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Rigoletto

Oper in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave
Musik von Giuseppe Verdi


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 20. September 2025


Logo:  Theater Essen

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)
Fluch im viktorianischen Herren-Club

Von Claudia Stockmann / Fotos: © Matthias Jung 

19 Texte sollen Giuseppe Verdi zur Auswahl gestanden haben, als er sich, ganz auf seinen Theaterinstinkt verlassend, für Victor Hugos knapp 20 Jahre zuvor uraufgeführtes Stück Le Roi s'amuse entschied, das nach der Uraufführung in Paris direkt abgesetzt worden war, weil man es für absolut unmoralisch hielt, einen Monarchen als Vergewaltiger auf der Bühne zu präsentieren. Von daher war es Verdi wohl klar, dass mit der Entscheidung für diesen Stoff Ärger vorprogrammiert war. Auch mit einer buckeligen Titelfigur, die bei Hugo noch Triboulet als Anspielung auf das lateinische Wort "tribulare" (quälen, plagen) hieß und von Verdi zunächst in Tribuletto, dann in Rigoletto umgewandelt wurde, verstieß er gegen gängige Opernkonventionen. Um das Stück folglich im Teatro la Fenice zur Uraufführung zu bringen, musste er einige Zugeständnisse machen und verlegte die Handlung kurzerhand an den Hof eines fiktiven Herzogs von Mantua, der in der Vorlage auch nur Duca genannt wird. Nicht zuletzt durch die berühmte Tenorarie "La donna è mobile", die selbst einem opernfernen Publikum zumindest durch die Werbung bekannt sein dürfte, entwickelte sich das Werk zu einem Welterfolg und eroberte innerhalb von nur zehn Jahren die Bühnen der ganzen Welt. Für Verdi endete mit dieser Oper die Zeit, die er selbst als "Galeerenjahre" bezeichnete, in denen er aus finanzieller Not Werke gewissermaßen wie am Fließband komponieren musste. In Essen eröffnet man nun die neue Spielzeit mit diesem Publikumsrenner, allerdings nicht vor ausverkauftem Haus. Einige Plätze sind in der Premiere frei geblieben.

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Der Hof des Herzogs von Mantua im viktorianischen Herren-Club: in der Mitte links: Duca (Alejandro del Angel) und rechts: Rigoletto (Claudio Otelli), rechts daneben: Borsa (Mykhailo Kushlyk) und Monterone (Andrei Nicoara) mit dem Herrenchor

Am bombastischen Bühnenbild von Nikolaus Webern wird es sicherlich nicht gelegen haben. Die Geschichte wird in einen gediegenen Herren-Club des ausgehenden 19. Jahrhunderts im viktorianischen England verlegt. Hohe holzgetäfelte Wände markieren den Eingangsbereich in eine Welt, in die nur ausgewählte Mitglieder Zutritt haben. Durch Einsatz der Drehbühne lässt sich dieser Eingangsbereich blitzschnell in einen Ort verwandeln, an dem ein gehobenes Bürgertum mit plüschigen Sitzecken und hohen Säulen ungestört die Freizeit genießen und diverse Laster ausleben kann. Als weiteres Element gibt es eine kleine Dachkammer, in der Rigoletto seine Tochter Gilda vor der Außenwelt versteckt und vor der "schlechten Gesellschaft" beschützen will. Ein gelbes Kleid, das er ihr anziehen will, steht für seinen Versuch, mit ihr ein heiles Familienleben abseits der Realität aufzubauen. Doch dieser Versuch ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Schon bei der Ouvertüre, die mit dem Fluchmotiv startet, bricht Gilda unter dem Druck ihres Vaters zusammen, was andeutet, dass er sie nicht retten kann. Das alles markiert einen vielversprechenden Anfang. Doch die Personenregie von Kateryna Sokolova kann nicht halten, was sie am Anfang verspricht, und verzettelt sich in fragwürdigen Ideen.

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Sparafucile (Almas Svilpa, rechts) bietet Rigoletto (Claudio Otelli, links) seine Dienste an.

