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Lohengrin

Romantische Oper in drei Akten
Text und Musik von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Seitentiteln

Aufführungsdauer: ca. 4 Stunden, 45 Minuten (zwei Pausen)

Premiere an der Staatsoper Hannover am 14. September 2025

Koproduktion mit der Opéra National de Lyon



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Staatsoper Hannover
(Homepage)

Wer fragt, wird Herrscher


Von Bernd Stopka / Fotos: Bettina Stöß

Die erste Premiere unter einer neuen Leitung wird immer mit besonderer Spannung erwartet. Bodo Busse ist seit dieser Spielzeit neuer Intendant der Staatsoper Hannover. Mit seiner Moderation der Konzerte zum Spielzeitbeginn hat er menschlich viele Sympathien erworben und auf sein künstlerisches Konzept neugierig gemacht.

Als erste Neuproduktion steht Wagners Lohengrin unter der Regie von Richard Brunel und seiner Mit-Regisseurin Catherine Ailloud-Nicolas auf dem Spielplan.  Brunel ist Generalintendant und künstlerischer Leiter der Opéra National de Lyon. Dieser Lohengrin entsteht daher nicht zufällig als Koproduktion mit diesem Haus. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des (diese Saison noch) Generalmusikdirektors Stephan Zilias.
 
Foto folgtDie angeklagte Elsa (Viktorija Kaminskaite) im Gefängniskäfig beim Schwanenfeder-Regen

Auf der Drehbühne (Bühnenbild: Anouk Dell'Aiera) steht ein nach vorn offener Raum, der sich vielfältig variieren, öffnen und schließen lässt und so die verschiedensten Spielräume bilden kann. Eine Treppe führt innen auf eine kleine Galerie. Nach rechts gedreht, sieht man im ersten und dritten Akt eine Außenmauer, an der eine Treppe hinunterführt, unter der ein Bett steht, um das herum kindliche Zeichnungen von Vögeln an der Wand zu erkennen sind. Gottfried wie Harry unter der Treppe? Oder der Treppenheilige Alexius? Als künftiger Herzog? Elsa erwischt ihn beim Wändebemalen und Ortrud erstickt ihn mit seinem eigenen Kissen. Lohengrin beobachtet das und Telramund, von Elsa beim Kussversuch abgewiesen, sperrt diese in einen Gefängnis-Käfig, der auch zum Drehbühnengebäude gehört.
Und das alles zum Vorspiel, zu dieser überirdischen Musik, die das nicht verdient hat.

Lohengrins Ankunft findet szenisch nicht wirklich statt, "Nun sei bedankt" erklingt aus dem Off. Den mit langen weißen Haaren gezierten Gralsritter bekommt man erst kurz danach zu Gesicht. Zunächst regnet es weiße Federn, die Elsa auch aus den Taschen ihrer Guantanamo-Gefängniskleidung zieht. Wenn Ortrud im zweiten Akt ihren Fluch ausstößt, fallen schwarze Federn, die sie auch in ihren Manteltaschen hat und am Schluss sieht man, dass das Mordkissen mit ebenso schwarzen Federn gefüllt ist. Vögel sind allgegenwärtig. Symbole auch.

Der gottesgerichtliche Zweikampf ist ein Pistolenduell mit verbundenen Augen, in dem Telramund mogelt und dennoch verliert. Pistolen hin und her, Augenbinden auf und ab... viel fragwürdiger Aktionismus hinterlässt viele Fragezeichen. Aber Justitias verbundene Augen lassen grüßen. Um Gerechtigkeit geht es ja an allen Ecken und Enden dieser Oper - aber jeder sieht sie aus einem anderen Blickwinkel. Selbst Ortrud kämpft doch nur um die Gerechtigkeit aus ihrer Sicht. Diesen Knoten aus unterschiedlichen Rechtsauffassungen soll Lohengrin nun lösen. Eine große Herausforderung. Da könnte er sich durchaus wünschen, dass Elsa die Frage stellt und er schnell wieder abhauen kann...

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                        FensterOrtrud (Ewa Vesin) als vögelbeherrschende Ausgestoßene

Den stärksten Eindruck macht das Bühnenbild in der düsteren ersten Szene des zweiten Aufzugs. Der sich drehende Quader ist verschlossen und unterstreicht das Ausgestoßensein Ortruds und Telramunds.  Ortrud beherrscht hier Vögel in Käfigen - und ihren Gatten. Links brennt eine Feuertonne, der geächtete Telramund kommt mit einem Rucksack, um Ortrud abzuholen
Wenn bei Wagner theatralisch sehr geschickt wie aus der Ferne Festmusik aus dem Palast ertönt, hört und sieht man hier laut lachende und kichernde Partygäste. Dies als ein Beispiel für heutzutage immer weiter um sich greifende Überzeichnungen, von denen es auch hier   noch weitere gibt. Elsa bringt Ortrud und Telramund etwas zu essen, das wie Hochzeitstorte aussieht – aber erstmal ist ja noch Polterabend... Sie lässt Ortrud hinein (Telramund will sich anschließen, wird aber von Elsa deutlich zurückgestoßen).
Zum Brautzug verabschieden sich die Frauen von ihren nun Soldaten-Männern. Fast schon komisch ist zuvor die Szene, in der die Uniformen an Haken und Leinen vom Schnürboden sinken und die Alltagskleidung hinaufgezogen wird wie in der Kaue eines Bergwerks. Und Lohengrin ist der Steiger? Na, dann: Glück auf! Glück kann er brauchen.

