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Gérolstein im
Ruhrgebiet Von Thomas Molke / Fotos: © Pedro MalinowskiJacques Offenbach war schon ein erfolgreicher Komponist, als er zur Pariser Weltausstellung 1867 im Théâtre des Variétés die Opéra-bouffe La Grande-Duchesse de Gérolstein präsentierte. Dass das Stück mit seiner Satire auf das Militär überhaupt die französische Zensurbehörde passieren konnte, mag der Tatsache zu verdanken gewesen sein, dass die Geschichte in einem fiktiven, deutsch klingenden Herzogtum namens Gérolstein spielt, das nichts mit der Stadt in der Vulkaneifel zu tun hat, die vor allem für ihr Mineralwasser bekannt ist. Vielmehr entnahm Offenbach den Namen einem zur damaligen Zeit populären Roman von Eugène Sue. Die Uraufführung der Grande-Duchesse am 12. April 1867 wurde trotz der großartigen Musik allerdings nur gemischt aufgenommen, so dass Offenbach mit seinen beiden Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy bereits für die dritte Aufführung einschneidende Änderungen vornahm, was zu einem durchschlagenden Erfolg führte. Bereits einen Monat später wurde das Werk in Wien in deutscher Sprache gespielt. Im Laufe der Zeit entstanden zahlreiche Fassungen, die in der Regel für unterschiedliche Produktionen angepasst wurden, und auch Jari Kunter hat für das Musiktheater im Revier eine deutsche Dialogfassung erstellt, die das Großherzogtum Gérolstein mitten ins Ruhrgebiet verlegt. Die Großherzogin (Lina Edlin) hat sich in den einfachen Soldaten Fritz (Adam Temple-Smith) verliebt und ihn zum General befördert. Hier versuchen General Bumm und der gewiefte Politiker Baron Puck, die regierende Großherzogin bei Laune zu halten und mit Prinz Paul aus dem Nachbarstaat zu verloben. Doch die Großherzogin ist recht eigenwillig, hat eher ein großes Interesse an feschen Soldaten in Uniform und verliebt sich in den einfachen Soldaten Fritz, den sie kurzerhand zum General befördert Fritz freut sich zwar über seine Beförderung, ist aber mit dem Bauernmädchen Wanda liiert. Auch als er siegreich aus der Schlacht zurückkehrt, hält er an seinem Wunsch fest, Wanda zu heiraten. Bumm und Puck planen gemeinsam mit Prinz Paul, Fritz zu beseitigen, und auch die Großherzogin schließt sich diesem Komplott an, nachdem sie erneut von Fritz zurückgewiesen worden ist. Doch in letzter Sekunde verbietet sie den Anschlag und schickt Fritz erneut in den Kampf gegen die Feinde, aus der er ein wenig lädiert zurückkehrt, da er dieses Mal wirklich kämpfen musste und die Feinde nicht mit einer List außer Gefecht setzen konnte. Mittlerweile fühlt sich die Großherzogin zu Baron Grog hingezogen, der als Unterhändler von Prinz Pauls Vater einen Ehevertrag mit der Großherzogin aushandeln soll. Um Grog nahe zu sein, willigt sie schließlich in eine Ehe mit Paul ein und degradiert Fritz wieder zum einfachen Soldaten. Das stört ihn allerdings nicht weiter, da er nun sein Glück mit Wanda genießen kann. General Bumm (Joachim Gabriel Maaß, Mitte), Baron Puck (Piotr Prochera, rechts) und Prinz Paul (Martin Homrich, links) planen, Fritz zu ermorden. In Gelsenkirchen kommt die Produktion halbszenisch auf die Bühne. Die Neue Philharmonie ist auf der Bühne positioniert, der Opernchor des MiR ist dahinter platziert und singt größtenteils vom Blatt ab. Bespielt wird der hochgefahrene Orchestergraben. Als Bühnenbild fungieren ein paar passende Elemente, die man wahrscheinlich noch im Fundus gefunden hat. Die Kostüme von Julia Tannenberg schöpfen aus dem Vollen und präsentieren mit liebevollem Augenzwinkern den militärischen Pomp, der von Offenbach hier karikiert wird. So tritt Joachim Gabriel Maaß in schmucker Uniform mit Federbuschhelm schon vor der Vorstellung auf, um dieses Mal mit einem autoritär vorgetragenen "Handys weg!" das Publikum darauf hinzuweisen, dass Ton- und Bildaufnahmen während der Vorstellung nicht gestattet sind. Der Dirigent Florian Ludwig wird Teil der Inszenierung, weil er gleichzeitig auch noch in die Rolle des Notars schlüpft, der den Ehevertrag zwischen Fritz und Wanda vorbereitet hat. Auch kostümtechnisch passt er mit einer großen Schärpe wunderbar in die Inszenierung. Bei allem komödiantischen Spiel kommt sein Dirigat keineswegs zu kurz, und so zaubert er mit der Neuen Philharmonie einen frischen, beweglichen Offenbach-Klang auf die Bühne, der die Spritzigkeit und Leichtigkeit der Melodien hervorhebt. Ob man die Geschichte nun wirklich ins Jahr 2026 mitten ins Ruhrgebiet verlegen muss, wo in einem allseits geeinten Europa nur ein kleines Herzogtum unerbittlichen Widerstand leistet, ist Ansichtssache, da mit Ausnahme der Ankündigung zu Beginn der Aufführung im weiteren Verlauf kaum Bezug