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Bewegende Geschichte in packenden Bildern
Von Thomas Molke
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Fotos: © Bettina Stöß Über eine
komplette Spielzeit hat man in Essen warten müssen, bis der Nachfolger von Ben
Van Cauwenbergh und Co-Intendant des Aalto Ballett Armen Hakobyan die erste
eigene Choreographie in seiner neuen Funktion vorgestellt hat. Nach dem
Chaplin-Abend Smile, den er im April 2023 noch gemeinsam mit Van
Cauwenbergh entwickelt hat, waren die Erwartungen hoch, und die wollte Hakobyan natürlich keineswegs enttäuschen.
So nahm er sich etwas mehr Zeit für die Suche
nach einem geeigneten Stoff. Fündig ist er bei einem Werk der
Weltliteratur geworden, das auch im Bereich des Tanzes seit dem 19. Jahrhundert
einige Umsetzungen, meistens unter dem Titel La Esmeralda, erfahren hat:
Der Glöckner von Notre-Dame. Dabei greift Hakobyan aber weder auf die Musik
von Cesare Pugni und die spätere Bearbeitung durch Marius Petipa
zurück, sondern erzählt die Geschichte in einer ganz eigenen Sprache mit Musik,
die er gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Wolfgang-Maria Märtig in einem
lang andauernden Prozess aus Werken zusammengestellt hat, die ursprünglich nicht
für den Tanz komponiert worden sind. Das Konzept geht auf, denn auch die dritte
Aufführung kann sich über ein ausverkauftes Haus freuen.

Frollo (Moisés León Noriega, Mitte) und seine
Helfer in der Kathedrale Notre-Dame
Der deutsche Titel des berühmten Romans von Victor Hugo ist eigentlich
irreführend. Hauptfigur bei Hugo ist nämlich die Kathedrale Notre-Dame
selbst, wie der Original-Titel Notre-Dame de Paris. 1482 andeutet, auch
wenn der Glöckner Quasimodo darin eine zentrale Rolle spielt. Für Hakobyan und
sein Team ist es aber wichtig, ebenfalls die Kathedrale in den Mittelpunkt zu
stellen, was Bühnenbildner Ramon Ivars eindrucksvoll umsetzt. So sieht man
im Hintergrund vor einer riesigen Steinwand ein in bunten Farben
leuchtendes Rosettenfenster mit einem Durchmesser von 5,7 m, das sich
eindrucksvoll auf dem Bühnenboden spiegelt. Mehrere riesige bewegliche Elemente
lassen unterschiedliche Räume in der Kathedrale entstehen, an denen die
jeweilige Handlung spielt. Teilweise werden diese Elemente auch durch den
beweglichen Bühnenboden auf eine andere Ebene gehoben, so dass man das Gefühl
hat, Quasimodo betrachte aus dem Turm das Treiben vor der Kirche. Natürlich darf
auch die Glocke nicht fehlen, die von Quasimodo zum Läuten gebracht wird. Sie
wird allerdings nur durch eine hängende Wand mit mehreren Seilen angedeutet.

Esmeralda (Yuki Kishimoto) liebt
Phoebus (Artem Sorochan).
In diesem eindrucksvollen Ambiente entwickelt sich nun die berühmte Geschichte
um die bezaubernde Esmeralda, die von Quasimodo bewundert und von
seinem Ziehvater, dem Erzdiakon Frollo, leidenschaftlich begehrt wird, deren
Herz aber dem schönen Phoebus gehört. Frollo tötet in rasender Eifersucht den
Rivalen und lässt Esmeralda als Mörderin verhaften, bietet ihr allerdings die
Freiheit, wenn sie sich ihm hingibt. Esmeralda wählt den Tod am Galgen.
Quasimodo, der vergeblich versucht hat, sie vor ihrem Schicksal zu bewahren,
nimmt Rache an Frollo und stürzt ihn aus dem Turm, während er mit Esmeraldas
Leichnam in der Kathedrale verschwindet. So weit folgt der Ballettabend dem
Roman. Die größte Abweichung in Hakobyans Lesart dürfte sein, dass Quasimodo
anders als im Roman nicht als buckeliger, hässlicher Mensch gezeichnet wird, sondern
keinerlei körperliche Defizite hat. Sein Außenseitertum resultiert allein
daraus, dass er von seinem Ziehvater Frollo in der Kathedrale von der Außenwelt
abgeschottet wird und als Gefährten nur die Gargoyles (Wasserspeier) hat, die in
herrlichen Kostümen von Ivars den Charme der Disney-Verfilmung haben und damit
ein gewisses vorweihnachtliches Gefühl in die Aufführung bringen. Dabei wird
auch genauestens darauf geachtet, dass die vier Tänzerinnen und Tänzer sich nur
bewegen, wenn sie mit Quasimodo allein sind. Sobald Esmeralda sie anblickt,
scheinen sie zu Stein erstarrt zu sein.

Esmeralda (Yuki Kishimoto) versorgt Quasimodos
(Enrico Vanroose) Wunden. Für die
vier Hauptfiguren entwickelt Hakobyan jeweils eine individuelle Tanzsprache, die
die Charaktere gut herausarbeitet. Yuki Kishimoto wirkt in ihrem feuerroten
Kleid als Esmeralda fast wie eine Schwester von Bizets Carmen und betont in expressiven
Bewegungen den Freiheitsdrang der jungen Frau, die zu tiefen Gefühlen fähig ist.
Dabei gelingen Kishimoto im Ausdruck die innigen Gefühle glaubhafter
als der verführerische Charakter der Figur, da ihr Spiel hierfür stellenweise
ein wenig zu brav ist. Wunderbar herausgearbeitet wird das unterschiedliche
Zusammenspiel mit Enrico Vanroose als Quasimodo und Artem Sorochan als
Phoebus. Während Kishimoto mit Vanroose wesentlich spielerischer, ja nahezu
unschuldig kindlich agiert und sich sehr zaghaft eine intensive Zuneigung von
Esmeralda zu Quasimodo entwickelt, ist das große Pas de deux mit Sorochan von körperlicher
Anziehung geprägt. Die Bewegungen sind dabei fließend und elegant. So wird
wunderbar herausgearbeitet, dass diese Figuren ganz unterschiedliche Gefühle
verbinden. Einen starken Kontrast dazu bildet Moisés León Noriega als Frollo.
Mit einer unglaublichen Körperspannung macht er deutlich, wie sehr der Erzdiakon
in seiner Rolle gefangen ist. Durch seine verbotene Zuneigung
zu Esmeralda, die in keinem Moment von ihr erwidert wird, entwickelt er sich zu einem grausamen
Menschen, der zerstören will, was er nicht bekommen kann, was Noriega in
diabolischem Spiel umsetzt. Auch wenn Noriegas Bewegungen in der Geschmeidigkeit
an die Gefahr eines Raubtieres erinnern, wird er mit einer gewissen
Art der Zuneigung zu Quasimodo allerdings nicht als durch und durch böse
gezeichnet. So empfindet man fast Mitleid mit ihm, wenn Quasimodo ihn am Ende
aus dem Turm stößt.

Quasimodo (Enrico Vanroose, Mitte) und die
Gargoyles (von links: Larissa Machado Rhodes, Joel Dichter, Wataru Shimizu und
Sena Shirae)Für komische und nahezu
märchenhafte Elemente sorgen Sena Shirae, Larissa Machado Rhodes, Joel Dichter
und Wataru Shimizu als Gargoyles, die sich als liebevolle Gefährten Quasimodos
präsentieren und ihm ein nahezu unbeschwertes Leben in der Kathedrale
ermöglichen. Dabei unterstützen sie auf liebevolle Art sein Werben um die schöne
Esmeralda. Auch die übrige Compagnie des Aalto Ballett begeistert durch große
Spielfreude in den Ensembles als Bürgerinnen und Bürger auf dem Marktplatz vor
Notre-Dame und Freundinnen und Freunde Esmeraldas. Für die Einschüchterung der
Massen hätte man sich in den Ensembles vielleicht noch ein paar mehr Soldaten
und Anhänger Frollos gewünscht, um den Mob glaubhaft im Zaum zu halten, wenn
Esmeralda zum Tode verurteilt wird. Als Nachwuchsförderung kann der Einsatz der
Schülerinnen und Schüler des Fachbereichs Tanz am Gymnasium Essen-Werden
betrachtet werden, die in der Marktplatzszene im ersten Akt große
Spielfreude verbreiten. Ein Schüler hat als junger Quasimodo, dem Frollo einen
Gargoyle schenkt, sogar eine kleine Solo-Rolle.
