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Eine interkulturelle Utopie im Zweivierteltakt
Von Stefan Schmöe / Fotos von Lina Pris und Marc Lontzek Beim Samba hört der Spaß auf. Jedenfalls dann, wenn man nicht die Beste ist. Diese Erfahrung macht eine junge Tänzerin, deren Samba-Team sich der Konkurrenz geschlagen geben muss (tatsächlich treten in Rio de Janeiro die Samba-Schulen, die auch den legendären Karneval in Rio organisieren, in sportähnlichen Wettbewerben mit einem Liga-System inklusive Auf- und Abstieg gegeneinander an). Die altersweise und lebenserfahrene Großmutter spendet Trost und erzählt von den Anfängen des Samba in Brasilien, der zunächst die Musik der aus Afrika stammenden Sklaven war und sich nach und nach mit der europäischen Musik der Kolonialherren vermischte. Und man muss der Großmutter lassen: Spannende Geschichten erzählen, das kann sie. Und Choreograph Mario Martello Panno, bis zur vorigen Saison noch Tänzer in der Detmolder Compagnie, zeigt in seinem ersten abendfüllenden Ballett, dass er das auch kann.
Verliererin und Gewinnerin im Samba-Wettstreit (Foto © Lina Pris)
Die Großmutter (liebevoll-charmant: Veronika Jungblut) verwandelt sich zurück in das junge Mädchen (mit schöner Mischung aus Anmut und Selbstbewusstsein: Erica Pinangè), das sie einmal war - Schwester eines despotischen Plantagenbesitzers, der Sklavinnen und Sklaven misshandelt. Das Mädchen empfindet zunächst Empathie für die Unterdrückten, verliebt sich dann in einen der Sklaven (sehr charismatisch: Felipe Dos Santos Vasques), kann dessen Verhaftung durch die im Stile nordkoreanischer Uniformität mit roboterhaftem Stechschritt agierende Polizei (hinreißend in der Ambivalenz von Gefährlichkeit und Slapstick: Madoka Sato und Felipe Sales) aber erst einmal nicht verhindern. In der Gesellschaft der "Sambistas" entdeckt sie eben diesen Tanz für sich (der in einer der schönsten Szenen des Abends wie aus dem Nichts entsteht, weil alle auf irgendwelchen Alltagsgeräten Rhythmen anschlagen, die sich nach und nach zum Samba entwickeln). Später sieht man die "hohe Gesellschaft" zunächst Walzer, dann Polka tanzen - und die Sambistas dringen in den Ballsaal ein und überreden die Tanzenden, auch die andere Musik auszuprobieren: So wird geschickt die Verschmelzung des ursprünglichen Samba mit der Polka in Bilder gesetzt.
Aus der Geschichte des Samba: Unterdrücker und Sklaven (Foto © Marc Lontzek) Die Geschichte des Samba tänzerisch zu erzählen, das klingt ein wenig nach einem braven Volkshochschulkurs, aber es ist Mario Martello Panno weitestgehend gelungen, mit seiner revuehaften Inszenierung diese Gefahr zu bannen. Letztendlich geht es auch gar nicht um eine musikhistorische Abhandlung, sondern um die höhere humanistische Botschaft. Die liegt in der Utopie von der Versöhnung der Kulturen (und von Unterdrückten und Peinigern), die in einem ziemlich originellen Pas de deux gipfelt: Da tanzen das Mädchen und der Sklave zunächst durch ein Gefängnisgitter getrennt, das aber irgendwann in die Lüfte entschwebt. Darauf folgt eine brasilianische Gesellschaft, die durch die Begeisterung für den Fußball geeint ist - ein Modell für die Überwindung von trennenden Kriterien wie Herkunft und sozialem Stand. Natürlich kann man das naiv nennen (und vieles wird auch mit großer Naivität erzählt). Samba! ist kein Diskursstück, es will unterhalten (und tut das ganz ausgezeichnet), und es vertritt eine klare Haltung: Nur zusammen sind wir stark und glücklich.
Ihre Lust am Samba ist der Obrigkeit suspekt: Die "Sambistas" (Foto © Marc Lontzek)
Ein "brasilianischer" Abend, gar eine Samba-Show, ist die Choreographie nicht geworden - obwohl der Italiener Mario Martello Panno die Brasilianerin Tamirys Candido als Co-Choreographin für authentische Samba-Nummern ins Boot geholt hat. Beide scheuen vor reinen Show-Effekten zurück, wodurch ausgerechnet die Szene, die eben diese gebraucht hätte, eher enttäuschend verpufft: Den anfänglichen Wettstreit der Samba-Truppen, der trotz aufwändiger Kostüme (die der Tänzer Felipe Dos Santos Vasques mit Geschmack und Gespür für das richtige Maß an Kostümierung entworfen hat) nicht die Wucht entfaltet, die es hier bräuchte. Und die insgesamt recht strenge Choreographie könnte bei aller Virtuosität der in vielen kleinen Soli und Ensembles ungeheuer engagiert tanzenden Detmolder Compagnie mitunter noch mehr "brasilianische" Leichtigkeit, mehr Selbstverständlichkeit, vertragen. Andererseits schützt diese Sachlichkeit davor, dass sich der Abend in folkloristischer Gefälligkeit (und entsprechenden Klischees) verliert.
Getanzte Utopie: Ein Pas de deux, der alles Trennende einreißen wird (Foto © Marc Lontzek) Ziemlich bunt mit einem Hang zur Beliebigkeit ist die Auswahl der (elektronisch zugespielten) Musik, die neben Johann Strauß (der für die europäische Kultur steht) und Arvo Pärt (Spiegel im Spiegel, in seiner Mystik sowieso universal nachdenklich) auch die Nähe zu gefühlig klimperndem und filmmusikhaft aufrauschendem musikalischem Kitsch nicht scheut, damit allerdings auch wirkungsvoll die großen Gefühle bedient, wenn es darauf ankommt. Das Bühnenbild (Erwin Bode) setzt mit wenigen, geschickt ausgewählten Requisiten klare Akzente. Das heutige Brasilien ist in einer fotografierten pittoresken Stadtansicht präsent, eher ein Armenviertel, aber keine chaotische Favela. Mit knapp zwei Stunden (mit Pause) ist der stilistisch abwechslungsreich und ausgesprochen flott choreographierte Abend durchgehend fesselnd und mit seiner immer spannenden Geschichte durchaus familientauglich. Für die zweitbeste Tänzerin mag der Samba eine traurige Angelegenheit sein - für das Publikum macht das Zuschauen bei allen nachdenklichen Zwischentönen dann doch viel Spaß.
Gelungenes Ballettabend-Debüt von Mario Martello Panno und Tamyris Candido: Samba! ist kein übermäßig komplexes, aber sehr schwungvolles und unterhaltsames, schön getanztes Stück mit eindringlichem Appell für eine freie und liberale Gesellschaft. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Inszenierung und Choreographie
Idee und Libretto
Co-Choreographie
Bühne
Kostüme
Dramaturgische Assistenz
Licht
Maske
Ton
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Näherin
Sambakönigin 1/ Straßenmädchen 1
Sambakönigin 2/ Straßenmädchen 2
Samba-Team 1
Samba-Team 2
Wettbewerbsrichter
Oma
Opa
Fußballspieler
Sklavinnen und Sklaven
Sklave (Solo)
Junges Mädchen
Portugiesischer Solist
Portugiesischer Tänzer
Tia
Sambistas
Polizisten
Hohe Gesellschaft
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