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Demokratierettung mit Carl Maria von Weber
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Bettina Stöß
Der Teufel trägt blau. Ein blaues Kleid, um genau zu sein. Selbstbewusst tritt die so gekleidete Dame vor den Vorhang und stellt sich als "Samiel" vor, "Ihr nächster Bundeskanzler". Denn wir befinden uns im Bundestagswahlkampf 2029. Kanzlerkandidatin Samiel spult routiniert die übliche Rhetorik rechtspopulistischer Parteien ab, wobei Schauspielerin Birte Schrein vermutlich bemüht ist, ihre Figur nicht allzu eloquent wirken zu lassen. Denn, das ist die Gefahr eines solchen Konzepts, Applaus von der falschen Seite möchte man auch nicht bekommen. Schließlich geht es an diesem Abend um nicht weniger als die Rettung der Demokratie. Frau Samiel darf man getrost der AfD zuordnen und mit Alice Weidel identifizieren, auch wenn die Ähnlichkeit optisch nicht allzu groß ist. Vermutlich soll die Figur eine gewisse Interpretationsunschärfe behalten, denn die hier gezeigte fiese Teuflin plant im Verlauf der Aufführung den bewaffneten Umsturz, lässt auf Migranten schießen und wird selbst zur kaltblütigen Mörderin. Während Samiel auf diese Weise zur rechtsextremen Politikerin umgedeutet wird, ist Fürst Ottokar auch optisch unverwechselbar mit dem amtierenden Bundeskanzler Friedrich Merz überschrieben, den Johannes Mertes verblüffend gut imitiert und eindrucksvoll klar singt. Zunächst schleudert er Frau Samiel ein scheinbar entschlossenes "niemals" entgegen, was mit Blick auf jeglichen Teufelspakt heißen will: keine Koalition mit der Samiel-Partei. Alsbald aber ist er zum Einreißen aller Brandmauern bereit. Unter einer Bedingung: "Aber demokratisch muss es zugehn, davon kann ich nicht abseh'n." Lyrik aus der Hölle, möchte man sagen. Für alle im Publikum, die es bis dahin immer noch nicht begreifen wollen, senkt sich kurz vor dem Ende ein Plakat mit AfD-Logo herab, auf dem man Alice Weidel in Siegerpose und einem grimmig dreinschauenden designierten Vizekanzler Friedrich Merz im Hintergrund sieht.
Regisseur Volker Lösch hat in Bonn schon Fidelio und Mahagonny mit starken Verweisen auf die Tagespolitik inszeniert, streit- und angreifbar, aber mit mancher spannenden Frage als Ergebnis. Lösch verteidigt tapfer die Vorstellung vom Theater als moralische Anstalt oder zumindest als Ort, an dem Debatten angestoßen und geführt werden müssen. Im Falle des Freischütz, geht es ihm, wenig verwunderlich, zunächst um den Aspekt des Nationalen, gar den einer "deutschen Nationaloper", auch wenn die Hauptfigur Max bestenfalls einen Anti-Helden abgibt. In dieser Version ist er ein Soldat, der vom Einsatz in Afghanistan traumatisiert ist. Was ja gar nicht so weit vom originalen Libretto entfernt ist, das die Handlung in die Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg mit dessen Traumata verlegt. Max soll im Einsatz ein exzellenter Schütze gewesen sein, was wohl auch bedeutet: Er hat viele Menschen getötet. Und er ist daran innerlich offenbar so stark zerbrochen, dass er in der schönen deutschen Heimat nicht einmal mehr beim Schützenfest mit dem Gewehr angemessen umzugehen vermag. Damit ist die Figur plausibel und vielschichtig angelegt. Kai Kluge gestaltet diesen Max stimmlich mit metallisch glänzendem, heldischem, höhensicherem Tenor von großem Volumen, der in den lyrischen Passagen aber mit leicht baritonaler Grundierung auch liedhaft schön singen kann. Mit eingezogenen Schultern gibt er szenisch einen verunsicherten Veteranen, der in die Fänge dieser in dieser Inszenierung eindeutig als rechtsextrem dargestellten Partei geraten ist. Der Pakt mit dem Teufel als Empfänglichkeit für rechtspopulistische und rechtsextreme Botschaften, die dem Kriegsgeschädigten etwas vom starken deutschen Mann vorgaukeln, das ist an sich ein interessanter Regieansatz. Wie auch der Ort der Handlung, der von Pflanzen überwucherte alte Plenarsaal des Bundestags aus Bonner Zeiten (Bühnenbild: Carola Reuther), ein starkes und vielsagenden Bild abgibt: Um die Demokratie ist es nicht gut bestellt.
"Tradwife-Influencerinnen", die das herrkliche Leben der Hausfrau feiern: Agathe (links) und Ännchen
Dass dieser mit sich hadernde Max aber im Schattenkabinett Frau Samiels als Heimat- oder Kriegsminister vorgesehen sein soll, das mag man keine Sekunde lang glauben. Und der Plot wird noch sehr viel ärger: Max soll beim Probeschuss den zufällig anwesenden amtierenden Bundeskanzler, also Friedrich Merz, erschießen. Für die deutsche Sache. Was aber eigentlich eine Intrige ist, denn die vermeintlich siebente und letzte Freikugel ist eine Platzpatrone und wird wirkungslos verpuffen. Dafür soll Rivale Kaspar, ein Kampfsportler, der auch gerne Minister würde, auf Agathe schießen, aus Rache, denn er war auch mal "mit ihr zusammen" (Tobias Schabel singt ihn fast eine Spur zu nobel für seine Wut). Wobei Kaspar einer noch größeren Intrige zum Opfer fällt, denn Sekundenbruchteile vor der Tat wird er selbst von Frau Samiel erschossen, die sich anschließend als Retterin Agathes feiern lässt. Eine solche Heldin kann Kanzler Merz unmöglich durch eine Brandmauer von der Regierung ausschließen, fordert sie. Zunächst vergebens, weil der sein "Niemals!" verkündet, aber sie ruft den deus ex machina, nämlich den Eremiten, herbei, der in quasi göttlichem Auftrag die unwiderstehliche Parole ausgibt: Drum sei nie mehr eine Brandmauer! Pavel Kudinov verleiht ihm in der hier besprochenen Vorstellung vokal angemessene Kraft und Würde. Da gehorcht Kanzler Merz doch gern.
