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Erzählen müssen von der Gewalt patriarchalischer StrukturenVon Stefan Schmöe / Fotos von Annemone Taake"Ich muss erzählen": Wer genau dieses Ich ist, erfährt man in Ingeborg Bachmanns 1971 veröffentlichtem Roman Malina nicht. Sicher trägt es autobiographische Züge der 1973 im Alter von 47 Jahren verstorbenen Schriftstellerin. Bachmann selbst hat das relativiert, hat den Roman eine "geistige, imaginäre Autobiographie" genannt. Ohnehin gibt es keine Handlung und kaum konkrete Ereignisse, die beschrieben werden. Die Erzählerin steht, so viel wird deutlich, zwischen zwei Männern, ihrem Liebhaber Ivan und ihrem Mitbewohner Malina. Die Beziehung zu Ivan ist toxisch und geprägt von patriarchalischen Strukturen. Wovon dann erzählen? Eben davon. Und in Andeutungen von Inzest und vom verdrängten Holocaust. Das geschieht in albtraumartigen Sequenzen. Es geht um die latente, auch um die verdrängte Gewalt. Dem gegenüber steht der Alltag mit dem Versuch, eine Beziehung zu Ivans beiden Kindern aufzunehmen und die eigene Rolle im literarischen Betrieb einigermaßen zu sichern. Oft wirkt die Erzählung wie ein Bewusstseinsstrom, wie eine Aneinanderreihung von Assoziationen. Malina bleibt ein Rätsel, aber eines mit einer hochpoetischen Sprache.
Ich
Anlässlich des Gedenkens an Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag in diesem Jahr kommt Malina nun auf die Opernbühne. Ein "Kreativteam", bestehend aus Tina Hartmann (Libretto), Karola Obermüller und Peter Gilbert (Komposition) sowie Franziska Angerer (Inszenierung) und Pia Dederichs (Ausstattung), nähert sich der komplexen Vorlage behutsam, wobei klar ist: Eine typische Musiktheaterdramaturgie, gar eine Opernhandlung, darf man nicht erwarten. Hartmann folgt weitgehend dem Aufbau des Romans und hat exemplarisch einzelne Momente herausgegriffen. Allerdings legt sie die märchenhafte Erzählung von der Prinzessin von Kagran, die sich in einen geheimnisvollen Prinzen verliebt, der ihr aber "den ersten Dorn ins Herz treibt" - eine mythische Überhöhung der realen Beziehung - als Parallelhandlung an, die das gesamte rund 90-minütige Stück durchzieht. Dem sinnlichen Charakter folgt auch die Musik. Das mit 20 Musikerinnen und Musikern besetzte Kammerorchester setzt Klangflächen aus vielen kleinen Partikeln zusammen, oft wie ein fernes Echo des Bühnengeschehens. Die farbreiche Musik ist nicht wirklich greifbar; manchmal hört man kleine Melodiefloskeln heraus wie bruchstückhafte Erinnerungen. Sie ballt sich zu einem bedrohlichen Unisono zusammen, wenn Ivan charakterisiert wird, um sich dann clusterartig zu verzweigen. Unter der Leitung von Chanmin Chung setzt das Sinfonieorchester Aachen die subtile Polyphonie mit schillernden Farben um. Der Chor wird in kurzen Passagen, die verzichtbar erscheinen, vom Band eingespielt.
Malina
Die Figur Ich wechselt zwischen gesprochenen und expressiv gesungenen, oft durch sperrige Intervallsprünge zerrissenen Passagen. Larisa Akbari gestaltet die Partie mit hoher Intensität und lotet das Spektrum zwischen anklägerischer Schärfe und resignierender Innerlichkeit beeindruckend aus. Auf der abstrakten Bühne wird sie durch drei große Spiegel vervielfacht, gleichzeitig wird hier das Motiv der (Selbst-)Reflexion aufgegriffen. Direkt zu Beginn ergießt sich arg pathetisch ein Blutstrom von oben auf die Bühne, in den sie ihre Hände taucht: Blut - und damit Gewalt - ist fortan das bildliche Leitmotiv. Ein blutrotes Oberteil trägt der immer auf Distanz bleibende Liebhaber Ivan (stimmlich ein wenig neutral: Micah Schroeder). Auf Leinwände zwischen den Spiegeln werden in sparsam eingesetzten Videosequenzen (Fabio Stoll) Bilder mit hohem Symbolwert projiziert, etwa Ivan, wie er (ziemlich unappetitlich) kaut: Der Mann als Fleischfresser. Das Motiv des Schachspiels, das im Roman einigen Raum einnimmt, wird ebenfalls aufgegriffen. Hier bekommt die Inszenierung den Charakter einer assoziationsreichen Kunstinstallation, bei der vieles sinnstiftend ineinandergreift.
Ich und Ivan (auf der Bühne und im Video)
Den Gegensatz zum gefährlichen Rot bildet das Nachtblau der Märchenerzählung. Die Prinzessin von Kagran (mit betörend schönem lyrischem Sopran: Jelena Rakić) und der geheimnisvolle Prinz (mit etwas engem Tenor: Ángel Macías) sind in kindlich naive, scherenschnittartige schwarze Kostüme gekleidet und bewegen sich vor blauem Hintergrund. Der Rappe, auf dem die Prinzessin reitet, wird als kopflose, hohle Skulptur am Ende vom Bühnenhimmel herabgelassen; das Ich, das am Ende des Romans in einem Riss in der Wand verschwindet, klettert hinein und wird zum Kopf des Tieres - ein faszinierend schönes Bild. Musik und Szene finden starke Lösungen, die sich gegen die mächtige literarische Vorlage behaupten können.
Ich, Malina und Pferd
Wer aber ist dieser Malina? Die Figur ist als alter ego der Ich-Erzählerin gedeutet worden, und so wird sie auch hier gesehen. Handelt es sich dann aber um einen Mann oder eine Frau? Als Zeichen dieser Ambivalenz ist sie für Countertenor geschrieben, die Männerstimme in Frauenlage, wobei der Sänger immer wieder Passagen in Baritonlage gestalten muss. Valer Sabadus bewältigt beides souverän, klingt in der tiefen Lage sanft und beinahe zärtlich, als wolle er das Ich auf keinen Fall verletzen (dabei trägt auch er, seiner androgynen Erscheinung zum Trotz, mitunter ein blutrotes Oberteil). Er singt aber immer wieder, mehrfach von verschiedenen Positionen im Zuschauerraum aus, mit seiner berückend weichen Countertenorstimme. Auch das trägt zu einer Aufführung bei, die das Sujet auf ganz eigene, oft schmerzliche Art poetisch verdichtet. Am Ende verschmilzt seine Stimme mit der des - am Ende doch sprachlos gewordenen - Ich. Eine Woche nach der Uraufführung in gleicher Besetzung bei den Schwetzinger SWR-Festspielen zollte das Publikum der hier besprochenen Aachener Premiere der Produktion mehr als nur herzlichen Beifall.
Malina ist eine faszinierende Kunstinstallation geworden, die mit eindrucksvollen (Klang-)Bildern eine Poesie ganz eigener Art erschafft. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Mitarbeit Regie
Mitarbeit Ausstattung
Video
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten
Malina
Ich
Ivan
Prinzessin
Prinz
Béla
András
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- Fine -