|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Ein hoffnungslos verlorener Idealist in unromantischen Zeiten
Von Stefan Schmöe / Fotos von Bettina Stöß Wann geht Idealismus in Spinnerei, sogar in Wahn über? Womöglich dann, wenn die Zeiten sich - und damit auch die Ideale - geändert haben. Miguel de Cervantes setzte Don Quichotte (so die Schreibweise, die das Theater Detmold verwendet), den "Ritter von der traurigen Gestalt", in die Neuzeit und ließ ihn für die Werte des ritterlichen, längst vergangenen Mittelalters kämpfen. Und für eine erträumte Welt, die es so nie gegeben hat, inmitten einer ziemlich profanen Gegenwart. Die Figur ist jenseits der literarischen Bedeutung des Romans (dessen beide Teile 1605 bzw. 1615 erschienen) populär geworden, dadurch auch in der Wahrnehmung verharmlost: Der komische Alte, der gegen die sprichwörtlich gewordenen Windmühlenflügel kämpft. 1869 komponierte Ludwig Minkus (1826 - 1917) unter diesen Vorzeichen am Moskauer Bolschoi-Theater für Marius Petipa seine Ballettmusik Don Quichotte. Komödiantischen Elemente und tänzerische Bravour stehen im Vordergrund.
Unterwegs mit dem Ziel, eine ritterliche Welt vor dem Verfall zu retten: Don Quichotte (links) und Sancho Pansa
Damit will Katharina Torwesten sich in ihrer Choreographie allerdings nicht begnügen. Sie möchte die Figur psychologisch vielschichtiger zeigen, näher an Cervantes, mehr den Idealisten in einer Welt ohne Ideale, die (ein wenig klischeehaft) dem irrenden Helden die Zwangsjacke überstreift. Dazu führt sie die Figur zu Musik von Benjamin Britten ein (Variations on a Theme of Frank Bridge und löst ihn vorsichtig aus der akademischen Ballettsprache heraus. Ein Unkonventioneller mit Elementen des contemporary dance inmitten einer durch Konventionen regulierten Gesellschaft, was choreographisch noch schärfer ausformuliert sein könnte, aber insgesamt ganz gut gelingt. Pedro Frizon imponiert mehr durch die bei durchaus vorhandener Komik immer elegante Würde, die er der Figur verleiht, als durch Virtuosität. Und Torwesten findet ein schönes Bild, wenn sie ihn und seinen Begleiter Sancho Pansa (vielseitig agil: Eduardo Miguel Bolsa Neves) auf modernen Rollkoffern als (Stecken-)Pferde einreiten lässt. Solche Narrheit - oder eben, je nach Sichtweise - solcher Idealismus ist zeitlos. Wenn Quichotte die übel schikanierte Reinigungskraft Aldonza (angemessen unscheinbar: Josefine Kraus) gegen ihre Peiniger verteidigt, ist die Choreographie in der Gegenwart angekommen.
Verliebt, aber heiraten dürfen sie einander nicht: Kitri und Basilio Ohnehin ist das Werk flott und unterhaltsam auf die Bühne gebracht. Torwesten zeigt sich einmal mehr eine gute Erzählerin, die Situationen mit Witz auf den Punkt bringen kann. Bühnenbildnerin Jule Dohrn-van Rossum umreißt mit wenigen Requisiten effizient und stimmungsvoll den jeweiligen Rahmen der Handlung, etwa mit ein paar vom Bühnenhimmel herabhängenden Fensterrahmen mit bestens gepflegten Blumenkästen. Und auch die unaufdringlichen, aber präzise gestalteten Kostüme (Victoria Unverzagt) zwischen Tutu, spanischen Trachten und modernen Anzügen halten die Geschichte geschickt in der Schwebe zwischen Historienstück und unverändert gültiger Parabel. Wobei die stark gekürzte Minkus-Fassung bei aller inhaltlichen Harmlosigkeit eben doch viel gute Ballettmusik mitbringt, leider vom Band in mittelprächtiger Tonqualität zugespielt. Dadurch gewinnt der Unterhaltungsaspekt zwischendurch mehr an Gewicht als geplant.
Kampf gegen Windmühlen: Don Quichotte und Dulcinea, sein Traumbild von der idealen Frau
Vor allem Ayu Kinoshita als junge Braut Kitri spielt und tanzt das mit frechem Charme und kussmundgesättigter Koketterie in den humoristisch angelegten Abschnitten wunderbar aus. Sie liebt nun einmal einen anderen als den neureichen Angeber Gamasche (den Leony Rafael Boni mit schöner Mischung aus Aufschneiderei und Eleganz darstellt), nämlich den technisch akkurat tanzenden, von der Choreographie aber eher ungenau gezeichneten Basilio (Felipe Sales). Dankbarer angelegt ist die geheimnisvolle Wahrsagerin (mitreißend in ihrer Energie: Mirea Mauriello). Torwesten zeichnet mit Augenzwinkern ein Bilderbuchspanien mit absurder Stierkampfszene nach, das seine bewusste Klischeehaftigkeit nicht verleugnet, aber bei Reduktion auf das Notwendige atmosphärisch stimmig ist.
Don Quichotte stirbt Dulcinea, das Traumbild der idealen Frau, erscheint in ätherischem Licht unter Schleiern (was es Erica Pinangé schwer macht, der Figur tänzerisches Profil zu verleihen). Ein wenig blass bleibt die Schlüsselszene, in der Don Quichotte gegen den Spiegelritter (Leony Rafael Boni) kämpft und in dessen glänzendem Schild sich selbst sieht - und seine Irrtümer erkennt. Das dürfte deutlicher, auch dramatischer als Moment des Zusammenbruchs inszeniert sein.
Katharina Torwestens Konzept, den Ritter von der traurigen Gestalt mit Benjamin Britten in höhere Sphären zu erheben, bleibt choreographisch unscharf. Trotzdem ein schönes, mit Witz inszeniertes Handlungsballett. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Choreographie
Choreographische Assistenz
Bühne
Kostüme
Licht
Maske
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Don Quichotte
Sancho Panza
Kitri
Basilio
Dulcinea
Aldonza
Gamache, Spiegelritter, Hippie
Wahrsagerin
Lorenzo
Wirt
In weiteren Rollen
|
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de