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Eine schrecklich mörderische Familie
Von Stefan Schmöe / Fotos von Sandra Then
Konflikte treten in den besten Familien auf. In diesem Fall mag die Ausgangssituation ein wenig unglücklich sein: Der Bruder des Grafen Luna wurde als Kind entführt. Die Suche nach dem Verschwundenen ist für den Grafen zur Obsession geworden. Der verschwundene Bruder lebt tatsächlich noch, wenn auch nur aufgrund eines tragischen Versehens: Entführerin Azucena wollte ihn eigentlich ins Feuer werfen, aus Rache für ihre Mutter, die der alte Luna, Vater der Grafenkinder, als Hexe verbrennen ließ. Aber in der Aufregung warf sie irrtümlich ihr eigenes Kind in die Flammen. Und zog anschließend den entführten Adelsspross unter dem Namen "Manrico" an Sohnes statt auf. Sie ließ ihm sogar eine fundierte musikalische Ausbildung zukommen, denn der junge Mann macht sich als Troubadour einen Namen. Und jetzt rivalisieren die beiden erwachsen gewordenen Brüder, ohne sich zu erkennen, um die Gunst der schönen Leonora. Wenn man die theaterübliche Übersteigerung einmal abzieht, so in etwa lautet der Regieansatz von Jens-Daniel Herzog, handelt es sich hier um eine ziemlich normale Familie. Oder zumindest eine, wie man sie heute zum Beispiel im schicken Düsseldorf-Oberkassel vorfinden kann.
Schreibt Graf Luna tatsächlich noch auf einer Schreibmaschine? Jedenfalls ist er besessen davon, seinen als Kind entführten Bruder wiederzufinden. Das Geschwisterpaar ist im Ölbild ständig präsent, und damit man es auf gar keinen Fall vergisst, laufen auch noch zwei Kinderstatisten in den Rollen der jungen Grafen herum (vorn: Lotta Köllen als verschwundener Garzia, im Hintergrund Livia Matys als kleiner Luna).
Ausstatter Johannes Schütz hat als Bühnenbild eine Wohnung aus dem 20. Jahrhundert entworfen, allerdings eine ohne Wände. Da leben sie nun alle und sind jederzeit für jeden präsent. Die Hölle, das sind die anderen, denkt sich der an Sartre geschulte Zuschauer. Wobei man in einer Familie, in der Folter und Hinrichtungen an der Tagesordnung sind, eigentlich keinen Sartre für diese Erkenntnis braucht. Die genaue Wohnsituation erschließt sich vermutlich besser von den Rängen aus. Der flache Blick vom Parkett zeigt eine ziemlich unübersichtliche, unaufgeräumte Lage, da hilft auch die Drehbühne wenig. Leonore räkelt sich im Schlafzimmer und greift übermäßig viel zu Tabletten, Graf Luna sitzt am Schreibtisch, Troubadour Manrico klimpert in einem der Zimmer für's Personal am ziemlich billigen Keyboard herum, Offizier Ferrando, offenbar Chef der hauseigenen Security, befindet sich meist im Zentrum des Geschehens. Das sieht irgendwie alles nach Wohlstandsverwahrlosung aus. Und eigentlich eher nach der Hochzeit des Figaro als nach dem Trovatore. Azucena (die Rheinoper bezeichnet sie als "Gitana", um das rassistisch konnotierte Wort "Zigeunerin" zu vermeiden) ist in diesem Milieu - wie schon ihre verbrannte Mutter - diejenige, an der sich die Aggressionen entladen.
Hier helfen auch Kellog's Cornflakes nicht weiter: Manrico ist schwer verletzt. Hinten Ferrando, und die gräflichen Brüder im Kindesalter sind auch wieder da.
