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Stationen eines Narren
Von Thomas Molke /
Fotos: © Clemens Heidrich
Seit Oliver Graf 2019 die Intendanz am Theater für Niedersachsen übernommen hat, bildet in jeder Spielzeit eine Trilogie einen Schwerpunkt des Spielplans. Dabei erarbeiten die unterschiedlichen Sparten des Hauses jeweils eine Produktion zu einem literarischen Thema mit insgesamt drei unterschiedlichen Regie-Handschriften in einem einheitlichen Bühnenbild. Den Anfang dieser Reihe machten die Räuber in der Spielzeit 2019/2020. Es folgten Medea in der Spielzeit 2021/2022, dann Hamlet, Woyzeck und Don Quijote. In dieser Saison ist die Wahl auf eine Figur gefallen, die zu Hildesheim beinahe schon lokalen Bezug hat: Till Eulenspiegel. Der Ende des 13. Jahrhunderts in Kneitlingen geborene Eulenspiegel ist als Narr zum Helden einer Volkssage geworden und hat seit dem 16. Jahrhundert die Menschen mit seinen Streichen begeistert. Emil Nikolaus von Reznicek hat ihm 1902 ein musikalisches Denkmal gesetzt, das nach einer Wiederaufnahme in den 1930er Jahren nun fast 100 Jahre später erstmals wieder auf dem Spielplan eines Theaters steht. Allerdings ist der Komponist heutzutage nahezu genauso vergessen wie seine am 13. Januar 1902 in Karlsruhe uraufgeführte Oper. Dabei gehörte von Reznicek im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zu den äußerst erfolgreichen Komponisten und wurde von Gustav Mahler, Richard Strauss und Alban Berg hoch geschätzt. Seinen ersten großen Erfolg erzielte er 1894 mit seiner komischen Oper Donna Diana, deren Ouvertüre als Eingangsmusik der Klassiksendung Erkennen Sie die Melodie? fungierte und deshalb lange Zeit zu den berühmten Nummern von Klassik-Wunschkonzerten zählte. Dass man in den vergangenen Jahren trotz dieses großen Erfolges kein allzu großes Interesse an einer Wiederentdeckung seiner Werke gezeigt hat, mag vor allem darin begründet sein, dass er 1934 unter den Nationalsozialisten zum Deutschen Delegierten des neu gegründeten Ständigen Rats für internationale Zusammenarbeit der Komponisten gewählt wurde, einer Institution, die als Nazi-Organisation galt und somit von Reznicek als NS-Sympathisanten abstempelte. Dass er mit einer Jüdin verheiratet war und ihm die neuen Machthaber, wie Zeugenaussagen belegen, persönlich eher unsympathisch gewesen seien und er sein Amt genutzt haben soll, um Werken zur Aufführung in Deutschland zu verhelfen, die die Nationalsozialisten nicht ohne Weiteres akzeptiert hätten, wird dabei häufig vergessen. So soll er seinen Zeitgenossen wie sein Eulenspiegel als sehr kritischer und streitbarer Zeitgenosse gegolten haben. Till Eulenspiegel (David Soto Zambrana, Mitte kniend) foppt die Milchmädchen und verliebt sich in Gertrudis (Gabrielė Jocaitė, rechts daneben). Das Libretto zur Oper verfasste von Reznicek selbst. Auch wenn er als Vorlage die Dichtung Eulenspiegel Reimensweiß von Johann Fischart aus dem Jahr 1572 nennt, dürfte der Eulenspiegel-Roman von Charles de Coster aus dem Jahr 1867 eher Pate gestanden haben, da von Reznicek daraus unter anderem die Liebesgeschichte übernimmt und die Handlung in die Zeit der Bauernkriege verlegt. Die Oper behandelt in den zwei Akten und dem Nachspiel insgesamt drei Episoden aus Tills Leben. Es beginnt 1525 in Kneitlingen damit, dass Till seiner besorgten Mutter mitteilt, dass er künftig als Narr durch die Welt ziehen wolle. Auf dem Marktplatz trifft er dann auf Gertrudis