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Die inneren Dämonen des Kriegshelden
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Bettina Stöß
Der Löwe Venedigs ist müde geworden. Nicht erst beim Zusammenbruch im dritten Akt, wenn das Volk den glorreichen Feldherrn Otello mit diesem Namen anruft (und Widersacher Jago ihn damit verspottet), sondern schon zu Beginn. In schwarzer Kleidung inmitten einer in hellbraunen Sepiatönen gehaltenen Ausstattung (Bühne: Federica Parolini, Kostüme: Silvia Aymonino) wirkt er von Beginn an wie ein Gespenst. In der Liebesnacht, die der Schluss des ersten Aktes ankündigt, sitzt er erschöpft, vielleicht weinend, auf dem Ehebett. Die Katastrophe zeichnet sich früh ab, denn dieser Otello ist von Beginn an einer, der von seinen inneren Dämonen besessen ist. George Oniani aus dem hauseigenen Ensemble schlägt sich bei seinem Rollendebut in der höchst anspruchsvollen Titelpartie mehr als achtbar. Sein dunkel gefärbter, schwerer Tenor besitzt Strahlkraft in der Höhe und findet im Verlauf des Abends auch das richtige, nicht ins Sentimentale abgleitende Timbre für die lyrischen Passagen. Schauspielerisch eher eindimensional, gestaltet er musikalisch ein eindrucksvolles Portrait des gebrochenen Helden.
Das Team um Regisseur Leo Muscato erzählt die Handlung ziemlich schnörkellos nach. Der halb verfallene Palast, der von längst vergangenem Prunk und glorreicher Vergangenheit kündet, könnte im Mittelmeerraum, etwa auf Zypern, stehen, wo Shakespeare und später Verdi und sein Librettist Arrigo Boito die Handlung angesiedelt haben, aber Muscato verlegt die Geschichte in eine südamerikanische Militärdiktatur der 1970er-Jahre. Desdemona ist in diesem Kontext eine Fotoreporterin. Kathryn Henry singt sie mit nicht allzu großem, jugendlich klingendem, in der Mittellage nicht übermäßig substanzvollem Sopran, der sich am besten in ihrer großen Szene mit dem "Lied von der Weide" und dem "Ave Maria" im Schlussakt entfalten kann. Dass sie offenbar deutlich jünger ist als Gatte Otello, macht das Gefälle im Verhältnis der beiden plausibel: Sie liebt ihn seines Unglücks, er sie ihres Mitleids wegen, so heißt es im Duett am Ende des ersten Akts. Man kann das nachvollziehen. Und ahnt, dass das keine guten Voraussetzungen für eine glückliche Ehe sind.
Die Intrige nimmt ihren Lauf: Otello und Jago
Desdemonas Dunkelkammer wie Wohn- und Schlafzimmer des Paares können bei Bedarf schnell von der Seitenbühne herein gerollt werden, was eine fast filmische Erzählweise mit schnell wechselnden Räumen ermöglicht. Die Regie setzt auf Präzision und Plausibilität. Cassio (stimmlich ziemlich leichtgewichtig: Ryan Vaughan Davies) ist ein heißblütiger Draufgänger, mit dem Bösewicht Jago leichtes Spiel hat. Den singt Simone Piazzola mit dunklem, volltönendem Bass, fast eine Spur zu schön für sein nihilistische "Credo", aber stimmlich wie szenisch immer präsent. Vielleicht steckt doch mehr als reiner Vernichtungswille hinter seiner Intrige: Er ist einer, der weiter nach oben kommen möchte. Innerhalb dieses Rahmens ist das passend, wobei letztendlich die Frage bleibt, ob mit der Verlegung aus dem späten 15. Jahrhundert in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt etwas gewonnen ist. Das eigentlich Schockierende in Boitos genialem Libretto sollte doch sein, wie einfach der völlige Absturz und Zusammenbruch des Helden zu bewerkstelligen ist. Ein paar Andeutungen, ein paar aus dem Kontext gerissene Phrasen, das am falschen Ort platzierte Taschentuch bringen eine Welt ins Wanken. Der Ansatz, einen historischen Rahmen hinzuzufügen, funktioniert hier zwar recht gut, lenkt aber fast schon wieder zu viel vom eigentlichen Drama ab.
Das findet vor allem im Orchester statt. Dirk Kaftan am Pult des immens farbreichen, sehr aufmerksamen Beethoven Orchesters dirigiert den Otello als Musikdrama beinahe im Sinne Wagners, bei dem das Orchester keineswegs nur den Gesang begleitet, sondern zum Träger der musikalischen Handlung wird. Da hört man ganz plastisch die Vögel zirpen, wenn Desdemona davon singt, und das ist mehr als nur Klangmalerei: Vielmehr der Nachklang eines fernen Paradieses in der Ahnung um den nahenden Tod. Aber vielmehr noch fasziniert die Farbigkeit der Holzbläser, die den vierten Akt mit einer schwer beschreibbaren Mischung aus Ruhe und unheimlicher Bedrohung einleiten und in ihrer fahlen Modernität schon ins 20. Jahrhundert hinüberleuchten. An anderer Stelle, etwa am Beginn der Oper, lässt Kaftan es kräftig krachen und gestaltet die Dramatik der Situation scharf aus, ohne plakativ zu werden. Immer wieder hebt er hervor, wie raffiniert der altersweise Verdi mit dem Orchester umgeht.
Jago und Emilia
Ganz ausgezeichnet präsentieren sich auch Chor und Extrachor (Einstudierung: André Kellinghaus) und der Kinder- und Jugendchor des Theaters (Einstudierung: Ekaterina Klewitz), dessen Klangfarbe sich wirkungsvoll vom satten, immer nuanciert durchgestalteten Klang des Hauptchors abhebt. Gut sind die kleineren Partien besetzt: Susanne Blattert singt eine von der Regie nebensächlich abgehandelte, aber auf den Punkt zuverlässige Emilia, Tae Hwan Yun einen klangschönen Roderigo und Martin Tzonev einen würdevollen Gesandten Lodovico.
Szenisch bewegt sich die Produktion auf gutem Otello-Standard, musikalisch fesselt vor allem Dirk Kaftans vielschichtige, immer wieder aufhorchen lassende Orchesterbehandlung.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
Kinder- und Jugendchor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Otello
Desdemona
Jago
Cassio
Roderigo
Emilia
Lodovico
Montano
Ein Herold
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