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Das Unerklärliche des Bösen
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Bernd Uhlig Es geht kein silberner Mond auf am Himmel über Peking. Wenn überhaupt, dann ist es ein schwarzer Mond, eine düstere Scheibe und gleichzeitig der Gong, den Calaf schlägt: Das Zeichen, dass er die todbringenden Rätsel der Prinzessin Turandot lösen will. Wer scheitert, wird geköpft. Dem Sieger allerdings würde alles gehören: Die Prinzessin Turandot und alsbald auch der Thron des chinesischen Reiches. Nimmt man die märchenhafte Aura dieses Szenarios weg, wie es die Regie von Andrea Breth tut, so bleibt ein brutales, menschenverachtendes System übrig. Bühnenbildner Johannes Leiacker hat als Bild dafür einen aseptischen weißen Raum mit einem großen schwarzen Vorhang an der Rückwand geschaffen, der entfernt an ein Kulturhaus in ehemaligen Sowjet-Republiken erinnert. Ein Raum, in den riesige Käfige mit eingesperrten Menschen geschoben werden. Auch die Kostüme von Ursula Renzenbrink bringen keine wesentlich neuen Farben, man trägt Schwarz oder, mit leichten Schattierungen bei den Fremden, Weiß. Allein die drei grünen Äpfel, die die Minister Ping, Pang und Pong für ihr Bürofrühstück im zweiten Akt mitgebracht haben, setzen ironisch einen farblichen Kontrapunkt.
Calaf (mit dem Rücken zum Publikum am Boden liegend) hat den großen Gong geschlagen, um Turandots Rätsel beantworten zu dürfen. Liù (Mitte) und Timur (links) sowie die Minister Ping, Pang und Pong (hinten) können es nicht fassen.
Andrea Breth zeigt desillusionierend einen gefühllosen modernen Machtapparat, zu dem auch der fremde Prinz Calaf keine Alternative bietet: Eher würde er die Ausrottung der Bevölkerung von Peking mit ansehen, als von seinem Begehren nach Turandot abzulassen. So steht es im Textbuch, und die Regie nimmt ihn beim Wort. Aber auch wenn Breth einen Staat wie Nordkorea im Sinn hat, wie sie im Programmheft mitteilt, gibt sich die Inszenierung keineswegs realistisch, sondern schafft sich eine artifizielle Kunstwelt. Sie greift stark ritualisierte Formen des asiatischen Theaters auf. Drei Tänzer, die wie Kampfsportler mit dem Langstock agieren, bilden die furchteinflößende Leibgarde Turandots (mit bestechender Virtuosität: Jun Azuma, Tomoya Kawamura und Atsushi Takahashi). Viele Abläufe sind genau durchchoreographiert, oft extrem langsam. Die Handlung bekommt etwas Zeremonielles, dadurch auch Unausweichliches. Hier wirkt ein undurchschaubarer Machtapparat nach eigenen Regeln. Die drei Minister Ping, Pang und Pong, von der Musik durchaus komödiantisch grundiert, bekommen kafkaeske Züge. Mit synchron oder in gleichen Mustern nacheinander ausgeführten Bewegungen sind grotesk anmutende Handlanger des Regimes. Turandot selbst tritt mit weißer Maske und stilisierter Gestik auf, eine Frau ohne Eigenschaften wie eine mechanische Puppe. An den Gründen für ihre Handlungen ist die Regie nicht interessiert. Es geht um die Mechanismen, nicht um die Ursachen.
Kafkaeskes Ministertrio: Ping, Pang und Pong
So unversöhnlich kalt und gleichzeitig so beklemmend spannend, vor allem in den Szenen großer Langsamkeit, hat man die Oper selten gesehen. Und auch nicht gehört: Dirigent Thomas Guggeis lässt das überaus präzise agierende Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit schneidender Schärfe spielen. Er setzt unterschiedliche Klangfarben blockhaft nebeneinander und scheut keine Schroffheiten. Puccinis Musik, komponiert zwischen 1920 und 1924, klingt hier verblüffend modern und lässt an Strawinsky, Prokofjew, Bartók und Schostakowitsch denken. Dabei sind die großen Linien genau durchgestaltet, aber auch die Details differenziert ausgearbeitet. Chor, Extrachor und Kinderchor, die im Charakter häufig von einem Extrem ins andere umschlagen, haben für unterschiedliche Situationen unterschiedliche Klangfarben, vom entrückten Piano beim Tod der Sklavin Liù über fast vibratolose Klangschichten bis hin zum monumentalen Fortissimo, das in diesem Kontext auch Gewalt ausstrahlen darf: Eine durchweg großartige Leistung (Einstudierung: Manuel Pujol und Álvaro Corral Matute).
