! Hagen: Platée / Online Musik Magazin

Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Platée

Komische Oper in drei Akten mit einem Prolog
Libretto von Adrien-Joseph Le Valois d’Orville
Musik von Jean-Philippe Rameau

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 24. Januar 2026

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Göttlicher Spaß auf Kosten der Reinigungskraft

Von Stefan Schmöe / Fotos von Leszek Januszewski

Ausgerechnet mit einer Sumpfnymphe soll Jupiter verheiratet werden. Eine reichlich absurde Idee, denn im Kosmos der Mythologie gilt dieses Wesen nicht eben als Ausdruck erlesener Schönheit. Aber es soll ja nur eine Scheinhochzeit sein, um Jupiters Gattin Juno zuerst eifersüchtig zu machen und im nächsten Moment durch die Komik der Situation von solcher Eifersucht zu kurieren. Ein göttlicher Spaß sozusagen - allerdings auf Kosten eben jener Sumpfnymphe Platée, die naiv an das ihr so überraschend verheißene Eheglück glaubt. Aus Göttersicht gibt sie ein dankbares Opfer ab, weil sie sich selbst für unwiderstehlich hält. Jean-Philippe Rameau (1683 - 1764) komponierte das "Ballet bouffon" ("Ballettkomödie") Platée 1745 und nahm damit manches Element der satirischen Operetten Jacques Offenbachs vorweg. Weil der Witz des Stück immer noch zündet und das Werk zudem viel schöne Musik beinhaltet, kann es sich regelmäßig im heutigen Repertoire behaupten.

Vergrößerung in neuem Fenster Platée zwischen Mercure (links) und Cithéron

In Hagen verlegt Regisseurin Anja Kühnhold die Geschichte in ein Hotel unserer Tage. Mit Jupiter und Juno als dessen Besitzerpaar und Platée als Reinigungskraft ist die soziale Skala zwischen Olymp und Sumpf klar abgesteckt. Die Götter und Musen des Prologs (in dem über eine Komödie debattiert wird, die Götter- und Menschenwelt gleichermaßen karikiert) verschmelzen mit den Figuren der eigentlichen Handlung. Das funktioniert insgesamt recht gut. An ausgeprägter Sozialkritik ist der Inszenierung dabei kaum gelegen. Es handelt sich eben um eine Farce, einen großen Spaß, bei dem alles nicht so böse gemeint ist. Schon bei Rameau liegen die Sympathien bei der komischen Nymphe Platée, einer Travestierolle, die von einem hohen Tenor gesungen wird. Theodore Browne spielt mit wohldosiertem, nicht überzogenem Maß an Witz und (Selbst-)Ironie und überzeugt mit leichtem, hellem Tenor auch musikalisch. Die vermeintliche "Hässlichkeit" der Titelfigur ist hier kein ästhetischer Makel, sondern ihr Platz am unteren Ende der Hierarchie, verbunden mit einer von den Reichen als unangemessen wahrgenommenen Unangepasstheit. Diese Platée, gerne mit Kopfhörern über den Ohren abgekapselt von der realen Welt, lebt in ihren Träumen. Komisch wird sie, weil sie als Unterprivilegierte, eigentlich eine Unsichtbare im Räderwerk des Hotels, durch ihr Verhalten sichtbar wird. Ein Hotelgast mit Kopfhörern auf einem Sofa wäre nichts Besonderes. Eine Putzfrau in gleicher Situation irritiert.

Vergrößerung in neuem Fenster

Gott der Liebe und Gott des Spottes: L'Amour und Momus

Platée ist oft von vier Tänzer*innen umgeben, die wie allegorische Figuren ihren Gemütszustand zeigen. Überhaupt greift die Regie die vielen Balletteinlagen des Werkes auf und integriert sie überzeugend in die Handlung. Das überzeugende Hagener Ballettensemble ist stark gefordert. Die Choreographie von Giovanni De Domenico lässt barocke Formen nur entfernt durchschimmern und bedient sich großzügig bei Street Dance und Revue. Der Tanz bekommt damit eine zentrale Bedeutung, wie er sie bei Rameau besaß, und wird zu einem tragenden Element des Abends. Sicher kann man sich solche Balletteinlagen frecher und frivoler vorstellen (man denke an Barrie Koskys Operetteninszenierungen). Kühnhold und De Domenico bleiben letztendlich eine Spur zu harmlos - oder wollen dem Publikum nicht zu viel zumuten. Kurzweilig und unterhaltsam ist die Produktion aber allemal.

