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Musikalische
Reise durch sechs Jahrzehnte Von Thomas Molke / Fotos: © Jörg Landsberg In insgesamt fünf Produktionen hat der letzte Intendant Francis Hüsers mit unterschiedlichen Rock Partys ein neues Format entwickelt, das dem Theater Hagen ausverkaufte Vorstellungen beschert und gewiss auch ein neues Publikum erschlossen hat. Der neue Intendant Søren Schumacher macht nicht nur da weiter, wo sein Vorgänger aufgehört hat, sondern führt auch bei der ersten neuen "Rock Show" selbst Regie. So gibt es unter dem Titel Soultrain eine Journey to the Heart. Der Titel greift eine Fernsehsendung auf, die 1971 in den USA an den Start ging und sich zu einem kulturellen Phänomen entwickelte, das bis 2006 äußerst erfolgreich lief und sich mit Black Music an ein überwiegend afroamerikanisches Publikum richtete. So wie der Soul Train in den USA in seiner fast 36-jährigen Geschichte ein breites musikalisches Feld von Funk, R'n'B, Blues, Soul und Gospel abdeckte, macht nun das Theater Hagen einen musikalischen Streifzug durch sechs Jahrzehnte und konzentriert sich dabei in großen Teilen ebenfalls auf Black Music. Vanessa Henning mit Cheng-Yang Peng Natürlich darf bei diesen Partys Vanessa Henning nicht fehlen, die nicht nur durch eine überbordende Bühnenpräsenz besticht, sondern auch für eine unglaubliche Energie im Saal sorgt. Zum instrumentalen "Abendsegen" aus Humperdincks Hänsel und Gretel wird sie an diesem Abend auf einem Bett im Hintergrund der Bühne eingeflogen, bis sie ihre Reise mit dem Soultrain beginnt, der im ersten Teil vor allem durch Coming-of-Age-Erzählungen die Entwicklung junger Menschen hin zum Erwachsenendasein verfolgen. Mit Jan Delays "Rave against the Machine" heizt sie dem Hagener Publikum direkt zu Beginn richtig ein und tritt sofort mit ihm in Interaktion. Das fängt mit der Begrüßung an. Als ihr die Antwort auf "Hallo Hagen" nicht laut genug ist, kommt ein motivierendes "Das könnt ihr besser", bis ihr ein begeistertes "Hallo Vanessa" entgegenschallt. Die gut aufgelegten Background-Vocals Neele Pettig, Elizabeth Pilon und Carolin Rossow waren in der gleichen Besetzung schon beim vorletzten Abend Simply the Best dabei. Noemi Emanuele Martone, die die Choreographie zu den letzten beiden Partys beigesteuert hat, schlüpft dieses Mal selbst in die Rolle der Tänzerin an der Seite von Riccardo Maria Detogni und Cheng-Yang Peng, die schon bei Like a Rolling Stone dabei waren. Arrangiert hat die Songs wie die vorherigen Partys wieder Andres Reukauf, der den Abend auch am Keyboard begleitet. Neben ihm gibt es auch in der insgesamt sechsköpfigen Rock Show Band einige alte Bekannte. So ist Arjuna de Souza erneut an der E-Gitarre zu erleben und begeistert unter anderem bei "Purple Rain" von Prince mit einer eindrucksvollen Gitarreneinlage. Auch Andreas Laux am Saxophon, Jörn Brackelsberg am Bass und Volker Reichling an den Drums können als "alte Bekannte" bezeichnet werden. Mit "Pick Up the Pieces" von Average White Band und "The Chicken", der ursprünglichen B-Seite von James Browns "The Popcorn", können sie sich auch als hervorragende Instrumental-Solisten beweisen und reißen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Positioniert sind die Musiker auf drei Podesten, wobei das mittlere Podest mit den Drums und dem Keyboard ein bisschen höher gelegen ist und ein cooler Wagen darunter einfahren kann, der dem Ensemble unter anderem als Bühnenbild für die Reise gilt. Ansonsten werden für einzelne Songs zwei Sitze hereingefahren, die vor einem projizierten Zugabteil die Illusion eines Zuges vermitteln. Daniel Ferrer (links) mit Arjuna de Souza (rechts) Wie in den vorherigen Produktionen stehen auch dieses Mal Henning zwei Solisten zur Seite, die dieses Mal allerdings keine alten Bekannten sind. Daniel Ferrer wirkt bei seinem Auftritts-Song "Celebration" von Kool & The Gang noch ein wenig zurückhaltend und schüchtern. Vielleicht kommt der Song im Programm aber auch einfach zu früh. Man hätte vielleicht vorher mehrere "good times" haben müssen und nicht nur Sheryl Crows großartiges "All I Wanna Do" in einer Interpretation von Vanessa