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Enge und Aufbruch
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte
Schlafwandelnd verirrt sich Amina in das Zimmer des Grafen Rodolfo.
Blöd gelaufen, dass sich Schlafwandlerin Amina ausgerechnet in der Nacht vor ihrer Hochzeit mit dem chronisch eifersüchtigen Elvino im Zimmer des schneidigen Fremden wiederfindet, der plötzlich im Dorf aufgetaucht ist (und alsbald als Sohn des verstorbenen Grafen erkannt wird). Ein handfester Skandal, kräftig angefacht durch Wirtin Lisa, die selbst gerne Elvinos Gattin würde. Und nur gut, dass Amina noch einmal schlafwandelt, vor aller Augen, und damit den Beweis ihrer Unschuld spektakulär erbringt. Ende gut, alles gut - bei Vincenzo Bellini kommt es in dieser semiseria, einer "halb ernsten" Oper, zum glücklichen Ende, jedenfalls aus dem männlich geprägten Blickwinkel des 19. Jahrhunderts. 200 Jahre später sagt eine gewandelte Amina: "Jetzt reicht's mit diesem misstrauischen Trottel; ich reise ab", und Pflegemutter Teresa reicht ihr den gepackten Koffer. Recht hat sie. Und stellt sich damit an die Seite der Senta aus dem fliegenden Holländer, die in Mönchengladbach ebenfalls vor dem Eheleben floh.
Die Dorfgemeinschaft zeigt sich ungnädig gegenüber der vermeintlich "sündigen" Amina.
Natürlich ist dieses Ende eine Zutat der Regie, im Libretto steht das anders, aber man stimmt Regisseur Ansgar Weigner gerne zu: Mit diesem hilflos agierenden Elvino, der ein engelsgleiches Wesen an seiner Seite als Ersatz für die verstorbene Mutter sucht, kann die ziemlich selbstbewusste Amina sicher nicht viel anfangen. Sophie Witte ist mit jugendlicher Erscheinung und mädchenhaft lyrischer, dennoch nicht zu leichter und beweglicher Stimme eine Idealbesetzung für diese Inszenierung. Sie trifft die Mischung aus unschuldiger Naivität und Willen zum Aufbruch sehr schön, und ihren Beinahe-Bräutigam Elvino singt sie locker an die Wand. Tenor Woongyi Lee hat zwar die lautere Stimme (was in der Klangdisposition manches aus dem Gleichgewicht bringt) und schmettert los als sei er Verdis Traviata-Alfredo oder Rigoletto-Herzog oder Puccinis Bohème-Rodolfo, aber die Intensität Wittes erreicht er ebenso wenig wie Bellinis belcantistisches Klangideal. Und in dieser Regie ist er als Figur sowieso auf verlorenem Posten, ein Möchtegern-Macho in Lederstiefeln, der die moralische Messlatte für potentielle Gattinnen eben doch nach eigenem Gutdünken und ohne weitere Verhandlung festlegt.
Für einen Moment plant Elvino, statt Amira die Wirtin Lisa zu heiraten - doch auch die ist nachweislich im Zimmer Rodolfos gewesen mit eindeutigeren Absichten.
Weigner gibt den komödiantischen Elementen mehr Raum als sein Kollege Johannes Erath zuletzt im benachbarten Düsseldorf, der die Abgründe des Stücks zwischen Schlaf und Wachen subtiler auslotete. Dafür erzählt Weigner die Geschiche sorgfältiger nach, weniger stilisiert als Erath und mit fein psychologisierender Personenregie. Diese setzen Solistinnen und Solisten wie auch der klanglich sehr schön, im Tempo oft arg frei singende Chor engagiert um. Auch Nebenfiguren sind genau gezeichnet. Die Regie hat ein wenig Vorgeschichte hinzuerfunden (Amina entpuppt sich als die uneheliche Halbschwester des Grafen), was man im Programmheft nachlesen muss - wobei es dieser Ergänzungen eigentlich gar nicht bedürfte. Die Kostüme (Susanne Hubrich) verorten die Handlung im 19. Jahrhundert, in manchen Gesten wie geballten Fäusten deutet sich vorrevolutionäre Stimmung und damit vorsichtig die Möglichkeit eines Umbruchs an. Caspar David Friedrichs Gemälde Die Frau am Fenster wird mit Hilfe einer Pappfigur zitiert - ein recht bemühtes Symbol für die Sehnsucht nach einer anderen Welt(ordnung). Der düstere, manchmal beklemmend wirkende Realismus der Figuren wird gebrochen durch eine fast Brecht'sche Kulissenhaftigkeit des Bühnenbilds (Hermann Feuchter), das gemalte Versatzstücke bürgerlichen Interieurs andeutet, aber gelegentlich auch mit der leeren, die Konstruktion aufdeckenden Rückseite zum Publikum zeigt. Damit öffnet sich die Inszenierung vorsichtig zum Allgemeingültigen.
Am Ende hat Amira zwar alle von ihrer Unschuld überzeugt, aber ihr reicht's - sie verlässt das Dorf.
Neben den schon genannten Sophie Witte und Woongyi Lee in den Hauptrollen beeindruckt Matthias Wippich als sonorer und eleganter Grafensohn Rodolfo, ein lustspielhaft gutmütiger Regent (was die restaurativen Züge der Oper unterstreicht). Die junge Sopranistin Chelsea Kolic, die derzeit noch im Chor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach engagiert ist (und nun ins Opernstudio nach Brüssel wechselt), singt (alternierend mit Indre Pelakauskaite) die Wirtin Lisa mit soubrettenhaftem Timbre, aber leuchtender und beweglicher Stimme, die aufhorchen lässt. Souverän und würdevoll gibt Janet Bartolova Aminas Pflegemutter Teresa. In der hier besprochenen Vorstellung leitet Kapellmeister Giovanni Conti umsichtig die guten Niederrheinischen Sinfoniker (die Premiere dirigierte GMD Mihkel Kütson) und begleitet zurückhaltend, aber mit sorgfältiger, nie nach Routine klingender Ausgestaltung das Ensemble auf der Bühne.
Sehens- und hörenswert: Die etwas brave, aber genaue Regie und die gute musikalische Umsetzung treffen Bellinis semiseria-Tonfall zwischen Komödie und Tragödie ziemlich gut.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Graf Rodolfo
Teresa
Amina
Elvino
Lisa
Alessio
Notar
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