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Der Glöckner von Notre-Dame

Ballett in zwei Akten von Armen Hakobyan
Musik von Erich Wolfgang Korngold, Sergej Rachmaninow, Dmitri Schostakowitsch, Franz Schreker u. a.


Aufführungsdauer: ca. 1 h 55' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 15. November 2025
(rezensierte Aufführung: 05.12.2025)

Logo:  Theater Essen

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)
Bewegende Geschichte in packenden Bildern

Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß 

Über eine komplette Spielzeit hat man in Essen warten müssen, bis der Nachfolger von Ben Van Cauwenbergh und Co-Intendant des Aalto Ballett Armen Hakobyan die erste eigene Choreographie in seiner neuen Funktion vorgestellt hat. Nach dem Chaplin-Abend Smile, den er im April 2023 noch gemeinsam mit Van Cauwenbergh entwickelt hat, waren die Erwartungen hoch, und die wollte Hakobyan natürlich keineswegs enttäuschen. So nahm er sich etwas mehr Zeit für die Suche nach einem geeigneten Stoff. Fündig ist er bei einem Werk der Weltliteratur geworden, das auch im Bereich des Tanzes seit dem 19. Jahrhundert einige Umsetzungen, meistens unter dem Titel La Esmeralda, erfahren hat: Der Glöckner von Notre-Dame. Dabei greift Hakobyan aber weder auf die Musik von Cesare Pugni und die spätere Bearbeitung durch Marius Petipa zurück, sondern erzählt die Geschichte in einer ganz eigenen Sprache mit Musik, die er gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Wolfgang-Maria Märtig in einem lang andauernden Prozess aus Werken zusammengestellt hat, die ursprünglich nicht für den Tanz komponiert worden sind. Das Konzept geht auf, denn auch die dritte Aufführung kann sich über ein ausverkauftes Haus freuen.

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Frollo (Moisés León Noriega, Mitte) und seine Helfer in der Kathedrale Notre-Dame

Der deutsche Titel des berühmten Romans von Victor Hugo ist eigentlich irreführend. Hauptfigur bei Hugo ist nämlich die Kathedrale Notre-Dame selbst, wie der Original-Titel Notre-Dame de Paris. 1482 andeutet, auch wenn der Glöckner Quasimodo darin eine zentrale Rolle spielt. Für Hakobyan und sein Team ist es aber wichtig, ebenfalls die Kathedrale in den Mittelpunkt zu stellen, was Bühnenbildner Ramon Ivars eindrucksvoll umsetzt. So sieht man im Hintergrund vor einer riesigen Steinwand ein in bunten Farben leuchtendes Rosettenfenster mit einem Durchmesser von 5,7 m, das sich eindrucksvoll auf dem Bühnenboden spiegelt. Mehrere riesige bewegliche Elemente lassen unterschiedliche Räume in der Kathedrale entstehen, an denen die jeweilige Handlung spielt. Teilweise werden diese Elemente auch durch den beweglichen Bühnenboden auf eine andere Ebene gehoben, so dass man das Gefühl hat, Quasimodo betrachte aus dem Turm das Treiben vor der Kirche. Natürlich darf auch die Glocke nicht fehlen, die von Quasimodo zum Läuten gebracht wird. Sie wird allerdings nur durch eine hängende Wand mit mehreren Seilen angedeutet.

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Esmeralda (Yuki Kishimoto) liebt Phoebus (Artem Sorochan).

