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Kreuzritter im DrogenmilieuVon Thomas Molke / Fotos: © Matthias JungObwohl Gioachino Rossini heute auf den Bühnen eher für seine komischen Opern bekannt ist, ist in seinem italienischen Schaffen die ernste Oper mit 18 von 34 Musikdramen stärker vertreten, was Alberto Zedda, der als führende Autorität auf dem Gebiet der Rossini-Philologie zählte, zu der Aussage verleitete, der "eigentliche Rossini" sei der "ernste Rossini". So war es auch eine Opera seria, die den Schwan von Pesaro in die Riege der großen Komponisten aufsteigen ließ und ihn auch weit über die Grenzen Italiens bekannt machte. Dabei war er gerade mal 21 Jahre alt, als am 6. Februar 1813 im Teatro La Fenice in Venedig seine erste ernste Oper Tancredi uraufgeführt wurde. Die Cabaletta des Titelhelden "Di tanti palpiti" entwickelte sich schnell zu einem Gassenhauer, der überall zu hören war, und in den folgenden zwei Jahrzehnten verbreitete sich das Werk nicht nur in ganz Europa sondern auch in Lateinamerika und den USA und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Dabei entstanden natürlich auch mehrere unterschiedliche Fassungen. Schon eineinhalb Monate nach der Uraufführung änderte Rossini selbst für eine Aufführung in Ferrara das lieto fine, an das er sich aufgrund der damaligen Gepflogenheit in Venedig noch gehalten hatte, ab und ließ die Oper tragisch enden. Dieser Schluss kam beim damaligen Publikum jedoch so schlecht an, dass er schon für die weiteren Aufführungen in Ferrara wieder auf das glückliche Ende zurückgriff. Im Rahmen der Rossini-Renaissance, die seit den 1980er Jahren vor allem durch die beiden Festivals in Pesaro und Bad Wildbad auch den "ernsten Rossini" wieder mehr ins Bewusstsein rückt, wird allerdings häufig die tragische Ferrara-Fassung gewählt. Auch bei der Produktion, die vor zwei Jahren bei den Bregenzer Festspielen Premiere feierte und nun im Staatenhaus Köln als letzte Produktion vor dem Umzug ins neu renovierte Opernhaus zu erleben ist, hat man sich für den tragischen Schluss entschieden. Tancredi (Adriana Bastidas-Gamboa) ist aus der Verbannung zurückgekehrt. Die Oper basiert auf Voltaires Tragödie Tancrède und spielt in Syrakus im Jahre 1005. Nach langem Bürgerkrieg schließen die Familien des Argirio und des Orbazzano Frieden, um sich miteinander gegen den gemeinsamen Feind, den Sarazenenführer Solamir zu verbünden, der Syrakus bedroht. Um die neue Freundschaft zu besiegeln, bietet Argirio Orbazzano die Hand seiner Tochter Amenaide an. Diese liebt jedoch Tancredi, den Sohn einer aus Syrakus verbannten Familie, dem sie heimlich einen Brief geschickt hat, in dem sie ihn um die Rückkehr nach Syrakus bittet. Da es ihm jedoch unter Todesstrafe verboten ist, nach Syrakus zurückzukehren, und Amenaide ihn nicht gefährden möchte, hat sie im Brief keinen Empfängernamen angegeben. Als sie sich weigert, Orbazzano zu heiraten, und dieser den Brief abfängt, beschuldigt er sie des Verrats und fordert ihre Hinrichtung. Auch Tancredi, der mittlerweile inkognito nach Syrakus zurückgekehrt ist, fühlt sich von Amenaide hintergangen, fordert aber trotzdem Orbazzano zum Duell, um die Hinrichtung zu verhindern. Nach dem Sieg über Orbazzano zieht er in die Schlacht gegen die Sarazenen, da er für die Liebe zu Amenaide keine Chance mehr sieht. In der Ferrara-Fassung kehrt er tödlich verwundet aus der Schlacht zurück, um in Amenaides Armen zu sterben. Vorher wird jedoch das Missverständnis aufgeklärt und er stirbt in der Gewissheit, dass Amenaide die Treue nicht verletzt hat. Argirio (Dmitry Ivanchey, rechts) verspricht Orbazzano (Gabriele Sagona, links) seine Tochter. Da die Handlung reichlich verworren und schwer nachvollziehbar ist, verlegt das Regie-Team um Jan Philipp Gloger, die Geschichte aus dem 