Henning. Wenn Ferrer bei seinem zweiten Auftritt im Alf-Kostüm aus dem Orchestergraben erscheint und "Hard to Handle" von The Black Crowes präsentiert, ist das Eis gebrochen und der Funke zum Publikum springt endgültig über. Richtig abrocken kann er dann im Prince-Medley, bei dem er sich ein "Gitarren-Duell" mit Arjuna de Souza liefert. Nach der Pause fliegt er als "Mann in der Uhr" auf die Bühne, um "All Night Long" von Lionel Richie zu präsentieren und wirkt auch bei James Browns "I Feel Good" absolut locker. Bei diesen beiden Songs tritt auch er mit dem Publikum in Interaktion. Robin Reitsma Robin Reitsma gelingt direkt mit seiner ersten Nummer "Try a Little Tenderness" ein cooler Einstand. Beim Medley "Just a Gigolo / I Ain't Got Nobody" zeigt er sich dann von seiner humorvollen Seite, wenn er plötzlich von mehreren Muppet-Figuren umgeben ist. Den zweiten Teil eröffnet er dann mit einem kraftvoll interpretierten "Rosanna" von Toto, wobei er das Publikum zum Mitsingen auffordert. Sehr deutlich macht er die eindeutigen sexuellen Anspielungen im Song "Mustang Sally", wird dabei aber am Ende des Songs von Henning mit einem Tritt in die Weichteile in seine Schranken verwiesen. Ein weiterer musikalischer Höhepunkt ist das Duett mit Ferrer vor der Pause, "Don't Let the Sun Go Down on Me". Die Interpretation der beiden geht unter die Haut. Eindrucksvoll gelingt auch Michael Jacksons "Man in the Mirror" nach der Pause, bei dem Ferrer und Reitsma im gleichen Kostüm auftreten und man nicht genau entscheiden kann, wer von beiden jetzt das Spiegelbild und wer das Original sein soll. Stimmlich großartig gelingt Reitsma auch die Abschlussnummer "November Rain", bei der Henning in dem weißen Hochzeitskleid auftritt, das man aus dem berühmten Video von Guns'n'Roses kennt. Vanessa Henning (Mitte) als "Dancing Queen" (auf der linken Seite von links: Cheng-Yang Peng, Neele Pettig, Noemi Emanuela Martone, auf der rechten Seite von links: Carolin Rossow, Elizabeth Pilon und Riccardo Maria Detogni) Zwischen diesen Nummern tritt immer wieder die großartige Vanessa Henning in Aktion. Ein bisschen aus dem Rahmen fällt "Dancing Queen" von Abba. Hier zeigt Henning eine ganz neue und ungewohnte Seite ihres Könnens, auch wenn man ihr Songs wie "Don't Stop the Music" von Rihanna, "Ain't Nobody" von Chaka Khan und "Fire" von Ayọ eher abnimmt. Auch beim berühmten "It's Raining Men" ist sie ganz in ihrem Element, und das Publikum erhebt sich ohne weitere Aufforderung, tanzt und singt mit. Pettig, Pilon und Rossow sind nicht nur als Backing-Vocals stimmlich absolut auf der Höhe, sondern machen auch in den Choreographien von Nicole Eckenigk eine gute Figur. Eine Hommage an Hagen gibt es direkt in zwei Songs. Wenn Henning mit einem Kran aus dem Orchestergraben zum Song "Don't Stop Believin'", mittlerweile einer Stadion-Hymne für Großveranstaltungen, fast bis in den zweiten Rang emporgefahren wird, ist auf der Bühne ein Basketball-Korb aufgebaut, und das Ensemble liefert sich ein packendes Basketball-Spiel, was in Hagen eine gefeierte Sportart ist. Kurz vor Schluss präsentiert Henning dann noch Tim Fischers melancholischen Song "Zug nach Hagen", der von Sehnsucht erzählt, während der Hagener Bahnhof auf den Hintergrund projiziert wird. Natürlich lässt das Publikum das Ensemble nach "November Rain" nicht einfach gehen und fordert Zugaben. Zuerst gibt es "You'll Never Walk Alone" von Ferrer und Reitsma, bevor Henning, nachdem sie aus ihrem doch recht unbequemen Brautkleid geschlüpft ist, zu einem rockigen "Freedom" von George Michael ansetzt und natürlich das Publikum wieder mit einbezieht. So verlässt man beschwingt nach knapp drei Stunden das Hagener Theater.
FAZIT
Der Soultrain knüpft dort an, wo Like a Rolling Stone in der
vergangenen Spielzeit aufgehört hat und begeistert auf ganzer Linie. |
Produktionsteam
Musikalische Leitung, Arrangements Inszenierung
Choreographie Bühne Kostüme Lichtdesign Dramaturgie
Rock Show Band Reeds Trompete Bass Drums Statisterie des Theaters Hagen Solistinnen und Solisten*rezensierte Aufführung Vocals Background-Vocals Mover*innen
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