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So etwas gibt es doch nur im Film!
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Alvise Predieri Der raue Bandit mit dem guten Herzen und das schieß- wie pokertüchtige Mädchen mit der reinen Seele reiten gemeinsam dem Sonnenuntergang und einer glücklichen Zukunft entgegen - das ist selbst dem an so manchen Unsinn gewöhnten Opernpublikum zu viel. La fanciulla del West, in der deutschen Version Das Mädchen aus dem goldenen Westen, mutet einem viel Kitsch zu, ein höchst unglaubwürdiges Happy End eingeschlossen. Minnie, die (von ihrer Dienerin Wowkle abgesehen) einzige Frau in einem kalifornischen Goldgräberlager, bewahrt den Banditen Ramerrez mit einem flammenden Appell an Empathie und Herzensgüte vor der Lynchjustiz. Jene widersprüchliche Minnie, die im Saloon den Whiskey ausschenkt und den verlotterten Kerlen danach Religionsunterricht erteilt, rettet Leben und Seele eines verruchten Verbrechers. So etwas gibt es nur im Film.
Großer Auftritt für das Mädchen aus dem (goldenen?) Westen: Minnie schwebt im Stern ein.
Bei der New Yorker Uraufführung der Fanciulla del West im Jahr 1910 waren sich das europäische Musiktheater und das junge Medium Film keineswegs fern. Beide bedienten das Unterhaltungsbedürfnis mit spektakulären Stoffen. Die gewaltsame Besiedlung des doch eher "wilden" als "goldenen" Westens lag nicht allzu lange zurück und gehörte zum Gründungsmythos des modernen Amerika. Die Traummaschinerien von Oper wie Film fanden hier pathetische Stoffe und erfüllten ihrem Publikum das Bedürfnis nach einem Versprechen von Glück. Mit genau diesem Spannungsfeld beschäftigt sich die Inszenierung von Dirk Schmeding. Im ersten Akt wird ganz konkret Charlie Chaplins Goldrausch aus dem Jahr 1925 zitiert (die Szene, in der Chaplin einen Lederschuh kocht und verspeist). Chaplins oft sprunghafter Wechsel von Ironie und Tragik kennzeichnet auch Schmedings Regie. Diese erzählt das Stück einigermaßen genau nach, durchbricht die Handlung aber immer wieder ironisch. Die Nähe zum Film wird ganz konkret mit Zwischentiteln wie im Stummfilm thematisiert, gelegentlich mit kurzen Videosequenzen (Johannes Kulz), aber auch mit Kinosesseln, die über die unvermeidlichen Eisenbahnschienen hereingerollt werden. Das variable, vor allem im ersten Akt schnell veränderbare Bühnenbild (Ralf Käselau) spielt nicht nur hier mit genretypischen Klischeevorstellungen. Es sieht vieles so aus wie im Film.
So stellt man sich in einem ordenlichen Western die Saloon-Besitzerin vor: Minnie
Im Verlauf des Stückes wechselt Schmeding mehrfach die Zeitebenen. Zunächst sind die Menschen auf der Bühne bleich geschminkt (Kostüme: Julia Rösler) und tragen Perücken, als seien sie Relikte aus der Stummfilmzeit. Minnies erster Auftritt, von Puccini mit großem Effekt komponiert, ist eine grandiose Revueeinlage, bei der das umschwärmte Mädchen wie eine Showgröße von oben im strahlenden Stern (ein Anklang an den Sheriffstern des sie begehrenden Jack Rance) hereinschwebt - um dann als Bardame im roten Kleid wie zu den Glanzzeiten des klassischen Western der 1950er-Jahre zu agieren. Der zweite Akt beginnt in einer Tennessee-Williams-Trostlosigkeit der Nachkriegsära und wechselt für das Pokerduell zwischen Minnie und Jack um das Leben von Ramerrez in die schrillen 1970er-Jahre mit einem Hauch von Quentin Tarantino. Der letzte Akt und das Finale sind in der jüngeren Vergangenheit angesiedelt. Eines haben alle Epochen gemeinsam: Golden ist der Westen nicht. Glück bleibt eine Illusion, die man besser im Kino als im Leben sucht. Oder, um in der Filmsprache zu bleiben in diesem Fall den Coen-Brothers (Schmeding spielt auch darauf an) entlehnt: Dieses Amerika ist No Country for Old Men.
