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Tancredi

Melodramma eroico in zwei Akten
Text von Gaetano Rossi nach Voltaire
Musik von Gioachino Rossini

in italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere in der Oper Frankfurt am 7. Juni 2026
(rezensierte Aufführung: 28. Juni 2026)



Oper Frankfurt
(Homepage)
Kreuzritter als deutsche Dorfgemeinschaft

Von Thomas Molke / Fotos: © Monika Rittershaus

Auch wenn Gioachino Rossini heute vor allem mit seinen komischen Opern Il barbiere di Siviglia, La Cenerentola und L'italiana in Algeri einen festen Platz im Repertoire besitzt, war es die Opera seria, mit der er im Alter von gerade mal 21 Jahren mit einem Schlag in die Riege der großen Komponisten aufstieg. Direkt seine erste "ernste" Oper Tancredi wurde nach der Uraufführung am 6. Februar 1813 in Venedig ein derartiger Erfolg, dass das Werk in den folgenden zwei Jahrzehnten in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und in ganz Europa, Lateinamerika und den USA auf dem Spielplan stand. Die Cabaletta des Titelhelden, "Di tanti palpiti", entwickelte sich schnell zu einem Gassenhauer, der überall zu hören war. Der große Rossini-Biograph Stendhal hielt das Werk sogar für Rossinis beste Oper und stellte sie noch weit über den Barbiere. Auch Alberto Zedda, der bis zu seinem Tod als führende Autorität auf dem Gebiet der Rossini-Philologie zählte und 1980 in Pesaro, der Geburtsstadt des Komponisten, das Rossini Opera Festival gründete, vertrat die Ansicht, dass der "eigentliche" Rossini der "ernste" Rossini sei. Doch wie die meisten Opern des Schwans von Pesaro geriet auch der "ernste" Rossini lange Zeit in Vergessenheit und erlebt erst seit den 1980er Jahren vor allem durch die Festivals in Pesaro und Bad Wildbad eine Renaissance. Dennoch steht Tancredi außerhalb von Festivals relativ selten auf dem Spielplan. Dass mit der Oper Köln, die die Produktion von den Bregenzer Festspielen übernommen hat, und der Oper Frankfurt gleich zwei Bühnen das Werk zeitgleich auf dem Spielplan haben, darf schon als eine Besonderheit betrachtet werden. In beiden Produktionen hat man sich für die Ferrara-Fassung mit dem tragischen Schluss entschieden, obwohl sie beim damaligen Publikum so schlecht ankam, dass Rossini das Ende schon für die weiteren Aufführungen in Ferrara wieder durch das ursprüngliche lieto fine aus Venedig ersetzte, was damals der Opernkonvention geschuldet war, heute allerdings nicht mehr zeitgemäß erscheint.

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Argirio (Theo Lebow, Mitte) will seine Tochter Amenaide (Bianca Tognocchi) mit Orbazzano (Kihwan Sim, rechts) vermählen (im Hintergrund: Herrenchor mit Clara Kim als Loredana).

Die Oper basiert auf einer literarischen Vorlage von Voltaire und spielt in Syrakus im Jahre 1005. Nach langem Bürgerkrieg schließen die Familien des Argirio und des Orbazzano Frieden, um sich miteinander gegen den gemeinsamen Feind, den Sarazenenführer Solamir, der Syrakus bedroht, zu verbünden. Um die neue Freundschaft zu besiegeln, bietet Argirio Orbazzano die Hand seiner Tochter Amenaide an, nicht wissend, dass diese heimlich mit Tancredi verlobt ist, dem Sohn einer aus Syrakus verbannten Familie. Diesem hat sie heimlich einen Brief geschickt, in dem sie ihn um die Rückkehr nach Syrakus bittet. Da ihm dies jedoch unter Todesstrafe verboten ist, kann er seine alte Heimat nur inkognito betreten und Amenaide im Brief keinen Empfängernamen angeben. Der Brief wird von Orbazzano abgefangen. Er beschuldigt Amenaide des Verrats, da er glaubt, dass der Empfänger Solamir ist. Auch Tancredi fühlt sich von Amenaide hintergangen. Orbazzano fordert Amenaides Hinrichtung. Diese kann jedoch verhindert werden, da Tancredi bereit ist, für ihre Unschuld zu kämpfen, ohne von dieser überzeugt zu sein. Tancredi tötet Orbazzano und zieht in den Kampf gegen Solamir. Zwar gelingt es ihm, die Sarazenen vernichtend zu schlagen. Allerdings kehrt er bei Voltaire und in der tragischen Ferrara-Fassung tödlich verwundet zurück, um in Amenaides Armen zu sterben. Zuvor wird allerdings das Missverständnis aufgeklärt, und Amenaide kann ihn überzeugen, dass der Brief an ihn gerichtet war und sie somit die Treue nicht gebrochen hat.

