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Ich bin nicht die Violetta, die ihr in mir sehen wollt
Von Stefan Schmöe / Fotos von Jochen Quast
Wer ist diese Violetta Valéry, die Traviata, eine "vom Weg Abgekommene", wenn man den Titel wörtlich nimmt? Wir sehen sie zu Beginn des Stückes (und am Ende wieder) als junge Frau in Jeans und mit schulterfreiem Top, wie man sie an einem Spätsommertag in der Detmolder Innenstadt antreffen könnte. Aber alsbald wird ihr ein leuchtend rotes Kleid gereicht und sie wird in die Rolle der umschwärmten Diva gepresst, was ihr die Luft zum Atmen und zum Leben nimmt. Die Tuberkulose, von der das Libretto spricht (die man hier aber nicht als physische Krankheit sehen darf), wird zum Symbol dafür. Violettas Existenz ist ein Leben permanent vor den Augen der Gesellschaft. Als Raum dafür dient ein klinisch weißer Hörsaal nach Art eines Amphitheaters mit halbkreisförmig aufsteigenden Sitzreihen und weißer Rückwand (Bühne: Barbara Steiner). Alle schauen auf sie. Auch die Ärzte sind von Beginn an schon da: Violetta ist ein pathologischer Fall. Und die Betrachter schauen nicht nur, sie stellen Violetta auf einem kleinen Podest in Positur, korrigieren die Position - und fotografieren. Man macht sich ein Bild von ihr, in diesem Fall sind es Polaroids, die man unmittelbar nach der Aufnahme in den Händen halten und betrachten kann.
Ein Leben als Schauobjekt für die Gesellschaft: Violetta Valéry
Was also ist Identität im Spannungsfeld von Selbstbild und Fremdbild? Danach fragt die Inszenierung von Vivien Hohnholz. Auch die Alternative, das Leben auf dem Land jenseits der illustren Pariser Stadtgesellschaft mit dem über beide Ohren in sie verliebten Alfredo, setzt den Konflikt fort. Das kleinbürgerliche Idyll wird durch ein kleines weißes Modell eines Hauses angedeutet, und jetzt ist es Alfredo, der ihr Kleidung im Landhausstil reicht und begeistert Polaroids macht. Auch hier wird Violetta in eine Rolle gedrängt. Von Selbstbestimmtheit keine Spur. Ganz unproblematisch ist das nicht, denn das Stück zeichnet sie als durchaus starke Frau.
Kurzes kleinbürgerliches Glück: Alfredo und Violetta, die nach der Entstehung des Bildes offensichtlich nochmal beim Friseur war und die Haare zur Premiere natürlicher und vorteilhafter trägt als auf diesem Foto. Die bis dahin dennoch einigermaßen schlüssige Regie gerät ins Stolpern, wenn Alfredos Vater erscheint und, um der Familienehre und den Heiratschancen der jüngeren Tochter willen, das Ende der Beziehung einfordert. So recht fügt sich der Konflikt um gesellschaftliche Konventionen nicht in das Regiekonzept ein. Wenn die Gesellschaft dann mit Hasenmasken und Hasenohren im zweiten Bild des zweiten Akts zur Polonaise antritt (ist das Violettas verzerrte Wahrnehmung?), verliert sich die anfängliche Perspektive vollends. Dann ist da noch die Frage des Geldes. Violetta wird damit überhäuft, was der Lohn für ihre öffentliche Rolle ist. Mit dem Geldmangel im zweiten Akt passen die zahllosen Scheine auf der Bühne nicht zusammen - und auch nicht mit dem Identitätsproblem. Schlüssiger entwickelt sich der dritte Akt, wenn das Sterben Violettas als Versuch gedeutet wird, aus ihrer Welt auszubrechen. Mit einem Revolver in der Hand spielt sie durch, wie es wäre, die anderen zu erschießen - oder auch sich selbst. Am Ende tritt sie hinaus aus dem Stück und wird ihrerseits zur Beobachterin. Aber ist das ein aktiver Akt der Identitätsfindung (und der Tod nur ein Symbol für den Ausstieg aus gesellschaftlichen Zwängen), oder bleibt nur der physische Tod als Ausweg aus dem unlösbaren Identitätskonflikt? Die Regie bleibt oft allzu ungenau, auf der anderen Seite aber arg reißerisch. Eine Schlägerei mit zerbrochenen Bierflaschen am Ende des zweiten Akts, wenn Alfredo die Abreise Violettas realisiert, führt unfreiwillig zu Lachern im Publikum.
