|
Beziehungs-Triptychon
Von Thomas Molke
/
Fotos: © Bettina Stöß
Seit Armen Hakobyan und Marek Tůma zu Beginn der letzten
Spielzeit die Ballettsparte in Essen als Doppelspitze übernommen haben, lag der Schwerpunkt in den
Produktionen bisher auf Handlungsballetten. Nun kommt der erste abendfüllende Tanzabend
im Aalto-Theater, in dem die Compagnie auch wieder andere Facetten zeigen kann.
Schon Ben Van Cauwenbergh hatte auf eine ausgewogene Mischung gesetzt, die die
ganze Bandbreite des Tanzes bedient. Für den ersten Tanz-Dreiteiler hat man sich
renommierte Choreographen ans Haus geholt, die auch in Essen keine Unbekannten
sind. Jiří Kylián gilt nicht nur in der internationalen Tanzwelt als ikonische Größe des modernen
Tanzes, der seine Karriere unter dem legendären John Cranko in Stuttgart begann
und anschließend lange Zeit die Geschicke des Nederlands Dans Theater (NDT) sehr
erfolgreich prägte. Auch in Essen hat er zuletzt 2021 im Tanzabend P4ssions
seine Choreographie Double You neu präsentiert und 2016 den kompletten
Abend Archipel mit vier für das NDT kreierten Stücken gestaltet. Mit
Johan Ingers Tanzversion des Klassikers Carmen haben Hakobyan und
Tůma ihre Intendanz beim Aalto-Ballett in der vergangenen Spielzeit
begonnen. Inger tanzte selbst viele Jahre im NDT I unter Kylián, so dass die
beiden Choreographen nicht nur bereits einen Bezug zur Essener Compagnie haben,
sondern auch untereinander in Beziehung stehen. So ist der Titel des neuen
Tanzabends, Relations, allein aus diesem Grunde schon
passend gewählt.

Forgotten Land: Das schwarze Paar (Mariya
Tyurina und Kieren Bofinger) Doch in den drei
Choreographien geht es ebenfalls um Beziehungen verschiedener Art.
Den Anfang macht ein "Tanz-Klassiker" von Kylián, den er 1981 für das Ballett
Stuttgart schuf und im gleichen Jahr mit dem NDT I einstudierte: Forgotten
Land. Inspirationsquelle war für Kylián das Gemälde Tanz des Lebens
von Edvard Munch, das eine Frau in drei verschiedenen Lebensstadien zeigt: in
einem weißen Kleid als junge Erwachsene, in einem roten Kleid in einer Beziehung
mit einem Mann und schließlich in einem schwarzen Kleid als alte Frau. Als
musikalische Grundlage für die drei Phasen wählte Kylián Benjamin Brittens
Sinfonia da Requiem, die dieser eigentlich 1939 als Auftragswerk für die
nationalistische Regierung Japans anlässlich der 2600-Jahrfeier der
Mikado-Dynastie schuf. Doch wegen der lateinischen, christlichen Liturgietexte
als Grundthema wurde die Komposition von der Regierung Japans, die für die Feier
komplett andere Vorstellungen hatte, abgelehnt. So widmete Britten das Werk seinen
Eltern. Interessant ist, dass die drei Teile, "Lacrymosa", "Dies Irae" und
"Requiem aeternam", rein orchestral erklingen und ohne Gesang auskommen. Kylián
leitet daraus für den Tanz direkt die Lebensstationen der Frau auf dem Gemälde
Munchs ab. Dabei erweitert er die drei Paare, ein schwarzes, rotes und weißes Paar,
um drei weitere Farben, die mit grau, pink und beige Zwischentöne oder Übergänge
markieren.

Forgotten Land: Das weiße Paar (Carla
Colonna und David McMillan Mikkelsen) Das
Bühnenbild von John F. MacFarlane greift die Idee des Gemäldes wieder auf.