dazu genommen wird. Die Aufführung hätte auch ohne zeitliche und örtliche Verortung funktioniert. Dass die Armee im fiktiven Gérolstein klein ist, ist bereits im Libretto vorgegeben. Kunter lässt sie nur aus dem Soldaten Fritz bestehen, was dazu führt, dass die Großherzogin fordert, Soldaten (und Soldatinnen) aus dem Publikum zu rekrutieren. So fordert sie das Publikum auf, sich von den Sitzen zu erheben, um zu schauen, wer denn für den Wehrdienst tauglich erscheint. Der größte Teil des Publikums lässt sich auf diesen Spaß ein. Nachdem zunächst alle Rentnerinnen und Rentner ausgeschlossen worden sind und der größte Teil im Publikum die Plätze wieder eingenommen hat, stellt General Bumm weitere Anforderungen, so dass schließlich nur noch zwei Statisten im Raum stehen, die dann die Armee von Gérolstein vergrößern und mit Fritz in den Krieg gegen die Feinde ziehen. Das ist bis hierhin recht witzig umgesetzt, passt aber nicht zum Lied der Chordamen nach der Pause, in dem sie sehnsuchtsvoll auf Briefe von ihren Liebsten aus dem Krieg reagieren. Lina Edlin als Großherzogin Sieht man allerdings von diesen kleinen Unstimmigkeiten ab, bietet die Produktion beste Unterhaltung mit einem gut aufgelegten Ensemble. Lina Edlin ist eine großartige Großherzogin, die Züge einer verführerischen Femme fatale aufweist. Mit schwärmerischem Mezzosopran präsentiert sie in einer schmucken roten Uniform das Regimentslied "Ah, que j'aime les militaires", auch wenn die deutsche Fassung hier stellenweise etwas holprig klingt. Sehr entschieden weist sie den General Bumm, Baron Puck und auch den Prinzen Paul in ihre Grenzen und macht aus ihrer Faszination für den Soldaten Fritz keinen Hehl. Umso enttäuschter zeigt sie sich, dass ihre Verführungskünste bei ihm nicht fruchten. Hier greift man in Gelsenkirchen musikalisch auf die Originalversion zurück und präsentiert auch das Finale mit dem "Cotillon", den die Großherzogin auf dem Hofball als Erkennungszeichen für den Anschlag spielen lassen will. Auch die Faszination für den angereisten Baron Grog, der ihr recht eindeutige Avancen macht, spielt Edlin mit großartiger Komik aus, so dass sie Fritz schließlich fallen lässt und doch der Vermählung mit Prinz Paul zustimmt. Dieser wird von Martin Homrich mit großartigem Komik-Potenzial dargestellt. Dabei scheut er mit einer blonden Topfschnitt-Perücke auch optisch zunächst nicht die Lächerlichkeit. Doch zum Ende legt er die Perücke ab und tritt als nahezu bedrohlich wirkender Großherzog auf, der selbst den Dirigenten von seinem Platz verweist und kurzerhand die Leitung des Orchesters übernimmt. Stimmlich überzeugt Homrich durch kraftvollen Tenor. Adam Temple-Smith und Katherine Allen geben ein wunderbares Pärchen Fritz und Wanda ab und überzeugen darstellerisch durch kindliche Naivität. Temple-Smith verfügt über einen leichten Tenor, der jugendlich frisch klingt. Ihm nimmt man ab, dass er die Intrigen des Hofes nicht durchschaut und auch nicht versteht, wieso die Großherzogin ihn zum General befördert. Katherine Allen stattet das Bauernmädchen Wanda mit lieblichem Sopran aus. Sie steht auch zu ihrem Fritz, wenn er am Ende wieder ein einfacher Soldat ist. Die Partie des General Bumm ist eine Paraderolle für das ehemalige langjährige Ensemble-Mitglied Joachim Gabriel Maaß. Mit profundem Bass kann er hier wieder sein ganzes komödiantisches Talent zeigen, sei es in seinem Auftritts-Couplet, "Piff, paff, puff", oder in der schaurigen Ballade vom Grafen Max, die er im Terzett mit Homrich und Piotr Prochera als Baron Puck präsentiert. Hier scheut sich auch die Neue Philharmonie Westfalen nicht, die Erzählung mit bewusst schräg angesetzten Einsätzen zu untermalen. Große Komik entfaltet auch Sebastian Schiller als stets gehetzter Nepomuk, der als Bote für diverse Nachrichten fungiert. Der von Alexander Eberle einstudierte Opernchor des MiR begeistert als verliebte Hofdamen und Meuchelmörder mit homogenem Klang. So gibt es für alle Beteiligten am Ende großen Jubel. FAZIT Offenbachs Großherzogin hat musikalisch viele Höhepunkte zu bieten, die vom Ensemble mit großer Spielfreude umgesetzt werden. Vielleicht wären bei einer übertitelten Produktion aber doch die französischen Originaltexte besser gewesen, weil die deutsche Übersetzung bisweilen etwas holprig klingt.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung Regie Kostüme Choreinstudierung Licht Dramaturgie
Neue Philharmonie Westfalen Opernchor des MiR Statisterie des MiR
Solistinnen und Solisten*rezensierte Aufführung
Die Großherzogin
Fritz, Soldat
Wanda
Prinz Paul
General Bumm
Baron Puck
Nepomuk
Baron Grog
Olga, Hofdame
Ein Notar
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