Herzog erzählt die Geschichte parallel auf zwei Ebenen. Die Handlung der Oper, per Schriftzug vor jedem Bild erzählt, ist die symbolische Überhöhung dessen, was in der modernen Familie passiert. Das hört sich als Konzept ganz interessant an, wird aber an entscheidenden Stellen nicht plausibel umgesetzt. So bleibt unklar, welche Rolle Leonore im Familienverbund einnimmt. Ist sie die Ehefrau des Grafen, die in einer Affäre mit Manrico Abwechslung sucht? Warum sonst sollte sie sich hier aufhalten? Wenig schlüssig ist auch die Rolle des Chores, den Schütz in einigermaßen surreale, sehr bunte Kleidungsstücke gesteckt hat. Es handelt sich hier offenbar nicht um reale Figuren, sondern eher um ein wenig clowneske Gestalten, immer zur Gewalt bereit. Der Chor der Rheinoper (Einstudierung: Albert Horne) singt differenziert in der Lautstärke und kann große Wucht entfalten, wenn es darauf ankommt - und Dirigent Antonino Fogliani lässt es oft genau darauf ankommen. Er interpretiert die Partitur aus dem Geist des Belcanto, dirigiert sehr gleichmäßig im Stile Bellinis und Donizettis. Dramatik erzeugt er in erster Linie über Lautstärke. Die Düsseldorfer Symphoniker setzen das zuverlässig um. Verdis Musik aber könnte mehr Glut vertragen, mehr Entwicklung im Detail. Manchmal hat man den Eindruck, die Solistinnen und Solisten würden gerne das Tempo anziehen oder auch im Tempo nachlassen, jedenfalls die Phrasierung und Agogik der Situation anpassen, fügen sich aber letztendlich dem meist starren Tempo.
Azucena (im roten Rock) hat Stress mit dem Chor.
Bogdan Baciu imponiert als Graf Luna mit dem Volumen seiner Stimme, durchaus nobel in der Gestaltung, setzt aber viel zu oft auf die Wirkung eines wuchtigen Fortissimo, das dabei durchaus schön klingt - aber die psychologischen Abgründe macht er damit nicht hörbar. Irakli Kakhidze glänzt mit nicht zu hellem, kraftvollem und doch geschmeidigem Tenor. Das hohe C stemmt er ein paar Sekunden lang, aber richtig schön klingt es nicht. Ansonsten sind viele gelungene Stellen dabei. Sorgfältiger durchgestaltet ist die Leonora von Luiza Fatyol, deren Sopran lyrische Emphase und dramatische Kraft verbindet. Die leicht dunkel timbrierte, vokal großformatige Azucena von Ramona Zaharia hat enorme Präsenz, und die kommt dem großen Musikdrama von allen Akteuren am nächsten. Szenisch irritiert, dass diese Azucena eine sehr junge Frau ist, wohl kaum älter als ihr Ziehsohn Manrico - was das Geschehen noch einmal unglaubwürdiger macht. Die Azucena sollte in der Personenkonstellation der Oper doch die alte Frau sein, die an der Vorgeschichte beteiligt war.
Manricos Leben gegen Sex, so lautet der Deal zwischen Leonora und Graf Luna. Den Sex bekommt man dann umgehend zu sehen, Manrico wird trotzdem erschossen.
Nicht nur hier knirscht das Konzept von Jens-Daniel Herzog gewaltig. Verdi erzählt im Verbund mit seinen Librettisten Salvadore Cammarano und Leone Emanuele Bardare ja geradezu comichaft konkret, aber Herzog gelingt es nicht, die moderne bürgerliche Familientragödie vor die Mittelalter-Schauergeschichte zu montieren, ohne beide Sphären kräftig zu vermischen - man ist geneigt zu sagen: zu verwurschten. Damit rettet er die krude Story nicht, sondern erzählt sie nur auf andere Weise unglaubwürdig und reißerisch nach, ohne damit sonderlich berühren zu können. Vielleicht sind Familientragödien dieses Kalibers selbst in Oberkassel eher die Ausnahme. Für das Regieteam gab es Höflichkeitsbeifall und einige Buh-Rufe vom Premierenpublikum, das die Sängerinnen und Sänger kräftig feierte.
Die Rheinoper bietet große Stimmen auf, verschenkt dieses Potenzial aber teilweise durch fehlende Dramatik - musikalisch ist es trotzdem eine gelungene Produktion. Die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog kann ihr an und für sich interessantes Programm, Verdi'sche Schauerromantik auf eine dysfunktionale moderne Familie mit Hang zum Rassismus zu übertragen, nicht überzeugend umsetzen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Mitarbeit Kostümbild
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Graf von Luna
Leonora
Azucena
Manrico
Ferrando
Ines
Ruiz
Ein alter Gitano
Ein Bote
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