Der riesige Bilderrahmen ist aber nicht an Munch angelehnt, sondern zeigt
eine abstrakte Landschaft, die langsam im Meer versinkt. Auf dem unteren Rahmen
sieht man eine große Rolle, die wie eine Welle droht, auch den Bühnenraum zu
überschwemmen. Inspiriert ist dieses Bild von Brittens Geburtsort East Anglia,
einer Küstenregion Englands, die ebenfalls langsam im Meer versinkt.
Vor diesem Bild stehen zu Beginn die sechs Paar mit dem Rücken zum Publikum und
scheinen mit fließenden Bewegungen das Wogen des Meeres zu imitieren. Das Bewegungsvokabular
zeichnet sich durch ästhetische Eleganz aus. Während bei
den Damen die Farben der Kleider sehr gut zu erkennen sind, fällt es bei den
Herren vielleicht aufgrund der Ausleuchtung ein wenig schwerer, die
Farben zuzuordnen. Vereinzelte rote Farbtupfer an den fließenden Gewändern der
Frauen deuten an, dass hier die gleiche Dame in unterschiedlichen Lebensphasen
gezeigt wird. Während in Munchs Bild die Geschichte von links nach rechts
chronologisch erzählt wird, wählt Kylián entsprechend der Musik Brittens eine
andere Reihenfolge. Als erstes löst sich aus den sechs Paaren das schwarze Paar,
das das "Lacrymosa" in einem bewegenden Pas de deux sehr düster umsetzt. Voller
Leidenschaft präsentiert dann das rote Paar zum "Dies Irae" eine toxische
Beziehung, die dem Paar nicht guttut. Zum letzten Teil, "Requiem aeternam" rückt
dann das weiße Paar in den Mittelpunkt und zeigt, dass in jedem Ende auch ein
Neuanfang liegt, was das Stück mit einem Hoffnungsschimmer enden lässt.
Nach der Pause folgt die zweite Choreographie Kyliáns, Sleepless, die er
2004 für das NDT II, die Jugendsparte des Nederlands Dans Theater, schuf. Das
Stück stellt zwei Welten nebeneinander: die des Wachens und des Schlafens. Für
das Bühnenbild hat sich Kylián von den Gemälden Lucio Fontanas inspirieren
lassen. Fontana hat seine eigenen Kunstwerke durch Einschnitte "zerstört", um
für die zweidimensionale Welt der Malerei eine neue Dimension zu schaffen, die
dem Betrachtenden erlaubt, gewissermaßen auch in das Kunstwerk hineinzuschauen.
So sieht Kylián auch den Übergang vom Wachen zum Schlafen. Die Bühne
teilt er durch das Lichtdesign von Kees Tjebbes und durch acht mit langen
Schnitten versehenen flexiblen Wänden diagonal in die Realität des Wachzustands
und die Traumwelt des
Schlafens ein. Die Schnitte ermöglichen dabei, die Zwischenzustände, die Kylián als
die "Dämmerungsphase des Unterbewusstseins" bezeichnet, zu beschreiben. Als Musik verwendet er
elektronische Musik von Dirk Haubrich, die auf Wolfgang Amadeus Mozarts "Adagio
für Glasharmonika und Quartett" basiert. Von Mozart lässt sich bei dieser
Komposition aber nicht mehr viel erkennen, außer dass man in verzerrten Klängen
noch die Glasharmonika hört, die aber durch elektronische Sounds zersplittert
wird, so dass man an vielen Stellen das Gefühl hat, dass das Glas zerbrochen
ist.

