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Wechselnde Zeiten, gleiche Probleme
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte Vor der Umkleidekabine der Sporthalle hat eine Messerstecherei stattgefunden. Zwei Tote liegen herum. Aber kein Grund zur Aufregung: Das wäre ein schlechter Schiedsrichter, der hier nicht die Situation schnell unter Kontrolle bekäme. Platz-, nein: Stadtverweis für den Übeltäter, die anderen geben sich die Hände, und alles ist wieder in Ordnung. Die zentrale Szene, an der Romeo und Julia unausweichlich in die Katastrophe kippt, wird hier als Satire abgehandelt, ein makaber-komischer Konflikt zwischen Tennis- und Basketballspielern mit dem Herzog als Unparteiischem in kurzen Hosen. Wobei Regisseur Jan Eßinger wohl ein ironisches Augenzwinkern, aber keine Parodie im Sinn hatte. Die Sportsfreunde, die hier aneinandergeraten, sollen für den aerobicbewegten Zeitgeist der 1980er-Jahre stehen. Denn Eßinger schickt Roméo und Juliette, wie sie in Gounods französischer Version heißen, auf eine Zeitreise, beginnend in den 1920er-Jahren und endend in der Gegenwart. Ihre Geschichte, so die Idee, ist zeitlos und in allen Epochen wiedererkennbar.
Liebe in den 1940er-Jahren: Roméo als feindlicher Pilot und Juliette
Als Ort des Geschehens dient ein verfallenes Schwimmbad, mehr angedeutet als im Detail realistisch ausgeführt (Bühne: Benita Roth), ein "lost place" als Ort kollektiver Erinnerung. Der Ball der Capulets hat in diesem Ambiente allerdings nichts von der flirrenden Stimmung der angeblich goldenen 1920er-Jahre. Mit dem Chor müsste man den Foxtrott schon deutlich sorgfältiger einstudieren, um eine Ahnung vom Zeitgeist dieser Epoche auf die Bühne zu bringen. In der ersten nächtlichen Begegnung der beiden jungen Liebenden befinden diese sich plötzlich im Zweiten Weltkrieg wieder, wobei er offenbar als abgeschossener Pilot im Feindesland herumirrt - da wird zumindest der Grundkonflikt, eine Liebe über verfeindete Linien hinweg, sehr deutlich. Die heimliche Trauung vollzieht Pater Lorenzo respektive Frère Laurent in den 1960er-Jahren; er scheint eine Art Kiosk zu betreiben - welche Autorität er besitzt, an der Zivilehe vorbei ein Paar zu verheiraten, bleibt völlig schleierhaft und abwegig. Es folgt das eingangs erwähnte tödliche Aufeinandertreffen der Clans beim Sport in den 1980ern, viel zu harmlos geraten. Die von den Eltern arrangierte Hochzeit mit Paris wird in die Zeit um das Jahr 2000 herum verlegt (ohne nennenswerten Erkennungswert der Epoche, aber im Grunde hat man auch längst das Interesse an dem bemühten Zeitreisespiel verloren), und der Tod in die Gegenwart.
