee (Wotan), Walküren

Kostüme und Bühne von Rainer Sellmaier schaffen in ihrer Klarheit die bildliche Deutungsebene zum Regieansatz Kratzers. Die Götter als abgelebtes Geschlecht tragen Kostüme aus fernen, antiquierten Zeiten der Wagnerrezeption. Das Bühnenbild ist eine undefinierte Waldlandschaft, in der sich fernab von sozialer Gemeinschaft im 1. Akt Hundings Hütte befindet, wo sich der Beginn des 2. Akts und im 3. Bild eine modifizierte Waldlandschaft zeigt. Der Coup der freiluftreitenden Walküren zu Beginn des 3. Akts setzt sich fort im Bühnenbild, das uns direkt ins Nationaltheater führt. Im neobarocken Apollosaal des Opernhauses sind die Walküren mit der Präparation der eingesammelten Helden beschäftigt und hier wird Brünnhilde am Schluss auch in ihren tiefen Schlaf versetzt.

In dieser durchgängig hochdramatischen Bühnenaktion führt Vladimir Jurowski auch das Orchester vornehmlich dramatisch, aber an den kontemplativen Stellen, dem Monolog und den Dialogen, auch mit sanfter Hand und zurückgenommen und lyrisch. An wenigen Stellen allerdings dreht er das Pathos etwas zu sehr auf, dann werden die Sänger überdeckt. Auch wirkt die Musik bisweilen plakativ, für Feinschliff ist dann kaum gesorgt. Insgesamt aber leistet das im übrigen hervorragend disponierte Orchester einen wunderbaren Beitrag zum musikdramatischen Ganzen.

FAZIT

Nicht ohne Grund bejubelte das Publikum diese Produktion, die von der Regie her erneut phantastische Bilder bot, sängerisch insgesamt überragend genannt werden kann und im Orchester cum grano salis durchaus auch überzeugte.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Vladimir Jurowski

Inszenierung
Tobias Kratzer

Mitarbeit Regie
Matthias Piro

Bühne und Kostüme
Rainer Sellmaier

Licht
Michael Bauer

Video
Manuel Braun
Jonas Dahl
Janic Bebi

Dramaturgie
Bettina Bartz

Olaf Roth

 

Bayerisches Staatsorchester

Statisterie der
Bayerischen Staatsoper

 

Solistinnen und Solisten

Siegmund
Joachim Bäckström

Hunding
Ain Anger

Wotan
Nicolas Brownlee

Sieglinde
Irene Roberts

Brünnhilde
Miina-Liisa Värelä

Fricka
Ekaterina Gubanova

Helmwige
Dorothea Herbert

Gerhilde
Julie Adams

Ortlinde
Elene Gvritishvili

Waltraute
Claudia Mahnke

Siegrune
Niina Keitel

Rossweiße
Christina Bock

Grimgerde
Natalie Lewis

Schwertleite
Noa Beinert

Loge (stumme Rolle)
Charith Pidikiti

Darsteller im Video:
Siegmund als Kind

Felipe Don de Andrade Strohmeier

Sieglinde als Kind
Kavita  Biebach

Mutter von Siegmund und Sieglinde
Avery Amereau

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie unter

 
Bayerische Staatsoper München
(Homepage)



Da capo al Fine

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