Das alles wirkt dann doch mühsam zusammenkonstruiert und reichlich albern. Die Eingriffe in den Text (Lothar Kittstein) kann man der Regie leicht nachsehen, da schon das originale Libretto von Friedrich Kind allerlei Unsäglichkeiten aneinanderreiht und manches Element hier tatsächlich plausibler wird. In der Grundhaltung wie in der Figurenkonstellation kommt die Regie dem Original nämlich durchaus nahe. Nur wirkt die belehrende Konkretisierung bis hin zur konkreten Aufforderung: AfD 2029 verhindern! (auf den Vorhang projiziert) allzu plakativ. In Mahagonny hat Lösch Menschen zu Wort kommen lassen, die von der Katastrophe der Ahr-Flut betroffen waren. Hier kommt nur laut dröhnend die Regie zu Wort. Immer wieder werden menschen- und demokratieverachtende Äußerungen von AfD-Funktionären als Zitat eingeblendet, und die Wolfsschluchtszene wird zur Schießübung, bei der Max vom Dach eines Parkhauses aus "migrantische Ziele" ins Visier nimmt. Als Verweis auf Attentate und Morde nicht nur des "NSU"-Trios hat das beklemmende Wirkung. Aber die Inszenierung bekommt trotz ihrer bedenkenswerten Ansätze mehr und mehr einen plump belehren wollenden Charakter.
Der vermeintliche Anschlag auf Agathe (vorn) wie auf den Bundeskanzler (nicht im Bild) schlägt fehl; Ännchen, Kuno und Max sind einen Moment lang irritiert angesichts der unklaren Lage.
Agathe und Ännchen vertreten als "Tradwife-Influencerinnen" offensiv das konservative Bild der liebenden Ehegattin am Herd, deren höchstes Lebensziel es ist, den Mann um jeden Preis glücklich zu machen. Im Falle des in der Musik komödiantischer angelegten Ännchen funktioniert das einigermaßen gut (Nicole Wacker singt mit nicht zu kleinem Sopran mit angemessener Koketterie und spielt die Figur als resolute Frau im Trachtenkleid überzeugend). Für die Agathe hat Carl Maria von Weber allerdings sehr anspruchsvolle, weit über die hier ziemlich eindimensionale Figurenzeichnung hinausgehende Musik komponiert. Alyona Rostovskaya singt mit hell leuchtendem, auch in der Höhe zu einem intensiven Piano fähigem Sopran. Was ihr zu einer musikalisch großen Rolleninterpretation noch fehlt, ist die Ausdeutung des Textes, über den sie in flüssigen Linien oft hinwegsingt. Wenn die Brautjungfern als hochschwangere Frauen ihre Bäuche präsentieren und Ännchen im neu gestalteten Text die Mutterschaft als höchstes Glück feiert, kommen ihr aber doch Zweifel am Frauenbild der Rechtspopulisten. Ein blutiger Embryo in der Hutschachtel, in der sie den Hochzeitskranz erwartet, kontrastiert effektvoll die Hochglanzbilder von glücklichen, jederzeit perfekt geschminkten Müttern mit Dauerlächeln.
Zweifel am Weltbild der Rechten haben Chor und Extrachor nicht, denn es handelt sich durchweg um Parteimitglieder (eine weibliche oder geschlechtsneutrale Form ist in diesem Milieu wohl nicht erforderlich). Hin und wieder müssen sie eine schneidige Parole brüllen, singen dafür aber mit prächtigem Klang und (meistens) hoher Präzision - im Jägerchor drohen die Herren wie in so vielen Aufführungen dem Orchester davonzueilen. Für einen etwaigen Umsturz hält man Waffen bereit, gibt sich aber vordergründig demokratisch-friedlich. Das Beethoven Orchester spielt unter der Leitung von Lothar Koenigs ungeachtet des grobschlächtigen Szenarios einen sorgfältig durchgestalteten, romantischen Freischütz mit Energie in den volkstümlichen Passagen und verinnerlichtem Klang für Agathes mondsüchtige Träumereien. Erwähnung verdient der zupackend gesungene Kilian von Ralf Rachbauer. In der hier besprochenen zweiten Aufführung fielen die (sicher einkalkulierten) Publikumsreaktionen zaghaft aus.
Volker Lösch warnt mit ein paar spannenden und bedenkenswerten und ein paar ziemlich plumpen Regieideen vor dem Ende der Demokratie und vor einem Wahlerfolg der AfD. Ein subtileres Vorgehen wäre dem Werk angemessener gewesen, aber zumindest dürfte über den Regieansatz und die Problematik dahinter diskutiert werden. Nebenbei wird sehr schön musiziert.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Video
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Max
Agathe
Kaspar
Ännchen
Ottokar, Fürst
Kuno, Erbförster
Ein Eremit
Kilian
Samiel
Brautjungfern
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