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Ein bisschen Faust, Revolution und Jubiläum
Von Thomas Molke /
Fotos: © Björn Hickmann
Ankunft im weißen Schwan: Götz Alsmann begrüßt das Publikum. Im Mai 2026 feiert das Dortmunder Opernhaus sein 60-jähriges Bestehen im Rahmen des Festivals Wagner-Kosmos VII. Schon jetzt gibt es eine festliche Operngala, die dann im Mai beim Jubiläum noch durch die Ballettsparte erweitert wird. Erneut hat man dafür Götz Alsmann eingeladen, der gewohnt charmant und amüsant durch das Programm führt und seiner Leidenschaft für die Oper in der Anmoderation freien Lauf lässt. Neben Auszügen aus Werken, die ebenfalls in diesem Jahr ein Jubiläum feiern, gibt es auch "ein bisschen Faust und ein bisschen Revolution". Dass man auch noch Wagners Lohengrin mit in das Programm aufgenommen hat, mag darin begründet sein, dass man der Gala so den Titel Mein lieber Schwan verpassen konnte. Ansonsten hat das Werk keinen direkten Bezug zum restlichen Abend. Aber so sieht man zu Beginn in einer Videoproduktion auf der Rückwand zunächst eine weiße Feder, die sich in einen Schwan auf einem See verwandelt, der den Kopf ins Wasser steckt und immer weiter versinkt, bis sich ein Vorhang öffnet und Alsmann wie Lohengrin mit einem Nachen aus einem großen weißen Schwan erscheint. Der habe ihn wesentlich pünktlicher nach Dortmund gebracht als die Deutsche Bahn. Artyom Wasnetsov als Mephisto (hier mit den Herren des Opernchors) Der Teil vor der Pause ist Auszügen aus den drei wohl bekanntesten Faust-Vertonungen gewidmet, die auf Goethes Meisterwerk basieren. Den Anfang machen die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi mit dem "Ungarischen Marsch" aus Hector Berlioz' La Damnation de Faust. Alsmann stellt im Anschluss zurecht die Frage, was die Faust-Geschichte denn eigentlich mit Ungarn zu tun habe, erläutert dann aber, dass sich Faust bei Berlioz allerdings für diesen Marsch kurzfristig nach Ungarn träume und anschließend sofort wieder zurückkehre. Das sei Ausdruck einer gewissen eigenwilligen Interpretation von Berlioz, der ja auch als Komponist eine gewisse Sonderstellung eingenommen habe, da er im Gegensatz zu anderen Komponisten kein Meister am Klavier gewesen sei, sondern lediglich Flöte und Gitarre gespielt habe. Es geht über zu einem Meisterwerk des Multitalents Arrigo Boito, der in seiner Oper Mefistofele gleich beide Faust-Teile vertont hat. Artyom Wasnetsov präsentiert die Arie des Mefistofele "Son lo spirito che nega". In langem, schwarzem Mantel und zu feuerrotem Licht betritt er die Bühne und lässt mit intensivem, schwarzem Bass dem Publikum das Blut in den Adern gefrieren. Auch seine Pfiffe gellen regelrecht bedrohlich durch den Saal. Da bekommt man große Lust, das Werk in Gänze in Dortmund zu erleben. Eine ideale Besetzung für die Titelpartie hätte man ja, und auch Sungho Kim und Anna Sohn könnte man sich sehr gut als Faust und Margarethe vorstellen. Sungho Kim und Anna Sohn als Faust und Margarethe Die beiden treten aber (noch?) nicht in Boitos Vertonung auf, sondern in der noch bekannteren Oper von Charles Gounod, die in Deutschland häufig immer noch aus Respekt vor dem großen Meister Goethe unter dem Titel Margarethe läuft. Gemeinsam mit Wasnetsov als Mephisto und Daegyun Jeong als Valentin präsentieren sie einen szenisch angelegten Querschnitt, der mit dem Pakt zwischen Faust und Mephisto beginnt und mit Margarethes Aufstieg in den Himmel endet. Mit in den Höhen klagendem Tenor und flexibler Mittellage lässt Kim die Selbstzweifel des Gelehrten spürbar werden, bevor ihm Wasnetsov als Teufel einen verlockenden Ausweg aufweist. Hier wird wunderbar mit Lichtprojektionen gespielt, die Faust ein Traumbild vorgaukeln. Im Anschluss gibt Wasnetsov dann gemeinsam mit den Herren des Opernchors den berühmten Tanz um das goldene Kalb, wobei der Chor nicht nur stimmlich überzeugt, sondern auch darstellerisch auf der Bühne regelrecht außer Rand und Band gerät. Nach einer wunderbar lyrischen Arie von Kim, in der er seine Faszination für Margarethe zum Ausdruck bringt, tritt Anna Sohn als Margarethe mit einem Kästchen auf und brilliert in der berühmten Juwelen-Arie mit klaren Koloraturen und herrlich mädchenhaftem Spiel. Einen bewegenden Auftritt hat auch Daegyun Jeong als Valentin mit der Arie "Avant de quitter ces lieux", mit der er mit weichem Bariton von seiner Schwester Abschied nimmt. Das Ende präsentieren dann Sohn, Kim und Wasnetsov stimmlich und darstellerisch hochdramatisch, bis der Chor aus dem Saal eindrucksvoll Margarethes Rettung verkündet. Götz Alsmann präsentiert das "Flohlied". Vor diesem Querschnitt gibt es noch eine amüsante musikalische Einlage