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Parsifal

Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h 20' (zwei Pausen)

Premiere an der Sächsische Staatsoper Dresden am 22. März 2026
(rezensierte Aufführung: 25. März 2026)


Homepage

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)
In der Ruine der Abtei von St. Parsifal

Von Bernd Stopka / Fotos © Jochen Quast

Fast 40 Jahre nach der letzten Neuinszenierung des Parsifal durch Theo Adam, die bis 2010 gespielt wurde, steht Wagners Weltabschiedswerk nun in einer Neuproduktion auf der Bühne der Semperoper, in der Heimatstadt des "Dresdner Amen", das mit besonderer Bedeutung in die Komposition eingeflossen ist. Das Interesse ist groß, gerade jetzt in der Passionszeit.
Richard Wagner nannte den Parsifal ein Bühnenweihfestspiel. Die Bezeichnung Oper wäre viel zu profan für sein letztes Bühnenwerk, in dem er Philosophie, Religion und Kunst mit Weisheit und Hoffnung vereint, und nicht weniger als die Errettung der Menschheit durch Mitleid (Empathie und Menschenliebe könnte man heute sagen) apostrophiert. Pathos und Weihe mit viel Zeit und Ruhe sind in unserer schnelllebigen und mit Informationen überfrachteten Zeit für viele Menschen nicht leicht zu ertragen. Das Bedürfnis, dem entgegenzuwirken, ist besonders unter Regisseuren des Parsifal groß. Rahmen-, Neben- und Zusatzgeschichten sind bei ihnen sehr beliebt und werden immer wieder gern genommen. Das bringt Aktion und soll Langeweile verhindern, nimmt dem Werk aber oft mehr, als es ihm gibt.
Auch Regisseur Floris Visser bebildert seine sehr katholische Sichtweise üppig und lässt die Geschichte auf der Bühne von einem Kind in Szene setzen, erweitert den Erlösungsgedanken um aktuelle Themen und gesellschaftliche und menschliche Vielfalt.

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Komparserie, im Hintergrund: Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Jin Yu (4. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Michèle Losier (Kundry)

Das großartige Bühnenbild zeigt die Ruine einer gotischen Abtei in heutiger Zeit (Bühne: Frank Philipp Schlößmann). Die leeren Fenster werden mit unterschiedlichen Bildern und Projektionen gefüllt. Auch mit einem Kirchenfenster, das die Taube über dem Gralskelch zeigt. Rechts sieht man die Madonna, links einen Stand mit Andenken und Devotionalien. Ein offensichtlich heiliger Ort, der Anlaufpunkt für verschiedenste Menschen ist: Pilger, Wallfahrer, zum Teil in Krankenhausbetten oder Rollstühlen mit Pflegekräften in Schwesterntracht, Rucksacktouristen, Aussteiger, eine Prostituierte usw. Auch eine Schulklasse ist dabei, aus der ein Junge heraustritt. Er ist fasziniert von Parsifals Geschichte, kennt sie sehr genau und bringt die unterschiedlichsten Besucher dazu, sie hier und jetzt nachzuspielen - mit dem (Regie-)Buch in der Hand. Das beherrscht die Inszenierung - und nimmt dem Werk ein Stück des schweren Pathos'. Hierbei vermischen sich verschiedene Ebenen von Realität und Traum, Wunsch und Vision.
Die Prostituierte wird zu Kundry, zwei Alternative zu Knappen, die das Bekreuzigen erst lernen müssen. Der Junge selbst ist eine jugendliche Doppelung Parsifals, im ersten Akt tragen sie die gleiche Schulkleidung.
Alles wird bebildert, jede Erzählung mit Projektionen, lebenden Bildern oder Spielszenen ergänzt. Vieles nimmt die Regie wörtlich, z. B. fallen erst Schwanenfedern, dann Schneeflocken, wenn Gurnemanz das blutige "Schneegefieder" des toten Schwans beklagt.
Das Mittelschiff der Abtei steht auf der Drehbühne, deren Bewegung zusammen mit Projektionen die Verwandlungsmusiken bebildern, um hernach die gleiche Abtei mit Kirchenbestuhlung und Altar zu zeigen. Die folgende Prozession der Gralsritter als mittelalterliche Mönche erinnert ein bisschen an Der Name der Rose. Amfortas wird segnend auf einem Thron hereingetragen, der an den Karlsthron in Aachen erinnert.
Das Erscheinen Parsifals wird mit der Geburt Christi gleichgesetzt und beide Erlösungsgeschichten nebeneinandergestellt. Das Jesuskind wird auf den Altar gelegt, wird zum Gralskelch, den der Junge zum in seiner Blutlache liegenden Amfortas bringt, aus dem der trinkt, bevor der Altar zu bluten beginnt und an die Besucher Hostien ausgeteilt werden - kein Wein, also kein Blut, was bei Wagner ja nicht ganz unwichtig ist.

