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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Wenn Frauen träumenVon Roberto Becker / Fotos von Bernd UhligDie Regisseurin, Produzentin und Schriftstellerin Doris Dörrie ist seit ihrem Durchbruch mit dem Film Männer 1985 vor allem im Filmgeschäft eine bekannte und auch erfolgreiche Größe. Und die drängt es seit zehn Jahren immer wieder auch auf die Opernbühne. Was den Häusern, die das riskieren zumindest einen Aufmerksamkeitsbonus sichert. Konnte man sich über ihr Operndebüt, bei dem sie 2001 an der Lindenoper Mozarts Così fan tutte dem Hippie-Milieu anverwandelte, noch streiten (die Kritik hatte ihr damals freimütige Bekenntnisse über ihre Musikdefizite über Gebühr angekreidet), so fielen die Urteile über die Manga Ästhetik, mit der sie 2003 Turandot beizukommen versuchte, schon ziemlich eindeutig aus. Und ihre Verlegung von Verdis Rigoletto auf den Planeten der Affen (2005 in München) gehört wohl zu den drastischsten Inszenierungs-Fehlgriffen der letzten Jahre. Ihr Ausflug ins Barockfach mit Händels Admeto war zwar auch kein Geniestreich, aber durch die Adaption einer fernöstlichen Ästhetik zumindest auch kein Unglück.
Der Tod und der Verführer unter sich (Wolfgang Koch und Tadashi Endo)
Widerspruch ist Doris Dörrie bei ihren Ausflügen auf die Opernbühne also gewöhnt. Und so kassierte sie die heftigen Buh-Salven, die ihr entgegenschlugen, als sie nach der Don Giovanni-Premiere mit ihrem Team auf die Bühne kam, mit fröhlichem Selbstbewusstsein. Doch die erst vor ein paar Jahren in Liebe zur Oper Entflammte sollte das nicht für den Ritterschlag halten, den auch die bewährten Könner des Metiers mitunter erhalten, wenn sie mit subversiv verstörenden Neudeutungen, die Erwartungshaltung des Publikums unterlaufen. In Hamburg war es diesmal nur" eine korrekt ausgestellte Quittung der Kunden im Saal für die Lieferung auf der Bühne. Das klingt nach einem Besuch im Opern-Kaufhaus und war auch so ähnlich. Diverse Liegemöbel wurden herein- und wieder herausgeschoben und sollten wohl den zumindest sich selbst in seiner notorischen Untreue immer treu bleibenden Obermacho schlechthin als exemplarischen Fall in verschiedenen Epochen zeigen.
Auch kein Idyll: Leporello, Don Giovanni und Donna Elvira Da ging es dann vom Barockbett über ein bürgerliches, analytisches Sofa (wie bei Dr. Freud) bis hin zur Baukastenkomplettlösung samt integriertem Fernseher mit ununterbrochen laufenden Wrestling-Kampf-Schleifen. Passend kommen dann Donna Anna (mit erkennbarem Potenzial: Elza van den Heever) und Don Ottavio (der für Solides fast schon über Gebühr gefeierte Dovlet Nurgeldiyev) als gepuderte Barockgeschöpfe daher. Mit Hündchen auf dem Arm und irgendwie leicht verblödet. Donna Elvira hat ihren Auftritt als verfrühte Feministin, knöchellang verhüllt und geschnürt, aber mit männlicher Melone und einer Reiterrinnen- Gerte, mit deren Einsatz sie gerne die Kommunikation zwischen den Geschlechtern würzt bzw. von der sie zuweilen selber gerne nascht. Zerlina und Masetto schließlich sind ausgeflippte Kreationen unserer "Anything goes"-Gegenwart. Er in billigen Mackerweiß-Klamotten mit Kettchen und Hut und sie als schräge Null-Bock-Punkerbraut, die von ihrem Baby genauso genervt ist wie von allem anderen scheinbar auch. Für dieses Rollenporträt rächt" sich Maria Markina allerdings am Publikum - mit einem schrillen vokalen Zerlina-Ausfall. Leporello (fast schon zu solide: Wilhelm Schwinghammer) geht mit der Zeit und tauscht die barocke rote Allonge-Perücke seines ersten Auftritts gegen einen roten Kurzhaarschnitt.
