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Die Hochzeit des Figaro
(Le nozze di Figaro)

Opera buffa in vier Akten
Libretto von Lorenzo Da Ponte basierend auf der Komödie La Folle Journée ou Le Mariage de Figaro von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 30 (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Dortmund am 21. September 2025




Theater Dortmund
(Homepage)
Gesellschaft im Spiegel

Von Claudia Stockmann / Fotos: © Björn Hickmann

Mozarts Le nozze di Figaro markiert bekanntlich den Anfang seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit Lorenzo Da Ponte, nachdem Mozarts Karriere als Hofkomponist bei dem Salzburger Erzbischof Hieronymos Graf Colloredo nach zahlreichen Auseinandersetzungen ein jähes Ende gefunden hatte. Interessant ist, dass die Oper am Wiener Hof 1786 überhaupt zur Uraufführung gelangen konnte, da zur gleichen Zeit das acht Jahre zuvor entstandene Schauspiel von Beaumarchais von der Zensur in Wien nicht zugelassen wurde. Aber angeblich soll Da Ponte versprochen haben, in seinem Libretto alle anstößigen Szenen gestrichen zu haben, und in der Tat fehlt in der vieraktigen Oper zum Beispiel der große Schlussmonolog Figaros aus dem fünften Akt des Schauspiels, in dem er den Geburtsadel aufs Schärfste kritisiert. In der Oper reicht in Figaros Arie der lapidare Satz "Il resto nol dico, già ognuno lo sa" ("Den Rest verschweige ich, denn jeder kennt ihn bereits"). Damit wusste das Publikum, was gemeint war. Nachdem man in Dortmund in der vergangenen Spielzeit die zweite Mozart-Da-Ponte-Oper Don Giovanni auf dem Spielplan hatte, eröffnet man nun die Spielzeit mit dem ersten Meisterwerk der beiden und hat für die Eröffnungspremiere wie im vergangenen Jahr bei Verdis La traviata Vincent Boussard als Regisseur und Frank Philipp Schlößmann als Bühnenbildner verpflichtet.

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Ihre Liebe ist erkaltet: Graf (Mandla Mndebele) und Gräfin (Anna Sohn)

Dass die beiden es opulent mögen, hat man ja bereits bei Verdis Traviata in der vergangenen Spielzeit erlebt. Auch dieses Mal schöpfen sie aus dem Vollen, was aber hauptsächlich die Kostüme von Clara Peluffo Valentini betrifft. So ist der Opernchor in ausladende barocke Gewänder mit hohen weißen Perücken gekleidet. Auch die Hauptfiguren treten in Kostümen auf, die das Stück in der Zeit seiner Entstehung verorten und keine krampfhafte Modernisierung in die Gegenwart versuchen. Stattdessen reflektieren sich die Figuren in einer Spiegelwand, die an drei Seiten die Bühne einrahmt, quasi selbst. Für das Publikum bietet diese Wand je nach Lichteinstellungen einen Blick in den Saal oder weitere Bereiche auf der Bühne, die sonst nicht sichtbar wären und einzelnen Figuren zum Versteck dienen wie beispielsweise in der Gartenszene im vierten Akt. Als Mobiliar reichen auf der Bühne größtenteils zwei Stühle. Andere Requisiten werden von Statistinnen und Statisten, die wie der Opernchor gekleidet sind, über die Bühne getragen, wobei die roten Masken, die sie tragen, ein wenig an die Corona-Pandemie erinnern. Das ist alles ästhetisch sehr ansprechend, birgt aber die Gefahr eines statischen Ansatzes. So hat man an einigen Stellen das Gefühl des Rampensingens, auch wenn sich das Ensemble mit beherztem Spiel dagegen wehrt. Aber in der Gartenszene und der Versteckszene im zweiten Akt im Schrank der Gräfin bleibt dann doch einiges unklar. Da reicht es auch nicht, dass im zweiten Akt aus dem Schnürboden weiße Wände und ein paar Kleider herabgefahren werden.

Aber über dieses Manko lässt sich leicht hinwegsehen, da die musikalische Umsetzung in jeder Beziehung begeistert. Auch wenn einem die Oper relativ vertraut ist, hat man das Gefühl stellenweise ganz neue Töne zu hören, und das betrifft vor allem die Rezitative, bei denen fast überhaupt nicht auffällt, dass es sich um Sprechgesang handelt, da die Passagen absolut natürlich klingen. Daran dürfte der neue Generalmusikdirektor Jordan de Souza nicht ganz unbeteiligt sein. Bei der ersten Probe ließ er nämlich, bevor der erste Ton erklang, den vollständigen Text von Da Pontes Libretto vom Sängerensemble lesen, um dabei die Feinheiten des Textes aufzuspüren. Diese Methode hat er von seiner früheren Wirkungsstätte, der Komischen Oper Berlin, und Walter Felsenstein mitgebracht. Dies scheinen die Solistinnen und Solisten auch genauestens memoriert zu haben, denn dabei kommen nicht nur die Rezitative absolut natürlich daher, sondern auch die Übergänge zu den Arien und Ensembles ergeben sich wie von selbst. So erlebt man ein Musikdrama im wahrsten Sinne des Wortes, ohne dass dabei die Komik zu kurz kommt.

