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Die Liebe lässt über alle Grenzen hinweg tanzen
Von Stefan Schmöe /
Fotos © De-Da Productions
So cool hat man die Julia selten gesehen. Eine junge Frau in Lack und Leder, das knappe Oberteil rot, die hauteng anliegende Hose schwarz. Diese Frau hat wenig mit dem zarten jungen Mädchen zu tun, wie man es üblicherweise erlebt und das vor der Zwangsverheiratung mit dem ältlichen Paris steht. Den hat Choreograph Jorge Pérez Martínez, seit Beginn dieser Spielzeit Ballettdirektor in Eisenach, dann konsequenterweise aus dem Figurentableau gestrichen wie auch die Eltern Romeos und Julias. Überhaupt bleibt bei ihm nicht allzu viel von der originalen Handlung übrig, denn er reduziert die Geschichte auf ihren Kern: Das Liebespaar, das sich über trennende Grenzen hinwegsetzen will. Angedeutet werden die tödlichen Kämpfe zwischen Tybalt und Mercutio und danach zwischen Romeo und Tybalt, um die Ausweglosigkeit der Situation festzuschreiben: Als Mörder von Julias Cousin ist Romeo als deren Liebhaber keinesfalls mehr tragbar. Auch da muss man im Grunde die Geschichte kennen. Dramaturgin Julia Thurn hat im Programmheft vorsorglich die Inhalte der originalen Erzählung und der hier getanzten Version gegenübergestellt.
Pérez Martínez arbeitet mit einer akrobatischen, von ausladenden Bewegungen der Arme und Beine geprägten Körpersprache, bei der sich die Körper überstrecken und verdrehen. In den Pas de Deux umschlingen sich die Körper und winden sich umeinander. Die klassische Ballettsprache klingt in vielen Elementen an, wird aber in moderner Form modifiziert. Die Compagnie tanzt in Ballettschlappen, die keinen Spitzentanz zulassen. Streckungen gen Himmel gibt es für Julia (charismatisch und wandlungsfähig: Grace Humphris) zwar häufig, aber über den Fußballen. Sie tanzt himmelwärts. Romeo (mehr sportlich als leidenschaftlich: Luigi Cifone) ist erdverbunden, mit Elementen des Street Dance rollt er sich wiederholt über die Schulter ab. Noch deutlicher als Julia ist er dadurch in der Gegenwart verhaftet, auf seine Weise auch ein cooler Typ von der Straße. Aber die Choreographie will die Geschichte nicht einfach in die Gegenwart übertragen und auch nicht in bestimmten gesellschaftlichen Milieus verankern. Sie bleibt so weit wie möglich abstrakt, orientiert sich an der Musik und beschreibt archetypische Momente. Der Preis dafür ist eine emotionale Distanz zum Geschehen. Der Abend hat viele faszinierende Momente und überzeugt durchweg durch seine hohe Intensität, durch die Eigenwilligkeit der oft mitreißenden tänzerischen Sprache und die pointierte Reaktion auf Prokofjews Musik. Pérez Martínez bleibt in seiner Interpretation aber sachlich und analytisch. Dazu passt, dass er seinem Ballett dem üblichen Titel Romeo und Julia die Opuszahl hinzufügt. Die große romantische Liebestragödie allerdings muss man sich schon selbst dazudenken.