In diesem eindrucksvollen Ambiente entwickelt sich nun die berühmte Geschichte um die bezaubernde Esmeralda, die von Quasimodo bewundert und von seinem Ziehvater, dem Erzdiakon Frollo, leidenschaftlich begehrt wird, deren Herz aber dem schönen Phoebus gehört. Frollo tötet in rasender Eifersucht den Rivalen und lässt Esmeralda als Mörderin verhaften, bietet ihr allerdings die Freiheit, wenn sie sich ihm hingibt. Esmeralda wählt den Tod am Galgen. Quasimodo, der vergeblich versucht hat, sie vor ihrem Schicksal zu bewahren, nimmt Rache an Frollo und stürzt ihn aus dem Turm, während er mit Esmeraldas Leichnam in der Kathedrale verschwindet. So weit folgt der Ballettabend dem Roman. Die größte Abweichung in Hakobyans Lesart dürfte sein, dass Quasimodo anders als im Roman nicht als buckeliger, hässlicher Mensch gezeichnet wird, sondern keinerlei körperliche Defizite hat. Sein Außenseitertum resultiert allein daraus, dass er von seinem Ziehvater Frollo in der Kathedrale von der Außenwelt abgeschottet wird und als Gefährten nur die Gargoyles (Wasserspeier) hat, die in herrlichen Kostümen von Ivars den Charme der Disney-Verfilmung haben und damit ein gewisses vorweihnachtliches Gefühl in die Aufführung bringen. Dabei wird auch genauestens darauf geachtet, dass die vier Tänzerinnen und Tänzer sich nur bewegen, wenn sie mit Quasimodo allein sind. Sobald Esmeralda sie anblickt, scheinen sie zu Stein erstarrt zu sein.

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Esmeralda (Yuki Kishimoto) versorgt Quasimodos (Enrico Vanroose) Wunden.

Für die vier Hauptfiguren entwickelt Hakobyan jeweils eine individuelle Tanzsprache, die die Charaktere gut herausarbeitet. Yuki Kishimoto wirkt in ihrem feuerroten Kleid als Esmeralda fast wie eine Schwester von Bizets Carmen und betont in expressiven Bewegungen den Freiheitsdrang der jungen Frau, die zu tiefen Gefühlen fähig ist. Dabei gelingen Kishimoto im Ausdruck die innigen Gefühle glaubhafter als der verführerische Charakter der Figur, da ihr Spiel hierfür stellenweise ein wenig zu brav ist. Wunderbar herausgearbeitet wird das unterschiedliche Zusammenspiel mit Enrico Vanroose als Quasimodo und Artem Sorochan als Phoebus. Während Kishimoto mit Vanroose wesentlich spielerischer, ja nahezu unschuldig kindlich agiert und sich sehr zaghaft eine intensive Zuneigung von Esmeralda zu Quasimodo entwickelt, ist das große Pas de deux mit Sorochan von körperlicher Anziehung geprägt. Die Bewegungen sind dabei fließend und elegant. So wird wunderbar herausgearbeitet, dass diese Figuren ganz unterschiedliche Gefühle verbinden. Einen starken Kontrast dazu bildet Moisés León Noriega als Frollo. Mit einer unglaublichen Körperspannung macht er deutlich, wie sehr der Erzdiakon in seiner Rolle gefangen ist. Durch seine verbotene Zuneigung zu Esmeralda, die in keinem Moment von ihr erwidert wird, entwickelt er sich zu einem grausamen Menschen, der zerstören will, was er nicht bekommen kann, was Noriega in diabolischem Spiel umsetzt. Auch wenn Noriegas Bewegungen in der Geschmeidigkeit an die Gefahr eines Raubtieres erinnern, wird er mit einer gewissen Art der Zuneigung zu Quasimodo allerdings nicht als durch und durch böse gezeichnet. So empfindet man fast Mitleid mit ihm, wenn Quasimodo ihn am Ende aus dem Turm stößt.

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Quasimodo (Enrico Vanroose, Mitte) und die Gargoyles (von links: Larissa Machado Rhodes, Joel Dichter, Wataru Shimizu und Sena Shirae)

Für komische und nahezu märchenhafte Elemente sorgen Sena Shirae, Larissa Machado Rhodes, Joel Dichter und Wataru Shimizu als Gargoyles, die sich als liebevolle Gefährten Quasimodos präsentieren und ihm ein nahezu unbeschwertes Leben in der Kathedrale ermöglichen. Dabei unterstützen sie auf liebevolle Art sein Werben um die schöne Esmeralda. Auch die übrige Compagnie des Aalto Ballett begeistert durch große Spielfreude in den Ensembles als Bürgerinnen und Bürger auf dem Marktplatz vor Notre-Dame und Freundinnen und Freunde Esmeraldas. Für die Einschüchterung der Massen hätte man sich in den Ensembles vielleicht noch ein paar mehr Soldaten und Anhänger Frollos gewünscht, um den Mob glaubhaft im Zaum zu halten, wenn Esmeralda zum Tode verurteilt wird. Als Nachwuchsförderung kann der Einsatz der Schülerinnen und Schüler des Fachbereichs Tanz am Gymnasium Essen-Werden betrachtet werden, die in der Marktplatzszene im ersten Akt große Spielfreude verbreiten. Ein Schüler hat als junger Quasimodo, dem Frollo einen Gargoyle schenkt, sogar eine kleine Solo-Rolle.