Sleepless: Zwischen Schein und Sein (David
McMillan Mikkelsen und Paola de Oliveira Rihan)
Wie in der ersten Choreographie treten im Programm mit Farben bezeichnete Paare
auf, dieses Mal drei an der Zahl. Die Farben Grün, Lila und
Burgunder sind aber auch bei den Frauen wesentlich schlechter zu erkennen
als im ersten Teil. Auch handelt es sich nicht um lange fließende Gewänder
sondern eng anliegende Corsagen mit einer kurzen Hose bei den Tänzerinnen. Die
drei Tänzer treten mit nacktem Oberkörper auf. Die Farben haben allerdings im
Gegensatz zum ersten Stück auch keine besondere Bewandtnis. Vielmehr geht es um
Schein und Sein, und da löst direkt die erste Sequenz beim Publikum
Szenenapplaus aus. Eine Frau bewegt sich verzerrt im erleuchteten Teil der
Bühne, während ihr Schatten auf die diagonale Wand geworfen wird. Dann scheint
der Schatten die Wand zu öffnen, was illusionstechnisch wirklich perfekt
umgesetzt wird, und die Frau verschwindet hinter der Wand. Zu den sphärischen
Klängen werden nun unterschiedliche Konstellationen gezeigt, die in drei Duetten
zwischenmenschliche Beziehungen auf abstrakte Art durchleuchten. Von den
Tänzerinnen und Tänzern wird dies mit großer Präzision umgesetzt. Durch die
Schlitze tauchen vereinzelt Hände und Köpfe auf und betonen in surrealen Bildern
die Möglichkeiten eines Traums. Irgendwann hebt sich die Wand, und man blickt in
ein schwarzes Nichts. Das Ende des Stückes kehrt dann wieder an den Anfang
zurück, und der Schatten der Frau scheint das Tor zur "anderen Welt" erneut zu
öffnen.

Walking Mad: Lebensfreude pur beim
Boléro von Ravel Zum Abschluss gibt
es ein Stück, das Inger 2001 noch als Tänzer der NDT I für die Compagnie
geschaffen hat und mit dem er erste internationale Aufmerksamkeit erregte:
Walking Mad. Es handelt vom Aufeinandertreffen eines Manns und einer Frau in
unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens. Dazwischen führt ihr Weg durch
unterschiedliche Geschichten, lässt sie auf zahlreiche andere Menschen treffen,
bevor sie am Ende wieder zueinanderfinden. Während der erste Teil durch den
Boléro von Ravel von leidenschaftlicher Kraft geprägt ist, wirkt der zweite
Teil mit Arvo Pärts Für Alina sehr puristisch und abgeklärt. Ein
wichtiger Bestandteil der Choreographie ist eine mehrteilige Wand im
Hintergrund, die verschiedene Räume schafft und auch gekippt werden kann.
Das alles wird von den Tänzerinnen und Tänzern selbst bewegt. Während die drei
weiblichen Figuren des Stückes in unterschiedlichen Situationen gewissermaßen
feststecken und die männliche Hauptfigur stets auf der Suche ist, markieren die
übrigen Tänzer die Masse, die das Handeln der Frauen und des Mannes beeinflussen.
Der Humor kommt bei dieser Choreographie nicht zu kurz. Zu Beginn eilt
ein Tänzer im Mantel mit einer Melone auf dem Kopf hektisch durch den noch
erleuchteten Saal. Mit einer Eintrittskarte in der Hand scheint er seinen Platz
im Parkett zu suchen, scheucht einzelne Leute hoch, um dann festzustellen, dass
es sich bei dem jeweiligen Sitz doch nicht um seinen Platz handelt. Schließlich
bewegt er sich zur Bühne und begibt sich in einen schmalen Schlitz, den der
hochgefahrene Orchestergraben hinterlassen hat. Auf einer imaginären Treppe
steigt er in den Orchestergraben herab, um sich anschließend mit einer nicht
vorhandenen Pumpe auf einem weiteren abgesenkten Bühnenteil nach oben zu pumpen.
Dann hebt er den Vorhang und trifft auf die Frau, die gerade auf dem Boden
herumliegende Wäsche einsammelt. An seinem Mantel, den er ihr anbietet, scheint
sie allerdings kein Interesse zu haben, und so verschwindet sie zunächst aus
seinem Leben. Die Wand spielt dabei mit Illusionstricks. So steht der Mann
auf der einen Seite und die Frau auf der anderen und nimmt mit einem endlos
langen Arm dem Mann scheinbar die Melone weg, um sie selbst aufzusetzen. Zum
Boléro von Ravel setzen die Tänzerinnen und Tänzer dann pure Lebensfreude
in kraftvollen Bewegungen um. Irritierend ist nur die Szene, wenn eine Frau von
der Wand gewissermaßen ausgeschlossen wird und die Musik plötzlich kaum
hörbar erklingt, bis ein Mann über die Wand blickt und die Musik dann wieder in
voller Lautstärke einsetzt. Das Pianostück von Pärt lässt den Abend dann sehr leise und gefühlvoll ausklingen.FAZIT
In drei unterschiedlichen Choreographien werden auf ästhetisch sehr
ansprechendem Niveau unterschiedliche Beziehungsgeflechte eindrucksvoll gezeigt,
die auch bei der dritten Aufführung unter der Woche für ein nahezu ausverkauftes
Haus sorgen.
Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)
|
Produktionsteam
Forgotten Land
Choreographie
Jiří Kylián Assistent des Choreographen
Stefan Żeromski
Bühne und Kostüme
John F. MacFarlane
Lichtdesign
Originalversion
Hans-Joachim Haas
Überarbeitung des Lichtdesign (Basel 2005)
Kees Tjebbes
Technische Supervision (Licht, Bühne)
Joost Biegelaar Tänzerinnen und Tänzer
*rezensierte Aufführung Schwarzes Paar
*Mariya Tyurina
*Kieren Bofinger /
Julia Schalitz
William Emilio Castro Hechavarría /
Maria Horianski
David McMillan Mikkelsen
Weißes Paar
Anna Maria Papaiacovou
Artem Sorochan /
*Carla Colonna
*David McMillan Mikkelsen /
Adrienn Tiszai
Francesco Piccinin
Graues Paar
*Yuki Kishimoto
*Enrico Vanroose /
Giulia Cacciatori
Benjamin Balazs /
Larissa Machado Rhodes
Moisés León Noriega Rotes Paar
Yanelis Rodriguez
Matheus Barboza de Jesus /
*Larissa Machado
*Joel Dichter /
Paola de Oliveira Rihan
Hiroki Amemiya
Pinkes Paar
Sena Shirae
Joel Dichter /
*Silvia Insalata
*Harry Simmons Beiges Paar
Maria Horianski
Dale Rhodes /
*Paola de Oliveira Rihan
*Moisés León Noriega Ensemble
Davit Bassénz
Paul Faure
Samantha Grammer
Wataru Shimizu Sleepless
Choreographie, Musikkonzept, Ausstattung
Jiří Kylián Assistentinnen des Choreographen
Aurélie Cayla
Sarah Reynolds
Kostüme
Joke Visser
Lichtdesign
Kees Tjebbes
Technische Supervision (Licht, Bühne)
Joost Biegelaar Tänzerinnen und Tänzer
Grünes Paar
Anna Maria Papaiacovou
Kieren Bofinger /
*Giulia Cacciatori
*Enrico Vanroose
Lila Paar
Paola de Oliveira Rihan
Joel Dichter /
*Sena Shirae
*Dale Rhodes
Burgunder Paar
Julia Schalitz
David McMillan Mikkelsen /
*Carla Colonna
*Artem Sorochan /
Adrienn Tiszai
Francesco Piccinin
Ensemble
Hieroki Amemiya
Samantha Grammer
William Emilio Castro Hechavarría
Silvia Insalata
Larissa Machado Rhodes Walking Mad
Choreographie, Bühne und Kostüme
Johan Inger Assistent des Choreographen
Yvan Dubreuil
Lichtdesign
Erik Berglund Tänzerinnen und Tänzer
Hiroki Amemiy
*Maria E. H. Araújo
Benjamin Balazs
Matheus Barboza de Jesus
David Bassénz
*Kieren Bofinger
Giulia Cacciatori
*Joel Dichter
*Paul Faure
Samantha Grammer
*William Emilio Castro Hechavarría
Maria Horianski
Silvia Insalata
*Yuki Kishimoto
*Larissa Machado Rhodes
*David McMillan Mikkelsen
Moisés León Noriega
Paolo de Oliveira Rihan
Anna Maria Papaiacovou
Francesco Piccinin
Dale Rhodes
Wataru Shimizu
Sena Shirae
Harry Simmons
*Artem Sorochan
Mariya Tyurina
Enrico Vanroose
Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Aalto Musiktheater (Homepage)
|