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Cardillac

Oper in drei Akten
Libretto von Ferdinand Lion nach E.T.A. Hoffmanns Erzählung Das Fräulein von Scuderi
Musik von Paul Hindemith (erste Fassung von 1926)


in deutscher Sprache mit Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 6. Dezember 2025


Logo:  Theater Essen

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)
Die zerstörerische Macht des Goldes

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Jung

Der hochangesehene Goldschmied Cardillac wird zum Serienmörder, der sich nachts unter Gewaltanwendung die Schmuckstücke zurückholt, die er tagsüber verkauft hat. Nicht aus Geld- oder Habgier, sondern weil er sich nicht von seinen Schöpfungen trennen kann. Die Psychologie spricht hier vom "Cardillac-Syndrom". E.T.A. Hoffmann erfand die Figur in seiner 1819 verfassten Novelle Das Fräulein von Scuderi, die häufig als erste deutsche Kriminalnovelle bezeichnet wird. Paul Hindemith verwendete den auf die Grundkonstellation reduzierten Stoff 1926 zur Grundlage seiner Oper Cardillac, das Textbuch verfasste Ferdinand Lion im artifiziellen Tonfall des frühen 20. Jahrhunderts. Die Premiere an der Dresdner Staatsoper kam bei der Presse nicht gut an; die Dresdner Nachrichten etwa kritisierten "den Bruch, der zwischen dem hoffmannesken Text und der nüchtern unromantischen Musik besteht".

Vergrößerung in neuem Fenster Cardillac im Matel eines Königs, davor der Offizier

Hoffmanns romantisches Bild des dämonischen Künstlers zwischen Genie und Wahnsinn unterlegt Hindemith mit einer oft hypernervösen, in ihrer ratternden Motorik nie zur Ruhe kommenden Musik. Der Einsatz des opernuntypischen Tenorsaxophons bringt den Sound der Unterhaltungsmusik der Zeit ein, und trotz der häufigen Hinwendung zu barocken Formelementen, also im besten Sinne der alten deutschen Musik, war Hindemith den Nazis suspekt bis hin zur Verunglimpfung als "entartete Musik" und zum Aufführungsverbot seiner Werke. In Essen trifft Gastdirigent Patrick Lange mit den sehr konzentrierten Essener Philharmonikern den Tonfall ganz ausgezeichnet. Er gibt der Komposition Wucht und Größe, lässt gleichzeitig die kammermusikalischen, filigran komponierten Passagen aufleuchten, ohne den Spannungsbogen abreißen zu lassen. Gefühlt ist die Musik hier immer in aufgeregter, bedrohlicher Bewegung, selbst an den Ruhepunkten schwingt der gnadenlose Puls der Zeit unhörbar mit. Der stimmgewaltige Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider) dürfte im offenen, akustisch daher möglicherweise schwierigen Bühnenbild (Ausstattung: Katrin Nottrodt) im Klang noch konturierter, auch transparenter sein, wobei einige Passagen von berückenden Klangeffekten gelingen. Hindemith mag als Vertreter der "Neuen Sachlichkeit" unromantisch im Vergleich zu Zeitgenossen wie Erich Wolfgang Korngold sein; an Expressivität und Dramatik mangelt es Cardillac in dieser (keineswegs "romantisierten") Aufführung nicht.

Szenenfoto

Die Dame in der "brennenden Kammer", Cardillac (links im Bild) ist allgegenwärtig

Regisseur Guy Joosten beschwört in seiner bereits 2019 an der Vlaamse Opera Antwerpen und Gent entstandenen Inszenierung den Geist der 1920er-Jahre herauf. Auf der schwarzen, weitgehend leeren Bühne ragt eine unansehnliche Konstruktion aus Metallstangen bis in den Orchestergraben hinein, eine Form von artifizieller Hässlichkeit, vor der sich die eleganten Kostüme der angeblich goldenen 1920er-Jahre in ihren dunklen Grundfarben schwach abheben, der Berg aus goldenen Tüchern, auf dem Cardillac thront wie Dagobert Duck auf den Dukaten in seinen Goldspeichern, umso stärker hervorsticht. Ein Goldschmied und Kunsthandwerker ist Cardillac nicht. Im Hermelinbesetzten Königsmantel geht er umher wie das Gespenst des Kapitalismus, eine allgegenwärtige Idee von Reichtum und vermeintlicher Schönheit. Eine Idee, die mehr und mehr pervertiert, wenn Cardillac dem Wahnsinn verfällt wie ein König Lear, und die am Ende überlebt, wenn er gemäß dem Libretto von der aufgebrachten Menge erschlagen wird. Der Offizier in schneidiger Uniform und Lederstiefeln verweist auf den Faschismus. Das Zeitalter des Barock (Hoffmanns Novelle spielt im Jahr 1680 zur Zeit Ludwigs XIV.) kommt nur noch als Zitat vor, in der Perücke der Dame, in Cardillacs Mantel und Krone und in einem barocken Prospekt, der zu den letzten Tönen der Oper herabgelassen wird wie als Erinnerung an vermeintlich bessere Zeiten.

