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So ein Quatsch, diese Holländer-Sage
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Pedro Malinowski
Entfesselte Natur: Es blitzt und donnert gewaltig im Orchester. Die sehr konzentrierte Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Rasmus Baumann lässt es ordentlich krachen (achtet aber auch gut darauf, die Stimmen nicht zuzudecken). Das Blech strahlt, die Streicher spielen scharf akzentuiert, und wenn die Holzbläser von Erlösung erzählen, ist das nur eine Atempause im Sturm. Man ahnt das aufgewühlte (Seelen-)Meer. Chor und Extrachor, gut vorbereitet von Alexander Eberle, singen mit mächtiger Klangfülle, aber auch klaren Konturen wie etwa im Chor der Spinnerinnen, der durch kleine, pointierte Akzente rhythmische Prägnanz erhält. Schade, dass in der Chorszene im dritten Akt die Matrosen des Holländer-Schiffes wie so oft per Lautsprecher zugespielt werden; man hätte das Gesangsduell der beiden Gruppen gern direkt von der Bühne gehört.
Der Holländer ist eine Gestalt, die den Menschen im Traum erscheint
Es ist ein schwarzromantischer Holländer, den man aus dem Graben hört. Ein Holländer aus dem Bilderbuch sozusagen, dem Bilderbuch der dunklen Sagen und Legenden, aus dem Senta, als sie ein kleines Kind war, von Mary vorgelesen bekam - man sieht das zu den Klängen der Ouvertüre. Als optisches Leitmotiv taucht dieses Buch immer wieder auf. Inszeniert hat Igor Pison nach einer Idee von Gabriele Rech, die eigentlich die Regie übernehmen sollte und das Konzept auch erarbeitet hatte, dann aber krankheitsbedingt absagen musste. Sollten daraus etwaige Brüche entstanden sein, so erkennt man sie nicht. Pison erzählt die Geschichte des sehr jungen Mädchens Senta, das sich zwischen den Verheiratungsfantasien des Vaters und der wohl eher zufälligen Beziehung zum Jäger Erik, den sie sicher nicht sehr innig liebt, in eine romantische Traumwelt flüchtet. Oder soll dieser Erik gar der ihr angedachte Ehegatte sein? Ganz klar wird das nicht, spielt aber keine so große Rolle. Es dreht sich im Grunde um die Frage nach Liebes- oder Vernunfthochzeit und damit nach Selbstbestimmung oder Unterwerfung unter gesellschaftliche Zwänge und Strukturen.
Senta singt die Ballade vom fliegenden Holländer
Die Kostüme (Ausstattung: Nicola Reichert) mit knielangen Röcken für die Frauen und Strickwesten und Pullundern für die Herren zeigen eine Gesellschaft ungefähr in den 1960er-Jahren, als patriarchalische Strukturen zu bröckeln begannen. Der Raum bleibt abstrakt, ein großer Saal, der Werkstatt (statt Spinnrädern gibt es hier fußgetriebene Nähmaschinen), Gaststätte oder im ersten Aufzug auch Schlafsaal für die Schiffsbesatzung sein kann. Wenn die Seesäcke der Matrosen von der Decke hängen, erinnert das an die Waschkauen der Bergleute, die ihre Kleidung ganz ähnlich in Körben unter der Raumdecke aufbewahrten, und bringt in Gelsenkirchen eine Prise Ruhrpott-Lokalkolorit ein. Denn der Holländer und sein Schiff sind ebenso wenig real wie das Meer - das alles erscheint als eine Traumwelt. Die Wände des Raums sind Projektionsflächen im eigentlichen Wortsinn, auf denen immer wieder Videosequenzen (Gregor Eisenmann) zu sehen sind. Rech und Pison zeigen ein Gesellschaftsdrama, in der Seefahrerromantik ein Märchen bleibt.
Kein sehr glückliches Liebespaar: Erik und Senta
Für Senta bedeutet die Hochzeit in diesem Umfeld vor allem die Bereitschaft, sich für einen Mann und dessen Bedürfnisse aufzuopfern. Die damit verbundene Selbstaufgabe wird mythisch überhöht durch die Holländer-Sage vom genialischen, deshalb verfluchten Mann, der durch ihr Opfer "erlöst" wird. Susanne Serfling singt und spielt die Figur mit großer Glaubwürdigkeit. Das etwas naive junge Mädchen mit rötlichen Zöpfen nimmt man ihr nicht nur der zierlichen Figur wegen ab, sondern auch vokal. Sie beginnt mit mädchenhaft leichtem Timbre fast verspielt, setzt dann aber mit ihrem nicht übermäßig dramatischen, aber sehr genau geführtem Sopran die Spitzentöne mit leuchtendem Glanz an. In ihrer Ballade lässt jeder Einsatz die Anwesenden leicht zusammenzucken, und das ist nicht nur eine hübsche, mit sanfter Ironie ausgeführte Idee der Regie, sondern wird durch die vokale Präsenz untermauert. Eine Heroine ist diese Senta nicht - aber eine Frau, die mehr und mehr erkennt, was sie will.
"Steuermann, lass' die Wacht": Feierstimmung mit Windjammer-Romantik als Kulisse
Benedict Nelson singt einen dunklen, mehr liedhaften als dramatischen Holländer von trauriger Melancholie, Tobias Schabel einen stimmlich wie darstellerisch eleganten, nicht altväterlichen Daland, etwas wacklig in der Höhe. Martin Homrich gibt einen lautstark wütenden Erik, dem zwischen markigem Forte und etwas verhuschtem Piano die Zwischentöne fehlen, der aber der Figur angemessene Statur gibt. Almuth Herbst ist eine leicht zickige, gouvernantenhafte Mary, Adam Temple-Smith mit schönem Tenor ein jugendlich strahlender Steuermann. Er wird seinem Mädel, das er im ersten Akt besingt, einen Heiratsantrag machen, und sie wird einwilligen. Senta aber wird erkennen, was manchen Altwagnerianer traurig stimmen dürfte, dass das ganze Getue um Holländer und Erlösung ziemlicher Mumpitz ist, geeignet, die Rolle der Frau als unterwürfiges Wesen zu festigen. Und sie handelt und reißt die entsprechenden Seiten aus dem Buch - und geht. Pison hat das unangestrengt inszeniert. Den musikalischen Erlösungsschluss darf man als bösen ironischen Kommentar verstehen: Erlöst hat Senta hier nicht den Holländer, sondern sich selbst. Vom Premierenpublikum gab's einhelligen Jubel für solchen mit Entschlossenheit vorgetragenen Emanzipationswillen.
Das gut aufgelegte Gelsenkirchener Ensemble präsentiert sehens- und hörenswert einen sorgsam als Coming-of-Age-Drama inszenierten Holländer mit emanzipatorischer Schlusspointe. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Video
Licht
Choreographie
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Holländer
Senta
Daland
Erik
Steuermann
Mary
Junge Senta
Junge Mary
Partnerin des Steuermanns
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