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Narren, nichts als Narren
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Clärchen Baus Die Falstaffs dieser Welt sterben nicht aus - oder soll man sagen: Dürfen nicht aussterben? In der Inszenierung von Laurent Pelly, die am Teatro Real Madrid entstanden ist, residiert der dicke Ritter irgendwo in einem gesichtslosen Pub in einer Großstadt. Ab und zu sieht man erleuchtete Fensterfronten (Bühnenbild: Barbara de Limburg), nur vage angedeutet, sodass sie überall sein könnten. Und irgendwo dazwischen muss man sich Falstaff vorstellen. Die Wände seiner engen Kneipe fahren bald auseinander und aus dem naturalistisch gestalteten kleinen Raum wird ein exemplarischer großer. Falstaff wirkt in die Welt hinaus. Simon Keenlyside, dem der Regisseur (der auch die Kostüme entworfen hat) einen prächtigen Bauch verpasst hat, gibt die leicht verlumpte Figur so, wie man sich einen klassischen Falstaff vorstellt: Mit Witz und Naivität, mit Frechheit und doch einer gewissen Gutmütigkeit. Die schöne Baritonstimme ist nicht riesig, aber Keenlyside gestaltet die Partie mit großer Souveränität und folgt den vielen kleinen Parlando-Wendungen Verdis sehr genau.
Erster Akt, erste Szene: Dr. Cajus (links) bezieht Prügel von Pistola; Bardolfo und Falstaff (Rechts) schauen belustigt zu
Ganz so leicht hat es Falstaff dabei heute nicht mehr. Eine Frau einfach so um ein Rendezvous zu bitten, das wäre inzwischen wohl verpönt, und gleich an zwei (miteinander gut befreundete) Damen auch noch denselben Brief mit diesem Ansinnen zu schreiben, das würde Falstaff vollends diskreditieren. Also verlegt Pelly die Handlung ein paar Jahrzehnte zurück in eine Epoche, in der eine Frau Kleid und, ganz wichtig, Handtasche trug - damit wird in der letzten Szene kräftig auf Falstaff eingeprügelt. Diese von heute aus gesehen ein wenig bieder erscheinende feine Gesellschaft wohnt in historisierendem Ambiente, wobei das Bühnenbild hier nur ein vornehmes, aber verschlungenes Treppenhaus zeigt. Anklänge an die unendlichen Treppen M. C. Eschers sind gewollt. Temporeich geht es treppauf, treppab. Im immer für die Regie schwierigen Schlussbild im Wald, wenn die Gesellschaft in Geisterkostümen den ahnungslosen Falstaff piesackt, sieht es so aus, als seien die Menschen mit weißer Farbe begossen worden. Dagegen wirkt Falstaff mit prächtigem Hirschgeweih gleichzeitig hoffnungslos albern und doch beinahe würdevoller.
Erster Akt, zweites Bild: Männer gegen Frauen im Haus des Ehepaars Ford
Pelly erzählt die Handlung, vom Verzicht auf die zeitliche Fixierung abgesehen, ziemlich genau entlang des Librettos nach und hält sich mit weiteren Interpretationen zurück. Wenn in der zweiten Szene des zweiten Akts der eifersüchtige Mr. Ford im eigenen Haus nach Falstaff sucht, der ein vermeintliches Stelldichein mit seiner Gattin Alice arrangiert hat, dann besteht sein Gefolge aus lauter Doppelgängern Fords. So wütet er stellvertretend für alle Männer dieser Welt. Und im Schlussbild sieht sich zunächst Falstaff in einem großen Spiegel als Narren, und dieser Spiegel wird dann dem Publikum vorgehalten. Ganz neu ist das alles nicht, aber guter Falstaff-Standard, vom Ensemble liebevoll mit vielen kleinen Übertreibungen gespielt.
Zweiter Akt, zweite Szene: Der eifersüchtige Ford sucht nach Falstaff - unterstützt von allen Fords dieser Welt
Die musikalischen Impulse gibt Alain Altinoglu am Pult des ausgezeichneten Orchesters der Opera la Monnaie. Er wählt flotte Tempi (die das singenden Personal auf der Bühne mitunter zum Schwitzen bringen). Die Musik vibriert vor innerer Spannung. Altinoglu dirigiert die Oper als rasantes Konversationsstück, das nie stillsteht und auch in den lyrischen Passagen (deren klangliche Reize das Orchester sehr schön ausschöpft) vorwärts drängt. Niemand im Stück darf sich in Sicherheit fühlen - im nächsten Moment könnte Altinoglu respektive Verdi den Boden unter den Füßen wegreißen.
Dritter Akt, zweite Szene: Falstaff (am Boden) wird von vermeintlichen Geistern gequält, erkennt jedoch unter dem Kostüm seinen Diener Bardolfo
Das Ensemble braucht in dieser Sonntagnachmittagsvorstellung eine Weile, um sich freizusingen. Mit Sally Matthews als spritziger Alice Ford, Marvic Monreal als souverän gelassener Meg Page und Daniela Barcellona als herrlich affektierter Mrs. Quickley sind die handtaschenbewehrten Damen gut aufgestellt. Mit glockenreiner Höhe beeindruckt Benedetta Torre als mädchenhaft-charmante Nanetta, dessen Liebhaber Fenton von Bogdan Volkov mit metallisch glänzendem, nicht allzu lyrischem Tenor ausgestattet wird. Lionel Lhote gibt einen stimmlich markanten Ford mit komisch bröckelnder Beamtenwürde. Mikeldi Atxalandabaso als Bardolfo und Patrick Bolleire als Pistola geben ein skurriles Dienerpaar ab. Etwas angestrengt wirkt John Graham-Hall als Doktor Cajus. Klangschön und mit rhythmischer Präzision singt der Chor (Einstudierung: Emmanuel Trenque). FAZIT Die kurzweilige Inszenierung von Laurent Pelly wird von einem guten Ensemble mit viel Spielwitz umgesetzt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Kostüme
Bühne
Mitarbeit Kostüme
Lichtdesign
Chor
Solisten
Sir John Falstaff
Ford
Fenton
Cajus
Bardolfo
Pistola
Alice Ford
Nannetta
Mrs. Quickly
Meg Page
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