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Musiktheater
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Sissy

Operette in zwei Akten
Text von Ernst Marischka und Hubert Marischka
basierend auf dem Lustspiel Sissys Brautfahrt von Ernst Décsey und Gustav Holm
Bremer Fassung ergänzt mit Liedern von Georg Kreisler
Musik von Fritz Kreisler


In deutscher Sprache
Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere am 30. November 2025 im Theater am Goetheplatz Bremen

Logo: TheaterBremen

TheaterBremen
(Homepage)

Geflügelte Worte

Von Joachim Lange / Fotos von Jörg Landsberg

Sissy? Kennt jeder. Die schöne österreichische Kaiserin. Die so aussieht wie die junge Romy Schneider. Oder doch nicht? Vielleicht eher die Musical-Heldin, die ein Pas de deux mit dem Tod tanzt? Als Stilikone, Rebellin, Mordopfer und Legende ist Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837-1898) auch heute noch so interessant, dass es immer wieder Neuverfilmungen ihres Lebens gibt, die im besten Falle als Neubefragung auch zu neuen Einsichten in eine vielleicht doch nicht so simple Persönlichkeit führen.

Was jetzt in Bremen unter dem Titel Sissy auf die Bühne gekommen ist, ist eine Operettenversion des vor allem als Geigenvirtuose aber auch als Komponist zu seiner Zeit berühmten, 1875 in Wien geborenen, 1962 in New York gestorbenen Austroamerikaners Fritz Kreisler. Weil es eine entfernte Verwandtschaft gibt und schon allein rein marketingtechnisch passt, wurde der operettige Sissy-Schmäh jetzt mit ein paar köstlichen Bosheiten von Georg Kreisler (1922-2011) aufgepeppt. "Der Liebesbrief", "Zwei alte Tanten tanzen Tango", "Der Witz", "Alpenglühn" und "Wien ohne Wiener" sind eingebaut. Der heute noch im Gedächtnis aller Wien-Liebhaber und -Spötter präsente, scharfzüngige Schwarzhumorist würde es vielleicht in Abwandlung seines berühmten taubenmordenden Songs mit einem "Gehn wir Klischees vergiften im Theater" kommentieren.

Vergrößerung Die beiden Schwestern Ludovica und Sophie tanzen als alte Tanten Tango

Wenn der Bremer GMD Stefan Klingele mit offensichtlichem Spaß am (Mit-)Spiel vom Pult des auf der Bühne platzierten Orchesters ans Klavier nach vorn wechselt und diese Lieder begleitet, kommt die liebevolle Ironie, mit der sich Frank Hilbrich (Regie), Volker Thiele (Bühne) und Gabriele Rupprecht (Kostüme) des nach seiner Uraufführung 1932 in Vergessenheit geratenen Schmankerls annehmen, ganz zu sich selbst. Ebenso wie die immer wieder eingestreuten Zitate, die, wie es einmal ausdrücklich heißt, der Zeit weit voraus sind und von Schopenhauer bis Woody Allen und John Lennon reichen. Da wurde ein ganzes Zitatenbändchen geschickt unters Libretto gemischt. Und das ist gut so, denn dieser mutwillige Anachronismus macht einfach Spaß, genauso wie das hemmungslos lustvolle Spiel mit den Sissy-Klischees. Überhaupt wird an diesem Abend viel geredet.

Das hinten auf der Bühne postierte Orchester verdeckt meistens eine nicht nur malerische, sondern auch gemalte Bergkulisse vom bayerischen Possenhofen, wo Herzog Max von Bayern und seine Ludovica residieren. Mit einer Tochter aus der Kinderschar verbindet Ludovica fürstlichen Wir-werden-Kaiserin-Ehrgeiz. Wobei sie mit Blick auf den jungen österreichischen Kaiser Franz Josef zunächst aufs falsche (nun ja) Pferd setzt. Aber weder die hübsche Helene noch der junge Kaiser wollen sich wirklich von der Kaiserinmutter Sophie und ihrer ehrgeizigen Schwester aus der Provinz (Ludovica) verkuppeln lassen.

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Sissy (links) und ihr Vater rechts nehmen die Kaiserinmutter in die Mitte, davor die vielen Geschwister von Sissy

Bei diesen Räubern gibt es einen, der das Ausrauben der Bank (anders als bei Brecht) doch dem Dasein als Banker vorzieht. Es gibt dämliche Ordnungshüter und einen Finanzminister, der mit vollen Händen ausgibt, was er nicht hat. Auch die Vertreter der Obrigkeit bekommen hier ihr Fett weg. Und dann gibt's die obligate Lovestory - zwischen Räubertochter Fiorella (Steffi Lehmann) und dem Neuräuber Fragoletto (Nadine Lehner).