Ohne Aussicht auf Erfolg in Minnie verliebt: Sheriff Jack Rance
Über weite Strecken gelingt das ironische Wechselspiel zwischen Oper und Film gut, erscheint aber insgesamt doch etwas überfrachtet. Problematisch in der Oper ist die im Libretto rassistisch gezeichnete Darstellung des indigenen Dienerpaares Wowkle und Bill. Schmeding entscheidet sich dafür, die beiden Figuren aus der Handlung herauszunehmen und durch ein völlig anderes Bild, nämlich ein Darstellerpaar in Bärenkostümen zu ersetzen. Als bewusster Theatereffekt ist dies auch dadurch gekennzeichnet, dass sie die Kopfteile immer mal absetzen. Die Regie spielt damit sicher auch auf den Bären an, der Chaplin zwischenzeitlich in Goldrausch nachläuft. Hier wird aber deutlich, um wie viele Ecken man mitunter denken muss, um die gewollten Brechungen einigermaßen mitverfolgen zu können. Dazu gehört auch, dass Minnie in den drei Akten sehr unterschiedlich aussieht, immer der jeweiligen Zeitebene entsprechend - das macht eine Identifikation mit der Figur nicht leicht.
Der Lynchjustiz wird der reuige Bandit Ramirrez Dank der Fürsprache Minnies gerade noch einmal entgehen
Angesichts der beeindruckenden musikalischen Umsetzung lassen sich ein paar Regie-Winkelzüge zu viel aber gut ertragen. Die Essener Philharmoniker spielen ungeheuer farbenreich und erzeugen einen großformatigen, weichen Sound, der aber immer transparent bleibt und seine Nähe zur Filmmusik nicht verleugnet. (Wobei man sich klarmachen muss, dass es die Filmmusikkomponisten waren und sind, die ihre Effekte von Puccini abgehört haben, und nicht umgekehrt.) Chefdirigent Andrea Sanguineti interpretiert die Musik sehr "italienisch" und romantisch und kostet die großen Aufwallungen genussvoll, aber nicht überzogen aus. Man darf immer wieder staunen über die Wucht dieser Musik wie über die schnelle Anpassungsfähigkeit an die jeweilige Situation, aber auch über die leitmotivartige Verarbeitung der musikalischen Motive. Grandios sind die drei großen Hauptpartien besetzt. Ilaria Alida Quilico singt eine großformatige, in der Mittellage ganz leicht dunkel grundierte Minnie mit beeindruckender, trompetenhafter Durchschlagskraft in der Höhe und bestechender Präsenz auch an den leisen Stellen. Schade, dass sie im zweiten Akt allzu sehr auf Lautstärke setzt, was sie bei der leuchtenden, nicht grellen Strahlkraft ihres Soprans nicht bräuchte. Jorge Puerta als angeblicher Dick Johnson, in Wahrheit der gesuchte Bandit Ramerrez, ist mit baritonal timbrierter Tiefe und warmen, beweglichen, geschmeidigen Spitzentönen ein stimmlich idealer Tenor für die Rolle. Die ein wenig altmodisch anmutende Interpretation mit ein paar maßvollen Schluchzern passt gut in die cineastische Regie, die ja große Oper einfordert. Mit elegantem, eher nach Salon als nach Saloon klingendem Bariton gibt Massimo Cavalletti den in Minnie verliebten Sheriff Jack Rance als überaus ehrenwerten Gegenspieler. Klangprächtig, aber nicht lärmend, und nuanciert durchgestaltet singt der ausgezeichnete Herrenchor (Einstudierung: Bernhard Schneider).
Musikalisch ist gehört diese Fanciulla zum Besten, was man in Essen und darüber hinaus in den letzten Jahren gehört hat. Die Regie von Dirk Schmeding zieht der Geschichte diverse Metaebenen ein und verzettelt sich dabei, setzt das inhaltlich nicht unproblematische Werk aber in einen durchaus interessanten Rahmen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Video
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Minnie
Jack Rance
Dick Johnson
Nick
Ashby
Sonora
Trin
Sid
Harry
Joe
Bello
Happy
Larkens
Wowkle
Postillon
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