Jeder Mensch ein Hase? Violetta und die Pariser Gesellschaft am Ende des zweiten Aktes
Die Regie müsste den Mut aufbringen, ohne szenischen Aktionismus der Musik zu vertrauen - und den Darstellerinnen und Darstellern. Die junge polnische Sopranistin Aleksandra Szmyd singt die Violetta mit großer Intensität. Sie legt die Figur nicht als Diva an, sondern zeigt vokal eine zurückhaltende, beinahe introvertierte junge Frau. Ohnehin ist die Traviata eine Partie der leisen Töne, und die gelingen Szmyd ganz ausgezeichnet. Auch im Piano und Pianissimo füllt ihr schöner, leuchtender, nicht zu kleiner Sopran den Raum aus, und mit beeindruckender Legato-Kultur gestaltet sie die großen Bögen bruchlos. Im ersten Akt geht sie die Spitzentöne (die durchweg gelingen) mit Vorsicht an, streift sie nur kurz und wechselt so schnell als möglich wieder in die Mittellage. Mehr und mehr gewinnt sie an Sicherheit und lässt auch die hohe Lage aufblühen. Die Gesangslinie ist immer kultiviert, das leicht eingedunkelte, für die Figur nahezu ideale Timbre verliert auch in den dramatischen Passagen nicht an Wärme. Von dieser Sängerin dürfte noch zu hören sein.
"Party", so kann man das Leben Violettas zusammenfassen. Dieser Bestimmung entkommt sie nicht. Ausgezeichnet sind auch die beiden großen Männerpartien besetzt. Ji-Woon Kim, Ensemblemitglied in Detmold, singt den Alfredo mit kraftvollem, baritonal eingedunkeltem Tenor, den er nie forciert, sondern geschmeidig und elegant im Sinne des Belcanto führt. Ein wenig matt bleiben die leisen Töne, und die hohen Töne erscheinen gelegentlich eine Spur zu tief angesetzt (oder entsteht der Eindruck durch das eingedunkelte Timbre?). Noch ein klein wenig mehr Leichtigkeit in der hohen Lage täte der Figur gut, die er mit jugendlichem Charme spielt. Ebenfalls dem hauseigenen Ensemble gehört der junge kanadische Bariton Jonah Spungin an, der Alfredos Vater mit großer, aber nicht donnernder Stimme singt (und szenisch mit gesetztem Auftreten den Generationsunterschied glaubhaft machen kann). Das in seinen beiden Arien des zweiten Akts ziemlich straffe Dirigat beschneidet die musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten. Durchweg gut sind die weiteren Rollen besetzt. Chefdirigent Per-Otto Johansson am Pult des ebenso klangschönen wie zuverlässigen Detmolder Orchesters, das den (nicht ganz einfach zu spielenden) flirrenden Beginn des Vorspiels behutsam entwickelt, führt das Ensemble sicher durch den Abend, ebenso den ausgezeichneten, auch in den heiklen Passagen rhythmisch sicheren Chor und Extrachor, der kraftvoll, aber nicht lärmend singt.
Musikalisch ein ganz starker Saisonauftakt für das Detmolder Theater mit einem tollen Liebespaar. Die Inszenierung verfolgt interessante Ansätze, verzettelt sich aber in (unnötigem) Aktionismus. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Maske
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Violetta Valéry
Flora Bervoix
Annina
Alfredo Germont
Giorgio Germont
Gaston
Baron Douphol
Marquis d'Obgny
Doktor Grenvil
Giuseppe
Ein Diener Floras
Ein Kommissionär
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