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Schottische Schauerromantik trifft auf französische Oper
Von Thomas Molke /
Fotos von Rolf K. Wegst
La Dame blanche von François-Adrien Boieldieu zählte im 19.
Jahrhundert zu den beliebtesten Stücken der Opéra comique. Zum einen traf sie
inhaltlich mit ihrer Schauerromantik genau den Geschmack des Publikums, zum
anderen begeisterte sie musikalisch durch ihre leichten und beschwingten
Melodien. Der musikalische Leiter Jan Hoffmann bezeichnet Boieldieu im
Programmheft daher nicht zu Unrecht als den "französischen Mozart". Allein in
Paris fanden an der Pariser Opéra-Comique bis 1862 1000 Aufführungen statt, und
Boieldieus Stil zeigte nicht nur Auswirkungen auf Meyerbeer und Donizetti, der
mit Lucia di Lammermoor ein ähnliches Sujet bediente, sondern kann auch
als Vorläufer von dem durch Jacques Offenbach begründeten Operetten-Genre
betrachtet werden. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verschwand das Werk dann fast
vollständig von den Spielplänen der Opernhäuser. Erst 2001 gab es eine
Wiederentdeckung an der Deutschen Oper am Rhein. Das Stadttheater Gießen, das
schon seit vielen Jahren mit Raritäten des 19. Jahrhunderts auch überregionales
Interesse weckt, hat sich nun entschieden, diesen "Gassenhauer des 19.
Jahrhunderts" in einer deutschen Übersetzung von Dominik Wilgenbus auf den
Spielplan zu setzen.
Dikson (Ralf Simon, links) und seine Frau Jenny
(Katharina Göres) überreden George (Clemens Kerschbaumer, Mitte), dem Ruf der
weißen Dame auf das Schloss Avenel zu folgen.
Die Handlung geht zurück auf mehrere Romane des im 19. Jahrhundert in Europa
viel gelesenen schottischen Dichters und Schriftstellers Sir Walter Scott.
Eugène Scribe bediente sich unterschiedlicher Werke, um Boieldieu anschließend
ein Libretto unter dem Titel La Dame d'Avenel vorzulegen, das vor der
Uraufführung aber den wesentlich prägnanteren Titel La Dame blanche
erhielt. Die Grafen von Avenel sind aus Schottland geflohen, und der Verwalter
des Schlosses, Gaveston, wirtschaftet das Schloss herunter, um es sich
einerseits selbst anzueignen und andererseits das Mündel der Avenels, Anna, zu
heiraten, die eigentlich dem Erben Julius Avenel versprochen war und nun noch
mit der alten Dienerin Margarethe auf dem Schloss lebt. Als geheimnisvolle weiße
Dame ist Anna einst dem Pächter Dikson erschienen und gab ihm einen Beutel mit
Gold unter der Bedingung, ihr zu Diensten zu sein. Da Gaveston nun das Schloss
ersteigern will, fordert sie bei Dikson die Einhaltung seines Versprechens ein.
Mittlerweile ist George Brown, ein junger Soldat, aufgetaucht, der an Diksons
Stelle zum Schloss geht, um der weißen Dame zu helfen. Anna erkennt in ihm einen
jungen Mann, in den sie sich einst verliebte, als sie nach einer Schlacht seine
Wunden pflegte. Als weiße Dame weist sie ihn an, jedes Gebot des Verwalters zu
überbieten. So fällt das Schloss an Brown, ohne dass er die gebotene Summe
aufbringen kann. Gaveston will ihn dafür verhaften lassen. Da nützt es auch
nichts, dass George sich daran erinnert, selbst Julius Avenel und damit der
legitime Erbe des Schlosses zu sein. Erst als Anna erneut als weiße Dame
auftaucht und George / Julius als rechtmäßigem Erbe den Schatz des Schlosses
überreicht, steht einer glücklichen Zukunft der beiden nichts mehr im Wege.
Im Schloss herrscht der durchtriebene Gaveston
(Tomi Wendt) als Verwalter sehr zum Missfallen der alten Margarethe (Stefanie
Schäfer, Mitte) und Anna (Naroa Intxausti, links).
Dominik Wilgenbus hat für seine Inszenierung sowohl den gesungenen Text als auch
die gesprochenen Dialoge ins Deutsche übertragen, um eine sprachliche Einheit zu
erhalten. So erinnert die Fassung eher an eine deutsche Spieloper als an eine
Opéra comique, was den Unterhaltungswert allerdings keineswegs schmälert. Lukas
Noll gestaltet die Kostüme für den Chor mit riesigen Schleifen im Haar als eine
Art Schotten-Karikatur, wobei nicht klar wird, wieso auch einige Herren des
Chores als Frauen gekleidet sind. Auch die Kostüme der Protagonisten sind
liebevoll überzeichnet, wobei Noll vor allem bei Gaveston, Anna und Margarethe
besondere Farbakzente setzt. Das grelle Gelb in Gavestons Anzug mag Ausdruck
seiner Missgunst und seiner Gier sein, während Annas dunkles Rot zum einen
Ausdruck ihrer tiefen Gefühle ist und zum anderen einen großen Kontrast zu ihrem
weißen Kleid als weiße Dame bildet. Margarethe wirkt in ihrem aufwändigen
lila-farbenen Kleid wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Das Bühnenbild,
für das ebenfalls Noll verantwortlich zeichnet, besteht größtenteils aus einem
leicht nach hinten angeschrägten Podest, das einen Rasen mit zahlreichen Platten
darstellt. Hier scheinen wohl die Gräber der verstorbenen Avenels zu sein. Der
hintere Teil der Bühne ist mit einem weißen Vorhang verhängt, der erstmals beim
Auftritt der weißen Dame in den Schnürboden gezogen wird und den Blick auf das
Innere eines alten Schlosses freigibt, das auch auf der linken Seite als
Miniatur steht. Wenn George das Schloss ersteigert, schützt er mit dem Chor die
Miniatur vor dem Zugriff Gavestons.
