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Auf Friedenssuche zwischen Wikingerschilden und Flammenwerfern
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Jung "Wir wollen Frieden" und "Waffen nieder": Man möchte ihnen sanft über die Häupter streichen, diesen gequälten Menschen auf der Bühne, die genug vom Krieg haben und mit Textbannern den Krieg beenden wollen. Man möchte ihnen zurufen: "Ihr habt ja Recht. Nur ist das den Putins dieser Welt ziemlich egal". Nicht erst im Schlussbild kippt die herzensgut gemeinte Inszenierung (Anika Rutofsky) dieses Wikingerepos' allzu sehr ins Niedliche. Dabei beginnt die von der Regie erzählte Geschichte recht drastisch im Inneren eines Bunkers. Man hört immer wieder Explosionen, auf Kosten der Musik, denn die Ouvertüre hat längst begonnen - aber das muss man bei diesem düsteren Bild wohl akzeptieren. Und auch, dass eine romantische Oper aus den 1890er-Jahren nicht primär zum Diskurs herausfordern will und manche stereotype Konstellation mit sich bringt. Wobei das Libretto von Selma Lagerlöf (die 1909 als erste Frau mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde) eine akzentuiert weibliche Sicht auf das Kriegsgeschehen einnimmt und das maskulin geprägte Heldentum in Wikingerzeiten durchaus hinterfragt.
Ausgangssituation: Menschen im Bunker während eines Angriffs
Die Frithjof-Sage ist ein altnordisches Epos, das der schwedischen Leserschaft vor allem durch ein Versepos des lutherischen Bischofs Esaias Tegnér (1782 - 1846) aus dem Jahr 1841 bekannt war. Lagerlöf konnte sich offenbar auf detailliertere Kenntnis der Handlung beim Publikum verlassen und im Operntext viele Episoden auslassen - was dem heuten Publikum, zumal außerhalb Schwedens, das Verständnis mancher Szenen nicht einfach macht. Die Handlung geht in groben Umrissen so: Der ungemein starke Fritjof liebt seine Freundin aus Kindertagen Ingeborg, Schwester des Königs Helge, kommt aber, da er nicht adelig ist, als Bräutigam nicht in Frage. Mehr noch: Helge schickt ihn zur See und brennt seinen Landsitz nieder. Und er verheiratet Ingeborg zum Zeichen des Friedens mit dem verfeindeten König Ringe. Im Wissen um die Staatsräson willigt Ingeborg schweren Herzens ein, obwohl sie Fritjof ewige Treue geschworen hat. Sie bleibt auch standhaft, als der zum Freibeuter gewordene Fritjof sie entführen will. Erst mit dem Tod König Ringes kommt es zur ersehnten Vereinigung: Auf dem Sterbebett segnet der König das Paar und übergibt ihm die Herrschaft. Mit diesem Sujet hoffte Komponistin Elfrida Andrée (1841 - 1929) den Wettbewerb für eine Oper zur Eröffnung des neuen Opernhauses in Stockholm 1899 zu gewinnen - ohne Erfolg (keines der eingereichten Werke wurde für ausreichend gut befunden). So kam das Werk über konzertante Aufführungen bislang nicht hinaus. Erst die Essener Oper bringt es jetzt mit rund 125 Jahren Verspätung zur szenischen Uraufführung.
König Helge und Gattin Guatemi
Andrée, Tochter einer liberalen Familie in Visby, war die erste Frau, die in Schweden das Orgelexamen ablegte. Danach kämpfte sie erfolgreich darum, dass Frauen im Amt eines Organisten zugelassen wurden. Als 20-Jährige versah sie dieses Amt zunächst in Stockholm, von 1867 an bis zu ihrem Tod an der Domkirche in Göteborg. Da hatte sie bereits mit der Komposition eines Klavierquintetts (anonym bei der schwedischen Akademie der Künste eingereicht) für Aufsehen gesorgt. Ihre erste Symphonie wurde 1869 uraufgeführt und von ihr selbst zwei Jahre später dirigiert. Andrée wurde zu einer einflussreichen Größe des schwedischen Kulturlebens wie der Emanzipationsbewegung. Ihre Musik steht in der Traditionslinie Mendelssohns und Brahms', und wenn Andrée heute weitgehend unbekannt ist und erst nach und nach entdeckt wird, liegt das zum Teil vermutlich auch daran, dass sie keinen ausgeprägten Personalstil entwickelt hat, keinen typischen "Andrée-Stil". Die Fritjof-Saga ist eine große durchkomponierte Oper, bei der man das Nummern-Schema noch hört, romantisch harmonisiert und farbig instrumentiert, manchmal nordisch düster, in den schwirrenden Harfen aber auch mit französischem Gepräge.
