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Samba! Brasilien in Licht und Schatten

Tanztheater von Mario Martello Panno
Idee und Libretto von Katharina Torwesten

Aufführungsdauer: ca. 2h (eine Pause)

Premiere im Theater Detmold am 2. März 2024


Homepage

Landestheater Detmold
(Homepage)
Eine interkulturelle Utopie im Zweivierteltakt

Von Stefan Schmöe / Fotos von Lina Pris und Marc Lontzek

Beim Samba hört der Spaß auf. Jedenfalls dann, wenn man nicht die Beste ist. Diese Erfahrung macht eine junge Tänzerin, deren Samba-Team sich der Konkurrenz geschlagen geben muss (tatsächlich treten in Rio de Janeiro die Samba-Schulen, die auch den legendären Karneval in Rio organisieren, in sportähnlichen Wettbewerben mit einem Liga-System inklusive Auf- und Abstieg gegeneinander an). Die altersweise und lebenserfahrene Großmutter spendet Trost und erzählt von den Anfängen des Samba in Brasilien, der zunächst die Musik der aus Afrika stammenden Sklaven war und sich nach und nach mit der europäischen Musik der Kolonialherren vermischte. Und man muss der Großmutter lassen: Spannende Geschichten erzählen, das kann sie. Und Choreograph Mario Martello Panno, bis zur vorigen Saison noch Tänzer in der Detmolder Compagnie, zeigt in seinem ersten abendfüllenden Ballett, dass er das auch kann.

Szenenfoto Verliererin und Gewinnerin im Samba-Wettstreit (Foto © Lina Pris)

Die Großmutter (liebevoll-charmant: Veronika Jungblut) verwandelt sich zurück in das junge Mädchen (mit schöner Mischung aus Anmut und Selbstbewusstsein: Erica Pinangè), das sie einmal war - Schwester eines despotischen Plantagenbesitzers, der Sklavinnen und Sklaven misshandelt. Das Mädchen empfindet zunächst Empathie für die Unterdrückten, verliebt sich dann in einen der Sklaven (sehr charismatisch: Felipe Dos Santos Vasques), kann dessen Verhaftung durch die im Stile nordkoreanischer Uniformität mit roboterhaftem Stechschritt agierende Polizei (hinreißend in der Ambivalenz von Gefährlichkeit und Slapstick: Madoka Sato und Felipe Sales) aber erst einmal nicht verhindern. In der Gesellschaft der "Sambistas" entdeckt sie eben diesen Tanz für sich (der in einer der schönsten Szenen des Abends wie aus dem Nichts entsteht, weil alle auf irgendwelchen Alltagsgeräten Rhythmen anschlagen, die sich nach und nach zum Samba entwickeln). Später sieht man die "hohe Gesellschaft" zunächst Walzer, dann Polka tanzen - und die Sambistas dringen in den Ballsaal ein und überreden die Tanzenden, auch die andere Musik auszuprobieren: So wird geschickt die Verschmelzung des ursprünglichen Samba mit der Polka in Bilder gesetzt.

Szenenfoto

Aus der Geschichte des Samba: Unterdrücker und Sklaven (Foto © Marc Lontzek)

Die Geschichte des Samba tänzerisch zu erzählen, das klingt ein wenig nach einem braven Volkshochschulkurs, aber es ist Mario Martello Panno weitestgehend gelungen, mit seiner revuehaften Inszenierung diese Gefahr zu bannen. Letztendlich geht es auch gar nicht um eine musikhistorische Abhandlung, sondern um die höhere humanistische Botschaft. Die liegt in der Utopie von der Versöhnung der Kulturen (und von Unterdrückten und Peinigern), die in einem ziemlich originellen Pas de deux gipfelt: Da tanzen das Mädchen und der Sklave zunächst durch ein Gefängnisgitter getrennt, das aber irgendwann in die Lüfte entschwebt. Darauf folgt eine brasilianische Gesellschaft, die durch die Begeisterung für den Fußball geeint ist - ein Modell für die Überwindung von trennenden Kriterien wie Herkunft und sozialem Stand. Natürlich kann man das naiv nennen (und vieles wird auch mit großer Naivität erzählt). Samba! ist kein Diskursstück, es will unterhalten (und tut das ganz ausgezeichnet), und es vertritt eine klare Haltung: Nur zusammen sind wir stark und glücklich.

Szenenfoto Ihre Lust am Samba ist der Obrigkeit suspekt: Die "Sambistas" (Foto © Marc Lontzek)

Ein "brasilianischer" Abend, gar eine Samba-Show, ist die Choreographie nicht geworden - obwohl der Italiener Mario Martello Panno die Brasilianerin Tamirys Candido als Co-Choreographin für authentische Samba-Nummern ins Boot geholt hat. Beide scheuen vor reinen Show-Effekten zurück, wodurch ausgerechnet die Szene, die eben diese gebraucht hätte, eher enttäuschend verpufft: Den anfänglichen Wettstreit der Samba-Truppen, der trotz aufwändiger Kostüme (die der Tänzer Felipe Dos Santos Vasques mit Geschmack und Gespür für das richtige Maß an Kostümierung entworfen hat) nicht die Wucht entfaltet, die es hier bräuchte. Und die insgesamt recht strenge Choreographie könnte bei aller Virtuosität der in vielen kleinen Soli und Ensembles ungeheuer engagiert tanzenden Detmolder Compagnie mitunter noch mehr "brasilianische" Leichtigkeit, mehr Selbstverständlichkeit, vertragen. Andererseits schützt diese Sachlichkeit davor, dass sich der Abend in folkloristischer Gefälligkeit (und entsprechenden Klischees) verliert.

