|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Choreographien von jungen Tänzerinnen und Tänzern Von Thomas Molke / Fotos: © Leszek Januszewski
Das Wort Pivot kann, je nachdem in welchem Zusammenhang es verwendet werden, zahlreiche Bedeutungen haben. Meistens bezeichnet es einen Dreh- oder Wendepunkt, der eine strategische Neuausrichtung beinhaltet. Dies scheint auch der Aspekt zu sein, der den neuen Ballettdirektor in Hagen, Taulant Shehu, interessiert, und so hat er eine neue Reihe mit dem Titel pivOT kreiert, bei der sich die Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles in einer neuen Rolle als Choreographinnen und Choreographen ausprobieren und kurze Kreationen mit der Compagnie erarbeiten. Im Opus werden nun sieben Arbeiten uraufgeführt, in denen die Tänzerinnen und Tänzer ihren ganz eigenen Blick auf die Welt preisgeben. Dabei entstehen interessante Bilder, die teilweise verwirren, teilweise zum Nachdenken anregen und teilweise auch von unglaublicher Komik geprägt sind. Das Publikum sitzt auf drei Seiten arenamäßig um die Bühne herum und ist dem Tanz dabei sehr nahe. New Seeds: von links: Gauthier Hemmerlin, Chloe Jeffcoat, Rush Carson, Camille Zany, Kaja Vidič und Alex Wreiman Den Anfang macht eine Choreographie von Thomas Tardieu und Veronica Biondini: New Seeds. Das Stück beginnt bereits, bevor das Licht im Saal erloschen ist. Eine Tänzerin (Camille Zany) betritt die Bühne und geht zu einem Paar Schuhe, das in der Mitte der Bühne liegt. Mit unglaublicher Akribie beginnt sie nun, diese Schuhe anzuziehen. Zwischendurch vernimmt man immer wieder das Geräusch eines Kleinkindes, das die Tänzerin irritiert, da sie das Gefühl hat, dass dieses Geräusch aus ihr herauskommt. Langsam nähern sich fünf weitere Tänzerinnen und Tänzer. Zu einer eher abstrakten Sound-Kulisse bewegen sie sich mal absolut synchron und brechen dann einzeln aus den homogenen Bewegungen aus. Es folgen einige verwirrende Passagen, bei denen beispielsweise ein Tänzer mit einer Krawatte an einer Stange einen anderen Tänzer anlockt oder eine Tänzerin auf Rollschuhen an einer langen Krawatte über die Bühne gezogen wird und immer schnellere Kreise dreht. Das alles wird von den Tänzerinnen und Tänzern mit ausdrucksstarkem Bewegungsvokabular umgesetzt. Auf der Suche nach dem Licht: Camille Zany und Thomas Tardieu in Moths Wesentlich gegenständlicher ist dann die folgende Choreographie von Gauthier Hemmerlin, Moths. Auf der Bühne befinden sich eine Stehlampe und zwei kleine Tische, die alle mit einer durchsichtigen Folie bedeckt sind. Auf den Tischen ist ein kleines Licht zu sehen. Die sechs Tänzerinnen und Tänzer treten in weißer Kleidung mit einer weißen Wollmütze über dem Gesicht auf und erscheinen zunächst als ein verknotetes Bündel. Während Chopins "Mazurka" in e-Moll versuchen sie zu Knackgeräuschen sich allmählich voneinander zu lösen. Das gelingt zunächst nur einem Tänzer, der sich durch hohe schwarze Stiefel von den übrigen "Motten" unterscheidet. Er ist es auch, der als erster den Weg zu dem kleinen Licht findet und es an sich nimmt. Nun entsteht ein faszinierendes Spiel mit dem Licht. Dabei halten alle Tänzerinnen und Tänzer eine kleine Lampe in der Hand, die man in der Regel nicht sieht und die so leuchten, als ob das Licht auf magische Weise von einem zum anderen fliegt. Das wird mit großartiger Präzision umgesetzt und begeistert das Publikum. Am Ende gelangen alle Motten zu der großen Lampe im Hintergrund, die schließlich in hellem Licht erstrahlt. Die Motten haben also ihren Weg gefunden. Both Sides Now!: Chloe Jeffcoat und Rush Carson Der dritte Teil des Abends, Both Sides Now! von Chloe Jeffcoat, versprüht pure Lebensfreude. Hier tanzen Rush Carson und Chloe Jeffcoat ein lebhaftes Duett. Zum fröhlichen "Bébett' coco" von Alain Péters scheint sich das Paar zunächst absolut einig zu sein und bewegt sich in homogener Harmonie. Dabei strahlen sie über das ganze Gesicht. Zwischenzeitlich wird dann anschließend zwar die Freude ein wenig getrübt und die beiden kämpfen um die Vormachtstellung. Nun wird auch die andere Seite der Medaille sichtbar. Aber am Ende löst sich alles wieder in Wohlgefallen auf, und man kehrt zur Harmonie des Anfangs zurück. Der letzte Teil vor der Pause, Everything good at home? von Lázaro Sierra Cairo, ist etwas düsterer gehalten. Die Bühne wird von weißen Luftballons eingerahmt, die die Tänzerinnen und Tänzer zu Beginn aufstellen. In der Mitte befinden sich weitere weiße Luftballons. Die Tänzerinnen und Tänzer treten in weißen Faltenröcken auf und scheinen sich in den Luftballons zu suchen. Mal platzen diese, dann werden sie von mehreren Tänzern mit Luft gefüllt und dehnen sich aus. Dabei ist alles von einer großen Melancholie