Vergrößerung in neuem Fenster La Folie singt eine moralisierende Arie über die unglückliche Liebe von Apollo zu Daphne

Jupiter (mit elegantem Bass: Dong-Won Seo) und Juno (stimmlich souverän: Hyejun Melania Kwon) werden keineswegs unsympathisch gezeichnet. Sie sind eloquente, vermutlich leidlich großzügige Vertreter der High Society, die sich an die gesellschaftlichen Spielregeln ihres Milieus halten. Über selbige wacht an der Rezeption des Hotels Kenneth Mattice als Berggott Cithéron, den er mit schönem lyrischem Bass singt, wenn auch die Stimme recht wenig Volumen besitzt. Max Kuzenok gibt den Gott Mercure mit lausbubenhaftem Charme und hellem, zunehmend sicherer auftrumpfendem Tenor. Nike Tiecke stellt mit mädchenhaft leichtem, beweglichem Sopran einen komisch-verzweifelten Amour dar. Alle zeichnet eine große Spielfreude aus, mit der sie die sorgfältig ausgestaltete Personenregie umsetzen. Wie ein eingeschobenes Divertissement wirkt der Auftritt von La Folie, einer allegorische Verkörperung des Wahnsinns oder besser Irrsinns. In einer mahnenden Arie erzählt sie von Apollo und Daphne (auch eine unpassende Liebesbeziehung). Angela Davis gestaltet die Szene mit bestechender Bühnenpräsenz als brillante Revuenummer. Mit strahlendem Sopran und sicher bewältigten Koloraturen stellt Davis, die in Hagen ja auch schon Wagner gesungen hat (Ortrud, Kundry), eindrucksvoll ihre Vielseitigkeit und musikalische Bandbreite unter Beweis. Die Regie steigert passend dazu und mit Gespür für das richtige Tempo den Grad der szenischen Absurdität.

Vergrößerung in neuem Fenster

Bereit zur Hochzeit: Platée und Ballettensemble

Bei allem Unfug auf der Bühne kommt Rameaus Musik keineswegs zu kurz. Verblüffend gut spielt das Hagener Orchester unter der Leitung von Gastdirigent Nicholas Kok. Mit zupackender Energie erklingen die orchestralen Zwischenspiele und Ballettmusiken ebenso virtuos wie präzise. Der Orchesterklang ist scharf konturiert und doch homogen. Pointiert, aber nicht überzogen werden die lautmalerischen Naturschilderungen wie auch die vielen Tierlaute (neben Vogelstimmen ist das in diesem Fall - man befindet sich schließlich in sumpfigem Terrain - das Quaken der Frösche) herausgearbeitet. Chor und Extrachor singen zuverlässig, allerdings mitunter mit einem für diese Musik zu starken Vibrato, wodurch der Chorklang nicht die Prägnanz erhält, die das Orchester vorgibt.


FAZIT

Muntere Barockrevue mit Augenzwinkern: Mit einer guten Ensembleleistung und einem über sich hinauswachsenden Orchester setzt das Theater Hagen das unterhaltsame Regiekonzept überzeugend um.





Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Nicholas Kok

Inszenierung
Anja Kühnhold

Ausstattung
Julia Katharina Berndt

Licht
Martin Gehrke

Choreographie
Giovanni De Domenico

Chor
Julian Wolf

Dramaturgie
Thomas Rufin


Statisterie des Theaters Hagen

Chor des Theaters Hagen

Philharmonisches Orchester Hagen


Solisten

Platée
Theodore Browne

Jupiter
Dong-Won Seo

Junon
Kenneth Mattice

Thespis/Mercure
Anton Kuzenok

Clarine/Amour
Nike Tiecke

Thalie/La Folie
Angela Davis

Momus
Hagen-Goar Bornmann

Ballett Hagen
Rush Carson
Gauthier Hemmerlin
Yu-Hsuan Mia Hsu
Chloe Jeffcoat
Eunbin Kim
Quentin Nabor
Maria Sayrach-Baró
Lazaro Sierra Cairo
Kayleigh Smerud
Thomas Tardieu
Kaja Vidić
Alex Wreiman
Camille Zany


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -