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Ein Künstlerleben zwischen Kafka und Comic
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Bettina Stöß
Peter Ronnefeld (1935 - 1965) muss ein Hochbegabter ganz eigener Art gewesen sein. Mit seinen Fähigkeiten als Dirigent galt er als einer der kommenden Stars, war in jungen Jahren Assistent Herbert von Karajans an der Wiener Staatsoper (und gefragter Einspringer, wenn ein Dirigent erkrankte), spielte in Nikolaus Harnoncourts Concentus Musicus, wurde mit 26 Jahren Chefdirigent der Bonner Oper und zwei Jahre später Generalmusikdirektor in Kiel. Das Programmheft zu dieser Bonner Aufführung zeichnet das Bild eines überaus vielseitigen Musikers mit einer ungeheuer schnellen Auffassungsgabe, der seine Aufgaben mit leichter Hand und viel Humor bewältigte. Einer, der Harnoncourts Vorstellungen von alter Musik intuitiv verstand, der über Nacht mit bloßem Partiturstudium den Solopart eines Klavierkonzerts erlernen konnte (und über Fehler virtuos hinwegimprovisierte). Ein Genie, dem alles leichtzufallen schien, bis ihn eine Krebserkrankung mit gerade einmal 30 Jahren aus dem Leben riss. Auch seine Oper Die Ameise, entstanden 1959 -1981 in Zusammenarbeit mit dem Librettisten Richard Bletschacher, scheint von dieser unendlichen Leichtigkeit auch im Tragischen geprägt. Eine Oper, deren Handlung aus einem Witz heraus entstanden ist: Da weist ein Gast in einem Lokal den Kellner erstaunt darauf hin, dass auf seinem Tisch eine Ameise herumkrieche, die singen könne. Worauf der Kellner sich entschuldigt, das Tier wegwischt und es zerquetscht.
Mit dieser Pointe endet die Oper. Die eigentliche Ameise aber ist die Sopranistin Formica (das Wort ist die italienische Bezeichnung für Ameise). Die hat der berühmte Gesangslehrer Maestro Salvatore bei sich aufgenommen und ausgebildet, eine offenbar symbiotische, aber rein platonische Künstlerbeziehung. Eines Tages wird er, vor ihrer Leiche sitzend, gefunden. Sie habe ihn verlassen wollen, aber er habe sie nicht getötet, beteuert er im Gerichtsprozess, mit dem das Werk beginnt. Mit Zeitsprüngen und Rückblenden wird die einigermaßen surreale Geschichte erzählt, in der Salvatore als vermeintlicher Mörder ins Gefängnis kommt, dort einer Ameise, diesmal ein Tier, das Singen beibringt und nach seiner Entlassung mit selbiger ins Varieté geht - mit dem beschriebenen bösen Ende. Dabei unterlaufen Bletschacher und Ronnefeld jegliches Pathos und verzichten auf eine psychologische Entwicklung, sondern siedeln die Geschichte irgendwo zwischen Kafka und Comic an.
Im Salon: Der Künstler und sein Meisterwerk - Salvatore und (auf dem Flügel) Gesangsschülerin Formica
Die Inszenierung von Kateryna Sokolova will sich dann auch nicht weiter festlegen, ob es sich um ein Künstler- oder doch eher um ein Liebesdrama handelt - beides wird angerissen. Das Bühnenbild (Nikolaus Webern) zeigt einen amphiteatralischen Sektionssaal einer medizinischen Fakultät, ein "anatomisches Theater": Da scheint es doch eher um eine Seelenbeschau des Maestro Salvatore zu gehen, ohne dass der Ansatz konsequent verfolgt wird. Durch herabgelassene Pappelemente wird schnell ein bürgerlicher Salon daraus oder durch ein Gitter das Gefängnis, und nicht nur Lichterketten verweisen auf ein Varieté. Letztendlich entsteht ein bunter, ein wenig unverbindlicher Bilderbogen mit sorgfältiger Personenregie. Die ist ganz auf die zentrale Figur, eben den Maestro Salvatore, fokussiert, den Dietrich Henschel als gealterten Mann darstellt, dem mit der Sängerin auch der Lebensinhalt entschwunden ist. Der Stimme fehlt es für die donnernden Ausbrüche allerdings an Substanz und Volumen. Dabei phrasiert Henschel sehr genau, singt und spielt mit vielen Zwischentönen und feinem Witz.