geprägt. Pluralpureliminal: Ensemble Nach der Pause geht es mit Pluralpureliminal von Quentin Nabor weiter, und der Titel ist so verwirrend, wie das, was man auf der Bühne zu sehen bekommt. Die vier Tänzerinnen und Tänzer wirken in identischen blassen Kostümen mit einer weißblonden Kurzhaarperücke allesamt wie Klone, was im Gegensatz zur Vielfalt im Wortbestandteil "Plural" steht. Im Hintergrund befindet sich eine Art Wartesaal, der farblos grau ist. Wie im ersten Teil vor der Pause beginnt das Stück, bevor wieder alle Zuschauerinnen und Zuschauer auf ihren Plätzen sitzen. Eine Frau schiebt einen Staubsauger langsam über die Bühne. Dabei macht sie den zurückkehrenden Zuschauerinnen und Zuschauern mit aller Höflichkeit deutlich, dass sie ihr im Weg sitzen oder durch den Bereich laufen, den sie saugen möchte. Anschließend legt sie den Staubsauger beiseite und begibt sich in die Mitte der Rückwand. Sie verschwindet in einem Gang und taucht in mehreren Klonen wieder auf. Nun entsteht eine Art Kampf mit den Stühlen. Durch individuelle Bewegungen scheinen die Klone aus ihrer Einheitlichkeit auszubrechen, kehren zu Nina Simones "I'll Look Around" allerdings am Ende wieder in die monotone Ausgangssituation zurück. Anschließend gibt es Hold32 von Camille Zany, das ebenfalls ein breites Bewegungsspektrum für vier Tänzerinnen und Tänzer zeigt. Das Sounddesign für die Choreographie stammt von Sebastien Zany und wirkt zunächst recht kämpferisch. Zwei Paare führen ein regelrechtes Kräftemessen durch. Interessant dabei ist, dass es sich hierbei zunächst um ein männliches und ein weibliches Paar handelt. Der Tanz wird von beiden Paaren sehr kraftvoll und bewegungsintensiv ausgetragen. Im weiteren Verlauf wechseln die Paarkonstellationen wechseln, und am Ende setzt Zany auf absolute Ruhe und Bewegungslosigkeit. Eine Tänzerin und ein Tänzer halten sich einfach eng umschlungen, und eine ganze Zeit passiert gar nichts, bis schließlich das Licht verlischt. Das Chaos bricht aus in Three in the afternoon: von links: Maria Sayrach Baró, Waltraud Körver und Quentin Nabor In der letzten Choreographie des Abends wird dann der Begriff "Tanztheater" im wahrsten Sinne des Wortes präsentiert. Kayleigh Smerud hat unter dem Titel Three in the afternoon ein Stück entwickelt, das scheinbar als ganz normale Alltagssituation beginnt, die aus den Fugen gerät. Dramaturgin Waltraud Körver sitzt an einem Tisch mit zahlreichen Telefonen und versucht, diese quasi gleichzeitig zu bedienen. Acht Tänzerinnen und Tänzer treten in den unterschiedlichsten Kostümen auf, die verschiedene Menschen charakterisieren. Da ist die exaltierte Femme Fatale genauso vertreten wie der Sporttrainer mit Trillerpfeife, ein Doktor, eine schwangere Frau und ein Kind im Schlafanzug. Alle sitzen zunächst in dem Raum, in dem Körver unaufhörlich Telefongespräche führt. Im Hintergrund läuft der 2. Satz aus Beethovens 7. Sinfonie in A-Dur. Eine sehr alte gebrechliche Dame tritt mit einem Gehstock auf und setzt sich auf einen Stuhl. Dann fällt ihr der Stock aus der Hand. Sie versucht sich zu bücken, um ihn aufzuheben, schafft es aber nicht. Der Sporttrainer will helfen, muss aber feststellen, dass er sich nicht von seinem Stuhl erheben kann. Und jetzt entsteht eine regelrecht dramatische Situation, die durch die Musik noch gesteigert wird. Immer panischer werden die einzelnen Figuren, weil sie auf ihrem Stuhl festkleben. Dem Trainer gelingt es als erstes, sich von dem Stuhl zu befreien. Er versucht, den anderen Mut zu machen. Nach langem Kampf gelingt es auch, alle anderen mit Ausnahme der alten Frau von den Stühlen zu befreien. Nachdem auch das geschafft ist, muss allerdings alles darangesetzt werden, dass die alte Dame sich nicht wieder hinsetzt. Hierbei wird die Komik von den Tänzerinnen und Tänzern auf die Spitze getrieben, was für große Begeisterung im Publikum sorgt. FAZIT Die jungen Tänzerinnen und Tänzer begeistern mit einem großen Strauß unterschiedlicher, fantasievoller Choreographien und können dabei ganz eigene Akzente setzen. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Konzeption und künstlerische Gesamtleitung
Ausstattung
Lichtdesign
Dramaturgie
New Seeds
Choreographie Tänzerinnen und Tänzer Rush
Carson Moths
Choreographie Tänzerinnen und Tänzer Eunbin Kim Both Sides Now!
Choreographie Tänzerinnen und Tänzer Rush
Carson Everything good at home?
Choreographie Assistenz Tänzerinnen und Tänzer Yu-Hsuan Mia Hsu Pluralpureliminal
Choreographie Tänzerinnen und Tänzer Yu-Hsuan Mia Hsu Hold32
Choreographie Assistenz Tänzerinnen und Tänzer Gauthier Hemmerlin Three in the afternoon
Choreographie Tänzerinnen und Tänzer Rush
Carson
(Homepage) |
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de