Dass Rigoletto in dieser Welt des Herren-Clubs kein buckeliger Narr sondern ein Butler ist, ist noch nachvollziehbar, auch wenn er in dieser Rolle nicht die Freiheiten eines Narren hat und eher wie eine alte gebrochene Person wirkt. Aber wieso muss jetzt mit allen Mitteln auf Diversität gesetzt werden, indem einzelne Herren in diesem Club in weißen Tutus mit Strapsen auftreten? Es mag sexuelle Ausschweifungen jeglicher Art in diesen Clubs gegeben haben. Aber muss der Graf Ceprano deshalb die ganze Zeit ohne Hose und androgyn geschminkt mit einer pinkfarbenen Federboa auftreten? Seine Frau, die Gräfin, begibt sich zu Beginn des Stückes in den Club, um ihren Gatten beim Liebesspiel mit einem anderen Mann zu ertappen und nicht um vom Herzog verführt zu werden. Der hat nämlich zu diesem Zeitpunkt ganz andere Interessen und vergnügt sich mit Maddalena und zwei weiteren leichten Damen des Etablissements. Wieso Maddalena als Kurtisane ihr Leben in diesem Club finanziert, bleibt genauso unklar wie die Tatsache, ihren Bruder Sparafucile als weiteren Butler auftreten zu lassen, der Rigoletto quasi als Kollege anbietet, ihm behilflich zu sein.

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Rigoletto (Claudio Otelli) möchte seine Tochter Gilda (Katerina von Bennigsen) beschützen.

Doch dies bleibt nicht der einzige fragwürdige Regieeinfall. Auch Monterones Fluch wird von Sokolova in der Personenregie überstrapaziert. Zwar mag er in der Musik allgegenwärtig sein, aber deswegen muss man Monterone doch nicht an allen möglichen Stellen als Strippenzieher auftreten lassen. Wenn Rigoletto mit seiner Tochter in der Dachkammer im ersten Akt allein ist, sieht man Monterone unter dem Zimmer vor dem Haus stehen und die Hände heben. Parallel dazu bewegen auch Rigoletto und Gilda die Arme. Wenn damit angedeutet werden soll, dass er als eine Art Puppenspieler die Strippen bei den beiden zieht, muss zumindest an der Synchronität noch gearbeitet werden, auch wenn es absolut keinen Sinn macht. Doch Sokolova geht noch weiter. Aus dem Duett zwischen Rigoletto und Gilda am Ende des zweiten Aktes, "Si vendetta, tremenda vendetta", in dem Rigoletto Rache am Herzog schwört und Gilda bemüht ist, ihren Vater zu bremsen, macht Sokolova kurzerhand ein Terzett und lässt Monterone aus Gildas Dachkammer Rigolettos Part mitsingen. Wenn Gilda im dritten Akt den Entschluss fasst, sich für den Herzog zu opfern, scheint sie ebenfalls Monterones Unterstützung zu benötigen. So führt er ihre Hand, wenn sie um Mitternacht heftig an die Tür von Sparafuciles Schenke klopft. Doch halt, es handelt sich ja gar nicht um die Schenke. Diese befindet sich ja im viktorianischen Herren-Club.

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Gilda (Katerina von Bennigsen) will den Herzog (Alejandro del Angel, Mitte) vor Sparafucile (Almas Svilpa, links) retten.

Auch über die generelle Personenregie bei der Figur der Gilda kann gestritten werden. Es ist sicherlich diskutabel, ob Gilda ein unschuldiger naiver Engel ist, als der sie häufig interpretiert wird. Immerhin hat sie ihren Vater ja bereits vor Beginn des Stückes hintergangen, indem sie heimlich Kontakt zum vermeintlichen Studenten aufgenommen hat. Aber hat er sie wirklich schon vorher verführt? Dann würde eigentlich der ganze zweite Akt keinen Sinn mehr machen. Sokolova lässt den Herzog in Anwesenheit Rigolettos in das hermetisch abgeriegelte Zimmer kommen und seine Hand in ihren Schoß legen, während Gilda ihr Versprechen abgibt, ihrem Vater zu gehorchen. Beim Quartett im dritten Akt, "Bella figlia dell' amore", geht Sokolova sogar noch einen Schritt weiter. Während Rigoletto eigentlich seiner Tochter die Untreue des Herzogs vor Augen führen will, versucht Gilda die verführerische Maddalena zu imitieren, tauscht sogar mit ihr die Plätze und lässt sich vom Herzog liebkosen. Am Ende befindet sie sich auch nicht sterbend im Sack, den Sparafucile in die Dachkammer bringt, sondern hüpft quietschvergnügt auf das Bett, während die Musik eine ganz andere Sprache spricht. Ob sie bei ihrer Entführung eine Art Fuchsschwanz angeheftet bekommen muss und die Höflinge gewissermaßen auf die Jagd nach ihr gehen, ist ebenfalls fragwürdig.

