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Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten
Text von Lorenzo Da Ponte
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Dauer: ca. 3 h 30' (eine Pause)

Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden am 21. Dezember 2025

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Festspielhaus Baden-Baden
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Mal wieder traditionelle Oper

Von Christoph Wurzel / Fotos: © Michael Bode

Möglicherweise war sie als Kontrapunkt zum Regietheater gedacht - die Idee, Don Giovanni einmal auf ganz traditionelle Weise auf die Bühne zu bringen. Denn in welchem Umfeld hat man den Lüstling sich nicht schon herumtreiben sehen? Inmitten von Autoschiebern auf dem Schrottplatz, herum stapfend irgendwo im Wald oder abgetaucht im Swimmingpool eines Luxushotels. Mehr oder weniger überzeugende Lösungen haben Regisseure der letzten Dekaden für Mozarts und Da Pontes Dramma giocoso gefunden, auch weil es eben so vielschichtig ist, wie kaum ein anderes Werk seiner Zeit.

In Baden-Baden gab es nun das Experiment, Don Giovanni gleichsam werkgetreu zu präsentieren, als "musikalische und theatralische Einheit", so der Anspruch. Spiritus rector war Iván Fischer, der nicht allein als Dirigent des Budapest Festival Orchestra, sondern auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnete. Für Bühnenbild und Beleuchtung standen ihm Andrea Tocchio und für die Kostüme Anna Biagiotti zur Seite. Ein umfangreiches Ballettcorps aus Budapest reicherte die Handlung mit mal statischen, mal bewegten Figurengruppen an. Ein von Iván Fischer geleitetes privates Opernunternehmen also, das an bedeutenden Stätten wie der Hamburger Elfi, in Amsterdam, London und Abu Dhabi gastiert und sukzessive die großen Opern Mozarts herausbringt. Für Dezember 2026 ist in Baden-Baden schon Die Zauberflöte annonciert.

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Ensemble der Iván Fischer Opera Company und Miah Persson (Elvira), André Schuen (Giovanni) und Luca Pisaroni (Leporello) (von links)

Nach der Aufführung in Baden-Baden blieben allerdings ob dieser Aufführungsform einige Zweifel. Denn bereits früh wurde klar, um eine "Inszenierung" handelte es sich eigentlich nicht, eher um ein bebildertes Arrangement von Szenen, das den Handlungsverlauf eher oberflächlich illustrierte, aber zum Sinn und Kern der Handlung kaum vorzudringen vermochte. Noch weniger ließ es die dramatische Wucht dieser Oper szenisch lebendig werden. Zu wenig gelang es Fischer, auf der Bühne schlüssige Bezüge zwischen den Protagonisten herzustellen oder die Situation zu erhellen.

Die Gelassenheit, mit der Leporello bereits in der Introduktion ("Notte e giorno faticar") auf die Bühne schlenderte, ließ bereits Befürchtungen nach mangelnder Dramatik aufkommen. Und dass bei Giovannis Werben um Zerlina die beiden Personen ca 5 Meter auseinander standen, hatte wenig Sinn. Keinerlei Magie, schon gar nicht den geradezu blasphemischen Eindruck dieses Moments konnte die Friedhofsszene entfalten. Von der steinernen Staue war nur der Kopf übrig geblieben und dies nur im Hintergrund des Geschehens. Mangelnde Personenführung und nur geringe szenische Glaubwürdigkeit blieben auch in der Folge die schwächsten Punkte dieser Produktion. Letztlich wurde an vielen Stellen, vor allem in den Ensembles, dann doch nur Rampengesang geliefert.

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Finale I.: Bernard Richter (Ottavio), Maria Bengtsson (Anna), Miah Persson (Elvira) mit Chor und Bühnenmusik

Dies allerdings in sehr edlen Kostümen. Das Produktionsteam hatte sich für eine Mischung aus antikisierendem und klassizistischem Kostümdesign entschieden. Im Einheitsgrau antiker Figuren war der Chor stellenweise zur Erstarrung verdammt, andernorts sollte er die Bauernjugend verkörpern oder bildete erotisch konnotiertes Accessoire, etwa als die Regie bei Leporellos Registerarie zur Belustigung des Publikums mit durchaus voyeuristischer Wirkung die verschiedenen Frauentypen aus Giovannis Verführungskarriere antanzen ließ oder (dies an der Grenze des Geschmacks) als sich bei Giovannis letzten Dîner eine der Damen lasziv zu räkeln hatte.