Helene ist in den Prinzen von Thurn und Taxis verliebt und der auch in sie. Für Elisa Birkenheier und den mit einem exzellenten operettigen Tenorschmelz aufwartenden Fabian Düberg ist das eine Steilvorlage für eine vokale Liebelei vom Feinsten. Was durchaus daran liegen mag, dass er von einem Mann und sie von einer Frau verkörpert werden. Diese Konstellation macht auch die Beziehung von Ballerina Ilona Varady (Adèle Lorenzi) und dem sich köstlich in die Knallcharge hineinsteigernden Martin Baum als Oberst von Kempen zu einem komödiantischen Genuss ohne gedankliche Umwege. In diese Gruppe gehört auch Schauspielerin Susanne Schrader, die die Mutter des Kaisers, Erzherzogin Sophie, mit allen mütterlichen Boshaftigkeiten ausstattet, die man sich so vorstellen kann. Klar, dass sie dann beim Georg-Kreisler-Lied "Wien ohne Wiener" ihren Weltfrust 'rauslassen kann und zusammen mit ihrer Schwester Ludovica beim "Zwei alte Tanten tanzen Tango" brilliert.

Vergrößerung Helene, der Kaiser, seine Mutter und Sissys Mutter

Beim übrigen Cast ist das nicht ganz so einfach. Hier inszeniert nämlich der Zeitgeist mit. Als Sissys Mama lässt Bassist Christoph Heinrich seinem Komödiantenaffen von der Leine. Sissys Vater Max gibt Ulrike Mayer als den ursympathischen, kinderliebenden Vater meist in übergroßer Lederhose. Dass Sissy mit Arvid Fagerfjäll von einem schwedischen Bariton und Franz Josef von Schauspielerin Lieke Hoppe verkörpert werden, versteht sich bei so viel Verfremdungseifer fast schon von selbst. Immerhin bleiben es Paare, die von Protagonisten verschiedenen Geschlechts verkörpert werden. Man mag das modern finden. Völlig einleuchtend ist es dennoch nicht. Da müsste man dann doch noch einen Zahn in Richtung Dekonstruktion und Boshaftigkeit zulegen. Wenn es im Grunde so nett bleibt wie in Bremen, kann man sich zwar über das mimische Fischen in fremden Geschlechtergewässern amüsieren. Aber man kann sich auch fragen, ob damit wirklich etwas aufgebrochen und grundsätzlich neu bewertet wird.

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Das Happy End im Stück: Sissy und ihr Kaiser

Außerdem fragt man sich beim Blick auf den Besetzungszettel schon, was eine "Queer-Dramaturgie" hier eigentlich bedeuten mag. Schaut man auf der Homepage des Theaters nach, dann erfährt man, dass "Heinrich Horwitz (they/sie/er)… Regisseur*in, Choreograf*in und Schauspieler*in." und "Aktivist*in für queere Sichtbarkeit in Kultur und Medien" ist. Bevor man sich auf eine ernsthafte Spurensuche danach einlässt, was das bei dieser Besetzung - die immerhin das ihre für einen turbulenten und höchst unterhaltsamen Abend beigetragen hat, glimmt der Verdacht auf, dass die Aktivisten und Aktivistinnen und alle dazwischen und außerhalb hier womöglich in die Falle ihres eigenen Eifers getappt sein könnten.


FAZIT

Diese Bremer Sissy-Variante ist eine Bühnen-Gaudi, die da zündet, wo sie nicht mehr als unterhaltsames Theater sein will. Es ist eine gut gemachte Operettenvariante der Episode, in der sich Sissy und ihr Franz Josef kennenlernen. Sie mit hübschen Anachronismen aufpoliert, lebt von der Spielfreude und nimmt sich selbst auf die Schippe.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Klingele

Inszenierung
Frank Hilbrich

Choreographie
Jacqueline Davenport

Bühne
Volker Thiele

Kostüme
Gabriele Rupprecht

Licht
Christian Kemmetmüller

Chor
Karl Bernewitz

Dramaturgie
Frederike Krüger

Queer-Dramaturgie
Heinrich Horwitz


Kinderchor des Theaters Bremen


Bremer Philharmoniker


Solisten

Franz Joseph, Kaiser von Österreich
Lieke Hoppe

Erzherzogin Sophie, seine Mutter
Susanne Schrader

Herzog Max in Bayern
Ulrike Mayer

Ludovica, seine Gattin
Christoph Heinrich

Helene, genannt Nené
Elisa Birkenheier

Elisabeth, genannt Sissy
Arvid Fagerfjäll

Der Prinz von Thurn und Taxis
Fabian Düberg

Oberst von Kempen
Martin Baum

Ilona Varady, Balletttänzerin
Adèle Lorenzi

Ein Pianist und Hofkapellmeister
Stefan Klingele

Übrige Geschwister von Helene und Elisabeth
Kinderchor des Theater Bremen

Hofopernballett
Ballettelevinnen der Ballettschule Davenport


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
TheaterBremen
(Homepage)





Da capo al Fine

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