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Michèle Losier (Kundry), Scott Hendricks (Klingsor)

Klingsors Schloss ist die Rückseite der gleichen Medaille respektive Abtei. Wenn er im schwarzen Priesterornat mit einem Handstreich die den Boden bedeckenden Kerzen entzündet, erinnert das an den Lumos-Zauber in Harry Potter, der Sack voller Gralskelchkopien an den Verdoppelungszauber ebenda. Klingsor zeichnet ein großes Pentagramm, aus dem Kundry rauchreich entsteigt. Visser hat einigen augenzwinkernden Humor eingebaut, so auch den Moment, in dem sich Kundry auf die Oberschenkel fasst, wenn sie singt "den ich ersehnt in Todesschmachten". Die zweite Szene spielt dann wieder in der Abtei zwischen vier Krankenhausbetten auf blumigem Kunstrasen. Ein Hänger mit einer Holzhütte bildet den Hintergrund zur nachgespielten Kundry-Erzählung mit Gamuret als Soldat des Ersten Weltkriegs und Herzeleide beim Holzhacken. Die Blumenmädchen sind notlüsterne Nonnen, die sich mit Reizwäsche "schmücken" und auch selbst das Schwert schwingen, um ihre steinernen Ritter zu rächen.
Kundry ist ihre Mutter Oberin, hat aber einen langen Schlitz im Kleid und findet das wunderbar - so wie sie ihre schönen Beine immer wieder präsentiert, was sie aber nicht hindert, sich zum Kuss beim "Bekenntnis wird Schuld in Reue enden, Erkenntnis in Sinn die Torheit wenden." bis aufs kleine Schwarze auszuziehen.
Das Drehen der Bühne zeigt lebende und gemalte Bilder aus Christi Leben, von der Geburt, den Weisen, Hirten bis zu einer Pietà. Zum "lachte" wird ein entsprechendes Kreuzweg-Bild präsentiert, hinter dem eine schwarz gekleidete Nonne ein/ihr Kreuz trägt.
Schon zu Beginn nimmt Parsifal Klingsor den Speer ab, den der dann am Aktende aber doch wieder hält und fallen lässt, bevor er in einer Stichflamme entfleucht. Das hehre Bühnenweihfestspiel hat auch Showelemente. Den Speerwurf und das Auffangen sieht man ja eh nur noch sehr selten. Der Junge bringt Parsifal den Speer. Im erotischen zweiten Akt wirkt seine Anwesenheit doch sehr befremdlich.

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Kinderkomparse, Eric Cutler (Parsifal), Michèle Losier (Kundry)

Der dritte Akt fällt in der Regie deutlich ab, das kann auch der heftige Regenschauer zu Beginn nicht abwenden. Parsifal erscheint in voller, glänzender Ritterrüstung, Kundry wird von einer Gepflegten zur Pflegerin, die Abteibesucher sind gegenwärtig und vereinen sich zu einer Großdemonstration mit Spruchbändern und Schildern zu aktuellen Themen der Politik, Umwelt und Gesellschaft. Beim Verwandeln/Drehen sieht man den wie Judas erhängten Klingsor, Silberlinge am Boden inklusive. Eine der vielen Parallelen zum Neuen Testament. Der Junge hat die Speerspitze in seinem Rucksack. Er gibt sie Parsifal, der sie auf den Stock eines Sonnenschirmständers steckt und so einen neuen Speer entstehen lässt. Kundry und Amfortas stehen für Adam und Eva, deren Sündenfall Speer und Gralskelch (männliches und weibliches Symbol) getrennt hat. Wenn Parsifal ihnen am Ende beides zurückgibt, treten sie leibhaftig und nackt in die Kirchenfenster, die sie zuvor als Bilder gezeigt hatten. Bis zum Empfang der Heiligtümer bedecken sie ihre Scham, danach nicht mehr. Eine Rückkehr in die Zeit vor Sündenfall und Erkenntnis der Nacktheit? Ästhetisch anzusehen, aber doch eine sehr gewagte These.
Am Ende gibt es eine große, umfassende Versöhnung, Verbrüderung und Verschwesterung mit Händeschütteln und Umarmen. Da könnten sich jetzt alle an den Händen fassen und als Zugabe "Kumbaya" singen.