und die beiden verlieben sich ineinander. Zunächst wird er aber von Opfern seiner Streiche beim kaiserlichen Vogt Uetz von Ambleben angeklagt und soll mit dem Tod bestraft werden. Durch einen Streich kann er diese Strafe in eine dreijährige Verbannung umwandeln. Der zweite Akt spielt auf der Burg Ambleben drei Jahre später. Uetz terrorisiert mittlerweile die Bevölkerung mit ständigen Raubzügen. Till kehrt als verkleideter Mönch zurück und ermöglicht den Bauern, die Burg zu stürmen. Gemeinsam mit Gertrudis, die auf ihn gewartet hat, zieht er in die Welt hinaus. Im Nachspiel sind viele Jahre vergangen und der todkranke Till kehrt in ein Krankenhaus zurück, dass von Uetz und seinem Kumpanen, dem Doctor, geführt wird. In einem letzten Streich gelingt es ihm, im Hospital aufgenommen zu werden und gelassen von der Welt Abschied zu nehmen. Till Eulenspiegel (David Soto Zambrana, Mitte) soll gehängt werden (von links: Andrey Andreychik als Doctor, Tobias Hieronimi als Uetz, Atsushi Okumura als Scharfrichter und Gabrielė Jocaitė als Gertrudis). Das Regie-Team um Jan Langenheim verzichtet im Großen und Ganzen auf eine Modernisierung der Vorlage und präsentiert die Geschichte ähnlich volkstümlich, wie sie gedacht ist. Bei zwei Streichen nimmt sich das Regie-Team allerdings die Freiheit, die "Opfer" abzuändern, weil die Schilderung aus heutiger Sicht mit den historischen Ereignissen nach der Uraufführung recht problematisch wäre. So wandelt Langenheim drei Juden, die von Eulenspiegel hereingelegt werden, in drei Dealer um, die Till für das ihnen geschehene Unrecht beim Vogt verklagen. Aus den Blinden, die von Eulenspiegel hereingelegt werden, werden ein paar Nationalisten. So lässt sich die Schadenfreude, die das Publikum bei diesen Streichen empfinden soll, durchaus übertragen. Ein weiterer Eingriff ist, die sechs Hauptcharaktere nach dem zweiten Akt vor den Vorhang treten zu lassen und über die Figur Eulenspiegel zu räsonieren. Dass die Darstellerinnen und Darsteller diese Überlegungen in ihrer Landessprache vortragen, mag der Tatsache geschuldet sein, den gesprochenen Text relativ natürlich und flüssig klingen zu lassen. Für das Publikum ist es ein wenig anstrengend, weil die Sprachen fließend ineinander übergehen und das meiste sich so nur aus den Übertiteln erschließen lässt. Ob diese Szene einen anderen Zweck erfüllt, als lediglich für das Nachspiel den Umbau auf der Bühne zu ermöglichen, bleibt unklar. Uetz (Tobias Hieronimi, Mitte) feiert mit den beiden Hofmännern (Teaseop Kim, links und Julian Rohde, rechts) den Raubzug. Lars Linnhoff hat einen Bühnenraum entworfen, der das Flair von improvisiertem Stegreiftheater vermittelt. Die Bühne ist im Hintergrund von herabhängenden Tüchern eingerahmt, die relativ willkürlich zusammengestellt wirken. Für die einzelnen Akte werden sie in der Höhe verändert. Im ersten Akt sind sie höher angebracht und geben Eulenspiegel die Möglichkeit, in unterschiedlichen Höhen durch den Vorhang zu blicken, während seine Mutter sehnsüchtig auf seine Rückkehr wartet. Im zweiten Akt hängen sie ein bisschen tiefer, so dass Eulenspiegel als verkleideter Mönch sein Amt als Turmwächter ausüben kann und darüber blicken kann. Im Nachspiel sind sie dann größtenteils heruntergerissen und deuten das Scheitern des Bauernaufstands an. Die Requisiten sind ähnlich einfach gehalten und ermöglichen schnelle Umbauten. Hervorzuheben sind vielleicht die Eule und der Spiegel, die Gertrudis