Die Musik ist aus eher unbekannten Werken von Erich Wolfgang Korngold, Dmitri
Schostakowitsch, Sergej Rachmaninow, Karl Goldmark, Franz Schreker und Max von
Schillings zusammengesetzt und sehr gut auf den Fortgang der Geschichte
abgestimmt. So werden die unterschiedlichen Stimmungen ideal eingefangen und
lenken durch die mangelnde Bekanntheit der musikalischen Nummern nicht vom Fluss
der Erzählung ab. Nur für den ersten Auftritt von Esmeralda haben Hakobyan und
Märtig bei aller Suche nichts Passendes gefunden, so dass Märtig kurzerhand
selbst eine Auftrittsmusik komponiert hat, die durch den Einsatz des Schlagwerks
den unbändigen Charakter der jungen Frau, die ihre Freiheit liebt, hervorhebt.
Eingeleitet wird der Abend durch Glockengeläut, das die Kathedrale ins
Zentrum der Handlung stellt. Ein Vorspiel zu den beiden Akten vor dem noch
geschlossenen Vorhang stimmt anschließend auf die folgende Geschichte ein.
Während der erste Akt musikalisch relativ spielerisch und ausgelassen beginnt
und sehr bewegend mit Schrekers Intermezzo endet, wenn Esmeralda Quasimodos
Wunden pflegt, ist der zweite Akt, in dem die Handlung schneller voranschreitet,
wesentlich dramatischer angelegt. Märtig setzt die unterschiedlichen Klangfarben
mit den Essener Philharmonikern wunderbar um, so dass es am Ende großen Beifall
für alle Beteiligten gibt, in den sich auch bei der dritten Vorstellung Hakobyan unter
großem Jubel einreiht.FAZIT
Das Warten hat sich gelohnt. Armen Hakobyan beweist mit seiner ersten
Uraufführung als Co-Intendant des Aalto Ballett, dass er spannende Geschichten
in einer bewegenden Tanzsprache erzählen kann.
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Produktionsteam
Choreographie
Armen Hakobyan Musikalische Leitung
Wolfgang-Maria Märtig
Bühne und Kostüme
Ramon Ivars
Licht
Armen Hakobyan
Philipp Kühl Mitarbeit Bühne und Kostüme
Roger Orra Assistenz Licht
Ivan Cascon Nogueira
Dramaturgie
Laura Bruckner
Savina Kationi Compagnie des Aalto Ballett Essen
Schüler*innen des Fachbereichs Tanz
am Gymnasium Essen-Werden
Essener Philharmoniker
Solistinnen und Solisten
*rezensierte Aufführung Esmeralda
*Yuki Kishimoto /
Mariya Tyurina /
Maria Horianski
Frollo
*Moisés León Noriega /
Samantha Kate Grammer /
Kieren Bofinger /
Artem Sorochan /
William Emilio Castro Hechavarría
Quasimodo
*Enrico Vanroose /
Kieren Bofinger /
William Emilio Castro Hechavarría Phoebus
*Artem Sorochan /
William Emilio Castro Hechavarría /
Moisés León Noriega /
Francesco Piccinin
Baron
Davit Bassénz /
*Kieren Bofinger /
William Emilio Castro Hechavarría /
Moisés León Noriega
Mutter
Yulia Tsoi
Gargoyles
*Sena Shirae
Yuki Kishimoto
*Joel Dichter
*Wataru Shimizu /
*Larissa Machado Rhodes
Anna Maria Papaiakovou
Mtheus Barboza de Jesus
Hiroki Amemiya
2 Freundinnen
*Yanelis Rodriguez
*Yusleimy Herrera León
Anna Maria Papaiakovou
Yuki Kishimoto
Paola Rihan
Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Aalto Musiktheater (Homepage)
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