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Vergessenes Opernjuwel von Gounod Von Thomas Molke / Fotos: © Jochen Quast Um die Königin von Saba ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden, die die Kunst und Literatur über die Jahrhunderte hinweg inspiriert haben. Auch Charles Gounod widmete ihr eine Grand opéra, in die er große Hoffnungen setzte, nachdem er drei Jahre zuvor mit seiner auch heute noch häufig gespielten Oper Faust einen riesigen Erfolg erzielt hatte und zum Günstling des Kaisers Napoleon III. und seiner Gattin Eugénie avanciert war. Doch die Uraufführung am 28. Februar 1862 an der Opéra de Paris fiel nicht nur beim Kaiser durch, der sich darüber echauffierte, dass die titelgebende Königin in der Oper dem Herrscher einen Künstler vorzog. Auch die Presse zeigte sich ungnädig und beschimpfte Gounod als "Zukunftsmusiker", der sich viel zu nah am "Neutönerischen eines Richard Wagner" bewege. So teilt das Werk heutzutage ein ähnliches Schicksal wie die meisten anderen Opern Gounods, von dem nur Faust und Roméo et Juliette den Sprung ins Repertoire geschafft haben. Die Deutsche Oper am Rhein unternimmt nun einen Versuch, mit einer konzertanten Aufführungsreihe das Publikum von den verborgenen Qualitäten dieser Grand opéra zu überzeugen und hat dazu ein hochkarätiges Ensemble aufgefahren. Die Königin von Saba (Liane Aleksanyan, Mitte) zwischen Soliman (Bogdan Taloş, links) und Adoniram (Sébastien Guèze, rechts) (ganz links: Jacob Harrison als Sadoc und Charlotte Langner als Sarahil) Im Alten Testament ist die Königin als mächtige und weise Herrscherin im 1. Buch der Könige erwähnt, die den König Salomo (in der Oper Soliman) besucht, um durch Fragen und Rätsel seine berühmte Weisheit zu prüfen. Auch im Koran tritt sie in Sure 27 auf und erkennt durch Prüfungen und Zeichen die Wahrheit des einen Gottes. Im mittelalterlichen äthiopischen Epos Kebra Nagast wird sie schließlich zur Stammmutter der äthiopischen Königsdynastie und hat mit Salomo einen Sohn, der später die Bundeslade nach Äthiopien bringt. Aus diesen Quellen hat Gérard de Nerval im 19. Jahrhundert seine Erzählung Histoire de la Reine du Matin et de Soliman gespeist und um eine Dreiecksgeschichte erweitert. Hier kommt der Baumeister Adoniram ins Spiel, der zwei biblische Figuren in sich vereint: den gleichnamigen Fronvogt, der bei einem Aufstand der unterdrückten Arbeiter gesteinigt wird, und den Baumeister Hiram, der für den Bau des Tempels Salomos 988 v. Chr. auf dem Tempelberg verantwortlich zeichnete. Nerval verfasste sogar ein eigenes Opernlibretto dazu, das er Giacomo Meyerbeer anbot, der es allerdings nicht realisierte. Stattdessen arbeiteten zehn Jahre später Gounods Librettisten Jules Barbier und Michel Carré sehr nah an dieser Vorlage, fügten aber eine spektakuläre Explosion des Schmelzofens im zweiten Akt als Sabotageakt der drei Gesellen ein, die gegen Adoniram intrigieren, spitzten die Liebesgeschichte zwischen der Königin und Adoniram durch Verteilung auf mehrere Szenen zu und ließen Adoniram am Ende in den Armen der Königin sterben. Wie die von Gounod geplante Gestalt der Oper aussehen sollte, lässt sich heute nur erahnen, da schon bei der Uraufführung zahlreiche Veränderungen und Kürzungen vorgenommen wurden, die nicht im Sinne des Komponisten gewesen sein können. Da das für die Grand opéra der damaligen Zeit obligatorische Ballett nahezu ungekürzt bleiben musste, fiel die Explosion des Schmelzofens den Strichen zum Opfer. Als offizieller Grund wurde angegeben, dass dieser Effekt aus sicherheitstechnischen Gründen nicht umsetzbar sein. So besteht fast der komplette zweite Akt lediglich aus einer Mauerschau, in der die Königin beschreibt, was sie beobachtet. Das ist natürlich weit weniger ergreifend als einen fulminanten Chor zu hören, der vor der herabregnenden glühenden Bronze flieht. Doch was man in Duisburg zu hören bekommt, zeigt, dass dieses Werk zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Die drei Hauptfiguren sind musikalisch sehr ausgefeilt gezeichnet und heben die Geschichte weit über ein profanes Liebesdreieck hinweg. Stimmlich stellen sie eine sehr große Herausforderung dar. Balkis (Liana Aleksanyan) und Adoniram (Sébastien Guèze) gestehen einander ihre Liebe. Mit Sébastien Guèze als Adoniram kehrt ein Tenor an die Deutsche Oper am Rhein zurück, der dem Baumeister stimmlich in jedem Moment