von Götz Alsmann, in die er auch das Publikum einbezieht: das "Floh-Lied" aus Goethes Faust, das Mephisto in Auerbachs Keller zum Besten gibt. Alsmann weist darauf hin, dass dieses Lied von zahlreichen namhaften Opernsängern klassisch interpretiert worden sei, er aber eine Darbietung von Gustav Gründgens bevorzuge, die den lustigen Charakter des Liedes und die angetrunkene Stimmung wesentlich besser transportiere. So greift er zum Banjo und trägt das Lied mit dem Schalk im Nacken vor. Dazu fordert er das Publikum auch auf, beim zweiten Refrain einzusteigen. Als dies mehr schlecht als recht vom Publikum umgesetzt wird, kommentiert er es lakonisch mit dem Satz, dass es in Auerbachs Keller wahrscheinlich auch nicht besser geklungen habe. Nach der Pause geht es mit Wagners Lohengrin weiter. Für das filigrane Vorspiel, das intensiv von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Kobayashi interpretiert wird, hätte man sich vom Publikum etwas mehr Konzentration gewünscht. Gerade bei den leisen Tönen gibt es leichte Störgeräusche im Saal, die den Genuss ein wenig beeinträchtigen. Für die Erzählung "In fernem Land" hat man Aaron Cawley nach Dortmund geholt. In den Höhen besitzt sein Tenor eine enorme Strahlkraft. Nur der Übergang zu den Höhen klingt etwas ungewohnt. Den Anfang setzt er sehr dunkel an, so dass der Wechsel nicht immer ganz bruchlos gelingt. Es folgt ein Revolutions-Block mit Daniel-François-Esprit Aubers La Muette de Portici, die nach einer Aufführung in Brüssel am 25. August 1830 den Impuls für die anschließende Revolution gegen die Fremdherrschaft der Niederlande gab und zur Bildung des belgischen Nationalstaates führte. Das große Duett der beiden Fischer Masaniello und Pietro, die im zweiten Akt zum Aufstand der Neapolitaner gegen das Regime des spanischen Vizekönigs im Jahr 1647 aufrufen, entwickelte sich in Belgien zur Hymne der Revolution. In Dortmund mag man mit sehr gemischten Gefühlen an dieses Werk zurückdenken, da der Ausbruch der Corona-Pandemie 2020 dazu führte, dass die Inszenierung nur in einer öffentlichen Generalprobe zur Aufführung gelangte. Sungho Kim schlüpft in die Partie des Masaniello und punktet erneut mit strahlenden Höhen und kämpferischer Interpretation. Für Mandla Mndebele, der schon 2020 die Partie des Pietro gesungen hat, springt Daegyun Jeong ein, der als einziger vom Blatt absingt und dabei auf szenisches Spiel verzichtet. Stimmlich überzeugt er mit kraftvollem Bariton. Nach einem beeindruckenden Chorgesang aus Aubers Oper folgt noch der berühmte Gefangenenchor aus Verdis Nabucco, den der Opernchor gewohnt souverän präsentiert. Aaron Cawley Im Anschluss geht das Programm in die "Jubiläums"-Nummern über. Vor 150 Jahren wurden Edvard Griegs Schauspielmusik zu Peer Gynt und Amilcare Ponchiellis Oper La Gioconda uraufgeführt, aus der man heute noch vor allem den "Tanz der Stunden" aus der Werbung von Coppenrath & Wiese kennt. Während aus Edvard Grieg die berühmte "Morgenstimmung" erklingt, gibt es aus La Gioconda die Tenorarie "Cielo e mar", die Cawley kraftvoll schmettert. Ebenfalls vor 150 Jahren fanden in Bayreuth die ersten Bayreuther Festspiele mit Wagners Ring des Nibelungen statt. Daraus steht der berühmte Walkürenritt auf dem Programm. Alsmann, der in der vergangenen Spielzeit in Dortmund auch durch Loriots Ring an einem Abend geführt hat, bemerkt, dass diese Nummer in Loriots Kurzfassung sehr zur Enttäuschung des Publikums gar nicht vorgekommen sei und daher nun nachgeholt werde. Die Dortmunder Philharmoniker könnten allerdings beim Ritt ein bisschen mehr Feuer versprühen und wirken für die Walküren doch ein bisschen zu zahm. Den Abschluss bilden dann zwei Auszüge aus Puccinis Turandot, die vor 100 Jahren zur Uraufführung gelangte und die in dieser Spielzeit in einer Neueinstudierung in Dortmund wieder aufgenommen wurde. Anna Sohn schlüpft erneut in die Partie der Liù, die sich für Calàf opfert, und Cawley beendet den Abend mit dem berühmten "Nessun dorma", mit dem das Publikum beseelt aus dem Saal entlassen wird. FAZIT Die Gala bietet Operngenuss vom Feinsten und wird von Götz Alsmann auf gewohnt humorvolle Art moderiert. Programm Hector Berlioz Arrigo Boito Charles Gounod Richard Wagner Daniel-François-Esprit Auber Giuseppe Verdi Edvard Grieg Amilcare Ponchielli Richard Wagner Giacomo Puccini
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ProduktionsteamMusikalische Leitung
Musikalische Konzeption
Choreinstudierung
Licht
Video
Staging
Dortmunder Philharmoniker Opernchor Theater Dortmund Solistinnen und Solisten *rezensierte Aufführung Moderation Sopran Tenor Bariton Bass
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