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Mit guter Laune zur Kreuzigung
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Pedro Malinowski
Was ist schon so schlimm an einer Kreuzigung? "Etwas Besseres kann Dir nicht passieren, Du bist an der frischen Luft". 1979 drehte die britische Komikergruppe Monty Python den Film Monty Python's Life of Brian (in der deutschen Fassung Das Leben des Brian); weniger eine Parodie des Neuen Testaments als eine Verspottung von Dogmatikern aller Art, religiösen wie politischen. 2007 haben Eric Idle, Mitglied der Gruppe und Komponist diverser Songs in deren Sketchen und Filmen, und John Du Prez den Stoff als Grundlage eines "komischen Oratoriums" mit dem Titel Not the Messiah: He's a Very Naughty Boy verwendet. 2021 fand das Werk in der deutschen Fassung von Thomas Pigor den Weg an das Münchner Gärtnerplatztheater (unsere Rezension), wenn auch mit einer durch die Corona-Pandemie reduzierten Besetzung.
Zeiten der Leichtgläubigkeit: Der naive Brian wird für den Messias gehalten
Wie die musicalhafte, mit etlichen Anspielungen auf Händel und andere Größen der Musikgeschichte gespickte Partitur mit vollem Orchester klingt, kann man jetzt in Gelsenkirchen erleben. Unter der Leitung von Kapellmeister Mateo Peñaloza Cecconi bewegt sich die Neue Philharmonie Westfalen, auf der Bühne platziert, mit bestechender Souveränität durch die Mischung aus pseudobarocken Formen und Operettenseligkeit, Tango und Salsa, pathosschwangerer Monumentalfilmmusik und Song. Nichts an der Musik ist wirklich neu, aber raffiniert zusammengeklaut und souverän arrangiert - und dann mit großer Lust und süffigem Klang aufgeführt. Es macht Spaß, diesem kurzweiligen Stilmix zuzuhören, dem nichts heilig ist.
Mandy (rechts) hatte einst eine kurze Affäre mit einem römischen Offizier (ganz links), deren Folge die Geburt Brians ist. Sopranistin Katherine Allen kommentiert das Geschehen.
Das gilt natürlich auch für die Handlung. Brian wird in der gleichen Nacht wie Jesus Christus geboren, und das auch noch im Nachbarstall. Nur dass seine Mutter keineswegs Jungfrau war, sondern sich gegen allerlei Versprechen einem Römer hingab. Brian, der sich als Widerstandskämpfer gegen die Römer einer Splittergruppe fanatischer Partisanen anschließt, wird alsbald für den Messias gehalten, verhaftet und gekreuzigt. (An der frischen Luft natürlich.) Wie der Film endet auch das Oratorium mit dem berühmtesten aller Monty Python-Songs; "Always Look On The Bright Side of Life". Sehr schön heißt es im Programmheft: "Man stirbt dann wenigstens gut gelaunt". (Als Zugabe gibt es in Gelsenkirchen später noch den "Galaxy Song" aus dem Film Monty Python's Der Sinn des Lebens.)
Ein Zeichen? Bassist Philipp Kranjc präsentiert die Sandale, die Brian auf der Flucht vor seinen fanatischen Anhängern verloren hat.
Obgleich ein Oratorium, gibt es ein paar szenische Elemente der Solisten. Verantwortlich für diese "szenische Einrichtung" ist Carsten Kirchmeier, der sich weder für eine Aufführung mit vorgeschobenem heiligem Ernst noch für Abstrusitäten à la Monty Python entschieden hat, sondern für Klamauk in der Nachfolge der deutschen Fernsehunterhaltung im Geiste eines Didi Hallervorden. Das ist angesichts der Fallhöhe zwischen hehrem Oratorium und dem höheren Blödsinn des Stückes insgesamt ziemlich unterhaltsam und gelegentlich auch wirklich lustig, schöpft aber das absurde Potenzial nicht aus und reicht auch nicht an den Witz der Münchner Produktion heran.
Chor der Heimatlosen
Dabei reicht das charmante Minenspiel der Darstellerinnen und Darsteller völlig aus. Adam Temple-Smith singt den Brian mit leichtem, beweglichem Tenor und agiert mit dem naiven, fast kindlichen Charme eines Musterknaben, der irgendwie versehentlich in eine groteske Rolle hineinrutscht, die ihn hoffnungslos überfordert. Altistin Almuth Herbst trifft als Mutter Brians gut den schmalen Grat zwischen karikierender Überzeichnung (wie sie im Film angelegt ist) und einem Rest an oratorienhafter Würde. Katherine Allen ist eine soubrettenhaft hell timbrierte Judith, Brians Geliebte (die ihn nicht rettet, weil sie seinen Märtyrertod so sehr bewundert). Bariton Dirk Weiler mit vollendet britischer Eleganz und Bass Philipp Kranjc mit draufgängerischem Charme vervollständigen die Solistenriege, die elektronisch verstärkt wird - wobei das Klangbild oft unnatürlich wirkt und die Stimmen allzu sehr aufweitet (Ton: Max Kallien). Hinzu kommt noch Schauspieler Daniel Jeroma, der in Frauenkleidern (Kostüme: Anna von der Heide) vornehmlich als Erzähler fungiert. Der von Alexander Eberle bestens einstudierte, hinter dem Orchester postierte Chor singt mit vollem Klang und darf ab und zu auch szenisch mitblödeln. Große Begeisterung beim Premierenpublikum.
An den absonderlichen Witz von Monty Python kommt diese etwas biedere halbszenische Einrichtung nicht heran, unterhaltsam ist die Aufführung aber allemal. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Szenische Einrichtung
Kostüme
Ton
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten
Sopran / Judith
Alt / Mandy
Tenor / Brian
Bariton / Reg / Ben
Bass / Sten / Schwanzus Longus
Schauspieler / Betty
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