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Relations

Tanz-Triptychon von Jiří Kylián und Johan Inger

Forgotten Land
Choreographie von Jiří Kylián mit Musik von Benjamin Britten

Sleepless
Choreographie von Jiří Kylián mit Musik von Dirk Haubrich

Walking Mad
Choreographie von Johan Inger mit Musik von Maurice Ravel und Arvo Pärt


Aufführungsdauer: ca. 1 h 55' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 18. April 2026
(rezensierte Aufführung: 29. April 2026)

Logo:  Theater Essen

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)
Beziehungs-Triptychon

Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß 

Seit Armen Hakobyan und Marek Tůma zu Beginn der letzten Spielzeit die Ballettsparte in Essen als Doppelspitze übernommen haben, lag der Schwerpunkt in den Produktionen bisher auf Handlungsballetten. Nun kommt der erste abendfüllende Tanzabend im Aalto-Theater, in dem die Compagnie auch wieder andere Facetten zeigen kann. Schon Ben Van Cauwenbergh hatte auf eine ausgewogene Mischung gesetzt, die die ganze Bandbreite des Tanzes bedient. Für den ersten Tanz-Dreiteiler hat man sich renommierte Choreographen ans Haus geholt, die auch in Essen keine Unbekannten sind. Jiří Kylián gilt nicht nur in der internationalen Tanzwelt als ikonische Größe des modernen Tanzes, der seine Karriere unter dem legendären John Cranko in Stuttgart begann und anschließend lange Zeit die Geschicke des Nederlands Dans Theater (NDT) sehr erfolgreich prägte. Auch in Essen hat er zuletzt 2021 im Tanzabend P4ssions seine Choreographie Double You neu präsentiert und 2016 den kompletten Abend Archipel mit vier für das NDT kreierten Stücken gestaltet. Mit Johan Ingers Tanzversion des Klassikers Carmen haben Hakobyan und Tůma ihre Intendanz beim Aalto-Ballett in der vergangenen Spielzeit begonnen. Inger tanzte selbst viele Jahre im NDT I unter Kylián, so dass die beiden Choreographen nicht nur bereits einen Bezug zur Essener Compagnie haben, sondern auch untereinander in Beziehung stehen. So ist der Titel des neuen Tanzabends, Relations, allein aus diesem Grunde schon passend gewählt.

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Forgotten Land: Das schwarze Paar (Mariya Tyurina und Kieren Bofinger)

Doch in den drei Choreographien geht es ebenfalls um Beziehungen verschiedener Art. Den Anfang macht ein "Tanz-Klassiker" von Kylián, den er 1981 für das Ballett Stuttgart schuf und im gleichen Jahr mit dem NDT I einstudierte: Forgotten Land. Inspirationsquelle war für Kylián das Gemälde Tanz des Lebens von Edvard Munch, das eine Frau in drei verschiedenen Lebensstadien zeigt: in einem weißen Kleid als junge Erwachsene, in einem roten Kleid in einer Beziehung mit einem Mann und schließlich in einem schwarzen Kleid als alte Frau. Als musikalische Grundlage für die drei Phasen wählte Kylián Benjamin Brittens Sinfonia da Requiem, die dieser eigentlich 1939 als Auftragswerk für die nationalistische Regierung Japans anlässlich der 2600-Jahrfeier der Mikado-Dynastie schuf. Doch wegen der lateinischen, christlichen Liturgietexte als Grundthema wurde die Komposition von der Regierung Japans, die für die Feier komplett andere Vorstellungen hatte, abgelehnt. So widmete Britten das Werk seinen Eltern. Interessant ist, dass die drei Teile, "Lacrymosa", "Dies Irae" und "Requiem aeternam", rein orchestral erklingen und ohne Gesang auskommen. Kylián leitet daraus für den Tanz direkt die Lebensstationen der Frau auf dem Gemälde Munchs ab. Dabei erweitert er die drei Paare, ein schwarzes, rotes und weißes Paar, um drei weitere Farben, die mit grau, pink und beige Zwischentöne oder Übergänge markieren.

