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Rolle rückwärts in die VergangenheitVon Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu
Ist Figaros Hochzeit ein museales Werk? Jedenfalls zeigt das Regieteam um Katharina Thoma das Schloss des Grafen Almaviva als sanierungsbedürftigen Museumskomplex. Wiedereröffnung geplant für 2026 (hier lacht das Kölner Publikum, das um die unendliche Geschichte der Kölner Opernhaussanierung weiß - geplante Wiedereröffnung: 2026). Der aktuelle Graf ist der Direktor des Hauses, Kammerzofe Susanna eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, der liebestolle Page Cherubino ein Praktikant. Der Figaro als leider zeitgemäße #metoo-Story aus der Museumswelt, das hält das Werk auch aus, bei den Übertiteln hilft man notfalls ein wenig nach. Wichtige Requisiten der Handlung als Ausstellungsstücke zu präsentieren, ist eine ganz amüsante Idee. Es holpert, wenn der Praktikant mal eben auf Geheiß des Grafen zum Militär abkommandiert wird, eine im 21. Jahrhundert, gelinde gesagt, unwahrscheinliche Wendung.
Zwischen allerlei Gerümpel, dass sich im Lauf der Jahre um Le nozze di Figaro herum angesammelt hat: Museumsdirektor Almaviva im Jahr 2026 (hier im Bild: Germán Olvera)
Aber es ist ja auch nur der erste der vier Akte, der in der Gegenwart angesiedelt ist. Den zweiten verlegt Thoma in das Jahr 1939. Der schneidige Graf in Lederstiefeln (in der hier besprochenen Aufführung: Wolfgang Stefan Schwaiger mit hellem, wenig verführerischem Bariton) trägt zwar kein Parteiabzeichen, bewegt sich aber militärisch-zackig durch seinen Wohnsitz, wie man es 1939 wohl mochte. Die mondäne Gräfin (Selene Zanetti mit silbrig glänzendem Sopran und beeindruckend intensivem Pianissimo) träumt derweil den goldenen 1920er-Jahren nach. Susanna (unausgeglichen und mit Neigung zum Forcieren: Emily Hindrichs) gehört wie Figaro (solide: Adolfo Corrado) wieder zum Dienstpersonal. Im dritten Akt sind wir bei der Zeitreise rückwärts im Jahr 1786 angekommen, Baujahr des fiktiven Schlosses und Uraufführungsjahr der Oper. Und siehe da, in diesem historischen Ambiente mit den von Mozart und Librettist Lorenzo da Ponte vorgesehenen sozialen Hierarchien, gewinnt die Inszenierung an Schwung und Witz und kann sich freischwimmen vom Inszenierungsballast.
Schlossleben anno 1939: Die Gräfin (rechts) mit Cherubino, links wartet Susanna (hier im Bild: Kathrin Zukowski)
Natürlich möchte die Regie zeigen, dass sexuelle Übergriffe in jeder Epoche ein Problem waren, möchte wohl auch durchgängige toxische Strukturen einer patriarchalischen Gesellschaft zeigen und hat noch eine Reihe anderer schlüssiger Gedanken zum Stück. Aber am besten funktioniert die Inszenierung trotzdem dort, wo sie mit genauer Personenregie der brillanten Musikdramaturgie da Pontes und Mozarts folgt. Wenn Cherubino (mit flammendem Mezzosopran: Anita Monserrat) nicht als Mädchen, sondern als geflügelte Amorette verkleidet wird (Kostüme: Irina Bartels), dann verweist das bereits auf den in einer arkadischen Traumwelt angesiedelten letzten Akt. Hier besiedeln Statuen, als Statuen kostümierte Statisten und sich als Statuen verkleidete Akteure die zum Backsteinbau verwandelte Kulisse (Bühnenbild: Johannes Leiacker). Videoprojektionen (Georg Lendorff) sorgen dafür, dass das Einheitsbühnenbild sich optisch verblüffend gut der jeweiligen Architektur anpasst. Das in anderen Inszenierungen oft ziemlich alberne Versteckspiel im nächtlichen Garten gelingt dem Regieteam hier mit leichter Hand: Niemand versteckt sich, aber niemand erkennt, wer hier gerade welcher Mensch ist oder vielleicht doch nur eine Statue.
Schloss Almaviva, 1786: Gräfin und Graf. Die Portraits an den Wänden sind stilistisch nachfolgenden Epochen zuzuordnen.
Leider verpasst die Regie den großen Moment der Erkenntnis. Allzu belanglos bleibt die Entdeckung des Grafen, dass er gerade kein verbotenes Rendezvous mit Susanna, sondern ein Stelldichein mit der eigenen - verkleideten - Gattin hat. Und vor der großen Geste des Verzeihens müsste die Inszenierung kurz innehalten, müsste aus der Komödie heraustreten. Auch den Bogen zurück zum Beginn und damit in unsere Gegenwart schlägt Katharina Thoma nicht mehr. So haftet dem Regiekonzept etwas Unfertiges an. Museal allerdings wirkt der Figaro auch (und gerade) dann nicht, wenn er im historischen Gewand mit kleinen Brechungen daherkommt und wenn er mit genauer Personenregie zeigt, dass in der 240 Jahre alten Geschichte ziemlich viel für unsere Gegenwart herauszulesen ist. Die Liebe war und ist eben ein seltsames Spiel.
Arkadien in mythischer Vergangenheit: Versteckspiel mit Gräfin im nächtlichen Skulpturengarten
Am Pult des sehr aufmerksamen Gürzenich-Orchesters dirigiert GMD Andrés Orozco-Estrada mit großen Gesten, aber viel Sinn für delikate Klangkultur. Elegant spielen sich nicht nur die Holzbläser die Bälle zu, das Klangbild ist warm und ausgewogen, und auch im Detail ist die Musik genau ausgearbeitet. Was ein wenig fehlt, ist der dramatische Furor. Alles klingt erlesen schön, tritt aber mitunter auf der Stelle. Dass Orozco-Estrada dem Hammerklavier in der Begleitung der Rezitative ein Cello an die Seite stellt, das eher die katablen Bögen als die schnellen Wendungen hervorhebt, unterstreicht diesen Effekt noch. Klangschön und nuanciert singt der Chor der Kölner Oper (Einstudierung: Rustam Samedov).
Dieser musikalisch nicht schlechte, wenn auch nicht herausragende Figaro ist vor allem dann szenisch überzeugend, wenn er sich vom Gedankenballast des Regiekonzepts lösen und mit sorgfältiger Personenregie und einem spielfreudigen Ensemble punkten kann. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Video
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Graf Almaviva
Gräfin Almaviva
Susanna
Figaro
Cherubino
Marcellina
Bartolo
Basilio
Barbarina
Antonio
Don Curzio
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