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Musiktheater
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Manon Lescaut

Dramma lirico in vier Akten
Libretto von Marco Praga, Domenico Oliva und Luigi Illica
Musik von Giacomo Puccini


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Koproduktion mit dem Teatro Real Madrid
Premiere im Staatenhaus Köln-Deutz (Saal 2) am 28. September 2025
(rezensierte Aufführung: 2. Oktober 2025)


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Oper Köln
(Homepage)

Gestorben an einem Übermaß an Schönheit

Von Stefan Schmöe / Fotos von Sandra Then

Neustart mit Puccini: Kölns neuer Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada lässt zu seinem Operneinstand die Partitur funkeln und glitzern wie die Edelsteine, die Manon Lescaut so liebt. Er kostet klangliche Delikatesse und Raffinesse aus wie die Titelfigur das feine Leben in Paris. Die Musik jubelt und leidet mit den Liebenden, sie scheut weder Pathos noch die ganz großen Emotionen. Und manchmal meint man auch das Parfum, das Manon sicherlich aufträgt, hören zu können. Orozco-Estrada dirigiert mit großer Geste, und immer wieder applaudiert er seinem neuen Orchester. Das folgt ihm bravourös: Die Flöten des ausgezeichneten Gürzenich-Orchesters etwa spielen noch eine Spur betörender als sonst. Weil aber jeder Ton wichtig und bedeutungsvoll klingt und jedes Motiv am Existenziellen rührt, fragt man sich irgendwann (eigentlich sogar ziemlich schnell), ob es nicht auch eine Spur kleiner, zurückhaltender oder auch strenger ginge. Sicher, der junge Puccini greift für Manon Lescaut kräftig in den musikalischen Zauberkasten. Aber die Mittel, derer er sich dort bedient, wiederholen sich. Es schadet nicht, sorgsam(er) damit zu disponieren.

Szenenfoto

Auf dem Weg ins Kloster: Manon Lescaut am Beginn der Oper

Natürlich hat der flirrende musikalische Rausch, der die den Luxus liebende Manon und ihren studentischen Liebhaber Des Grieux einbettet, seinen Reiz. Wobei die Stimmen es nicht leicht haben, sich dagegen zu behaupten. Der bodenständige, nicht zu helle, höhensichere Tenor von Young Woo Kim, der in der hier besprochenen Vorstellung den jugendlichen Liebhaber Des Grieux sang, hat viele starke Momente, kann ein tragfähiges Piano gestalten, große Bögen singen und besitzt Kraft. Der eher gedeckten Stimme fehlt aber eine Spur an Glanz und damit auch an Eleganz, um es mit dem Orchesterprunk aufnehmen zu können. Den besitzt der Sopran von Carolina López Moreno in der Titelrolle. Sie stattet die Manon mit einem in der unteren Lage apart eingedunkelten Sopran aus, der über eine leuchtend strahlende Höhe verfügt. Ein wenig fehlt es an Farben dazwischen, an den warmen Tönen jenseits der Extreme. Diese Manon kann wie auf Knopfdruck geheimnisvoll abgründig oder glanzvoll triumphierend singen. Ein vokales Hochglanzprodukt. Aber gibt es einen Menschen dahinter?

Szenenfoto

Männerdompteurin in erotischen Dessous: Manon im zweiten Akt

Das fragt im Grunde auch die Inszenierung von Carlos Wagner, die diese Manon wie einen Brillanten ins Zentrum setzt. Es ist im Text ja immer wieder die Rede von der betörenden Schönheit dieser jungen Frau, an der sie, das sind ihre eigenen Worte. letztendlich zugrunde geht. Carolina López Moreno verkörpert das eindrucksvoll. Ob im unschuldig weißen Kleidchen, in sehr knappen Dessous oder im schwarzen Unterkleid, noch im Sterben makellos elegant, darf man hier wohl von "bella figura" sprechen. Das übrige Personal: Randerscheinungen (auch stimmlich macht aus dem eher soliden als guten Ensemble niemand dem Liebespaar die herausgehobene Position streitig). Des Grieux wirkt ein wenig, als habe er sich versehentlich in diese Glamourwelt verlaufen (was nicht ganz falsch ist). Und wenn die Hauptdarstellerin viel Bein und nackte Haut zeigt (Kostüme: Jon Morrell), wenn eine Frau hier fast drei Stunden ausgestellt wird wie ein Schmuckstück, wird das Publikum, ob es will oder nicht, zum Voyeur.