Vergrößerung in neuem Fenster Cardillac, dem Wahnsinn verfallend

Joosten verzichtet auf eine realistische Erzählweise und kondensiert die Geschichte zu wenigen, wirkungsvollen Bildern. Im Text ist wiederholt von einer "brennenden Kammer" die Rede, die durch Kerzen in einem durch eine Schräge angedeuteten Raum versinnbildlicht wird. Der Goldhändler, der Cardillac beliefert und später fälschlich eines Mordversuchs bezichtigt wird, trägt Schläfenlocken, wie sie typisch sind für die chassidische jüdische Gemeinde. Wenn die Volksmenge diesen ehrenwerten Mann als vermeintlichen Mörder lynchen will, dann entsteht hier ein Bild für den Antisemitismus der 1920er-Jahre. Der Regie gelingt es, vieles vom gespenstischen wie hysterischen Zeitgeist einzufangen. Gleichzeitig verstärkt diese Sichtweise die Entpsychologisierung der einzelnen Figuren. Wie Cardillac werden auch die anderen Personen zu Trägern von Ideen oder Strömungen: Der Militarismus (bis hin zum Faschismus) und der Antisemitismus, die mondäne und gleichzeitig oberflächliche Eleganz wie in den Berlin-Bildern Ernst Ludwig Kirchners, die (käufliche) Erotik im Verhältnis von Kavalier und Dame. Namenlos bleiben sie, von Cardillac abgesehen, ohnehin schon im Libretto. Unklar gibt sich die Inszenierung im Zentrum, in der Figur des Cardillac, um den alles kreist - geht es um Reichtum und Wohlstand oder um Kunst und Schönheit? Oder um alles gleichzeitig (und die Frage, was wichtig ist)? Nicht alles erklären zu können oder wollen, ist freilich nicht unbedingt ein Mangel. Joostens Deutung hinterlässt produktiv manche Fragen.

Szenenfoto

Cardillac, endgültig dem Wahnsinn verfallen

Heiko Trinsinger gibt dem Cardillac stimmlich wie szenisch Würde und Statur, macht aber auch den Verfall und Wahnsinn glaubwürdig. Was er der Figur ein wenig schuldig bleibt, ist das dämonische, "schwarze" Moment. Andreas Herrmann ist ein tenoral schneidiger, höhensicherer Offizier, Betsy Horne eine lyrisch angelegte Tochter im Anzug mit Krawatte (es bleibt unklar, ob sie als Mann gesehen werden soll, später trägt sie ein Brautkleid). Astrik Khanamiryan singt mit schillerndem Sopran eine auch vokal verführerische Dame, Samuel Furness ist ein geradliniger, nicht allzu schwärmerischer Kavalier, Magnus Piontek ein überaus korrekter Goldhändler.


FAZIT

Dieser bildgewaltige Cardillac ist eine ziemlich spannende, musikalisch eindrucksvolle Angelegenheit.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrick Lange

Inszenierung
Guy Joosten

Choreographie
Darren Ross

Kostüme
Katrin Nottrodt

Licht
Jürgen Kolb

Chor
Bernhard Schneider

Dramaturgie
Patricia Knebel
Piet de Volder



Statisterie des Aalto-Musiktheaters

Chor des
Aalto-Musiktheaters

Essener Philharmoniker


Solisten

* Besetzung der Premiere

Cardillac
Heiko Trinsinger

Tochter
Betsy Horne

Offizier
Andreas Hermann

Goldhändler
Magnus Piontek

Kavalier
* Samuel Furness /
Aljoscha Lennert

Dame
Astrik Khanamiryan

Führer
Andrei Nicoara






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Aalto Musiktheater
(Homepage)




Da capo al Fine

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