|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Leben in Schieflage
Von Thomas Molke /
Fotos von Rolf K. Wegst
Gaetano Donizettis 1842 in Wien uraufgeführte Linda di Chamounix gehörte
zwar im 19. Jahrhundert zu den größten Erfolgen des Komponisten aus Bergamo,
führt aber seit vielen Jahren ein absolutes Schattendasein, obwohl Donizetti
selbst der Meinung war, dass beispielsweise die große Wahnsinnsarie der
Titelfigur "No, non è ver, mentirono" am Ende des zweiten Aktes die berühmte
Wahnsinnsszene der Lucia "Il dolce suono" aus der auch heute noch häufig
aufgeführten Lucia di Lammermoor um einiges übertraf. Dass diese Oper
dennoch so selten aufgeführt wird, mag auch daran liegen, dass es sich dabei um
ein absolutes Primadonnenstück handelt. So haben sich in den letzten Jahren vor
allem Edita Gruberova und Diana Damrau um Neuproduktionen dieser Oper verdient
gemacht. Das Stadttheater Gießen, das schon seit vielen Jahren mit
Opern-Raritäten des 19. Jahrhunderts auch für überregionales Interesse sorgt,
bringt dieses Werk nun erstmals seit über 100 Jahren wieder in Deutschland auf
die Bühne, und für die Titelpartie kann man in Gießen mit Naroa Intxausti sogar
mit einem Ensemble-Mitglied aufwarten.
Linda (Naroa Intxausti) liebt den vermeintlichen
Maler Carlo (Leonardo Ferrando).
Die Handlung spielt in einem kleinen Bergdorf in den Savoyen und in Paris. Der
reiche Marchese di Boisfleury bietet Antonio Lustolot an, dessen Tochter Linda
in seine Dienste zu nehmen und dafür Chamounix finanziell zu unterstützen. Doch
Antonio befürchtet, dass der Marchese unehrenhafte Absichten hat, und
beschließt, seine Tochter mit den anderen Kindern über den Winter nach Paris zum
Arbeiten zu schicken. Linda ist darüber zunächst nicht begeistert, da sie dann
auch den heimlich von ihr geliebten Maler Carlo verlassen muss. Doch bei Carlo
handelt es sich gar nicht um einen armen Maler, sondern um den Visconte di
Sirval, der Linda in die Großstadt folgt und ihr in Paris eine elegante Wohnung
einrichtet. Zunächst ist Linda dort sehr glücklich. Doch dann taucht der
Marchese auf und versucht, sie zu verführen. Zwar kann Linda sich ihm
widersetzen, doch als sie anschließend erfährt, dass Carlo von seiner Familie
verpflichtet worden sei, eine standesgemäße Frau zu heiraten, und dann auch noch
ihr Vater auftaucht und sie als Mätresse beschimpft, verfällt sie dem Wahnsinn.
Ihr Freund Pierotto bringt sie zurück nach Chamounix, wo ihr scheinbar keiner
helfen kann. Erst als Carlo auftaucht und sein Eheversprechen erneuert, kommt
sie wieder zur Vernunft, und gemeinsam mit Carlo träumt sie von einer
glücklichen Zukunft.
Antonio (Cozmin Sime) verstößt seine Tochter
Linda (Naroa Intxausti).
Das Regie-Team um Hans Walter Richter scheint das glückliche Ende dieser recht
krude anmutenden Geschichte in Frage zu stellen, was sich sowohl im Bühnenbild
von Bernhard Niechotz als auch in der Personenregie äußert. Niechotz hat für das
Bergdorf einen asymmetrischen Raum konzipiert, der auf der linken Seite an einen
Gemeindesaal mit Kirchenorgel erinnert - auf einer Tafel sind noch die Nummern
der Lieder zu lesen, die im Gottesdienst gesungen werden sollen, und über dem
Orchestergraben hängt ein großes leuchtendes Kreuz - und auf der rechten Seite
wohl Antonios Wohnung darstellt, wobei die Wände in einer seltsamen Schieflage
sind. Seltsam ist aber auch, dass Linda häufig durch den Schrank im vorderen
Bereich auf- und abtritt. Im Paris-Akt ist dann das Bühnenbild durch einen roten
Vorhang verdeckt. Lüster, die aus dem Schnürboden herabhängen, deuten den Prunk
der Wohnung in der Großstadt an. Nur der Schrank auf der rechten Seite ist
geblieben, in dem erneut Figuren verschwinden. Im dritten Akt sieht dann das
Bühnenbild aus dem ersten Akt recht heruntergekommen aus. Ein schneebedeckter
Baum scheint durch das Fenster in der Decke herabgestürzt zu sein, die Fenster
im Hintergrund sind teilweise zerborsten, Türen aus den Angeln enthoben und auf
dem Boden hat sich ein hoher Schneeberg gebildet. Auch die Kinder, die aus der
Großstadt ins Dorf zurückkehren, erinnern mit ihren zahlreichen Verletzungen
eher an Kriegsheimkehrer.
Pierotto (Sofia Pavone) bringt die vom Wahnsinn
gezeichnete Linda (Naroa Intxausti) wieder zurück nach Chamounix.