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Tancredi (Cláudia Ribas) hält Amenaide (Bianca Tognocchi) für untreu.

Während man in Bregenz und Köln die Geschichte ins Mafia-Milieu zweier rivalisierender Drogen-Clans verlegt hat, sieht das Regie-Team um Manuel Schmitt in der Geschichte erschreckende Parallelen zur deutschen Gegenwart. So wie im Libretto die Bedrohung von außen zwar immer wieder erwähnt wird und die tragische Handlung in Gang setzt, der äußere Feind aber völlig unsichtbar bleibt, sieht Schmitt auch in der aktuellen Zeit eine häufig irrationale Furcht vor dem Fremden, was zu einer Ausgrenzung führt. Verbindet man dies mit den patriarchalen Strukturen, die im Stück vorherrschen, landet man schnell bei einer deutschen Dorfgemeinschaft, die in einem Vereinshaus ihre Traditionen pflegt und neuen Einflüssen gegenüber alles andere als aufgeschlossen ist. So hat Bernhard Siegl ein Vereinshaus auf der Bühne errichtet, das in seiner Einfachheit und Schlichtheit an den "guten alten" Zeiten festhält, was heute noch vor allem in ländlichen Gebieten zu beobachten ist. Durch Einsatz der Drehbühne sieht man das ganze ländliche Ambiente mit riesigen Heuballen und diversen Landwirtschaftsmaschinen. Auch zwei erlegte Tiere werden auf der Bühne von Orbazzano ausgeweidet.

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Tancredi (Cláudia Ribas, vorne Mitte) fordert Orbazzano (Kihwan Sim, vorne links) zum Duell.

Dass die gezeichnete Macho-Gesellschaft alles andere als zimperlich ist, wird direkt bei der Ouvertüre gezeigt, zu der hinter dem Vereinshaus ein Boxkampf zwischen den Angehörigen der beiden Clans auf dem Dorf stattfindet, den der Vertreter der Gruppe um Orbazzano schließlich für sich entscheiden kann. Dabei ist der Kampf vom Ablauf sehr passend auf Rossinis Musik gelegt, so dass selbst die Schläge im Takt erfolgen. Auch Tancredi und Orbazzano werden sich im zweiten Akt in diesem Boxring duellieren. Die Regie erspart den beiden Darstellern allerdings einen expliziten Kampf, sondern lässt sie durch Einsatz der Drehbühne im Off verschwinden, während Amenaide im Vereinshaus angstvoll auf den Ausgang des Duells wartet. Unklar bleibt, was die diversen "Heumenschen" darstellen sollen, die hinter dem Haus auftauchen. Sollen sie den äußeren Feind darstellen, der im Libretto nur erwähnt wird? Jedenfalls hat man das Gefühl, dass sie im weiteren Verlauf des Stückes besiegt worden sind. Zum einen scheinen sie zu Zielscheiben verarbeitet worden zu sein, die sich hinter dem Vereinshaus befinden. Zum anderen tritt ein Chormitglied mit einem Kopf eines Heumenschen in der Hand auf, nachdem Tancredi den äußeren Feind vernichtend geschlagen hat.

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Amenaide (Bianca Tognocchi) ist verzweifelt.

Doch auch wenn die äußere Bedrohung im Stück besiegt worden ist, schottet sich bei Schmitt die Dorfgemeinschaft weiter ab. Zunächst befindet sich hinter dem Vereinshaus ein Hochsitz, von dem aus man das umliegende Land überwachen kann. Später sind dort drei Hochsitze aufgestellt, die kurz darauf noch durch einen hohen Zaun ergänzt werden, der das Dorf von der Außenwelt trennt. Auch der pittoreske kleine Tannenwald, mit dem Tancredi im ersten Akt eingeführt wird, wenn er aus dem Exil zurückkehrt, ist jetzt ausgeschlossen. Amenaide und ihr Vater treten im zweiten Akt durch den Zaun und nehmen auf der Bank Platz, während Tancredi sein Leben aushaucht. Während Schmitt Amenaide und Tancredi zunächst beim Abschied noch eine gewisse Nähe zugesteht, wird die Bank mit Amenaide und Argirio während Tancredis Sterbeszene langsam seitlich von der Bühne gefahren und verschwindet im Dunkel, während Tancredi ganz allein und verlassen auf der Bühne sein Leben aushaucht. Dazu wird dann aus dem Schnürboden ein ähnliches Bühnenelement herabgelassen, das allerdings auf dem Kopf steht.