Szenenfoto

Deportation nach Nordamerika

Darum könnte es gehen, das könnte ein geschickter Zug der Regie sein - aber die bleibt viel zu unbestimmt im Dekorativen verhaftet, als dass man Kritik an diesem Frauenbild verspüren könnte. Zwar abstrahiert sie brav, wenn sie im vierten Akt Manons Mithäftlinge wie Doppelgängerinnen auf die schicke Bühne stellt (so apart war die Wüste nie) und Des Grieux sich nicht recht entscheiden mag, welche er umarmen soll: Es scheint sich hier um eine Art Prototyp für die attraktive Frau zu handeln. Aber an vielen Stellen hängt Wagner einem kleinteiligen Realismus an, der so tut, als wolle er ganz genau eine Geschichte erzählen, die sich exakt so zugetragen hat. Diese beginnt im Italien der 1950er-Jahre mit Anklängen an den Neorealismus eines Roberto Rossellini oder Vittorio de Sica im Kino. Natürlich ist es blanker Unsinn, dass in diesem Ambiente eine Diebin mit anrüchigem Lebenswandel in die nordamerikanische Wüste deportiert wird, und so wirkt die Erzählweise schnell banal. Dagegen setzt Wagner symbolische Bilder. Im Zentrum der schuhkartonförmigen Bühne steht zunächst ein Karussell mit Pferdchen, was die Kindlichkeit von Manon andeutet, aber auch das Motiv der Kutsche (mit der Manon und Des Grieux gemäß Libretto fliehen) hübsch aufgreift (Bühne: Frank Philipp Schlößmann). Im zweiten Akt wird dieses Rondell zur Bühne mit Pole-Dance-Stangen, an denen sich Manon erotisch räkelt, im dritten Akt zum Käfig für die zu Deportierenden, und im vierten zur leeren Scheibe, vielleicht ein Krater, auf der Manon stirbt.

Szenenfoto

Vierter Akt: Manon und Des Grieux (hier auf dem Bild: Gaston Rivera) in der nordamerikanischen Wüste

Das sieht alles toll aus und wirkt irgendwie wichtig. Beim Aufruf der Häftlinge zur Deportation greifen Wachen (Carabinieri?) offenbar wahllos Frauen aus dem Chor heraus (der wie gewohnt klangprächtig singt und flexibel reagiert, dennoch manchmal vom wendigen Dirigat Orozco-Estradas überrascht scheint). Soll hier das toxische Frauenbild einer Männergesellschaft kritisiert werden? Dazu freut sich die Regie allzu offensichtlich an den schönen Bildern und genießt zu unreflektiert die mitreißende Musik. Johannes Erath hat vor ein paar Jahren in Köln die andere Manon, die von Massenet, als kapitalistisches Traumprodukt vorgeführt (unsere Rezension). Hinter dessen seziererisch scharfem Blick bleibt die unverbindlich schöne Manon Lescaut von Carlos Wagner dann doch um einiges zurück.


FAZIT

Eine Manon Lescaut wie aus einem perfekt durchgestylten Hochglanzprospekt - beeindruckend anzusehen wie anzuhören, aber letztendlich doch auch oberflächlich.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Andrés Orozco-Estrada
Arne Willimczik

Inszenierung
Carlos Wagner

Bühne
Frank Philipp Schlößmann

Kostüme
Jon Morrell

Licht
Nicol Hungsberg

Chor
Rustam Samedov

Dramaturgie
Stephan Steinmetz


Statisterie der Oper Köln

Chor der Oper Köln

Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Manon Lescaut
*Carolina López Moreno /
Angela Nisi

Lescaut
Insik Choi /
*Wolfgang Stefan Schwaiger

Des Grieux
Gaston Rivero /
*Young Woo Kim

Geronte di Ravoir
Cristian Saitta

Edmondo
Vasyl Solodkyy

Der Wirt / Ein Sergeant
Michael Terada

Ein Musiker
Adriana Bastidas-Gamboa

Ein Tanzlehrer
Wesley Harrison /
*Armando Elizondo

Ein Laternenanzünder
*Rhydian Jenkins /
Artjom Korotkov

Ein Kommandant der Marine
Yongmin Kwon



Weitere
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