Liebe in den 1960er-Jahren: Roméo und Juliette werden von Frére Laurent getraut (was immer das hier heißen mag)
Zwar lässt sich die Geschichte recht gut durch alle Zeitläufte hinweg nachverfolgen, aber die Szenen sind allesamt zu kurz, um glaubhaft in die jeweiligen Epochen einzutauchen. Es bleibt Kostümbildnerin Marie-Luise Otto überlassen, die Zeit zu umreißen, und das versucht sie bei mittelprächtigem Erfolg mit einer Unmenge (oft schlechtsitzender) Perücken. So schleppt sich die Inszenierung über eine Aneinanderreihung von bestenfalls klischeehaften Genreszenen dahin. Einen ähnlichen Zeitreise-Ansatz hat Eßlinger im Vorjahr in Rossinis überdrehter Reise nach Reims verfolgt, dort durchaus mit Erfolg (unsere Rezension), wobei diese absurde Komödie mehr Ansatzpunkte besitzt als Gounods durch und durch romantisierte Liebestragödie. Hier wirkt das Verfahren aufgesetzt und bemüht. Zudem greift Eßinger ohne erkennbaren Nutzen in die Handlung ein. Die Figur von Roméos Page Stéphano, für einen Mezzosopran als Hosenrolle komponiert, ist gestrichen; dafür tritt mit Rosaline jene Frau auf (und singt auch die Arie des Stéphano), in die Romeo zu Beginn der Handlung verliebt war und die hier ziemlich eifersüchtig (womöglich gar mit einem von Romeo gezeugten Kind) kräftig mitmischt - und Roméo den Revolver in die Hand drückt, mit dem er (unter Rosalines tatkräftiger Mithilfe) Tybalt erschießt. Nicht einmal einen ordentlichen Totschlag gesteht die Regie ihrem braven Helden also zu. So wird die universale Tragödie zum Kleinbürgerschwank geschrumpft. Und dann geistert immer wieder eine alte Frau durch die Szenerie, "Queen Mab", wie das Programmheftchen lehrt (ohne solche Hilfe ist, ein Unding, die Figur nicht zu verstehen), eine Feenkönigin der englischen Folklore, die den Menschen die Träume bringt und von Mercutio am Anfang der Oper besungen wird. Das alles hilft dem Werk nicht weiter, sondern lenkt unnötig vom eigentlichen Konflikt ab.
Keine Liebe in den 2000er-Jahren: Juliette soll gegen ihren Willen mit Pâris verheiratet werden
Die zum hauseigenen Ensemble gehörigen Sophie Witte und Bryan Lopez Gonzales als Gast verkörpern das junge Liebespaar glaubwürdig mit einer gehörigen Prise erotischer Spannung. Mit schlanker, hell timbrierter, aber nicht zu leichter Stimme bringt der kubanische Tenor viel "französische" Klangfarben ein, dazu die elegante stimmliche Beweglichkeit. Ein paar Spitzentöne muss er mit Kraft stemmen, da fehlt es (noch) an der voix mixte, dem geschmeidigen Übergang von der Brust- in die anstrengungslose Kopfstimme, aber viel vom "Ténor de grace", vom schwebenden Klang, ist vorhanden. Sophie Witte singt mit glockenreinem, leuchtendem Sopran, nicht zu hell, dennoch mädchenhaft lyrisch, mit kecker Attacke auf die mühelos gestalteten Spitzentöne und Lust an Koloraturen. Man wünschte, die Regie hätte mehr Vertrauen in diese Qualitäten gesetzt und den Blick darauf - und nicht auf das Brimborium drumherum - fokussiert.
Tod in der Gegenwart: Juliette, schlafend, in der Gruft. Links davon die "Queen Mab", eine allegorische Figur
Auch die weiteren Partien sind gut besetzt. Der junge philippinische Bariton Jeconiah Retulla, beeindruckt als kerniger Mercutio ebenso wie der Brasilianer Ramon Mundin mit durchsetzungsfähigem, klangschönem Tenor als Tybalt (beide gehören dem Opernstudio des Theaters an). Susanne Seefing singt blitzsauber im bieder-spießigen Gewand der Rosaline die Arie des Pagen Stéphano. Matthias Wippich ist ein solider Frère Laurent. Zuverlässig singt der Chor (Einstudierung: Michael Preiser). Die Niederrheinischen Sinfoniker unter der Leitung von Chefdirigent Mihkel Kütson entfalten viel vom Zauber der Musik und treffen sehr schon einen Ton von französischer Leichtigkeit, nicht dick aufgetragen, sondern luftig und transparent.
Es gibt in dieser musikalisch überzeugenden Produktion viel schöne Musik zu hören. Die Regie verheddert sich derweil beim Schnelldurchgang durch die Zeitgeschichte in Banalitäten. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Roméo
Juliette
Frère Laurent
Mercutio
Tybalt
Comte Capulet
Gertrude
Pâris
Herzog (Schiedsrichter)
Grégorio
Stéphano (Rosaline)
Queen Mab
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