Szenenfoto

Getanzte Utopie: Ein Pas de deux, der alles Trennende einreißen wird (Foto © Marc Lontzek)

Ziemlich bunt mit einem Hang zur Beliebigkeit ist die Auswahl der (elektronisch zugespielten) Musik, die neben Johann Strauß (der für die europäische Kultur steht) und Arvo Pärt (Spiegel im Spiegel, in seiner Mystik sowieso universal nachdenklich) auch die Nähe zu gefühlig klimperndem und filmmusikhaft aufrauschendem musikalischem Kitsch nicht scheut, damit allerdings auch wirkungsvoll die großen Gefühle bedient, wenn es darauf ankommt. Das Bühnenbild (Erwin Bode) setzt mit wenigen, geschickt ausgewählten Requisiten klare Akzente. Das heutige Brasilien ist in einer fotografierten pittoresken Stadtansicht präsent, eher ein Armenviertel, aber keine chaotische Favela. Mit knapp zwei Stunden (mit Pause) ist der stilistisch abwechslungsreich und ausgesprochen flott choreographierte Abend durchgehend fesselnd und mit seiner immer spannenden Geschichte durchaus familientauglich. Für die zweitbeste Tänzerin mag der Samba eine traurige Angelegenheit sein - für das Publikum macht das Zuschauen bei allen nachdenklichen Zwischentönen dann doch viel Spaß.


FAZIT

Gelungenes Ballettabend-Debüt von Mario Martello Panno und Tamyris Candido: Samba! ist kein übermäßig komplexes, aber sehr schwungvolles und unterhaltsames, schön getanztes Stück mit eindringlichem Appell für eine freie und liberale Gesellschaft.


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Produktionsteam

Inszenierung und Choreographie
Mario Martello Panno

Idee und Libretto
Katharina Torwesten

Co-Choreographie
Tamyris Candido

Bühne
Erwin Bode

Kostüme
Felipe Dos Santos Vasques

Dramaturgische Assistenz
Philip Krückemeier

Licht
Udo Groll

Maske
Kerstin Steinke

Ton
Vladimir Karadjow



Ballett des
Landestheaters Detmold


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Näherin
*Josefine Kaus /
Soyoung An

Sambakönigin 1/ Straßenmädchen 1
*Giulia Spinelli /
Erica Pinangé

Sambakönigin 2/ Straßenmädchen 2
*Mirea Mauriello /
Madoka Sato

Samba-Team 1
*Felipe Dos Santos Vasques /
*Levin Mischel /
*Felipe Sales /
*Erica Pinangé /
Giulia Spinelli

Samba-Team 2
*Leony Rafael Boni /
*Caio Amaral /
*Soyoung An /
*Madoka Sato /
*Eduardo Miguel Bolsa Neves /
Pedro Frizon /
Josefine Kaus /
Veronika Jungblut

Wettbewerbsrichter
*Pedro Frizon /
Eduardo Miguel Bolsa Neves

Oma
*Veronika Jungblut /
Mirea Mauriello

Opa
*Felipe Sales /
Felipe Dos Santos Vasques

Fußballspieler
*Caio Amaral
*Eduardo Miguel Bolsa Neves

Sklavinnen und Sklaven
*Felipe Dos Santos Vasques
*Madoka Sato
*Felipe Sales
*Caio Amaral
*Mirea Mauriello

Sklave (Solo)
*Felipe Dos Santos Vasques /
Felipe Sales

Junges Mädchen
*Erica Pinangé /
Giulia Spinelli

Portugiesischer Solist
*Leony Rafael Boni /
Levin Mischel

Portugiesischer Tänzer
*Pedro Frizon /
*Eduardo Miguel Bolsa Neves /
*Levin Mischel /
Leony Rafael Boni

Tia
*Mirea Mauriello /
Veronika Jungblut

Sambistas
*Caio Amaral /
*Eduardo Miguel Bolsa Neves /
*Felipe Dos Santos Vasques /
*Erica Pinangé /
*Giulia Spinelli /
Felipe Sales

Polizisten
*Madoka Sato
*Felipe Sales /
Felipe Dos Santos Vasques

Hohe Gesellschaft
*Leony Rafael Boni /
*Pedro Frizon /
*Soyoung An /
*Josefine Kaus /
*Levin Mischel /
*Veronika Jungblut /
Mirea Mauriello



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Landestheater Detmold
(Homepage)



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