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Das Problem mit der Vergänglichkeit Von Thomas Molke / Fotos: © Monika Rittershaus Als Georg Friedrich Händel im Frühjahr 1706 nach Italien aufbrach, hatte er bereits in Hamburg erste Erfolge als Opernkomponist gefeiert, die er im "Geburtsland der Oper" vertiefen wollte. Die Voraussetzungen dafür waren aber zunächst nicht allzu günstig, da in Rom seit 1697 eine päpstliche Anordnung existierte, die Opernaufführungen untersagte. So machte er dort zunächst als begnadeter Cembalo-Spieler und Organist in San Giovanni in Laterano auf sich aufmerksam und gewann den Kardinal Benedetto Pamphilj als einen Gönner, der ihn in unterschiedlichen Bereichen experimentieren ließ. 1707 legte Pamphilj Händel das Libretto zu einem Oratorium mit dem umständlichen Titel La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno vor, das später in Il trionfo del Tempo e del Disinganno umbenannt wurde. Inspiriert ist Pamphiljs Dichtung von Petrarcas Trionfi, in denen Fragen der Ewigkeit erörtert werden. Der Theatermensch Händel erkannte sofort, welches Opernpotenzial in dem Stoff steckte, und schuf eine musikalisch sehr dramatische Umsetzung. So verwundert es nicht, dass in den vergangenen Jahren Händels erstes Oratorium auch häufig szenisch auf die Bühne gebracht wurde. Erinnert sei hier an die bemerkenswerte Inszenierung von Kobie van Rensburg in der Spielzeit 2009/2010 am Landestheater Niederbayern mit der Blue-Screen-Technik, an eine recht moderne Deutung und Übertragung der Geschichte auf die Gegenwart in der Spielzeit 2018/2019 im Theater Aachen, an die Produktion bei den Pfingstfestspielen 2021 in Salzburg mit Cecilia Bartoli in einer ihrer Paraderollen als Piacere und an eine kammerspielartige szenische Umsetzung in der Spielzeit 2021/2022 im Nationaltheater Mannheim. Nun folgt eine weitere Inszenierung im Bockenheimer Depot in Frankfurt. Auf der Suche nach dem Glück: Bellezza (Monika Buczkowska-Ward) (hinten links von links: Michael Porter als Tempo, Katharina Magiera als Disinganno und Younji Yi als Piacere) Behandelt wird im Oratorium ein Konflikt zwischen vier allegorischen Figuren. Bellezza (die Schönheit) lässt sich aus Angst vor der eigenen Vergänglichkeit mit Piacere (dem Vergnügen) ein. Als Gegenspieler von Piacere treten Tempo (die Zeit) und Disinganno auf. Für letztere Figur lässt sich eigentlich schwer eine passende Übersetzung finden. Im Wörterbuch findet man die Bedeutungen "Ernüchterung" und "Enttäuschung", was aber die metaphorische Figur nur bedingt beschreibt. Auch der Begriff "Erkenntnis", der in der Frankfurter Inszenierung auch im deutschen Titel verwendet wird, trifft es eigentlich nicht ganz. Mit "inganno" ist die Täuschung gemeint, der Bellezza durch Piacere erliegt. "Disinganno" heißt dann genau genommen, dass dieses Trugbild aufgelöst wird, sie also zu einer "Erkenntnis" gelangt. Eine Erkenntnis allein ist aber zwangsweise nicht daran gebunden, dass man vorher einer Täuschung erliegt. Von daher wäre "Enttäuschung" eigentlich ein treffenderer Begriff, der jedoch im Deutschen ganz anders konnotiert ist. Aber auch der "trionfo" von Tempo und Disinganno kann hinterfragt werden, da das Finale allein der bekehrten Bellezza (Bellezza ravveduta) gehört. Tempo und Disinganno kommen nach Piaceres Abgang mit einer fulminanten Rachearie gar nicht mehr zu Wort. Piacere (Younji Yi, vorne links) verführt Bellezza (Monika Buczkowska-Ward, vorne