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Forgotten Land: Das weiße Paar (Carla Colonna und David McMillan Mikkelsen)

Das Bühnenbild von John F. MacFarlane greift die Idee des Gemäldes wieder auf. Der riesige Bilderrahmen ist aber nicht an Munch angelehnt, sondern zeigt eine abstrakte Landschaft, die langsam im Meer versinkt. Auf dem unteren Rahmen sieht man eine große Rolle, die wie eine Welle droht, auch den Bühnenraum zu überschwemmen. Inspiriert ist dieses Bild von Brittens Geburtsort East Anglia, einer Küstenregion Englands, die ebenfalls langsam im Meer versinkt. Vor diesem Bild stehen zu Beginn die sechs Paar mit dem Rücken zum Publikum und scheinen mit fließenden Bewegungen das Wogen des Meeres zu imitieren. Das Bewegungsvokabular zeichnet sich durch ästhetische Eleganz aus. Während bei den Damen die Farben der Kleider sehr gut zu erkennen sind, fällt es bei den Herren vielleicht aufgrund der Ausleuchtung ein wenig schwerer, die Farben zuzuordnen. Vereinzelte rote Farbtupfer an den fließenden Gewändern der Frauen deuten an, dass hier die gleiche Dame in unterschiedlichen Lebensphasen gezeigt wird. Während in Munchs Bild die Geschichte von links nach rechts chronologisch erzählt wird, wählt Kylián entsprechend der Musik Brittens eine andere Reihenfolge. Als erstes löst sich aus den sechs Paaren das schwarze Paar, das das "Lacrymosa" in einem bewegenden Pas de deux sehr düster umsetzt. Voller Leidenschaft präsentiert dann das rote Paar zum "Dies Irae" eine toxische Beziehung, die dem Paar nicht guttut. Zum letzten Teil, "Requiem aeternam" rückt dann das weiße Paar in den Mittelpunkt und zeigt, dass in jedem Ende auch ein Neuanfang liegt, was das Stück mit einem Hoffnungsschimmer enden lässt.

Nach der Pause folgt die zweite Choreographie Kyliáns, Sleepless, die er 2004 für das NDT II, die Jugendsparte des Nederlands Dans Theater, schuf. Das Stück stellt zwei Welten nebeneinander: die des Wachens und des Schlafens. Für das Bühnenbild hat sich Kylián von den Gemälden Lucio Fontanas inspirieren lassen. Fontana hat seine eigenen Kunstwerke durch Einschnitte "zerstört", um für die zweidimensionale Welt der Malerei eine neue Dimension zu schaffen, die dem Betrachtenden erlaubt, gewissermaßen auch in das Kunstwerk hineinzuschauen. So sieht Kylián auch den Übergang vom Wachen zum Schlafen. Die Bühne teilt er durch das Lichtdesign von Kees Tjebbes und durch acht mit langen Schnitten versehenen flexiblen Wänden diagonal in die Realität des Wachzustands und die Traumwelt des Schlafens ein. Die Schnitte ermöglichen dabei, die Zwischenzustände, die Kylián als die "Dämmerungsphase des Unterbewusstseins" bezeichnet, zu beschreiben. Als Musik verwendet er elektronische Musik von Dirk Haubrich, die auf Wolfgang Amadeus Mozarts "Adagio für Glasharmonika und Quartett" basiert. Von Mozart lässt sich bei dieser Komposition aber nicht mehr viel erkennen, außer dass man in verzerrten Klängen noch die Glasharmonika hört, die aber durch elektronische Sounds zersplittert wird, so dass man an vielen Stellen das Gefühl hat, dass das Glas zerbrochen ist.