in einem Koffer als Erinnerung an ihr Idol bei sich trägt. Die Kostüme von Amelie Müller sind ebenfalls recht volkstümlich gehalten. Bei Eulenspiegel wird sogar im zweiten Akt die legendäre Kappe mit den Schellen verwendet. Nur der Vogt und der Doctor wirken in ihren kurzen Hosen unter dem langen Mantel eher wie eine Karikatur. Till Eulenspiegel (David Soto Zambrana) am Ende seines Lebens In diesem Ambiente lässt Langenheim das spielfreudige Ensemble eine unterhaltsame, kurzweilige Geschichte erzählen, die mit relativ eingängiger Musik, die sehr tonal gehalten ist und in der Melodieführung Anleihen vom 12. bis zum 19. Jahrhundert aufweist, durch unterschiedliche Lebensstationen Eulenspiegels führt. So erinnert beispielsweise das Choralfinale des 1. Aktes an ein altes Volkslied aus dem 16. Jahrhundert. Auch das Trinklied, das Uetz im 2. Akt anstimmt und sein Lamento im Nachspiel im Hospital stammen melodisch und textlich aus dieser Zeit. Für Eulenspiegel übernimmt von Reznicek eine leitmotivisch klingende Melodie, die in einer gewissen Lebhaftigkeit mit diversen Sprüngen die Unberechenbarkeit des Titelhelden unterstreicht. Teilweise arbeitet von Reznicek auch sehr lautmalerisch, wenn er mit den Holzbläsern das Zwitschern von Vögeln imitiert. Das alles wird von Generalmusikdirektor Florian Ziemen mit der TfN-Philharmonie jugendlich frisch mit sicherer Hand umgesetzt. Nur die Textverständlichkeit der Sängerinnen und Sänger ist an einigen Stellen noch ausbaufähig. So muss man doch häufig auf die eingeblendeten Übertitel zurückgreifen. David Soto Zambrana verfügt in der Titelpartie über einen leichten beweglichen Tenor, der der Figur voll gerecht wird. Am Ende lässt Langenheim ihn nicht wirklich sterben. Die Musik, die nach seinem Tod folgt, suggeriert, dass Eulenspiegel als Idee irgendwie weiterlebt, und so erhebt sich auch Zambrana von seinem Totenbett und springt neuen Streichen entgegen. Gabrielė Jocaitė stattet die Partie der Gertrudis mit warmem Sopran aus. Besonders im Ohr bleibt ihr großes Duett mit Zambrana im zweiten Akt, nachdem Eulenspiegel zu Gertrudis zurückgekehrt ist. Tobias Hieronimi begeistert als unsympathischer Vogt Uetz mit dunklem Bass und großartiger Textverständlichkeit. Andrey Andreychik gibt den Doctor mit herrlicher Komik und überzeugt mit beweglichem Bariton. Auch die kleineren Partien sind mit Neele Kramer als Eulenspiegels Mutter Wibeken, Julian Rohde als Dealer und Hofmann und Eddie Mofokeng als Schultheiß und Kastellan gut besetzt. Der von Achim Falkenhausen einstudierte und um den Extrachor erweiterte Opernchor des TfN begeistert nicht nur durch homogenen Klang und große Spielfreude, sondern setzt auch in kleineren Solo-Rollen Akzente. So gibt es für alle Beteiligten großen und verdienten Applaus. FAZIT Dem TfN gelingt eine unterhaltsame Wiederbelebung von Rezniceks vergessener Oper. Ob dieses Werk allerdings das Zeug hat, den Sprung ins Repertoire zu schaffen, darf bezweifelt werden.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
TfN-Philharmonie Opernchor und Extrachor des TfN
Solistinnen und Solisten *Premierenbesetzung Till Eulenspiegel Gertrudis Uetz von Ambleben, kaiserlicher Vogt Der Doctor Die alte Wibeken, Tills Mutter Schultheiß / Kastellan 1. Dealer / 2. Hofmann 2. Dealer 3. Dealer / 1. Hofmann Die Frau mit dem Hahn Die Wirtin mit dem Hundsfell Scharfrichter Wirt Krämer Kaufmann Knappe
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