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Krieg oder Leben
Von Roberto Becker /
Fotos von
Geoffrey Schied
Am Ende ist alles zerstört. Auch die Hoffnung auf den nächsten Sieg. In Alexander Borodins (1833-1887) Fürst Igor hat der Titelheld seinen großen Feldzug gegen den benachbarten polowetzer Khan verloren. Was Piero Vinciguerra auf der Bühne des Münchner Gärtnerplatztheaters aus dem noblen Petersburger Salon gemacht hat, mit dessen Pracht er zum Auftakt verblüfft, ist ein eindrucksvolles Monument von Zerstörung. Eine Ruine gewordene Mahnung. Fürst Igor steht sowohl im Bolschoi in Moskau als auch im Sankt Petersburger Mariinski-Theater auf dem Spielplan. Da würde dieses Schlussbild wohl nicht durchgehen. Dort wird dem Fürsten auch nach seinem blutigen und gescheiterten Feldzug in gläubiger Treue zugejubelt. Anders kommt man dem erklärten Pazifisten Borodin wohl nicht bei.
Glasunow, Borodin und Rimsky-Korsakow - Borodin beim Komponieren, die Freunde als moralische Stützen
Roland Schwab setzt in seiner klug durchdachten und sinnlich opulenten Inszenierung aber genau dort an. Er zeigt das Ringen Borodins mit dem Stoff, der auf das mittelalterliche Igor-Lied zurückgeht. Das handelt von dem missglückten Feldzug eines Fürsten des Kyjiwer Rus. Ein Stoff, mit dem sich Borodin 18 Jahre lang auseinandergesetzt hat. Wobei das zögerliche Werden der Komposition auch damit zusammenhing, dass sich Borodin selbst gar nicht in erster Linie als Komponist verstanden hat, sondern lieber als Chemiker arbeitete. Es erweist sich als ein genialer Einfall, nicht nur das Werk, sondern auch das Ringen des Komponisten um dessen Entstehung auf die Bühne zu bringen. So landet man nicht im Mittelalter, sondern in dem mit üppigem Prunk versehenen St. Petersburger Salon von Alexander Borodin. Man sieht ihn (Schauspieler Dieter Fernengel) am Klavier, spielend, stockend, träumend oder von dort flüchtend. Seine Freunde Nikolai Rimski-Korsakow (Vladimir Pavic) und Alexander Glasunow (Tobias Hartmann) erkennen das Potenzial der Komposition für das Vorankommen der russischen Nationaloper, drängen ihn zum Weitermachen. Aber Borodin ist im Labor mit seinen Studenten (hier sind es - arg ahistorisch - nur Studentinnen) ganz bei sich. Wenn es da dampft und zischt, freut ihn das ganz offensichtlich.
Fürst Igor in Gefangenschaft - hinter ihm das Menetekel der Niederlage Wenn dann doch sein Titelheld Fürst Igor von Nowgorod-Sewersk mit seinen versammelten Heerscharen zu einem Feldzug gegen das Steppenvolk der Polowetzer aufbricht, öffnet sich der Salon im Hintergrund, und die martialisch ausgestatteten Krieger fluten den Raum. Die im Stück vorgesehene, als Warnung vor drohendem Unheil interpretierte Sonnenfinsternis wird zu einem Flackern der Beleuchtung. Igor ignoriert das. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Nicht nur, dass Igor in Gefangenschaft gerät, sondern auch, dass er seine Heimat der Obhut des Fürsten Galitzky überlässt, gehört zu diesem Unheil. Der feiert nicht nur zügellose Orgien, sondern will sich selbst zum Herrscher krönen lassen.
Daheim lässt sein Schwager die Puppen tanzen Für Borodins Intentionen steht vor allem sein Umgang mit dem Gegner Igors. Die Polowetzer haben nicht nur die attraktivere Musik. Ihr Khan hat auch mehr Sinn für einen Frieden, der auf Interessenausgleich beruht. Den Vorschlag, Igor freizugeben für die Zusage, selbst nicht erneut anzugreifen, lehnt der rundweg ab. So wie das wie ein Lichtstrahl der Vernunft aus der Vergangenheit bis zu uns leuchtet, so fügt die Regie jener Zeit Bilder von heute bei. Da ragt etwa ein getroffener Panzer wie ein Mahnmal aus der Zukunft aus dem Schlachtfeld. Oder Zeugenaussagen von ukrainischen Kriegsopfern von heute werden in Frakturschrift projiziert. Ein musikalischer und szenischer Höhepunkt sind die berühmten Polowetzer Tänze, bei denen Borodin so in Fahrt kommt, dass er stirbt. Seine beiden Komponistenfreunde übernehmen hier die Fertigstellung der Oper. Igors Frau gewinnt beachtlich Statur, wenn sie versucht, ihrem hemmungslos wütenden Bruder Einhalt zu gebieten. Dass der längst verloren gegebene Igor doch wieder in seiner zerstörten Heimat auftaucht, ist nur auf den ersten Blick tröstlich, will er doch wider alle Erfahrung gleich ein neues Heer aufstellen. Schwab lässt den Abend dezidiert antiheroisch mit Borodins Romanze: "Von fernen Gestaden" auf einen Text von Puschkin ausklingen.
Der Khan - ein Feind mit vernünftigen Vorschlägen Neben der so klug erweiterten wie opulenten Szene schickt das Gärtnerplatztheater musikalisch und vokal alles, was es zu bieten hat, in ein Rennen, das es haushoch gewinnt. Bei Rubén Dubrovsky und dem Orchester des Hauses werden nicht nur die Polowetzer Tänze zu einem Höhepunkt. Die spezielle Farbe der Musik leuchtet durchweg intensiv und trägt ein exzellentes Ensemble. Matija Mei? ist ein hochpräsenter, uriger Igor. Als dessen Frau gewinnt Oksana Sekerina Format, wenn sie versucht, ihren Bruder zu zügeln. In dieser Rolle kann Timos Sirlantzis als Fürst Galitzky den diabolischen Intriganten effektvoll von der Kette lassen und voll ausspielen. Levente Páll profiliert als polowetzer Khan Kontschak dazu einen geradezu noblen Gegenentwurf. Arthur Espiritu als Igors Sohn und Monika Jägerová als Tochter des Khans liefern obendrein noch eine aussichtslose Liebesgeschichte über die Gräben des Krieges hinweg. FAZITRubén Dubrovsky und Roland Schwab überzeugen am Staatstheater am Gärtnerplatz mit ihrer Version von Alexander Borodins selten gespielten Opernfragment musikalisch und szenisch. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreographie
Chor
Dramaturgie
Solisten
Fürst Igor
Jaroslawna
Wladimir
Fürst Galitzky
Khan Kontschak
Kontschakowna
Owlur
Skula
Eroschka
Ein polowetzer Mädchen
Alexander Borodin
Nikolai Rimski-Korsakow
Alexander Glasunow
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