Die dem Schema der Nummernoper folgende Komposition bewegt sich virtuos zwischen Zwölftönigkeit und Unterhaltungsmusik, ohne verschrecken zu wollen. Ronnefeld bedient sich immer wieder barocker Modelle und lässt etwa feinsinnige Madrigale oder festliche Bläserintraden anklingen. Sobald gesungen wird, nimmt er das Orchester zurück und begleitet die Stimmen kammermusikalisch mit nur wenigen Instrumenten und abenteuerlichen Klangmischungen, oft vom umfangreichen Schlagwerk geprägt. So liegen die Gesangsstimmen immer über einem zarten Orchesterklang, was zu einer sehr guten Textverständlichkeit führt. Mitunter werden die Szenen durch delikate Orchesterzwischenspiele verbunden (nicht immer fällt der Regie Überzeugendes dazu ein). Die Musik will nicht psychologisieren (überwältigen schon gar nicht) und bewahrt auch emotional immer ironische Distanz zum Geschehen. So hinterlässt das Werk einen durch und durch artifiziellen Eindruck. Das wurde bereits bei der Uraufführung 1961 in Düsseldorf ambivalent aufgenommen: Ein geistreiches, feinsinniges, kunstvoll gearbeitetes Liebhaberstück, das einmal zu erleben durchaus interessant ist, aber wenig geeignet für's Repertoire. So ist diese Bonner Produktion die erste szenische Aufführung des Werkes seit 1969.
Im Varieté: Maestro Salvatore präsentiert an seinem Tisch die singende Ameise.
Fesselnd wird die Aufführung immer dann, wenn Formica singen darf (was leider nicht allzu oft geschieht). Mit glasklarem, ungemein präsentem Sopran glänzt Nicole Wacker in höchsten Höhen wie in absurden Koloraturen, bringt zudem einen wehmütigen Beiklang vom spätromantischen Geist eines Richard Strauss mit ein. Da schwingt mitunter ein Hauch von Rosenkavalier-Sentimentalität mit, und in solchen Momenten bekommt die Oper ein Zentrum, um das sie sich dreht (und das die Regie stärker festhalten müsste). Mark Morouse überzeugt als überaus stimmgewaltiger rivalisierender Gesangsprofessor Mezzacroce, Carl Rumstadt und Tae Hwan Yun steuern als Mitgefangene Kleinkriminelle komödiantische Aspekte bei, Ján Rusko beeindruckt mit strahlkräftigem Tenor als Gefängniswärter. Der Chor (Einstudierung: André Kellinghaus) bewältigt seine Aufgaben souverän. Das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Daniel Johannes Mayr bringt Ronnefelds immer wieder überraschende Klangeffekte mit großer Klarheit zum Leuchten.
Ein seltener Fund für Liebhaber: Antiillusionistisch, unsentimental distanziert und mit ironischem Witz positioniert sich Die Ameise beinahe postmodern im Opernbetrieb der frühen 1960er-Jahre. Die Bonner Produktion kann manches, aber nicht alles davon ausloten.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreographie
Chor
Solisten
Maestro Salvatore
Formica
Mutter Formicas
Diener Salvatores
Melter, Gefängniswärter
Professor Mezzacroce
Fassadendieb
Taschenkletterer
Verteidiger / Gefängnisgeistlicher / Gefängnisdirektor
Staatsanwalt / Ausruferin
Mimen
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