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Engel aus Licht können in dieser Welt nicht überleben
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Sinah Osner
Es sind Untote, die auf Schloss Allemonde herumspuken. Mit dunklen, blutunterlaufenen Augen könnten sie einem expressionistischen Stummfilm entsprungen sein (Kostüme: Frank Lichtenberg). Auf die Ära des frühen Kinos verweisen auch die Videoprojektionen, die jeden der fünf Akte einleiten und in denen schmelzendes Eis auf einer Glasplatte, verlaufende Wassertropfen oder Haare (eine Anspielung auf Mélisandes Haar) zu sehen sind (Video: Moritz Hahn). Der unwirklich anmutende Bühnenraum mit gestaffelten Prospekten wie in einem Barocktheater zeigt eine in den Fels gehauene Grotte (Bühne: Martina Segna). Man hat sich vergraben vor der Welt - und vor dem Licht. Ein Kamin, der spektakulär in Flammen aufgeht, und ein überdimensionaler Sessel wirken wie Relikte des bürgerlichen Lebens.
In diese Welt hinein schwebt die rätselhafte Mélisande, auf die Golaud bei der Jagd im Wald gestoßen ist, wie ein Wesen aus Licht. Mit weißem Kleid und langen blonden Haaren erscheint sie wie ein Engel. Und es ist nicht nur die optische Erscheinung, sondern auch der glockenreine, mädchenhaft lyrische, betörend schöne Sopran von Jana Baumeister, der sie über die düsteren irdischen Dinge erhebt. In manchen Szenen hat sie mehrere Doppelgängerinnen, was sie noch weniger fassbar macht. Ein Traumbild, an dem sich der handfeste, besitzergreifende Jäger Golaud (mit lyrischem, geschmeidig den Gesangslinien folgendem Bassbariton: Georg Festl) wie sein schwärmerischer Halbbruder Pélleas (mit Prinz-Eisenherz-Frisur stimmlich souverän im Zwischenfach zwischen Bariton und Tenor: David Pichlmaier mit dunkel grundierter, höhensicherer Stimme) auf jeweils eigene Art und Weise abarbeiten. Deren Natur am ehesten noch der greise König Arkel erspürt (mit noblem, elegant geführtem Bass: Johannes Seokhoon Moon).
Sehen und Blindheit: Pelléas und Mélisande
Regisseur Dirk Schmeding inszeniert das symbolistische Drama, dessen Text - von Debussy geschickt verkürzt - dem gleichnamigen Schauspiel von Maurice Maeterlinck folgt, bildmächtig entlang des Grats zwischen Märchen und Psychodrama. Er erklärt nichts, sondern lässt dem Werk die Aura des Rätselhaften. Insbesondere die Beziehung zwischen Pelléas und Mélisande bleibt in der Zone der Ungewissheit, die das Drama vorgibt. Golauds verzweifelte Versuche, durch Auskünfte seines Sohnes Yniold (bravourös mit luftigem Knabensopran: Theodor Wahl, Sänger bei den Limburger Domsingknaben) und beinahe inquisitorischer Befragung Mélisandes das Wesen dieser Beziehung zu erfassen, scheitern, und in diesem Scheitern manifestiert sich die grundsätzliche Unmöglichkeit, die Welt - oder die Liebe? - erklären zu können. Beim Versuch, Pelléas und Mélisande beim Rendezvous in flagranti zu erwischen, versteckt sich Golaud hier nicht hinter einem Baum (wie der Text vorgibt), sondern führt Mélisande wie eine Puppe vor sich her. Aber auch so kommt er dem, was er sich als "Wahrheit" vorstellt, nicht näher.
Vergleichsweise unscharf bleibt die Figur der Geneviève, Mutter der Halbbrüder Pelléas und Golaud, die hier als unterkühlter Vamp dargestellt ist (Lena Sutor-Wernich singt sie mit schönem Mezzosopran). Sie ist Bestandteil einer dysfunktionalen Familie, stellvertretend für eine dysfunktionale Gesellschaft. Mehr schreibt ihr die Regie nicht zu. Mélisande kann in diesem Umfeld nicht überleben. Sie schneidet sich die Haare ab, und nach der Geburt ihres Kindes hat ihr weißes Kleid einen großen blutroten Fleck. Aber sie stirbt nicht, wohl weil Engel nicht sterben können; sie entschwindet durch denselben Spalt in der Rückwand, durch den sie in der ersten Szene erschienen ist. Aus der Dunkelheit Allemondes schreitet sie in eine Welt aus Licht, zurück zu ihren Doppelgängerinnen.
Mélisandes Tod
Am Pult des sehr aufmerksamen, flexibel reagierenden Staatsorchesters Darmstadt trifft Dirigentin Lucie Leguay ganz ausgezeichnet den Tonfall Debussys mit den düsteren Farben der Sphäre des Schlosses und den plötzlichen Aufhellungen, wenn für einen Moment mit den hohen Holzbläsern auch klanglich Licht und Luft eindringen. Das auf Wagner gemünzte Wort von der "unendlichen Melodie" trifft ja viel besser auf diese Oper zu, deren unwirklich elegische Stimmung Leguay ebenso einfängt wie die dramatischen Entwicklungen. Aber die Musik wird bei ihr nicht zum stimmungsvollen Hintergrund degradiert, sondern wird zur treibenden Kraft des Dramas, zum Ausdruck des Unbewussten, das sich Bilder suchen muss, um die Welt zu verstehen. Oder es zumindest zu versuchen.
Das Mysterium wird nicht enträtselt: Die Regie findet vielschichtige Bilder für Pelléas et Mélisande. Musikalisch großartig.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
Einstudierung Knabenstimmen (Yniold)
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Arkel, König von Allemonde
Geneviève, Mutter von Golaud und Pelléas
Pelléas, Arkels Enkel
Golaud, Bruder von Pelléas
Mélisande
Der kleine Yniold, Sohn Golauds aus erster Ehe
Ein Arzt
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