Bei der Titelfigur hat man den Eindruck, dass die ganze Geschichte eine bloße
Wahnvorstellung ist. So tritt ihr geliebter Carlo im ersten Akt durch das
Fenster im Bühnenhintergrund auf, wobei das Unwetter bei seinem Auftritt nichts
Gutes verheißt. Richter lässt Naroa Intxausti bereits im ersten Akt mit einer
geflochtenen Blumenkrone in der Hand nahezu schlafwandlerisch über die Bühne
schweben, so dass ihr Verschwinden im Schrank schon an dieser Stelle an ihrem
Geisteszustand zweifeln lässt. Im zweiten Akt, wenn sie von ihrer Sehnsucht nach
den abwesenden Eltern singt, stehen diese um sie herum, bevor sie ebenfalls im
Schrank verschwinden und erst Pierotto, dann der Marchese und schließlich Carlo
auftauchen. Ob Linda am Ende wirklich von Carlo aus ihrem Wahn befreit wird oder
sich immer noch in einem Traum befindet, lässt Richter offen. Die beiden stehen
vor dem schwarzen Vorhang auf einer leeren Bühne. Da wird dem Zuschauer durchaus
Interpretationsspielraum gelassen. Ob der Präfekt von Chamounix als Mann der
Kirche betrachtet werden muss, ist diskutabel. Nötig ist der Kirchenbezug in der
Inszenierung nicht, stört allerdings auch nicht weiter.
Wird Carlo (Leonardo Ferrando, vorne rechts)
Linda (Naroa Intxausti, vorne Mitte) von ihrem Wahnsinn befreien können (auf der
linken Seite oben: Pierotto (Sofia Pavone), Maddalena (Michaela Wehrum) und
Antonio (Cozmin Sime), rechts außen: der Präfekt (Calin Valentin Cozma), dritter
von rechts: Marchese di Boisfleury (Tomi Wendt) mit dem Chor und Extrachor)?
Musikalisch beweist Donizetti vor allem im zweiten Akt die Vielfalt seiner
Kompositionskunst. Den Anfang macht eine wunderbare Szene zwischen Sofia Pavone
als Pierotto und Naroa Intxausti als Linda. Pierotto sucht seine Freundin aus
den Bergen auf, und die beiden drücken in einem wunderbar innigen Duett ihre
geschwisterlich anmutende Zuneigung zueinander aus. Pavones Mezzo und Intxaustis
Sopran gelingt dabei in wunderbar warmer Stimmführung eine unter die Haut
gehende Interpretation. Einen ganz anderen Stil weist dann die folgende Szene
mit Tomi Wendt als Marchese di Boisfleury aus. Obwohl die Nachstellungen des
Marchese bedrohlichen Charakter annehmen, hat die Musik die Leichtigkeit und
Komik, die man beispielsweise aus Donizettis L'elisir d'amore kennt.
Wendt spielt dabei die komisch angelegte Partie des Marchese mit großem Witz
aus. Das anschließende Treffen mit dem Geliebten Carlo erinnert dann wieder an
die eher tragischen Werke Donizettis, da hier bereits eingeleitet wird, dass
Carlo von Linda Abschied nehmen muss, und die folgende Szene zwischen Linda und
ihrem Vater, in der Antonio seine Tochter verstößt, weil er sie für eine
Mätresse eines reichen Mannes hält, begeistert durch große Dramatik. Pierottos
Ballade "Per sua madre andi una figlia", in der der junge Mann von einem Mädchen
erzählt, das von einem reichen Mann betrogen wird, zieht sich wie ein Leitmotiv
durch das ganze Stück und wird von Pavone mit warm-timbriertem Mezzo
vorgetragen.
Für die Partie des Carlo ist Leonardo Ferrando an das Stadttheater Gießen
zurückgekehrt, der hier bereits als Riccardo in Pacinis Maria Tudor in
der Spielzeit 2011/2012 und als Gonzalo in Emilio Arrietas La conquista di
Granata in der letzten Spielzeit begeisterte. Auch als Carlo überzeugt er
mit einem sauber geführten Tenor, der die Höhen wunderbar trifft. Cozmin Sime
gefällt als Lindas Vater Antonio mit weichem Bass, der für die Vaterfigur
allerdings noch ein bisschen reifen könnte. Calin Valentin Cozma stattet den
Präfekten mit markanten Tiefen aus. Publikumsliebling Tomi Wendt setzt als
Marchese mit leicht geführtem Spiel-Bariton die komischen Akzente des Abends.
Naroa Intxausti wird der anspruchsvollen Titelpartie mit jugendlich frischem
Sopran in jeder Beziehung gerecht. Auch der von Jan Hoffmann einstudierte Chor
und Extrachor sowie der von Martin Gärtner einstudierte Kinder- und Jugendchor
gefallen sowohl szenisch als auch stimmlich. Das Philharmonische Orchester
Gießen rundet unter der Leitung von Florian Ziemen diesen Belcanto-Abend
musikalisch überzeugend ab, so dass es für alle Beteiligten lang anhaltenden
Applaus gibt. Auch wenn die Handlung dieser Oper absolut krude ist, bietet das Werk musikalisch einige Perlen, die von den Solisten wunderbar umgesetzt werden. Auch die Regie wird dem Stück gerecht, so dass man sich als Liebhaber von Belcanto-Raritäten diese Aufführung in Gießen nicht entgehen lassen sollte. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung Bühne und Kostüme Licht Chor Kinderchor
Dramaturgie
Chor und Extrachor des Kinder- und Jugendchor des Philharmonisches Orchester
SolistenLinda
Carlo, Visconte di Sirval
Antonio
Lustolot, Lindas Vater
Il Marchese di Boisfleury Pierotto Der Präfekt von Chamounix
Maddalena, Lindas Mutter
Der Intendent von Chamounix
|
© 2015 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de