Foto folgt Einkleidung des Heeres

Als ein optisches Element wird die zunehmende Militarisierung verfolgt, was sich vor allem in den Kostümen (Nathalie Pallandre) widerspiegelt. Stilisierte Uniformjacken in Rot, dankenswerterweise ohne aktuelle Bezüge, breiten sich auf der Bühne zunehmend aus. Damit wird die Universalität der Situation deutlich, aber auch, dass das Einhalten oder Nichteinhalten des Frageverbots weitgreifende Folgen hat und keineswegs nur privat ist. Hält sich Elsa an diesen, in höchster Not geschlossenen Vertrag mit Lohengrin, bleibt er bei ihr, gibt es einen Herzog in Brabant und König Heinrich hat einen Heerführer, der ihm im bevorstehenden Kampf gegen die Ungarn beisteht. Doch wenn Elsa fragt, muss Lohengrin zurück zum Gral. Dann gibt es keinen Ehemann, keinen Herzog und auch keinen Heerführer.

Die "Generalmobilmachung" wird plakatiert. Sogar die Frauen von Brabant verpflichten sich im dritten Akt schriftlich an Heinrichs Rekrutierungstisch und schlüpfen in die schon genannten Uniformen. Auch Elsa.
Vor ihrem Abmarsch zum Kriegseinsatz essen sich die Brabanter noch einmal richtig satt und singen dazu den Brautchor. Die danach leere Kantine dient als Ort des ersten Zusammentreffens von Elsa und Lohengrin allein (vormals „Brautgemach“). Da Lohengrin Elsa schon im ersten Akt unter vier Augen seine Bedingungen mitteilt, verpufft jedoch das „wir sind allein, zum erstenmal allein, seit wir uns sahn“. Durch den öffentlichen Raum geht das Intime verloren. Zwar zeigt es, dass das Frageverbot von öffentlichem Interesse ist, kann als szenische Lösung aber nicht überzeugen. Elsa serviert ihrem Gatten zum Nachtmahl einen Eintopf, was, die Stimmung brechend, komisch und ironisch wirkt, fragt schließlich, was sie nicht fragen darf und wird dadurch...: zur Herrscherin über Brabant! Jedenfalls in dieser Inszenierung.

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                                                          FensterElsa (Viktorija Kaminskaite), Lohengrin (Maximilian Schmitt) in der Brautgemach-Kantine

Während der Gralserzählung dreht sich die Bühne zum Bett unter der Treppe und es wird noch einmal gezeigt, wie Ortrud Gottfried erstickt. Damit kann er auch nicht mehr entzaubert und zum Herzog ernannt werden. Bei seinem Abschied legt Lohengrin Elsa seinen Heerführer-Mantel um und erklärt sie zum "Schützer von Brabant". Nicht "Führer", wie es im Original heißt. Das leidige Thema. Ginge nicht auch "Steiger"?, s. o.
Ortrud stürmt auf Lohengrin zu und ersticht ihn. Warum? Sie wäre ihn in ein paar Minuten doch eh los. Pure Rache für den Ehemann. Elsas letzter Aufschrei bekommt dadurch besondere Bedeutung, sie bedeckt den Toten mit seinem - oder jetzt doch ihrem - Mantel und dem finalen "Weh!" von Chor und König kann ich mich nur anschließen.

Es gibt keinen Schwan, aber andere Vögel in unterschiedlichen Erscheinungsformen und ihre Federn. Fliegende Vögel, Vögel in Käfigen, hängende Vogelkadaver… Die, auch mythologische und religiöse, Symbolträchtigkeit des Vogels ist vielfältig: Freiheit und Unabhängigkeit..., Weltenverbinder.., eine Taube symbolisiert den Heiligen Geist und in diesem Sinne schwebt die Gralstaube am Ende  zu Gottfrieds Erlösung herab. Aber wer hat das jemals auf der Bühne gesehen?
Einen Vogel einzusperren ist ein Frevel. Wofür der Vogel steht, den Lohengrin im Käfig zum Finale mitbringt und freilässt? Immer mal wieder hat man als Zuschauer das Gefühl, Assoziationsangebote zu bekommen, die vieles bedeuten können, sich aber nicht unbedingt in ein Regiekonzept einfügen.
 
