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Zuhause wartet die verärgerte Ehefrau auf den Helden
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Matthias Jung
Zehn Jahre irrt der bekanntlich listenreiche Odysseus nach dem Ende des trojanischen Krieges über das Meer, bevor er den Weg zurück in seine Heimat Ithaka findet. Dort wartet seine Gattin Penelopé auf ihn, bedrängt von Männern, die durch Verheiratung mit der vermeintlichen Witwe den verwaisten Thron einnehmen wollen. Doch Odysseus kehrt zurück. Simon Solberg hat Homers aus 12.110 Versen bestehendes Epos, verfasst etwa um 700 v. Chr., auf eine rund 90-minütige Spielfassung für eine Schauspielerin und vier Schauspieler in Doppelrollen reduziert. Darin erzählt er die abenteuerlichen Irrfahrten des Helden und parallel dazu die Geschichte der wartenden Penelopé, bis sich am Ende beide Handlungsstränge ziemlich überhastet vereinen.
Ein kritischer, neu bewertender Blick auf die Ereignisse der Odyssee wird im Programmheft angekündigt. Entstanden in einer Zeit kolonialistischer Expansion der griechischen Königshäuser, verherrlicht das Werk Heldentum und Krieg. Das soll in dieser Theaterversion hinterfragt werden, aber in der Bühnenwirklichkeit sucht man die Perspektivwechsel weitgehend vergebens. Erzählt werden derbe Abenteuergeschichten, szenisch markiert von vier Männern, die kraftvoll umherspringen und sich in den Dreck werfen, die an Stahlseilen und Gummibändern in der Luft hängen und nicht immer taktisch klug, aber mutig keiner Gefahr aus dem Weg gehen. In der Inszenierung von Simon Solberg wird vieles pantomimisch angedeutet oder einfach nur erzählt, aber nicht bildlich dargestellt. Es hat mitunter den Charme von Stehgreiftheater, zumal sich recht viele Versprecher einschleichen. Weil viel äußere Handlung auf diese Weise zu bewältigen ist, wirkt die Erzählweise auf Dauer ermüdend.
Penelopé wartet auf die Heimkehr ihres Gatten Odysseus
Der Empfang in der Heimat verläuft unerwartet frostig. Was er sich denn dabei gedacht habe, einfach so lange wegzubleiben, fragt Penelopé. Es sei halt Krieg gewesen, antwortet Odysseus. Aber es sei ein Angriffskrieg gegen einen weit entfernten Staat gewesen, da muss man nicht mitmachen, kontert die entzürnte Gattin. Dem weiß der kleinlaut gewordene Held auch nichts zu entgegnen, wie auch, denn das in etwa ist die einigermaßen schlichte Botschaft des Abends. Das mag ja auch sehr richtig sein, wird aus dem Vorangegangenen aber kaum plausibel. Odysseus erscheint nämlich zuvor als der besonnene Mahner, der Plünderungen verhindern möchte (vergeblich) und von seinen Gefährten ein einigermaßen respektvolles Auftreten auf fremden Inseln einfordert (auch vergeblich). Zwar werden die von diesem Trupp begangenen Untaten genannt, aber Odysseus selbst kommt dabei als halbwegs besonnener Moralist ganz gut weg. Das könnte Penelopé ihm eigentlich anrechnen, zumal sie ja in der Hoffnung auf die Rückkehr des Ehegemahls sämtliche (darunter sicher auch attraktive) Heiratsangebote ausgeschlagen hat. Und das alles nur, um ihm eine Szene zu machen? Hier endet die Odyssee als bürgerliche Ehekomödie.
Ketan Bhatti, geboren 1981 in Indien und in Deutschland aufgewachsen, hat eine Musik für Orchester komponiert, die den gesprochenen Text begleitet. Früher nannte man so etwas "Melodram", hier trägt es die Bezeichnung "Sprechoper". Bhatti, der sich in der Vergangenheit intensiv mit interkulturellen Formen von Musik beschäftigt hat, setzt neben dem üblichen Orchesterapparat auch Instrumente wie die irakische Djoze (eine Spießgeige) und die armenische Duduk (ein Blasinstrument mit Doppelrohrblatt) ein, dazu auch Synthesizer. Daraus ergeben sich interessante Klänge, aber insgesamt wirkt die Musik vordergründig illustrierend. Nimmt die Spannung zu, so raunen die Instrumente geheimnisvoll, und wenn die Erzählung dramatisch wird, schreit das Orchester lärmend dissonant auf. Einzelne Instrumentengruppen bilden oft eine eigenen Schicht, von der eine über die andere getürmt wird. Gelegentlich streift Bhatti Jazz und Unterhaltungsmusik. Dann wieder bilden kaum zu ortende Liegetöne einen dunklen Untergrund des Geschehens. Über eine filmmusikartige Begleitung, die Stimmung untermalend, kommt die Musik selten hinaus. Unter der Leitung von Chefdirigent Dirk Kaftan spielt das Beethoven Orchester Bonn mit zupackendem Elan.
Penelopé und ihr hartnäckiger Freier Antinoos
Dabei sitzt das Orchester als Teil des Geschehens auf der Bühne vor einem eindrucksvoll leuchtenden Kreisring. In einer Art Manege ist der Boden mit schwarzen Schnipseln bedeckt, vielleicht verbranntes Papier, worin sich die Darsteller oft wälzen, ohne ihren Figuren allzu viel psychologisches Profil verleihen zu können. Der Hof in Ithaka wird geschickt mit ein paar Säulen und einem Kronleuchter angedeutet, was schnelle Szenenwechsel ermöglicht. Julia Kathinka Philippi spielt die Penelopé nach vernuscheltem Beginn mit zurückhaltender Würde als einigermaßen moderne Frau. Es gibt, dem Stoff angemessen, düstere Bilder mit viel Bühnennebel zu sehen. Aber man ist auch froh, wenn Odysseus nach 90 mit vielen Abenteuern gefüllten Minuten endlich zuhause ankommt.
Das Versprechen auf eine neue Sichtweise auf die Odyssee wird nicht eingelöst, auch nicht durch die Musik.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Bühne
Kostüme
Mitarbeit Kostüme
Licht
Dramaturgie
Solisten
Telemach + Elpenor
Odysseus
Polites + Diener
Penelopé + Kirke
Eurylochos + Antinoos
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