Alles in Allem lässt sich sagen, dass das Regiekonzept aufgeht, was natürlich auch dem spielfreudigen Ensemble zu verdanken ist, das auch musikalisch das Publikum zum Jubeln bringt. Da ist zunächst Cláudia Ribas in der Titelpartie zu nennen. Ihr Mezzosopran besitzt eine absolut virile Tiefe, der man den jugendlichen Helden in jedem Moment abnimmt. Dabei glänzt sie aber auch mit dramatischen Koloraturen und beweist in den schnellen Läufen eine enorme Beweglichkeit. Da vergisst man auch gerne, dass es überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wieso Amenaide in den Momenten der Zweisamkeit Tancredi über ihre wahren Gefühle nicht aufklärt. Die berühmte Cabaletta "Di tanti palpiti", in der Tancredi seine geliebte Heimat wieder begrüßt, wird von Ribas mit leicht fließenden Koloraturen präsentiert. In der Schlusskavatine gelingt es Ribas, mit immer leiser und schwächer werdendem Mezzosopran die Todesszene sehr glaubhaft zu gestalten. Mit Bianca Tognocchi als Amenaide steht ihr eine kongeniale Partnerin zur Seite, die mit strahlendem Sopran und großen dramatischen Ausbrüchen punktet. Weitere Glanzpunkte markieren ihre Kavatine im zweiten Akt, wenn sie im Kerker ihr Schicksal bedauert, und die große Gebets-Arie im zweiten Akt, in der sie Gott um Hilfe für Tancedi im Kampf um ihre Unschuld bittet. Hier unterstreicht Tognocchi eindrucksvoll die innere Zerrissenheit der jungen Frau.

Theo Lebow verfügt als Amenaides Vater Argirio über einen recht harten Tenor, der die Unnachgiebigkeit der Figur unterstreicht. In den extremen Höhen muss er ein wenig forcieren. Kihwan Sim zeichnet mit dunklem Bass Orbazzano als absolut unsympathische Figur, mit der man eigentlich kein Mitleid hat, wenn er im Zweikampf Tancredi unterliegt. Ruby Dibble setzt als Isaura mit dunklem Mezzosopran Akzente. Wieso die Partie des Roggiero in eine weitere Vertraute Amenaides, Loredana, umgewandelt worden ist, erschließt sich nicht wirklich. Schmitt führt sie ein, wenn Amenaide einem Boten den Brief für Tancredi übergibt, was dann motivieren soll, wieso sie später Tancredi vor der Rückkehr warnt und ihm rät, sein Inkognito nicht zu lüften. Clara Kim stattet die kleine Partie mit jugendlichem Sopran aus. Der von Manuel Pujol einstudierte Männerchor punktet durch kraftvollen Klang und eindrucksvolles Spiel, was auch für die Statisterie, insbesondere die beiden Boxer, gilt. Giuliano Carella führt mit leichter Hand das Frankfurter Opern- und Museumsorchester durch die Partitur und arbeitet die Feinheiten differenziert heraus.

FAZIT

Musikalisch lässt der Abend gut nachvollziehen, wieso Rossini mit dieser Oper in die Riege der führenden Opernkomponisten seiner Zeit aufgestiegen ist. Deutlich wird, dass er kompositorisch auch das ernste Fach beherrscht hat.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giuliano Carella

Inszenierung
Manuel Schmitt

Bühnenbild
Bernhard Siegl

Kostüme
Raphaela Rose

Licht
Joachim Klein

Chor
Manuel Pujol

Dramaturgie
Konrad Kuhn

 

Frankfurter Opern- und
Museumsorchester

Chorherren der Oper Frankfurt

Statisterie der Oper Frankfurt


Solistinnen und Solisten

Argirio
Theo Lebow

Amenaide
Bianca Tognocchi

Orbazzano
Kihwan Sim

Tancredi
Cláudia Ribas

Isaura
Ruby Dibble

Loredana
Clara Kim

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







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