In der Nacht erscheint die weiße Dame (Naroa
Intxausti) dem jungen George (Clemens Kerschbaumer).
Auch wenn das Podest den Chor in der Bewegungsfreiheit ein wenig einschränkt,
gelingt es Wilgenbus mit einer geschickten Personenführung die Bühne optimal zu
bespielen. So weiß der Chor jederzeit, wo er zu stehen und wie er sich
aufzustellen hat, um den Blick auf die Protagonisten freizugeben. Wenn Anna als
weiße Dame in Erscheinung tritt, trägt sie eine weiße Maske, so dass sie nicht
direkt zu erkennen ist, zumal George sie ja auch bis zu diesem Zeitpunkt noch
nicht gesehen hat. Diskutabel bleibt die Entscheidung, Anna bei der Auktion nicht in
einem weißen Gewand auftreten zu lassen, um Georges Gebote in die Höhe zu treiben.
Zwar hat sie in Wilgenbus' Fassung George zuvor versprochen, dass ihm das junge
Mädchen, das ihn einst pflegte, bei der Versteigerung des Schlosses zur Seite
stehen werde. Aber dass niemand von ihr, Anna, dabei Notiz nimmt, wenn sie George dazu
bringt, Gaveston permanent zu überbieten, ist nicht wirklich
nachvollziehbar. Dramaturgisch verwirrend bleibt auch im dritten
Akt, wieso Anna gemeinsam mit Margarethe auf der Suche nach der angeblich
verschwundenen Statue der weißen Dame und dem Familienschatz sein soll. Unnötig ist auch
das Schild, das zum glücklichen Ende mit dem Spruch "Wir ham's gleich"
heruntergelassen wird, während Anna und George gemeinsam versuchen, sich in den
Thronsessel zu quetschen. Hier lässt wohl der Karneval grüßen.
Kampf um Schloss Avenel: Gaveston (Tomi Wendt,
Mitte vorne mit dem Chor und Extrachor)
Sieht man von den kleineren Ungereimtheiten ab, bietet das Stück gute
Unterhaltung auf hohem musikalischen Niveau. Die Titelpartie ist mit dem
Ensemble-Mitglied Naroa Intxausti gewohnt hochkarätig besetzt. Mit strahlenden
Höhen gestaltet Intxausti die Anna und umgibt die weiße Dame mit einer
geheimnisvollen Aura. Tomi Wendt überzeugt als durchtriebener Gaveston mit
intensivem Spiel und klangschönem Bariton. Stefanie Schäfer verleiht der
Margarethe darstellerisch komödiantische Züge und begeistert durch einen
kräftigen Mezzo mit einer warmem Mittellage. Katharina Göres stattet die Jenny
mit leuchtendem Sopran aus. Vor allem ihre Ballade im ersten Akt über die weiße
Dame bleibt im Ohr. Ralf Simon verfügt als ihr Ehemann Dikson über einen
leichten Spieltenor und punktet vor allem im witzigen Zusammenspiel mit seiner
Gattin, wenn sie mal wieder ihre kleinen Ehekrisen austragen. Clemens
Kerschbaumer gefällt als George Brown mit lyrischem Tenor, der in den Höhen
bisweilen etwas stark forciert. Darstellerisch punktet er als Erbe des Schlosses
mit großem Selbstbewusstsein und Spielwitz vor allem in den Auseinandersetzungen
mit Wendt als seinem Widersacher. Der von Jan Hoffmann einstudierte Chor
präsentiert sich mit großer Bühnenpräsenz und stimmgewaltig, auch wenn man sich
an einigen Stellen Übertitel gewünscht hätte, da die Chorpassagen auch im
Deutschen nicht immer ganz verständlich sind. Das Philharmonische Orchester
Gießen rundet unter der Leitung von Hoffmann den Abend leicht beschwingt ab, so
dass es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten gibt. Dem Stadttheater Gießen ist es einmal wieder gelungen, ein vergessenes Werk des 19. Jahrhunderts in einer szenisch überzeugenden Produktion auf die Bühne zu bringen. Die Musik ist eingängig und unterhaltsam, wird aber wohl an die damaligen Erfolge nicht mehr anknüpfen können und somit auch keinen festen Platz im Repertoire erhalten. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung und Chorleitung
Inszenierung Bühne und Kostüme Licht
Dramaturgie
Chor und Extrachor Philharmonisches Orchester
SolistenGaveston
Anna
George Brown
Dikson Jenny Margarethe
MacIrton
Gabriel
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