11. Jahrhundert und der Zeit der Kreuzritter in die Gegenwart und macht aus den zwei rivalisierenden Familien zwei Drogen-Clans, deren Feinde nicht mehr die ungläubigen Sarazenen sind sondern die Polizei, die deren mafiöse Machenschaften behindert. Anders als im Original bleibt dieser gemeinsame Feind auch nicht unsichtbar, sondern tritt in der Inszenierung auf. Direkt zu Beginn der Oper, wenn die beiden Familien ein Bündnis schließen, sieht man einen gelynchten Polizisten auf der Bühne, dessen Leichnam malträtiert wird. Dafür sind extra Herren des Showtalentnetwork engagiert worden, die in einer sehr realistischen Kampfchoreographie von Ran Arthur Braun vollen Körpereinsatz zeigen und unterstreichen, dass trotz des Bündnisses zwischen den beiden Clans noch große Animositäten herrschen. Wenn sie den toten Polizisten schließlich von der Bühne tragen, hängen sie ihm ein Schild mit der Bezeichnung "FAG" um, was ein stark abwertendes englisches Schimpfwort für homosexuelle Männer ist. Liebe zwischen zwei Frauen: Amenaide (Giuliana Gianfaldoni, rechts) und Tancredi (Adriana Bastidas-Gamboa, links) In diesem patriarchal geprägten System gibt es keinen Platz für andere sexuelle Orientierungen, und das wird von Gloger als Grund dafür interpretiert, dass die Liebe zwischen Amenaide und Tancredi keine Chance hat. Gloger sieht die Titelpartie nämlich nicht als Hosenrolle, sondern zeichnet ihn als eine Frau, die sich nur als Mann ausgibt, weil eine gleichgeschlechtliche Liebe in dieser von Machogebaren beherrschten Welt nicht akzeptiert wird. Dafür werden nicht nur die deutschen Übertitel sondern auch der gesungene Text geändert und die weiblichen Formen für Tancredi verwendet. Allerdings wird dieser Gedanke nicht konsequent durchgehalten. Wenn eine lesbische Beziehung von Amenaide der Grund dafür sein soll, dass Tancredi in die Verbannung geschickt wurde, wird nicht klar, wieso der Männerchor am Ende bei Tancredis Tod um die "gefallene Heldin" trauert, wenn sie sich als Frau zu erkennen gibt und mit letzter Kraft einsam über die Bühne robbt. Auch ist diskutabel, wieso ausgerechnet die Polizei, die Instanz für Recht und Ordnung, diese Frau am Ende auf der Bühne erschießt, nachdem sie ein Banner mit der Aufschrift "Freedom" über die Bühne gespannt hat, obwohl diese Szene sehr spektakulär mit viel Kunstblut umgesetzt wird. Soll damit allgemeine Gesellschaftskritik geübt werden, dass auch die Polizei, also der Staat, ein Problem mit gleichgeschlechtlicher Liebe hat? Amenaide (Giuliana Gianfaldoni, 2. von links) weigert sich, Orbazzano zu heiraten (links: Isaura (Johanna Thomsen), auf der rechten Seite von links: Argirio (Dmitry Ivanchey) und Roggiero (Wesley Harrison)). Auch andere Regieeinfälle Glogers bleiben unklar. So streicht er inhaltlich die Figur des Roggiero, der Tancredi als treuer Gefährte begleitet, und führt stattdessen unter diesem Namen einen Priester ein, der irgendwie in die dunklen Machenschaften der Drogen-Clans verwickelt ist. Ein wenig erinnert er an Pater Lorenzo aus Shakespeares Romeo and Juliet, wenn er in Amenaides Zelle kommt, in der sie auf ihre Hinrichtung wartet, und ihr einen Trankt reicht. Soll es Gift sein, um der Vollstreckung des Urteils zuvor zu kommen? Während Amenaide jedenfalls in ihrer großen Arie in der Inszenierung damit ringt, ob sie dieses Angebot annehmen soll oder nicht, wird der Priester an einem anderen Ort der Bühne getötet. Ist das eine Hinrichtung durch ein Clan-Mitglied, weil man ihn aus der Entfernung in Amenaides Zelle beobachtet hat? Amenaides Vertraute Isaura als ihre Mutter oder Stiefmutter zu deuten, erweist sich hingegen als schlüssig, da so auch nachvollziehbar wird, wieso sie sich Argirio gegenüber einiges herausnehmen kann. Sieht man von den genannten fragwürdigen Entscheidungen in der