gewachsen ist. Die Partie verlangt sowohl recht hart angesetzte Höhen, um die Unerbittlichkeit Adonirams hervorzuheben, wenn er beispielsweise zu Beginn überhaupt kein Verständnis dafür aufbringt, dass die Arbeiter für die Ankunft der Königin von Saba frei bekommen haben, da er dadurch die Vollendung seines einmaligen Kunstwerkes gefährdet sieht. Auch den drei Gesellen gegenüber, die von ihm die Meisterwürde verlangen, zeigt er sich hart und kompromisslos, was Guèze stimmlich hervorragend umsetzt. Wenn er allerdings dem Charme der schönen Königin erliegt, wechselt seine Stimme in einen lyrischen Tonfall, für den Guèze recht weiche Töne findet. So arbeitet er in den ersten beiden Akten des Abends mit unterschiedlicher Färbung die Vielschichtigkeit der Partie deutlich heraus. Mit Liane Aleksanyan steht ihm in der Titelpartie eine Sopranistin zur Seite, die mit strahlenden Höhen die Männerherzen dahinschmelzen lässt. Berückend schön gestaltet sie die erste Begegnung mit dem Baumeister, die ihr klarmacht, dass sie Adoniram dem König Soliman vorzieht. Mit einer gewissen Unnahbarkeit entzieht sie sich dem König und findet mit Adoniram im dritten Akt zu einem betörenden Duett. Hier verlässt Guèze auch seinen Platz am Notenständer und wechselt zu Aleksanyan, was die Verbundenheit der beiden unterstreicht. Auch in Adonirams Todesszene im fünften Akt finden die beiden stimmlich inniglich zueinander. Schlussapplaus von links: Sadoc (Jacob Harrison), Sarahil (Charlotte Langner), Bénoni (Annabel Kennedy), Soliman (Bogdan Taloş), Balkis (Liana Aleksanyan), Henrik Vestmann, Adoniram (Sébastien Guèze), Méthousaël (Valentin Ruckebier), Phanor (Jake Muffett) und Amrou (André Sulbarán), dahinter: Duisburger Philharmoniker und der Chor der Deutschen Oper am Rhein) Bogdan Taloş gestaltet die Partie des Königs Soliman mit profundem Bass. Seine großen Momente hat er im vierten Akt, wenn er zunächst die ständige Zurückweisung durch die Königin beklagt. Hier zeichnet er den Herrscher als gebrochenen Menschen. Zunächst hält er im weiteren Verlauf an dem Baumeister fest, auch wenn die drei Gesellen versuchen, ihn beim König in Ungnade fallen zu lassen. Doch im anschließenden Duett mit Guèze verspielt Adoniram dann das Vertrauen des Königs. Brüsk lehnt er die Würde, zum zweiten Mann im Reich erhoben zu werden, ab. Von nun an agiert der König als in seinem Stolz verletzter Mann. Der Königin gegenüber wird er übergriffig, so dass sie ihn mit ihrer Vertrauten mit Hilfe eines Schlafmittels außer Gefecht setzen muss. Danach tritt er zwar nicht mehr auf, aber es ist anzunehmen, dass er die drei festgesetzten Gesellen freigelassen hat, um Rache an Adoniram zu nehmen. Ein Horror für die Aufführung einer so gut wie nie gespielten Oper ist, wenn eine Partie aus dem Ensemble, die nicht doppelt besetzt ist, ausfällt. Andrés Sulbarán musste einen Tag vor der Aufführung die Partie des Gesellen Amrou absagen. Doch mit Henry Ross aus dem Opernstudio hat man einen jungen Tenor gefunden, der sich der Aufgabe gestellt hat und die Partie innerhalb eines Tages einstudiert hat, was in diesem Fall eine besondere Herausforderung war, da er in der Regel immer als Terzett mit den anderen beiden Gesellen auftritt und sich damit nicht nur mit dem Orchester sondern auch noch mit Jake Muffett als Phanor und Valentin Ruckebier als Méthousaël abstimmen muss. Doch Ross meistert diese Aufgabe hervorragend und bildet mit Muffett und Ruckebier ein herrlich boshaftes Trio, das mit einer Stimme zu singen scheint. Auch die übrigen Partien sind mit Annabel Kennedy als Adonirams Gehilfe Bénoni, Julia Wirth als Vertraute der Königin und Jacob Harrison als Diener des Königs gut besetzt. Der von Albert Horne einstudierte Chor der Deutschen Oper am Rhein begeistert durch kraftvollen, homogenen Klang. Henrik Vestmann lotet mit den Duisburger Philharmonikern die Raffinessen der Partie mit viel Liebe zum Detail aus, so dass es für alle Beteiligten großen Beifall gibt.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung Chorleitung Dramaturgie
Duisburger Philharmoniker Chor der Deutschen Oper am Rhein
Solistinnen und Solisten*rezensierte Aufführung Balkis, Königin von Saba
König Soliman
Adoniram, Baumeister
Bénoni, sein
Gehilfe
Sarahil, Vertraute der Königin
Sadoc, Diener des Königs
Amrou, Geselle
Phanor, Geselle
Méthousaël, Geselle
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