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Sleepless: Zwischen Schein und Sein (David McMillan Mikkelsen und Paola de Oliveira Rihan)

Wie in der ersten Choreographie treten im Programm mit Farben bezeichnete Paare auf, dieses Mal drei an der Zahl. Die Farben Grün, Lila und Burgunder sind aber auch bei den Frauen wesentlich schlechter zu erkennen als im ersten Teil. Auch handelt es sich nicht um lange fließende Gewänder sondern eng anliegende Corsagen mit einer kurzen Hose bei den Tänzerinnen. Die drei Tänzer treten mit nacktem Oberkörper auf. Die Farben haben allerdings im Gegensatz zum ersten Stück auch keine besondere Bewandtnis. Vielmehr geht es um Schein und Sein, und da löst direkt die erste Sequenz beim Publikum Szenenapplaus aus. Eine Frau bewegt sich verzerrt im erleuchteten Teil der Bühne, während ihr Schatten auf die diagonale Wand geworfen wird. Dann scheint der Schatten die Wand zu öffnen, was illusionstechnisch wirklich perfekt umgesetzt wird, und die Frau verschwindet hinter der Wand. Zu den sphärischen Klängen werden nun unterschiedliche Konstellationen gezeigt, die in drei Duetten zwischenmenschliche Beziehungen auf abstrakte Art durchleuchten. Von den Tänzerinnen und Tänzern wird dies mit großer Präzision umgesetzt. Durch die Schlitze tauchen vereinzelt Hände und Köpfe auf und betonen in surrealen Bildern die Möglichkeiten eines Traums. Irgendwann hebt sich die Wand, und man blickt in ein schwarzes Nichts. Das Ende des Stückes kehrt dann wieder an den Anfang zurück, und der Schatten der Frau scheint das Tor zur "anderen Welt" erneut zu öffnen.

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Walking Mad: Lebensfreude pur beim Boléro von Ravel

Zum Abschluss gibt es ein Stück, das Inger 2001 noch als Tänzer der NDT I für die Compagnie geschaffen hat und mit dem er erste internationale Aufmerksamkeit erregte: Walking Mad. Es handelt vom Aufeinandertreffen eines Manns und einer Frau in unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens. Dazwischen führt ihr Weg durch unterschiedliche Geschichten, lässt sie auf zahlreiche andere Menschen treffen, bevor sie am Ende wieder zueinanderfinden. Während der erste Teil durch den Boléro von Ravel von leidenschaftlicher Kraft geprägt ist, wirkt der zweite Teil mit Arvo Pärts Für Alina sehr puristisch und abgeklärt. Ein wichtiger Bestandteil der Choreographie ist eine mehrteilige Wand im Hintergrund, die verschiedene Räume schafft und auch gekippt werden kann. Das alles wird von den Tänzerinnen und Tänzern selbst bewegt. Während die drei weiblichen Figuren des Stückes in unterschiedlichen Situationen gewissermaßen feststecken und die männliche Hauptfigur stets auf der Suche ist, markieren die übrigen Tänzer die Masse, die das Handeln der Frauen und des Mannes beeinflussen.

Der Humor kommt bei dieser Choreographie nicht zu kurz. Zu Beginn eilt ein Tänzer im Mantel mit einer Melone auf dem Kopf hektisch durch den noch erleuchteten Saal. Mit einer Eintrittskarte in der Hand scheint er seinen Platz im Parkett zu suchen, scheucht einzelne Leute hoch, um dann festzustellen, dass es sich bei dem jeweiligen Sitz doch nicht um seinen Platz handelt. Schließlich bewegt er sich zur Bühne und begibt sich in einen schmalen Schlitz, den der hochgefahrene Orchestergraben hinterlassen hat. Auf einer imaginären Treppe steigt er in den Orchestergraben herab, um sich anschließend mit einer nicht vorhandenen Pumpe auf einem weiteren abgesenkten Bühnenteil nach oben zu pumpen. Dann hebt er den Vorhang und trifft auf die Frau, die gerade auf dem Boden herumliegende Wäsche einsammelt. An seinem Mantel, den er ihr anbietet, scheint sie allerdings kein Interesse zu haben, und so verschwindet sie zunächst aus seinem Leben. Die Wand spielt dabei mit Illusionstricks. So steht der Mann auf der einen Seite und die Frau auf der anderen und nimmt mit einem endlos langen Arm dem Mann scheinbar die Melone weg, um sie selbst aufzusetzen. Zum Boléro von Ravel setzen die Tänzerinnen und Tänzer dann pure Lebensfreude in kraftvollen Bewegungen um. Irritierend ist nur die Szene, wenn eine Frau von der Wand gewissermaßen ausgeschlossen wird und die Musik plötzlich kaum hörbar erklingt, bis ein Mann über die Wand blickt und die Musik dann wieder in voller Lautstärke einsetzt. Das Pianostück von Pärt lässt den Abend dann sehr leise und gefühlvoll ausklingen.