Die Musik ist aus eher unbekannten Werken von Erich Wolfgang Korngold, Dmitri Schostakowitsch, Sergej Rachmaninow, Karl Goldmark, Franz Schreker und Max von Schillings zusammengesetzt und sehr gut auf den Fortgang der Geschichte abgestimmt. So werden die unterschiedlichen Stimmungen ideal eingefangen und lenken durch die mangelnde Bekanntheit der musikalischen Nummern nicht vom Fluss der Erzählung ab. Nur für den ersten Auftritt von Esmeralda haben Hakobyan und Märtig bei aller Suche nichts Passendes gefunden, so dass Märtig kurzerhand selbst eine Auftrittsmusik komponiert hat, die durch den Einsatz des Schlagwerks den unbändigen Charakter der jungen Frau, die ihre Freiheit liebt, hervorhebt. Eingeleitet wird der Abend durch Glockengeläut, das die Kathedrale ins Zentrum der Handlung stellt. Ein Vorspiel zu den beiden Akten vor dem noch geschlossenen Vorhang stimmt anschließend auf die folgende Geschichte ein. Während der erste Akt musikalisch relativ spielerisch und ausgelassen beginnt und sehr bewegend mit Schrekers Intermezzo endet, wenn Esmeralda Quasimodos Wunden pflegt, ist der zweite Akt, in dem die Handlung schneller voranschreitet, wesentlich dramatischer angelegt. Märtig setzt die unterschiedlichen Klangfarben mit den Essener Philharmonikern wunderbar um, so dass es am Ende großen Beifall für alle Beteiligten gibt, in den sich auch bei der dritten Vorstellung Hakobyan unter großem Jubel einreiht.

FAZIT

Das Warten hat sich gelohnt. Armen Hakobyan beweist mit seiner ersten Uraufführung als Co-Intendant des Aalto Ballett, dass er spannende Geschichten in einer bewegenden Tanzsprache erzählen kann.


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Produktionsteam

Choreographie
Armen Hakobyan

Musikalische Leitung
Wolfgang-Maria Märtig

Bühne und Kostüme
Ramon Ivars

Licht
Armen Hakobyan
Philipp Kühl

Mitarbeit Bühne und Kostüme
Roger Orra

Assistenz Licht
Ivan Cascon Nogueira

Dramaturgie
Laura Bruckner
Savina Kationi

 

Compagnie des Aalto Ballett Essen

Schüler*innen des Fachbereichs Tanz
am Gymnasium Essen-Werden

Essener Philharmoniker


Solistinnen und Solisten

*rezensierte Aufführung

Esmeralda
*Yuki Kishimoto /
Mariya Tyurina /
Maria Horianski

Frollo
*Moisés León Noriega /
Samantha Kate Grammer /
Kieren Bofinger /
Artem Sorochan /
William Emilio Castro Hechavarría

Quasimodo
*Enrico Vanroose /
Kieren Bofinger /
William Emilio Castro Hechavarría

Phoebus
*Artem Sorochan /
William Emilio Castro Hechavarría /
Moisés León Noriega /
Francesco Piccinin

Baron
Davit Bassénz /
*Kieren Bofinger /
William Emilio Castro Hechavarría /
Moisés León Noriega

Mutter
Yulia Tsoi

Gargoyles
*Sena Shirae
Yuki Kishimoto
*Joel Dichter
*Wataru Shimizu /
*Larissa Machado Rhodes
Anna Maria Papaiakovou
Mtheus Barboza de Jesus
Hiroki Amemiya

2 Freundinnen
*Yanelis Rodriguez
*Yusleimy Herrera León
Anna Maria Papaiakovou
Yuki Kishimoto
Paola Rihan





Weitere Informationen
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Aalto Musiktheater
(Homepage)




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