Fritjof und Jugendliebe Ingeborg
Was dem Werk fehlt, ist das Gespür für musikdramatische Entwicklungen. Am deutlichsten wird das in der Konstellation der beiden zentralen Frauen. Der stoisch weisen, auf Frieden und das Gemeinwohl bedachten Ingeborg (Ann-Kathrin Niemczyk singt sie mit strahlendem, nicht heroinenhaftem, bei allerlyrischen Grundierung durchsetzungsfähigem Sopran) steht als Antipodin ihre auf Rache sinnende Schwägerin Guatemi (insgesamt überzeugend, mitunter angestrengt im Forte: Deirdre Angenent) gegenüber. Das erinnert unweigerlich an die von Richard Wagner um ein Vielfaches stärker ausgeschärfte Rivalität von Elsa und Ortrud im Lohengrin. Auch werden viele Symbole in ihrer Bedeutung fast nebensächlich im Text erklärt. So bestand Fritjofs Frevel, der ihn zum Ausgestoßenen werden ließ, in einem verbotenen Stelldichein mit Ingeborg im heiligen Hain der Gottheit Baldur - ein Ereignis, das in der Vorgeschichte der Opernhandlung liegt. Wer weiß, wie die Oper wirken würde, wenn solche Momente auf der Bühne gezeigt würden.
Frühmittelalterlicher Wikingerkrieg, unübersichtlich: Vorn in der Mitte mit Krone: König Helge, schräg hinter ihm Ingeborg. Links hinter den Herren mit Schild: Guatemi. Irgendwo im Hintergrund kämpft Fritjof.
Regisseurin Anika Rutkofsky zieht Parallelen zwischen der kriegerischen Handlung und der Gegenwart - daher die Eingangsszene im Bunker, die am Ende in der Utopie vom Frieden ihr Ziel findet. Die eigentliche Idee soll wohl sein, dass die Menschen im Bunker sich mit der alten Sage Mut zusprechen und sich in die Welt der Wikinger hineinträumen. Übermäßig originell ist der Ansatz nicht, aber plausibel. Er müsste nur konsequenter inszeniert sein. Am besten gelingt das in manchen Kostümen (Bente Rolandsdotter), die Elemente heutiger Kleidung mit angedeuteten historisierenden Gewändern kombinieren. Weniger alberne Helme und mehr Abstraktion bei Schwertern, Lanzen und Schilden würden dem Konzept sicher entgegenkommen, und Flammenwerfer als moderne Waffen setzen zwar für den Moment spektakuläre optische Effekte, wirken aber im Kontrast zu Lanze und Schwert unfreiwillig karnevalesk. Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann hat eindrucksvolle Raumlösungen zwischen Naturalismus und Abstraktion gefunden, in denen sich die eigentliche Geschichte gut erzählen lässt, die aber die Bunkerszenen im Verlauf der drei Akte weitgehend vergessen lassen.
Der alte König Ringe muss einen lustigen Helm tragen. Gattin Ingeborg wendet sich irritiert ab.
Auch die ein wenig pauschal geratene Personenregie dürfte genauer sein, um den Figuren psychologische Tiefe zu verleihen. Anrührend gezeigt wird Ingeborgs Trauer um den sterbenden Zwangs-Gemahl Ringe (Andreas Hermann wurde in der hier besprochenen Aufführung wegen Krankheit als indisponiert angekündigt, schlug sich mit beweglichem Tenor aber mehr als achtbar). Zu Fritjof dagegen, der sich laut Text irgendwo zwischen Frevler, Liebhaber und Superheld bewegen müsste, ist der Regie außer hektischem Herumfuchteln mit dem Schwert nicht viel eingefallen (Mirko Roschkowski verleiht ihm einen geschmeidigen, wenig heldischen Tenor). Auch der gegnerische König, Ingeborgs Bruder Helge (Friedemann Röhlig gestaltet ihn mit kultiviertem, liedhaftem Bass), bleibt eine szenisch ungenaue Märchenfigur. Delikat und mit samtenem Klang singt der Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider). Unter der Leitung von Kapellmeister Wolfram-Maria Märtig begleiten die sehr konzentrierten Essener Philharmoniker ausgesprochen sängerfreundlich und lassen den Stimmen auch da den Vortritt, wo Andrée dem Orchester den interessanteren Part komponiert hat. Auch dadurch bekommt die Aufführung musikalisch einen mehr lyrischen als dramatischen Charakter. Die Qualitäten der Musik liegen, so jedenfalls der Eindruck beim ersten Hören, mehr in ihrem epischen, erzählenden Grundton als in der dramatischen Zuspitzung. So ist es dann auch plausibel, dass sich mit Ingeborgs Machtwort, doch endlich auf Gewalt zu verzichten, das weibliche Prinzip gegenüber den etwas tumb gewaltstrotzenden Männern durchsetzt. Auch wenn man in der Realität nicht recht daran glauben mag.
Eine interessante Angelegenheit mit oft verblüffend schöner Musik ist die Fritjof-Saga trotz mancher dramaturgischer Schwächen allemal - insofern: Bitte anhören. Die Regie erzählt die Geschichte sorgfältig nach, bekommt die Welt der Wikinger ästhetisch aber nur ansatzweise in den Griff. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Ingeborg
Fritjof
König Helge
Guatemi
König Ring
Hilding
Björn
eine alte Frau
erste Frau
zweite Frau
dritte Frau
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