FAZIT

In drei unterschiedlichen Choreographien werden auf ästhetisch sehr ansprechendem Niveau unterschiedliche Beziehungsgeflechte eindrucksvoll gezeigt, die auch bei der dritten Aufführung unter der Woche für ein nahezu ausverkauftes Haus sorgen.


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Produktionsteam

Forgotten Land

Choreographie
Jiří Kylián

Assistent des Choreographen
Stefan Żeromski

Bühne und Kostüme
John F. MacFarlane

Lichtdesign
Originalversion
Hans-Joachim Haas
Überarbeitung des Lichtdesign (Basel 2005)
Kees Tjebbes

Technische Supervision (Licht, Bühne)
Joost Biegelaar

Tänzerinnen und Tänzer

*rezensierte Aufführung

Schwarzes Paar
*Mariya Tyurina
*Kieren Bofinger /
Julia Schalitz
William Emilio Castro Hechavarría /
Maria Horianski
David McMillan Mikkelsen

Weißes Paar
Anna Maria Papaiacovou
Artem Sorochan /
*Carla Colonna
*David McMillan Mikkelsen /
Adrienn Tiszai
Francesco Piccinin

Graues Paar
*Yuki Kishimoto
*Enrico Vanroose /
Giulia Cacciatori
Benjamin Balazs /
Larissa Machado Rhodes
Moisés León Noriega

Rotes Paar
Yanelis Rodriguez
Matheus Barboza de Jesus /
*Larissa Machado
*Joel Dichter /
Paola de Oliveira Rihan
Hiroki Amemiya

Pinkes Paar
Sena Shirae
Joel Dichter /
*Silvia Insalata
*Harry Simmons

Beiges Paar
Maria Horianski
Dale Rhodes /
*Paola de Oliveira Rihan
*Moisés León Noriega

Ensemble
Davit Bassénz
Paul Faure
Samantha Grammer
Wataru Shimizu

 

Sleepless

Choreographie, Musikkonzept, Ausstattung
Jiří Kylián

Assistentinnen des Choreographen
Aurélie Cayla
Sarah Reynolds

Kostüme
Joke Visser

Lichtdesign
Kees Tjebbes

Technische Supervision (Licht, Bühne)
Joost Biegelaar

Tänzerinnen und Tänzer

Grünes Paar
Anna Maria Papaiacovou
Kieren Bofinger /
*Giulia Cacciatori
*Enrico Vanroose

Lila Paar
Paola de Oliveira Rihan
Joel Dichter /
*Sena Shirae
*Dale Rhodes

Burgunder Paar
Julia Schalitz
David McMillan Mikkelsen /
*Carla Colonna
*Artem Sorochan /
Adrienn Tiszai
Francesco Piccinin

Ensemble
Hieroki Amemiya
Samantha Grammer
William Emilio Castro Hechavarría
Silvia Insalata
Larissa Machado Rhodes

 

Walking Mad

Choreographie, Bühne und Kostüme
Johan Inger

Assistent des Choreographen
Yvan Dubreuil

Lichtdesign
Erik Berglund

Tänzerinnen und Tänzer

Hiroki Amemiy
*Maria E. H. Araújo
Benjamin Balazs
Matheus Barboza de Jesus
David Bassénz
*Kieren Bofinger
Giulia Cacciatori
*Joel Dichter
*Paul Faure
Samantha Grammer
*William Emilio Castro Hechavarría
Maria Horianski
Silvia Insalata
*Yuki Kishimoto
*Larissa Machado Rhodes
*David McMillan Mikkelsen
Moisés León Noriega
Paolo de Oliveira Rihan
Anna Maria Papaiacovou
Francesco Piccinin
Dale Rhodes
Wataru Shimizu
Sena Shirae
Harry Simmons
*Artem Sorochan
Mariya Tyurina
Enrico Vanroose

 





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