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In der Ruine der Abtei von St. Parsifal
Von Bernd Stopka / Fotos © Jochen Quast
Fast 40 Jahre nach der letzten Neuinszenierung des Parsifal durch Theo Adam, die bis 2010 gespielt wurde, steht Wagners Weltabschiedswerk nun in einer Neuproduktion auf der Bühne der Semperoper, in der Heimatstadt des "Dresdner Amen", das mit besonderer Bedeutung in die Komposition eingeflossen ist. Das Interesse ist groß, gerade jetzt in der Passionszeit.
Komparserie, im Hintergrund: Georg Zeppenfeld (Gurnemanz), Jin Yu (4. Knappe), Aaron Godfrey-Mayes (3. Knappe), Michèle Losier (Kundry)
Das großartige Bühnenbild zeigt die Ruine einer gotischen Abtei in heutiger Zeit (Bühne: Frank Philipp Schlößmann). Die leeren Fenster werden mit unterschiedlichen Bildern und Projektionen gefüllt. Auch mit einem Kirchenfenster, das die Taube über dem Gralskelch zeigt. Rechts sieht man die Madonna, links einen Stand mit Andenken und Devotionalien. Ein offensichtlich heiliger Ort, der Anlaufpunkt für verschiedenste Menschen ist: Pilger, Wallfahrer, zum Teil in Krankenhausbetten oder Rollstühlen mit Pflegekräften in Schwesterntracht, Rucksacktouristen, Aussteiger, eine Prostituierte usw. Auch eine Schulklasse ist dabei, aus der ein Junge heraustritt. Er ist fasziniert von Parsifals Geschichte, kennt sie sehr genau und bringt die unterschiedlichsten Besucher dazu, sie hier und jetzt nachzuspielen - mit dem (Regie-)Buch in der Hand. Das beherrscht die Inszenierung - und nimmt dem Werk ein Stück des schweren Pathos'. Hierbei vermischen sich verschiedene Ebenen von Realität und Traum, Wunsch und Vision.
Michèle Losier (Kundry), Scott Hendricks (Klingsor)
Klingsors Schloss ist die Rückseite der gleichen Medaille respektive Abtei. Wenn er im schwarzen Priesterornat mit einem Handstreich die den Boden bedeckenden Kerzen entzündet, erinnert das an den Lumos-Zauber in Harry Potter, der Sack voller Gralskelchkopien an den Verdoppelungszauber ebenda. Klingsor zeichnet ein großes Pentagramm, aus dem Kundry rauchreich entsteigt. Visser hat einigen augenzwinkernden Humor eingebaut, so auch den Moment, in dem sich Kundry auf die Oberschenkel fasst, wenn sie singt "den ich ersehnt in Todesschmachten". Die zweite Szene spielt dann wieder in der Abtei zwischen vier Krankenhausbetten auf blumigem Kunstrasen. Ein Hänger mit einer Holzhütte bildet den Hintergrund zur nachgespielten Kundry-Erzählung mit Gamuret als Soldat des Ersten Weltkriegs und Herzeleide beim Holzhacken. Die Blumenmädchen sind notlüsterne Nonnen, die sich mit Reizwäsche "schmücken" und auch selbst das Schwert schwingen, um ihre steinernen Ritter zu rächen.
Kinderkomparse, Eric Cutler (Parsifal), Michèle Losier (Kundry)
Der dritte Akt fällt in der Regie deutlich ab, das kann auch der heftige Regenschauer zu Beginn nicht abwenden. Parsifal erscheint in voller, glänzender Ritterrüstung, Kundry wird von einer Gepflegten zur Pflegerin, die Abteibesucher sind gegenwärtig und vereinen sich zu einer Großdemonstration mit Spruchbändern und Schildern zu aktuellen Themen der Politik, Umwelt und Gesellschaft. Beim Verwandeln/Drehen sieht man den wie Judas erhängten Klingsor, Silberlinge am Boden inklusive. Eine der vielen Parallelen zum Neuen Testament. Der Junge hat die Speerspitze in seinem Rucksack. Er gibt sie Parsifal, der sie auf den Stock eines Sonnenschirmständers steckt und so einen neuen Speer entstehen lässt.
Kundry und Amfortas stehen für Adam und Eva, deren Sündenfall Speer und Gralskelch (männliches und weibliches Symbol) getrennt hat. Wenn Parsifal ihnen am Ende beides zurückgibt, treten sie leibhaftig und nackt in die Kirchenfenster, die sie zuvor als Bilder gezeigt hatten. Bis zum Empfang der Heiligtümer bedecken sie ihre Scham, danach nicht mehr. Eine Rückkehr in die Zeit vor Sündenfall und Erkenntnis der Nacktheit? Ästhetisch anzusehen, aber doch eine sehr gewagte These.
Staatsopernchor, Oleksandr Pushniak (Amfortas), Tilmann Rönnebeck (2. Gralsritter)
Spannenden und anregenden Darstellungen steht Gewagtes und Fragwürdiges gegenüber, wörtlich Genommenes Umgedeutetem. Die großartige schauspielerische Leistung des Jungen, der fast permanent auf der Bühne ist, soll in keiner Weise geschmälert werden, wenn anzumerken ist, dass diese Regie in der Regie auch störend und enervierend sein kann.
Einerseits zeigt die Regie durchaus pathetisch Religiöses, unterminiert aber das werkimmanente Pathos und das Weihevolle durch Überaktion.
Eric Cutler singt den Parsifal mit klangschönem Heldentenor, nicht zu hell und nicht zu dunkel timbriert. Michèle Losier ist eine Kundry mit verführerischem Mezzosopran, die bei aller Ausdrucksintensität die Stimmkultur nicht vernachlässigt. Oleksandr Pushniak gestaltet den Amfortas, ebenso ohne Verzicht auf kultivierten Gesang, bewegend als einen leidenden Mann. Scott Hendricks verleiht dem Klingsor mit intensiver Deklamation Dämonie. Georg Zeppenfeld, eine langjährige Stütze des derzeitigen hochkultivierten und textverständlichen Wagnergesangs, schien im ersten Akt nicht in bester Tagesform zu sein, konnte im dritten aber wieder als Gurnemanz vom Dienst überzeugen.
Musikalisch sehr hörenswert. Viel Seltsames und Fragwürdiges stört das eigentlich interessante Regiekonzept. Weniger wäre mehr und schöner, wenn Musiktheater denn noch schön sein darf. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Video
Choreographie
Chor
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten
Amfortas
Titurel
Gurnemanz
Parsifal
Klingsor
Kundry
1. Gralsritter
2. Gralsritter
1. Knappe
2. Knappe
3. Knappe
4. Knappe
Blumenmädchen 1 / 1
Blumenmädchen 1 / 2
Blumenmädchen 1 / 3
Blumenmädchen 2 / 1
Blumenmädchen 2 / 2
Blumenmädchen 2 / 3
Stimme aus der Höhe
Ein Kind
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