Wilde Liebesnacht in hauchzarten Oberteilen: Romeo und Julia
Die Bühne (Matthias Kronfuss) soll laut Programmheft von italienischer Architektur inspiriert sein, die drei leuchtend roten, verschiebbaren Bühnenelemente lassen aber viel eher an Eisenacher Neorenaissance und die Front des Theaters denken. So spielt sich das Geschehen quasi vor und hinter der nächsten Haustür ab. Wobei auch hier ein Illusionstheater, das man in der ersten Szene noch erahnen könnte, mehr und mehr unterdrückt wird. Im Verlauf des Stückes werden die Bühnenelemente von den Tanzenden umgedreht, zeigen desillusionierend ihre schwarze Rückseite mit der tragenden Metallkonstruktion, was man gleichzeig aber auch als das Innere von Julias Zimmer und später als Grabkammer deuten kann. Auch die abstrakt gehaltenen, auf historisierende Elemente verzichtenden Kostüme (Danielle Jost) greifen, wenn auch dezenter und weniger eindeutig, die Farben rot und schwarz auf, dazu helle Töne für Romeos Clan. In der Schlussszene liegt Julia, ein ästhetischer Clou, auf einem riesigen goldenen Tuch aufgebahrt, das sie später, wenn sie aus dem Schlaf erwacht, wie ein riesiges Kleid über die ganze Bühne ausbreitet. (Ob der farbliche Dreiklang Schwarz-Rot-Gold auf die Nationalfarben anspielen soll, ist eher unwahrscheinlich, denn es fehlen weitere erkennbare Bezüge.)
Heikel, weil nah an der unfreiwilligen Parodie, ist bekanntlich der Schluss: Julia liegt im Tiefschlaf, Romeo hält sie für tot und vergiftet sich, um unmittelbar danach ihr Erwachen miterleben zu müssen. Pérez Martínez umgeht die Problematik, indem er Romeo schnell sterben lässt, jedenfalls sitzt dieser apathisch und teilnahmslos neben der Erwachenden. Das kostet den letzten Pas des Deux. Stattdessen tanzt Julia ein einsames Solo, jetzt stärker an Romeos Art zu tanzen angelehnt, bevor sie sich (enttäuschend konventionell) ersticht. Die Szene hat so oder so etwas von einer Traumsequenz. Schon auf dem Weg dahin hat der Choreograph entscheidend eingegriffen, indem er den Pater Lorenzo (der Julia den Schlaftrunk gibt) gestrichen hat. Statt seiner gibt es eine als "Nonne" bezeichnete Figur, die aber wie ein Roboter von entfernt nonnenähnlichem Aussehen agiert (angemessen technisch kühl: Antonia Selow). So bleibt Julia die aktiv Handelnde. Aufgewertet ist die Figur ihrer Amme, die zur besten Freundin wird und schon durch ihr vergleichsweise "normales", an alltagstaugliche Kleidung erinnerndes Outfit herausfällt (Gaia Zanirato gibt ihr scharfes Profil). Sie ist neben Julia die zweite starke Frau. Bei den Männern beeindruckt Tim Thomas Husch als muskulöser, energiegeladener Benvolio.
Das Ende: Romeo hat sich vergiftet, Julia erwacht
Das Ensemble setzt die manchmal eckige, manchmal geschmeidige, oft sehr eigenwillige und nie langweilige Bewegungssprache überzeugend um. Dass es mitunter noch an Persönlichkeit und Individualität fehlt (am besten bringen das Gaia Zanirato, die "Freundin", und Grace Humphris, die Julia, auf die Bühne, haben aber auch die passenden Rolleninterpretationen dafür), mag auch daran liegen, dass sich Ballettchef und Compagnie noch am Anfang der Zusammenarbeit befinden. Musikalisch kann sich die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach nach anfänglichen Unschärfen in Intonation und Rhythmus erheblich steigern und ist unter der Leitung von Aurélien Bello spätestens im zweiten Teil ein zuverlässiger Partner der Bühne.
Eine bildmächtige Choreographie zwischen erzählendem Tanz und Abstraktion: Jorge Pérez Martínez löst sich in dieser modernen, kraftstrotzenden Interpretation von Romeo und Julia elegant von den Zwängen des Handlungsballetts, ohne das Wesentliche der Geschichte aus dem Blick zu verlieren. Sehenswert.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Choreographie
Bühne
Kostüme
Solisten
Julia
Romeo
Freundin
Nonne
Mercutio
Benvolio
Tybalt
Bürger von Verona
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