Wie Abziehbilder aus der Zeit der Opera seria wirkten die Kostüme der Solistinnen und Solisten und die Figuren blieben es infolge der mangelnden Charakterisierung der Rollen auch darstellerisch.

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André Schuen als Don Giovanni

Dabei allerdings wurde - und dies war der unbestreitbare Vorzug dieser Aufführung - exzellent gesungen. Dem Schweizer Bariton André Schuen eilt inzwischen der Ruf eines idealen Giovanni voraus, was er an diesem Abend glänzend bestätigte. Eine junge, virile, flexible Stimme, die alle Facetten der Rolle erahnen ließ - den Schmeichler, den Unersättlichen, den Kaltschnäuzigen, den rücksichtslosen Narzissten. Hätte doch die Regie ihm mehr Spielraum gelassen, diese Facetten auch spielen zu können. Miah Persson war eine vokal nicht weniger überragende Elvira mit faszinierend dramatischem Impetus und großartig fließenden Koloraturen. Selten war ein so stimmstarker Ottavio zu hören wie der von Bernard Richter: ein lyrischer Tenor mit Heldenstimme. Doch leider war er von der Regie verdammt, an diesem Abend das Rollenklischee dieser Figur zu erfüllen - eines steifen Adligen, der zwar schön singt, aber ansonsten überflüssig ist. Als Anna konnte Maria Bengtsson in ihrem schwarzen Trauerkostüm optisch leider kaum Ausstrahlung entfalten und blieb auch trotz erlesen schöner Stimme darunter ziemlich seelenlos.

Als Leporello diente Luca Pisaroni seinem Herrn recht willfährig. Sängerisch ist auch er wohl einer der besten seiner Generation für diese Rolle, da gab es nichts auszusetzen. Am lebendigsten noch konnten Daniel Noyola (Masetto) und Giulia Semenzato (Zerlina) ihre Rollen auch im Spiel beglaubigen. Beide waren für das "niedrige" Paar ebenfalls die ideale Besetzung.

Unter Berufung auf die Wiener Fassung ließ Fischer die Oper mit Giovannis Höllenfahrt enden, die allerdings recht unspektakulär verlief, indem der Don mit seinem Diener einfach fluchtartig von der Bühne stürmte. Den Hinterbliebenen von Giovannis Freveltaten blieb danach keine Möglichkeit mehr zur Reflexion. Ihre allerletzte Szene wurde gestrichen. Etwas verstörend war dieses abrupte Finale schon.

Als Schlussfolgerung bleibt: Hätte Iván Fischer sich doch für eine "nur" konzertante Aufführung entschieden. Weniger wäre hier mehr gewesen. Die Sängerinnen und Sänger waren meist so intensiv in der vokalen Gestaltung ihrer Rollen, dass die Ablenkung dieser optisch zwar ambitionierten, dramaturgisch aber weitgehend blassen Inszenierung eher störend war.

Als Dirigent nämlich ließ Iván Fischer die Partitur zu reichem Leben erblühen. Starke Momente waren aus dem Graben zu hören. Fischer erwies sich durchaus als berufener Mozart-Dirigent. Als Regisseur war er es weitaus weniger.

Fazit:

Bebilderte Oper: im edlen Design nett anzusehen, dramaturgisch aber ohne Tiefgang. Musikalisch allerdings erlesen: großartige Sänger und im Orchester reiche Differenzierungen.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung und Inszenierung
Iván Fischer

Bühne und Licht
Andrea Tocchio

Kostüme
Anna Biagiotti

Movement Director
Georg Asagoff

 

Tanzensemble der
Iván Fischer Opera Company

Studierende der Universität für
Theater und Filmkunst Budapest

Budapest Festival Orchestra

 

Solistinnen und Solisten

Don Giovanni
André Schuen

Donna Anna
Maria Bengtsson

Donna Elvira
Miah Persson

Leporello
Luca Pisaroni

Don Ottavio
Bernard Richter

Zerlina
Giulia Semenzato

Masetto
Daniel Noyola

Komtur
Kristián Cser


Weitere Informationen
erhalten Sie vom

Festspielhaus Baden-Baden
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