Wenigstens die musikalische Umsetzung entschädigt für die größtenteils fragwürdige Personenregie, auch wenn es kleinere Unstimmigkeiten bei den Tempi gibt, die aber vielleicht noch einer gewissen Premieren-Nervosität geschuldet sind. Mit Claudio Otelli hat man für die Titelpartie zum wiederholten Male einen Bassbariton nach Essen geholt, der mit profunden Tiefen der Rolle in jeder Hinsicht gerecht wird. Seine große Arie "Cortigiani" geht unter die Haut, wenn er den Höflingen ihre herzlose Gesinnung vorwirft. Mit großer Intensität zeichnet er dabei die Verzweiflung eines alten Mannes, der sich gegen die Gesellschaft kaum zur Wehr setzen kann. In der Gestik lässt Sokolova ihn stellenweise allerdings ein wenig übertrieben hektisch reagieren. Katerina von Bennigsen verfügt als Gilda über einen in den Höhen strahlenden Sopran, der eine betörende jugendliche Frische besitzt. Allerdings raubt auch ihr Sokolova mit einer albernen Personenregie in der Sterbeszene die Tragik.

Die weiteren Partien sind mit Ensemble-Mitgliedern des Hauses besetzt. Alejandro del Angel verfügt als Herzog über einen kraftvollen Tenor, der auch in den Höhen zu glänzen weiß und nur an vereinzelten Stellen ein wenig forcieren muss. Die berühmten Glanznummern der Oper präsentiert er allesamt souverän und erntet verdienten Szenen-Applaus. Während das Spiel mit dem Grammophon bei "La donna è mobile" durchaus als einer der wenig gelungenen komischen Momente bezeichnet werden kann, bleibt unklar, wieso er am Ende die beiden leichten Damen würgen muss. Das nimmt der Nummer die spielerische Leichtigkeit und hinterlässt einen faden Nachgeschmack. Almas Svilpa ist mit seinem schwarzen Bass ein absolut düsterer Sparafucile, dem man nicht allein im Dunkeln begegnen möchte. Liliana de Sousa legt seine Schwester Maddalena mit warmem Mezzosopran sehr verführerisch an, auch wenn unklar bleibt, wieso sich die Schenke ebenfalls im Herren-Club befindet. Andrei Nicoara punktet als Monterone mit fulminantem Fluch. Auch die kleineren Partien sind mit Karel Martin Ludvik als Marullo, Mykhailo Kushlyk als Borsa und Sono Yu als Graf Ceprano gut besetzt. Welche Funktion Marianna Giulio als Page in Sokolovas Deutung im Herren-Club noch zukommt, wenn sie stets aus einiger Distanz teils ängstlich, teils angewidert in schwarzem Anzug mit Zylinder das Geschehen beobachtet, erschließt sich nicht. Bernhard Schneider hat die spielfreudigen Herren des Opernchors stimmlich präsent einstudiert, und Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti präsentiert mit den Essener Philharmonikern einen schwungvollen Klang aus dem Graben, der nur an einzelnen Stellen in der Abstimmung der Tempi noch in den folgenden Aufführungen nachjustieren muss.

FAZIT

Die Idee, die Geschichte in einen viktorianischen Herren-Club zu verlegen, hätte grundsätzlich aufgehen können, wenn Kateryna Sokolova sich nicht mit einer kruden Personenregie total verzetteln würde.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Andrea Sanguineti /
Tommaso Turchetta

Inszenierung
Kateryna Sokolova

Bühne
Nikolaus Webern

Kostüme
Constanza Meza-Lopahandía

Kostümassistenz
Francisca Armando

Choreinstudierung
Savina Kationi

Leitung Bühnenmusik
Marlowe Fitzpatrick

Dramaturgie
Savina Kationi

 

Essener Philharmoniker

Opernchor des Aalto-Theaters

Statisterie des Aalto-Theaters


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Duca
Alejandro del Angel

Rigoletto
Claudio Otelli

Gilda
*Katerina von Bennigsen /
Natalia Labourdette

Sparafucile
Almas Svilpa

Maddalena
Liliana de Sousa

Giovanna
*Ks. Marie-Helen Joël /
Nataliia Kukhar

Monterone
*Andrei Nicoara /
Baurzhan Anderzhanov

Marullo
Karel Martin Ludvik

Borsa
Mykhailo Kushlyk

Graf Ceprano
Sono Yu

Gräfin Ceprano
Laura Kriese

Gerichtsdiener
Lino Ackermann /
*Petro Ostapenko

Page
Marianna Giulio

 

 





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