rechts) (im Hintergrund: Michael Porter als Tempo und Katharina Magiera als Disinganno). Für das Regie-Team um Katharina Kastening haben die allegorischen Figuren mit ihrem Konflikt auch heute noch eine erschreckende Aktualität, da die Menschheit sich immer noch nicht mit der Vergänglichkeit abgefunden hat und krampfhaft versucht, Jugend und Schönheit zu konservieren. Dabei greift man in modernen Zeiten auch immer mehr zu chirurgischen Eingriffen. Schon während das Publikum in den Saal strömt, gibt es Auszüge aus realen Interviews und Reportagen als Toneinspielungen, in denen die Bedeutung der Attraktivität für den Erfolg hervorgehoben wird. So verspricht in der Inszenierung Piacere als kosmetisch-chirurgische Figur ewiges Glück durch ästhetisch-plastische Eingriffe. Optisch verkörpert sie dabei ein Ideal, das bei aller Perfektion jedoch künstlich wirkt, was Bellezza allerdings nicht davon abhält, diesem Ideal nachzueifern und sich auf die Eingriffe einzulassen. Tempo und Disinganno treten als Gegenspieler Piaceres auf, wobei Tempo zunächst in einem langen schwarzen Mantel erscheint, dem den Staub der Jahrhunderte anhaftet und der andeutet, dass alles irgendwann zerfällt. Disinganno scheint den gleichen Weg gegangen zu sein, den Bellezza einschlagen will, und muss nun mit den Folgen einer missglückten Selbstoptimierung leben. So wird ihre Künstlichkeit schnell offensichtlich, wenn sie die Perücke absetzt und unter ihrer Kleidung und auf ihrem Kopf zahlreiche Narben sichtbar werden. Vor diesem Weg will sie Bellezza bewahren und verbündet sich mit Tempo. Außerdem führt Kastening eine weitere Figur ein, die alte Bellezza, die auf ihre Jugend zurückblickt und im weiteren Verlauf des Stückes mit ihrem jungen Alter Ego in Aktion tritt. Disinganno (Katharina Magiera, vorne rechts) öffnet Bellezza (Monika Buczkowska-Ward, vorne links) die Augen (hinten links: Michael Porter als Tempo und Younji Yi als Piacere, hinten rechts: Inge Mathes als alte Bellezza). Ashley Martin-Davis hat einen eindrucksvollen Bühnenraum geschaffen, der schräg nach hinten wie ein Lebensweg verläuft. Über der Bühne hängt ein riesiger kreisrunder Spiegel, der gekippt werden kann und damit einen Blick auf die Bühne von oben ermöglicht. Im Hintergrund befindet sich ein kubusförmiger Raum, in dem die alte Bellezza in einer Art Wohnzimmer das Geschehen beobachtet. Der Boden und die Seitenwände sind klinisch weiß gehalten, werden aber bisweilen mit Videoprojektionen angestrahlt, die im Spiegel mit den Solistinnen und Solisten eindrucksvolle Bilder schaffen. Auch lässt sich der Boden an einzelnen Stellen öffnen und ermöglicht somit weitere Bühnenelemente. Mal ist es bloß ein Loch, das wie ein Riss gedeutet werden kann, in dem Tempo mit von oben herabrieselndem Sand Bellezza ihre Vergänglichkeit vor Augen führen will. Dann wird aus einem anderen Loch ein Blumenfeld emporgefahren, in dem sich Bellezza niederlegt, um den ersten chirurgischen Eingriff über sich ergehen zu lassen. In einem weiteren Loch befindet sich eine Art Brunnen mit Wasser, in dem Bellezza ihr Spiegelbild betrachten kann. Nach der Pause befindet sich ein Operationstisch auf der Bühne, auf dem Bellezza liegt, während Piacere hinter einem Paravent den Eingriff vornimmt. Auf der rechten Seite der Bühne sind zahlreiche Kartons gestapelt, die alle die Aufschrift "Glück" tragen. Darin befinden sich gelbe Zettel, die an den Vertrag erinnern, den Piacere Bellezza im ersten Teil