Reich mir die Hand mein Leben
. Don Giovanni und Zerlina (und hinten feixt sich La Morte eins)
Und Don Giovanni? Der bleibt, was er ist. Von verführerischem Charisma wird im Falle von Wolfgang Koch nur geträumt. Mit kitschig verklärtem Grinsen von seinen Frauen im Bühnenhintergrund auf der Videoleinwand zwischen den vorbeiziehenden Wolken als Illustration diverser Arien. Und von der Regisseurin, die eine zwingende Personenführung mit konventioneller Beliebigkeit oder überdrehtem Klamauk verwechselt. Ihren durchaus aparten Einfall, dem Frauenregister Don Giovannis noch eine finale Dame mit dem Namen La Morte (außer im Deutschen ist der Tod weiblich) beizufügen, den überdehnt sie mit quietschbuntem Partie-Gewühl und Kostümen im Geisterbahnlook so weit, dass auch Tadashi Endo mit dem irgendwie verlockend geisternden und Don Giovanni stets an das Ende mahnenden Auftritt nicht mehr viel davon retten kann. Trotz des Skelettkostüm mit Paillettenumhang und einer rosa Hutkreation, die bei jedem englischen Pferderennen Furore machen würde. Es kommt wie es nach etlichen kleinteiligen Gags und einer sich nicht zu einem Ganzen fügenden Nummernfolge kommen muss: Die beiden kriegen sich, umarmen sich und verschwinden in der Versenkung. Don Giovanni an der Festtafel im Knochendesgin unter einem dazu passenden Riesenkronleuchter das Bild von Bernd Lepel immerhin hat Format.
Hauptsache bunt Finale erster Akt Der Rest ist eher ein Ärgernis. Leider auch musikalisch. Man erschreckt nämlich weniger über die Totenköpfe mit den glühenden Augenhöhlen, einen Donnerschlag oder den nackten Hintern auf dem Video zur szenisch vergeigten Registerarie, sondern mehr über das Niveau einer Eröffnungs-Produktion, die natürlich Chefinnensache war. Wolfgang Koch etwa ist ohne Zweifel ein vorzüglicher Sänger (siehe gerade erst sein Barak in der Frau ohne Schatten in Salzburg), aber als Don Giovanni kann er nicht punkten. Der markig kraftvolle Masetto von Jongmin Park ist bei den Herren noch am überzeugendsten. Die Damen sind vor allem da scharf, wo man es dann doch nicht hören will. Und dass eine Orchester- und Hauschefin nach der Pause mit einem Buhsturm begrüßt wird, der nicht völlig aus der Luft gegriffen war, das erlebt man auch nicht alle Tage. Immerhin waren Orchester und Protagonisten so professionell, sich von den Unmutsäußerungen nicht aus dem Konzept bringen zu lassen und im Graben sogar spürbar an Drive und Geschlossenheit zuzulegen. Wenn Don Giovanni verschwunden ist, werden noch mal alle Möbel reingefahren und hinten auf der Leinwand klart der Himmel auf. Für das, was man in Hamburg erlebt hatte, war das eine kühne Behauptung. Immerhin in dem Medium, das Frau Dörrie wirklich beherrscht.
Der Flirt von Doris Dörrie mit Don Giovanni war ein szenisches Desaster, das leider auch Simone Young nicht abgefangen, sondern eher noch verstärkt hat. In Hamburg kann es in dieser Spielzeit nur besser werden! Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Choreographie
Licht
Chor
Solisten
Don Giovanni
Donna Anna
Don Ottavio
Il Commendatore
Donna Elvira
Leporello
Masetto
Zerlina
La Morte
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- Fine -