Personenregie ab, bietet die Inszenierung ein opulentes Spektakel, bei dem man nur staunen kann, wie das im Saal 2 des Staatenhauses umgesetzt wird. Ben Baur hat ein gewaltiges Bühnenbild entworfen, das einen eindrucksvollen südländischen Palazzo zeigt, der durch Einsatz einer Drehbühne Einblicke in verschiedene Bereiche des Clans um Argirio gewährt. So stellt man sich vielleicht den Sitz eines Drogenbosses vor, der ein altehrwürdiges Gebäude nutzt, um sein Imperium zu verwalten. Selbst wenn die relativ moderne Küche oder die blutbespritzte Folterkammer in der ersten Etage hier einen Gegensatz bilden, passt das doch irgendwie alles wieder zusammen. Worauf allerdings im Gegensatz zu Bregenz verzichtet werden muss, ist, dass sich die Männer des Showtalentnetwork am Ende als Polizisten aus dem Schnürboden auf die Bühne herabseilen und den Palast stürmen. Hier liegt nur nach einer kurzen Umbaupause das ganze Bühnenmobiliar in der Mitte auf dem Pool aufeinander gestapelt, und die Polizei hat den Drogengeschäften ein Ende bereitet. Die Clans sind also bereits unterlegen. Wieso Tancredi jetzt überhaupt noch von ihnen erschossen werden muss, bleibt unklar. Hätte man sich in diesem Zusammenhang nicht vielleicht doch für das glückliche Ende entscheiden sollen? Das Publikum jedenfalls zeigt sich begeistert, was aber auch der musikalischen Umsetzung geschuldet sein dürfte. George Petrou, eigentlich Spezialist für Barockopern, beweist mit dem Gürzenich-Orchester Köln, dass er auch Gespür für die feinen Nuancen von Rossinis großartiger Musik hat. Dabei findet er mit dem Orchester wunderbare Zwischentöne, um die einzelnen Emotionen auszuloten. Adriana Bastidas-Gamboa darf als Idealbesetzung für die Titelpartie bezeichnet werden. Mit dunkel gefärbtem Mezzosopran wirkt sie absolut kämpferisch und besitzt auch in den dramatischen Koloraturen große Durchschlagskraft. In den schnellen Läufen verfügt ihre Stimme über eine enorme Beweglichkeit. Ihr hätte man die Hosenrolle in jedem Moment abgenommen, so dass es fast irritierend wirkt, sie als tatsächliche Frau auftreten zu lassen. Giuliana Gianfaldoni begeistert als Amenaide mit strahlendem Sopran und glockenklaren Höhen, die in den leisen Momenten unter die Haut gehen und nahezu zerbrechlich wirken. Im Zusammenspiel mit Bastidas-Gamboa harmoniert sie sowohl stimmlich als auch darstellerisch als liebendes Paar. Der Tod in ihren Armen bleibt Bastidas-Gamboa in der Inszenierung jedoch verwehrt. Dmitry Ivanchey verfügt als Amenaides Vater Argirio über einen kraftvollen Tenor, der in den extremen Höhen allerdings an seine Grenzen gerät. Gabriele Sagona gibt einen wunderbar unsympathischen Orbazzano, so dass es nicht verwundert, dass Amenaide sich gegen ihn entscheidet. Stimmlich überzeugt er mit bedrohlichen Tiefen. Johanna Thomsen rundet als Isaura das Ensemble mit sattem Mezzosopran überzeugend ab, auch wenn die Personenregie bei ihrer Arie im zweiten Teil mit einigen komischen Momenten beim Säubern der Küche doch Fragen aufwirft. Der von Rustam Samedov einstudierte Herrenchor der Oper Köln glänzt durch homogenen Klang und intensives Spiel, das sich gut in die Stunt-Einlagen des Showtalentnetwork einfügt. So gibt es am Ende für alle Beteiligten großen und verdienten Jubel. FAZIT Zum Abschluss werden im Staatenhaus mit dieser Produktion noch einmal bühnenbildtechnisch alle Register gezogen. Fast ist man ein bisschen wehmütig, dass diese Spielstätte nicht beibehalten werden kann.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung Co-Regie Bühne Kostüme Lichtdesign Kampfchoreographie Chorleitung Dramaturgie
Gürzenich-Orchester Köln Herrenchor der Oper Köln Solistinnen und SolistenTancredi
Amenaide
Argirio Orbazzano Isaura Roggiero Showtalentnetwork (Stunt)
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