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Musiktheater
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Göttinnen

Cyber-Operette
mit Texten von Nora Krahl
Musik von Jacques Offenbach, Paul Lincke und Momus
im Arrangement von Roman Lemberg

in deutscher Sprache mit Liedern in deutscher, französischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h (eine Pause)

Premiere im Kleinen Haus im MiR am 10. Juli 2025
(rezensierte Aufführung: 28. September 2025)

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Musiktheater im Revier
(Homepage)

Selbst ist die Frau

Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß

Man nehme mehrere musikalische Bühnenstücke, vermenge sie mit Tanz und digitaler Hich-Tech, unterlege sie mit einer zeitgenössischen Geschichte, und fertig ist ein neues Genre, dem man in Gelsenkirchen den futuristischen Namen "Cyber-Operette" verpasst. Ob es wirklich etwas "Bahnbrechendes" und "Neu Erfundenes" darstellt, wie man im Programmheft abgedruckten "ABC der Cyber-Myhtologie" lesen kann, ist Ansichtssache. Die Titelfiguren, die "Göttinnen", stammen aus der griechischen Mythologie und sind - natürlich - Frauen, die "jahrtausendelang... auf Rollen reduziert" worden sind, "die Männer für sie geschrieben haben": Hera, Athene und Aphrodite. Ihr Gatte bzw. Vater, der Göttervater Zeus ist bereits zu Beginn des Abends tot. Wie das bei einem unsterblichen Gott möglich sein soll, lässt sich schwer nachvollziehen. Jedenfalls säubern zu Beginn drei Schicksalsgöttinnen, die Moiren, den Tatort.

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Die Moiren (von links: Annette Kaerger-Steinhoff, Juri Höhne, Birgit Klemp) posieren vor AreX (Henry Morales) als Standbild.

Ihre Funktion bleibt in der Geschichte, die die Regisseurin Nora Krahl mit Texten unterlegt hat, ein wenig unscharf. Übernehmen sie die Funktion eines Chores, der die Handlung kommentiert? Spinnen sie die Schicksalsfäden oder fungieren sie als Moderatorinnen, die auch das Publikum in die Geschichte miteinbeziehen? Das darf sich nämlich im Kleinen Haus nicht einfach bequem zurücklehnen und zuschauen, sondern bekommt auch Text, der auf einer großen Leinwand eingeblendet wird und somit zu einer Interaktion zwischen Bühne und Saal einlädt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer folgen den Anweisungen brav und scheinen Spaß daran zu haben. In den Kostümen von Amir Baltić wirken die drei Moiren wie ältere harmlose Damen, die sich zu einem gemütlichen Kaffeekränzchen verabredet haben. Ab und zu schleichen sie auch wie ein mysteriöses Orakel über die Bühne und warnen: "Vorsicht, Rutschgefahr". Dabei ist es aber vielleicht eher die Story, die hier ausrutscht.

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Hera (Anke Sieloff, links), Aphrodite (Sonja Hebestadt, Mitte) und Athene (Elia Cohen Weissert, rechts) feiern ihre neu gewonnene Freiheit.

Neben dem Mord am Göttervater Zeus vor Beginn des Stückes wirkt auch an der restlichen Handlung einiges arg konstruiert. Die drei Göttinnen genießen ihre neu gewonnene Freiheit durch Zeus' unfreiwilliges Ableben und wollen sich auf der Erde in ein Abenteuer stürzen. Dort landen sie bei einem Cyber-Guru AreX Tamp. Ob der Name eine tiefere Bedeutung haben soll, mag sich vielleicht cyber-affineren Menschen erschließen. Jedenfalls wirkt der Vorname AreX wie eine Mischung aus dem Kriegsgott Ares und dem lateinischen Wort Rex (König). Beides passt zu ihm. Er sieht sich als Nachfolger des Zeus und Retter der Menschheit und will mit Hilfe der göttlichen Kräfte eine allmächtige KI entwickeln. So gelingt es ihm zunächst, die drei Göttinnen für die neue Technologie und sein Experiment zu begeistern und zu benutzen, um ihr uraltes Wissen in seine neue KI einzuspeisen. Doch die Göttinnen wären natürlich keine Göttinnen, wenn sie nicht doch am Ende die Oberhand behalten und sich aus den KI-Modellen venUSA, CHAThera und A.T.H.E.N.E.X.A. befreien würden. So drehen sie den Spieß um, degradieren ihn zu einem Sex-Objekt und kehren in den Olymp zurück, um dort eine neue KI zu entwickeln. Wieso das nächste Abenteuer sie nach Amerika führen soll, erschließt sich nicht.