Turandot (auf allen Bildern: Elza van der Heeven) in der Rätselszene
Es wird ordentlich laut, was seit je, sicher eine Schwäche der Partitur, von den Stimmen erheblichen Kraftaufwand einfordert. Den liefert Alfred Kim in der Partie des Calaf verlässlich. Mit belcantistischer Eleganz kann er nicht aufwarten, aber einen metallisch glänzenden Tenor mit absolut sicherer, strahlender Höhe und dem nötigen Volumen bringt er ein. In der hier besprochenen Vorstellung sang Olesya Golovneva die Titelpartie mit klar fokussiertem, nicht riesigem Sopran und bei aller Energie auf Klangschönheit bedacht. Sie ist keine hochdramatische Turandot, und ein wenig fehlt es ihr, gerade in dieser Inszenierung, an stimmlicher Wucht, ja: an Grausamkeit im Ausdruck. Bei ihr schwingt immer noch eine Spur Mitgefühl mit der Figur mit, die sie gemäß der Regie nicht haben dürfte. Guanqun Yu singt eine durchaus selbstbewusste, stimmlich souveräne Liù, nicht zu mädchenhaft, aber auch ohne jede Divenallüren in der unsentimentalen, fast sachlichen Gestaltung mit vielen Zwischentönen. Durchweg gut besetzt sind die übrigen Partien.
Turandot lässt Liù foltern
Puccini hat die Turandot unvollendet hinterlassen. Das liegt nicht nur an der letztendlich tödlichen Krebserkrankung, sondern wohl auch an der Erkenntnis, dass nach den vorangegangenen Grausamkeiten ein großes finales Liebesduett keine überzeugende Lösung sein könne. In Frankfurt hat man sich dafür entschieden, auf die von Franco Alfano und Luciano Berio auf Basis der Skizzen Puccinis nachkomponierten Varianten des Finales zu verzichten und die Oper mit dem Tod der Liù enden zu lassen - alles andere wäre in dieser Inszenierung auch absurd gewesen. Der fragmentarische Charakter dieses offenen Endes dagegen passt gut. Vorangestellt ist dem (hier ohne Pause gespielten) Werk ein eigens von Lucia Ronchetti (*1963) komponierter Prolog für Streicher, Chor und Kinderchor mit dem Titel "Io tacerò" ("Ich werde schweigen") - eine Anspielung auf die Weigerung Liùs, den Namen Calafs bekanntzugeben, aber eigentlich ein Verweis auf ein Madrigal Carlo Gesualdos (1566 - 1613). Der gemischte Chor ist an den Seiten des Parketts positioniert, der Kinderchor unsichtbar hinter dem Vorhang auf der Bühne. In wortlosen Klangschichten werden Menschengruppen hörbar, teils geräuschhaft, gelegentlich in winzigen melodischen Partikeln. Ein wenig erinnert diese zarte, kaum greifbare Musik an Luigi Nono. Sie hebt die Rolle des Chores hervor, gibt den Unterdrückten eine Stimme. Und sie führt geschickt hin zu den schneidenden Akkorden, mit denen übergangslos die eigentliche Oper beginnt - eine beeindruckender, auch die Ohren schärfender Prolog, der sinnfällig die Akzente verschiebt, weg von den angeblich um Liebe ringenden Calaf und Turandot hin zu denen, die unter deren menschenverachtender Brutalität leiden müssen.
Das Regieteam um Andrea Breth und Dirigent Thomas Guggeis gestalten eine durchgehend fesselnde, ritualisierte Turandot weitab jeglicher Märchenromantik, die man so schnell nicht vergisst: Puccini wird mit großer Spannung aus dem Geist der Moderne heraus interpretiert. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühnenbild
Kostüme
Licht
Chor
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Turandot
Calaf
Liù
Ping
Pang
Pong
Timur
Altoum
Ein Mandarin
Leibwache der Turandot
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