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Cherubino (Maayan Licht) und Barbarina (Tamina Biber)

Eine weitere Besonderheit der Aufführung ist, dass die Partie des Cherubino nicht, wie von Mozart komponiert, mit einem Mezzosopran sondern mit einem männlichen Sopranisten besetzt ist. Maayan Licht gibt der Figur eine ganz andere Farbe und lässt sie durch sein Spiel trotz der hohen Stimme wesentlich maskuliner wirken. Mit zarten Höhen legt er die Partie als Schwerenöter an, der in seinem Liebeswerben aber viel ernster zu nehmen ist, als das in anderen Inszenierungen der Fall ist. Schon vor der Aufführung kokettiert er mit Barbarina (Tamina Biber), verlockt sie zu einer Partie Tennis und kuschelt schließlich mit ihr, bevor sich der Vorhang schließt und die Ouvertüre beginnt. Auch sportlich kann Licht begeistern und schlägt gleich mehrere Räder. Dafür erntet er nicht nur Szenenapplaus sondern auch am Ende frenetischen Jubel.

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Die Gräfin (Anna Sohn, links) und Susanna (Sooyeon Lee, rechts) planen, die Rollen zu tauschen

Doch auch das restliche Ensemble begeistert auf ganzer Linie. Mit Ausnahme von Licht sind alle Partien mit Mitgliedern des Ensembles, des Opernstudios NRW oder mit Chorsolisten besetzt. Da ist zunächst Anna Sohn als Gräfin zu nennen. Mit warmem, klarem Sopran macht sie die Leiden dieser armen Frau, der der Graf einfach nicht treu sein kann, spürbar und besitzt in jeder Bewegung und Gestik die Eleganz einer unnahbaren, dabei aber sehr unglücklichen Dame. Sooyeon Lee bildet als Susanna mit jugendlich frischem Sopran das totale Gegenteil dazu. Im Duett finden die beiden dann aber stimmlich wunderbar zueinander. Auch optisch machen sie den Rollentausch im vierten Akt relativ glaubhaft. Mandla Mndebele punktet als Graf Almaviva, der es selbst mit der Treue nicht so genau nimmt, seiner Frau gegenüber aber absolut eifersüchtig reagiert, mit kraftvollem Bariton. Ks. Morgan Moody legt die Partie des Figaro mit beweglichem Bassbariton recht launenhaft an, wird von seiner Susanna aber immer wieder in die Schranken gewiesen. Große Komik versprüht Ruth Katharina Peeck als Marcellina. Mit sattem Mezzosopran wechselt sie von einer alternden Frau mit Torschlusspanik, die bei Figaro auf die Einhaltung des Eheversprechens pocht, zu einer liebenden Mutter, die den wiedergefundenen Sohn großmütig an ihre Mutterbrust drückt. Artyom Wasnetsov und Yoonkwang Immanuel Kang überzeugen als Bartolo und intriganter Musiklehrer Basilio mit profundem Bass bzw. windigem Tenor. Tamina Biber aus dem Opernstudio NRW lässt als Barbarina nicht nur mit mädchenhaftem Sopran aufhorchen, sondern sorgt auch mit Licht in den Szenen von Cherubino und Barbarina szenisch für beste Unterhaltung.

Jordan de Souza hatte ja bereits bei den Cityring Konzerten anklingen lassen, welches Potenzial in ihm steckt und was er aus den Dortmunder Philharmonikern herauszuholen vermag. Die Eröffnungspremiere darf noch als eine Steigerung bezeichnet werden. Mit pointierter Genauigkeit filtert er die Schönheit aus Mozarts Musik heraus und macht spürbar, wieso diese Musik so genial ist. Auch die Abstimmung mit dem Ensemble zeigt, dass hier sehr sorgfältig gearbeitet worden ist. So gibt es für alle Beteiligten frenetischen Applaus für eine rundum gelungene Eröffnungspremiere.

FAZIT

In Dortmund kann man Mozarts Meisterwerk mit ganz neuen Nuancen erleben, so dass ein musikalisch spannender Abend garantiert ist.

 

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
*Jordan de Sousa /
Olivia Lee-Gundermann /
Koji Ishizaka

Inszenierung
Vincent Boussard

Bühne
Frank Philipp Schlößmann

Kostüme
Clara Peluffo Valentini

Video
Nicholas Hurtevent

Licht
Florian Franzen

Choreinstudierung
Fabio Mancini

Dramaturgie
Dr. Daniel C. Schindler

 

Dortmunder Philharmoniker

Opernchor Theater Dortmund

Statisterie Theater Dortmund

 

Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Graf Almaviva
Mandla Mndebele

Gräfin Almaviva
Anna Sohn

Susanna, Figaros Verlobte
Sooyeon Lee

Figaro, Kammerdiener
*Ks. Morgan Moody /
Carl Rumstadt

Cherubino, Page
Maayan Licht

Marcellina
Ruth Katharina Peeck

Bartolo, Arzt in Sevilla
Artyom Wasnetsov

Basilio, Musiklehrer
*Yoonkwang Immanuel Kang /
Fritz Steinbacher

Don Curzio, Richter
*Christian Pienaar /
Yoonkwang Immanuel Kang

Barbarina, Tochter des Antonio
*Tamina Biber /
Yeeun Yeo

Antonio, Gärtner des Grafen und
Onkel der Susanna

*Shinyoung Hwang /
Thomas Günzler

 


Weitere
Informationen

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Theater Dortmund
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Da capo al Fine

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