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AreX Tamp (Henry Morales) hat die drei Göttinnen in einer digitalen Welt eingesperrt.

Das alles klingt eher abstrus als subversiv, was ja ursprünglich ein Merkmal der guten alten Operette à la Jacques Offenbach gewesen ist. Dass es trotz der dünnen Handlung ein großer Spaß ist, ist vor allem dem Ensemble und den ausgewählten musikalischen Nummern zu verdanken, die gut in die Geschichte eingebettet werden. So starten die drei Göttinnen mit dem Schmählied "Um einst Alkmene zu verführen" aus Offenbachs Orpheus in der Unterwelt, in dem sie sich mit leicht abgewandeltem Text über die amourösen Abenteuer des Göttervaters lustig machen. Leider ist der Text des Refrains teilweise schlecht zu verstehen. Die Übertitel sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht sichtbar, weil sie sich hinter dem Vorhang befinden, der sich erst öffnet, wenn sich die Göttinnen auf die Erde begeben. Teilweise werden die Lieder aus Offenbachs Die schöne Helena auch auf Französisch gesungen. Neben kurzen instrumentalen Anklängen aus Hoffmanns Erzählungen und einem Lied aus Offenbachs Operette Le Roi Carotte gibt es auch noch Ohrwürmer von Paul Lincke ("Schlösser, die im Monde liegen" und "Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe") und Songs des 1960 geborenen Musikers Momus.

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Aufbruch zu neuen Abenteuern: von links: Aphrodite (Sonja Hebestadt), Hera (Anke Sieloff) und Athene (Elia Cohen Weissert)

Arrangiert wurden die Lieder von Roman Lemberg und begleitet werden sie von einem fünfköpfigen Ensemble der Neuen Philharmonie Westfalen unter der musikalischen Leitung von Karolina Halbig am Klavier und Synthesizer. Als Göttinnen überzeugen Elia Cohen Weissert, Sonja Hebestadt und Anke Sieloff. Cohen Weissert punktet als Athene mit klarem Sopran und herrlich steifem Spiel, mit dem sie zeigt, dass die Göttin der Weisheit sich bei ihren ersten Flirtversuchen sehr schwertut. Aber sie ist lernfähig und hat dann schließlich doch eine sehr leidenschaftliche Beziehung zu AreX, die ihn in seinen Allmachtsfantasien zumindest für den Moment mit einem rührenden Song innehalten lässt. Hebestadt gestaltet die Göttin der Liebe mit frischem Sopran und komödiantischem Talent, flirtet dabei auch heftig mit dem Publikum und erweist sich für Athene als gute Lehrerin. Sieloff gibt die Gattin des Zeus recht abgeklärt mit rundem Mezzosopran und weist die beiden jüngeren Göttinnen immer wieder zielsicher in ihre Schranken. Henry Morales gibt den Hahn im Korb AreX Tamp mit großartiger Selbstüberschätzung, so dass man am Ende mit den Göttinnen mitfiebert, ob sie ihn tatsächlich besiegen können. Am Ende macht er als Statue in marmornem Muscle-Suit mit Feigenblatt eine durchaus gute Figur.

FAZIT

Musikalisch bietet der Abend gute Unterhaltung. Auch das Ensemble überzeugt durch große Spielfreude. Die Geschichte ist allerdings ein bisschen platt und doch arg durch die feministische Brille betrachtet.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung am Klavier
Karolina Halbig

Inszenierung und Text
Nora Krahl

Arrangement und Komposition
Roman Lemberg

Bühne und Kostüme
Amir Baltić

Creative Technology
Kevin Clever
Bariş Pekçağliyan

3D-Artist
Elisabeth Drache

Choreographie
Tenald Zace

Licht
Patrick Fuchs

Ton
Max Kallien

Dramaturgie
Friederike Brendler

 

Klavier, Synthesizer
Karolina Halbig
Viola
Eric Quirante Kneba
Violoncello
Lydia Keymling
Kontrabass
Yomoon Youn
Akkordeon
Filip Eraković

Statisterie des MiR

 

Solistinnen und Solisten

*rezensierte Aufführung

Athene
Elia Cohen Weissert

Aphrodite
Sonja Hebestadt

Hera
Anke Sieloff

AreX Tamp
Henry Morales

Moiren
Thomas Brinkmann /
*Annette Kaerger-Steinhoff
Artur Göpel /
*Beatrice Boca
*Birgit Klemp



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