hat unterschreiben lassen. Piacere (Younji Yi, Mitte) hat Bellezza (Monika Buczkowska-Ward, links und Inge Mathes, rechts) verloren. Tempo (Michael Porter im Hintergrund) triumphiert. In diesem Ambiente erzählt Kastening in einer ausgeklügelten Personenregie eine Geschichte, die trotz der allegorischen Figuren einem heutigen Publikum großen Aktualitätsbezug bietet. Das alles wird von einem hochkarätigen Ensemble umgesetzt, das sich nicht nur absolut spielfreudig erweist, sondern auch musikalisch keine Wünsche offen lässt. Da ist zunächst Monika Buczkowska-Ward als Bellezza mit zauberhaften Höhen zu nennen. Schon in ihrer Auftrittsarie "Fido specchio", in der sie sich selbstverliebt im Spiegel betrachtet, begeistert sie mit sauberen Spitzentönen, die die Wankelmütigkeit der Figur betonen. Zunächst können Tempo und Disinganno sie mit der Mahnung an die Vergänglichkeit nicht erreichen. Stattdessen trotzt sie ihnen mit atemberaubenden Koloraturen in der Arie "Una schiera di piaceri", wobei auch die Solo-Oboe im Orchester hervorzuheben ist, die mit Buczkowska-Ward in einen großartigen Dialog tritt. Überzeugend gelingt ihr im zweiten Teil der Stimmungswechsel. Wenn sie sich im Spiegel der Wahrheit betrachtet, wirkt sie beinahe schon schwach, und man merkt, dass Bellezza Tempo und Disinganno nicht mehr viel entgegenzusetzen hat. Bellezzas Schlussarie geht dann in Buczkowska-Wards eindringlichen Interpretation unter die Haut und lässt das Publikum einen Moment innehalten, bevor es in tosenden Applaus ausbricht. Younji Yi verfügt als Piacere über einen warmen, lieblichen Sopran, der es versteht, mit weichem Klang Bellezza und das Publikum einzuwickeln. Ein Höhepunkt ist natürlich die Arie "Lascia la spina", die Händel später unter dem Titel "Lascia ch'io pianga" in seine erste Oper für London, Rinaldo, übernahm und die auch im Oratorium in gewisser Weise bereits wiederverwendet wurde. Die Melodie hatte Händel nämlich schon als Sarabande für seine erste Oper Almira komponiert. Während die Arie in Rinaldo eine herzzerreißende Klage der gefangenen Prinzessin Almirena darstellt, ist sie im Oratorium Piaceres letzter Versuch, Bellezza in ihrem Machtkreis zu halten. Mit einer großen Portion Verzweiflung rät Piacere Bellezza, statt der Dornen doch lieber nur nach der Rose zu greifen und den Schmerz zu vermeiden. Yi legt die Arie mit weicher Stimmführung an. Umso heftiger gerät später ihr Abgang mit der Arie "Come nembo che fugge col vento", wenn Piacere sich zornig von Bellezza lossagt. Hier beweist Yi, dass sie auch ganz andere Töne anschlagen kann, und begeistert mit dramatischen Ausbrüchen in sauber angesetzten Höhen. Katharina Magiera und Michael Porter runden als Disinganno und Tempo mit warmem Mezzosopran und kraftvollem Tenor das Ensemble wunderbar ab. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester lotet unter dem feinfühligen Dirigat von Simone Di Felice die farbenreiche Partitur differenziert aus, so dass es für alle Beteiligten großen Jubel am Ende gibt.
Die Inszenierung von Katharina Kastening zeigt, dass Händels erstes Oratorium
sehr viel Potenzial für eine szenische Umsetzung besitzt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung Bühnenbild und Kostüme Video Licht Dramaturgie
Frankfurter Opern- und Continuo
Laute
Cembalo / Truhenorgel Solistinnen und Solisten
Bellezza
Piacere
Disinganno
Tempo
Bellezza heute
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E-Mail: oper@omm.de