Das Regie-Team verfolgt und beleuchtet die verschiedenen Handlungsstränge, teilweise auf parallelen Orten innerhalb des Bühnenbildes. Manchmal werden Szenen eingefroren, um eine andere hervorzuheben. Die Drehbühne ist nicht nur dabei im Dauereinsatz. Da werden Gespräche statt vor aller Ohren unter vier Augen geführt und auch Lohengrins Frageverbot hört nur Elsa. Aber ist es nicht elementar, dass alle es hören, um die Dimensionen des Übertretens deutlich zu machen?
Zwischendurch könnte man denken, das alles sei nur ein Traum Elsas. Zustände, Ebenen, Realität und Unwirklichkeit mischen sich, interessante Details werden beleuchtet, Zauberhaftes und zu Hinterfragendes. Das ist aber nicht nachhaltig erhellend, sondern eher verwirrend. Manchmal ergeben sich dabei sehr eindringliche Momente und Bilder, allerdings auch unfreiwillig komische. Noch schlimmer: Es wird, vor allem in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes, ermüdend langweilig.
Viele Aktionen hinterlassen große Fragezeichen, vor allem wenn sie Text und Musik widersprechen, ja manchmal sogar karikieren. Vom Verlust der Romantik einmal ganz abgesehen. Dabei gibt es gute Grundlagen, auf denen und mit denen eine überzeugende Inszenierung erarbeitet werden kann. An „Schwarz, Weiß, Rot und Federn“ in Hans-Peter Lehmanns innig geliebter Vorgängerinszenierung aus dem Jahr 1988 erinnert sich der eine oder andere Besucher sicher noch gern.

Foto folgt Gralserzählung mit Knabenmord: Lohengrin (Maximilian Schmitt), Clemens Rinder (Gottfried), Ortrud (Ewa Vesin)

Maximilian Schmitt hat ein wunderschönes Timbre, er teilt seine Kräfte klug ein und so klingt die Stimme im Laufe des Abends immer glanzvoller. Ein vielversprechendes Rollendebut als Lohengrin. Die Weiterentwicklung wird spannend.
Als König Heinrich verströmt Shavleg Armasi - als einziger kein Rollendebütant - kultivierten Wohlklang, ohne stimmlich zu protzen. Viktorija Kaminskaite klingt als Elsa recht fraulich, nicht mädchenhaft klar, sondern mit Substanz und Reife, allerdings nicht immer sauber intonierend und man hat oft das Gefühl, dass in der Stimme irgendetwas mitschwingt. Ewa Vesin ist in den großen Ausbrüchen eine angstmachende Ortrud und überzeugt vor allem durch stimmliche Ausdruckskraft und szenische Darstellungsstärke. Grga Peroš ist mit sehr schönem Timbre ein stimmlich nobler und klug gestaltender Telramund. Eine Glanzleistung. Als Heerrufer lässt Peter Schöne mehr Stimmkultur als Stimmkraft hören, dröhnt nicht, könnte aber etwas durchdringender rufen.
 
Stephan Zilias verliert sich weder in romantischem Schwelgen noch in nach Besonderheiten suchendem Herumstochern in der Partitur und dirigiert einen elanvollen, wohlklingenden, berührenden und spannungsreichen Lohengrin der Extraklasse. Großartig, wie er das Vorspiel zum ersten Akt aus dem Nichts heraufschweben und das zum dritten Akt fulminant jubeln lässt. Viele Feinheiten unter großen Bögen faszinieren und zuweilen fühlt man sich auf Klängen schwebend. Das passt zwar nicht zur Inszenierung, rettet aber den Abend. Das Staatsorchester ist bestens disponiert, der Chor klingt in seiner großen Besetzung üppig, prachtvoll, homogen und konzentriert.


FAZIT

"Während des Vorspiels haben wir die Augen zugemacht, weil wir lieber die Musik hören wollten", hörte ich eine Dame in meiner Nachbarschaft sagen. Wer sehen möchte, mag schauen, aber das wirkliche Ereignis findet musikalisch statt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Stephan Zilias
Mario Hartmuth

Inszenierung
Richard Brunel

Mitarbeit Regie
Catherine Ailloud-Nicolas

Bühne
Anouk Dell'Aiera

Kostüme
Nathalie Pallandre

Licht
Laurent Castaingt
Andreas Schmidt


Choreinstudierung
Lorenzo Da Rio

Dramaturgie 
Ann-Christine Mecke


Niedersächsisches Staatsorchester
Hannover

Chor der Staatsoper Hannover

Extrachor der Staatsoper Hannover

Statisterie der Staatsoper Hannover


Solisten

*Premierenbesetzung

Heinrich der Vogler, deutscher König
Shavleg Armasi

Lohengrin
Maximilian Schmitt

Elsa von Brabant
Viktorija Kaminskaite

Herzog Gottfried, ihr Bruder
Clemens Rinder,
Statisterie der Staatsoper Hannover

Friedrich von Telramund, brabantischer Graf
Grga Peroš

Ortrud, seine Gemahlin
Ewa Vesin

Der Heerrufer des Königs
Peter Schöne

Vier brabantische Edle
Constantin Bauer
Chanhee Cho
Bowen Ding
Dongryeol Kim

Vier Edelknaben
Damen des Chores


Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Staatsoper Hannover
(Homepage)





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