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Staatsopernchor, Oleksandr Pushniak (Amfortas), Tilmann Rönnebeck (2. Gralsritter)

Spannenden und anregenden Darstellungen steht Gewagtes und Fragwürdiges gegenüber, wörtlich Genommenes Umgedeutetem. Die großartige schauspielerische Leistung des Jungen, der fast permanent auf der Bühne ist, soll in keiner Weise geschmälert werden, wenn anzumerken ist, dass diese Regie in der Regie auch störend und enervierend sein kann. Einerseits zeigt die Regie durchaus pathetisch Religiöses, unterminiert aber das werkimmanente Pathos und das Weihevolle durch Überaktion.
Was aber, wenn einem gerade das wichtig ist, wenn man Pathos und Weihe des Parsifal genießen kann und möchte?

Eric Cutler singt den Parsifal mit klangschönem Heldentenor, nicht zu hell und nicht zu dunkel timbriert. Michèle Losier ist eine Kundry mit verführerischem Mezzosopran, die bei aller Ausdrucksintensität die Stimmkultur nicht vernachlässigt. Oleksandr Pushniak gestaltet den Amfortas, ebenso ohne Verzicht auf kultivierten Gesang, bewegend als einen leidenden Mann. Scott Hendricks verleiht dem Klingsor mit intensiver Deklamation Dämonie. Georg Zeppenfeld, eine langjährige Stütze des derzeitigen hochkultivierten und textverständlichen Wagnergesangs, schien im ersten Akt nicht in bester Tagesform zu sein, konnte im dritten aber wieder als Gurnemanz vom Dienst überzeugen.
Danielle Gatti zelebriert die Partitur in breiten Tempi und mit dem angemessenen Pathos, das die Regie so oft vermissen lässt. Dabei entstehen faszinierende Klänge, die sich allerdings nicht immer sängerfreundlich offenbaren. Die Staatskapelle folgt ihm mit gewohnt hoher Qualität und hörbarem Engagement, wobei die Gralsglocken in der besuchten Aufführung im ersten Akt nur reduziert und im dritten nicht ganz exakt läuteten.


FAZIT

Musikalisch sehr hörenswert. Viel Seltsames und Fragwürdiges stört das eigentlich interessante Regiekonzept. Weniger wäre mehr und schöner, wenn Musiktheater denn noch schön sein darf.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniele Gatti

Inszenierung
Floris Visser

Bühne
Frank Philipp Schlößmann

Kostüme
Jon Morell

Licht
Malcolm Rippeth

Video
Will Duke

Choreographie
Demi Wals

Chor
Jan Hoffmann

Kinderchor
Claudia Sebastian-Bertsch

Dramaturgie
Jörg Rieker
Martin Lühr



Sächsischer Staatsopernchor Dresden

Kinderchor der Semperoper Dresden

Sinfoniechor Dresden - Extrachor
der Semperoper Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden


Solisten

Amfortas
Oleksandr Pushniak

Titurel
Albert Dohmen

Gurnemanz
Georg Zeppenfeld

Parsifal
Eric Cutler

Klingsor
Scott Hendricks

Kundry
Michèle Losier

1. Gralsritter
Mario Lerchenberger

2. Gralsritter
Tilmann Rönnebeck

1. Knappe
Jasmin Delfs

2. Knappe
Ekaterina Chayka-Rubinstein

3. Knappe
Aaron Godfrey-Mayes

4. Knappe
Jin Yu

Blumenmädchen 1 / 1
Jasmin Delfs

Blumenmädchen 1 / 2
Rosalia Cid

Blumenmädchen 1 / 3
Winona Martin

Blumenmädchen 2 / 1
Magdalena Lucjan

Blumenmädchen 2 / 2
Elena Gorshunova

Blumenmädchen 2 / 3
Ekaterina Chayka-Rubinstein

Stimme aus der Höhe
Michal Doron

Ein Kind
Leander Wilde



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)



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